Dienstag, 8. September 2026

8.9.2026: Freiwillig zahlen für Bonni und Fliedner – oder: Wenn ein Elternbeitrag eigentlich keiner sein soll

Es gibt Wörter, die entfalten ihre ganze Schönheit erst, wenn man sie miteinander kombiniert. „Freiwilliger Förderbeitrag“ gehört eindeutig dazu. Freiwillig klingt nach „Kann man machen“. Beitrag klingt dagegen schon ein bisschen mehr nach „Wäre aber schön“. Und wenn dann noch eine Tabelle dazukommt, in der steht, wie viel man abhängig vom Einkommen ungefähr geben könnte, beginnt jener Bereich, in dem deutsche Organisationskunst ihre besondere Stärke entwickelt.

Genau das erwartet Eltern am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium und an der Wilhelmine-Fliedner-Gesamtschule in Hilden ab dem Schuljahr 2027/28. Die Evangelische Kirche im Rheinland führt an ihren Schulen freiwillige Förderbeiträge ein, weil die Kirchensteuereinnahmen zurückgehen und die Finanzierung langfristig auf eine breitere Grundlage gestellt werden soll. Betroffen sind alle zehn Schulen in ihrer Trägerschaft mit zusammen 7645 Schülerinnen und Schülern.

Das Modell soll sozial ausgewogen sein. Die Höhe bleibt frei wählbar, ein Einkommensnachweis ist nicht vorgesehen. Trotzdem gibt es Orientierungswerte: Bei einem Familieneinkommen unter 30.000 Euro werden monatlich 30 Euro vorgeschlagen, bis 60.000 Euro sind es 60 Euro, bis 90.000 Euro 120 Euro und bis 120.000 Euro 180 Euro. Für weitere Kinder sowie Familien, die Kirchensteuer oder Kirchgeld an die Evangelische Kirche im Rheinland zahlen, sind Reduzierungen vorgesehen.

Niemand muss seine Gehaltsabrechnung vorlegen, niemand muss erklären, warum aus vorgeschlagenen 120 Euro vielleicht 40, 20 oder null Euro werden. Vertrauen statt Einkommensprüfung. Für Deutschland ist das fast schon revolutionär. Wir leben schließlich in einem Land, in dem man für manche Verwaltungsvorgänge gefühlt noch nachweisen muss, dass die Kopie der Kopie des Originalnachweises ordnungsgemäß kopiert wurde. Und nun lautet das Prinzip ausgerechnet beim Geld: Wir glauben Ihnen das einfach.

Der Hintergrund ist allerdings ernst. Die Kirche muss auf sinkende Kirchensteuereinnahmen reagieren. Bis 2035 sollen die Förderbeiträge nach einem mehrjährigen Aufbau jährlich 8,8 Millionen Euro einbringen. Gleichzeitig versichert die Kirche, dass der notwendige Schulbetrieb auch dann finanziert wird, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird. Damit trifft Freiwilligkeit auf Finanzplanung – ein durchaus spannendes Experiment.

Immerhin wurde das Modell gemeinsam mit Elternvertretungen, Schulleitungen und Schulstiftung entwickelt. Die Beiträge werden über die Schulstiftung organisiert. Der Großteil des Geldes soll unmittelbar der jeweiligen Schule zugutekommen, ein kleiner Teil dem solidarischen Ausgleich zwischen den Schulen dienen. In den kommenden Monaten sind Informationsveranstaltungen geplant.

Entscheidend wird weniger sein, ob die Tabelle mathematisch funktioniert, sondern wie Familien das Modell erleben. Kein Kind sollte irgendwann wissen oder spüren müssen, ob seine Eltern 180 Euro, 30 Euro oder gar nichts überweisen. Manche Familien können problemlos mehr geben, andere müssen jeden Monat rechnen. Solidarität funktioniert nur, wenn aus „freiwillig“ nicht irgendwann „freiwillig, aber wir hätten da noch eine kleine Frage“ wird.

Für die beiden Hildener Schulen gibt es zugleich eine weitere Nachricht: Unabhängig von den Elternbeiträgen erhöht die Kirche ihre Instandhaltungspauschale schrittweise auf das 1,55-Fache. Dafür sollen zusätzlich insgesamt 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Bonni und Fliedner müssen ihre Eltern also nicht losschicken, um das Geld für die nächste Dachreparatur zusammenzusammeln.

Wie das Modell in Hilden aufgenommen wird, ist noch offen. Bonni-Schulleiter Rolf-Olaf Geisler hatte bereits erklärt, man sei zunächst froh, dass die kirchlichen Schulen auf diese Weise gesichert würden. Die Fliedner-Schule und die Schulpflegschaften wollen sich derzeit noch nicht äußern. Vielleicht ist das gar nicht die schlechteste Idee: erst einmal hören, wie alles konkret funktionieren soll, und dann darüber diskutieren. Hilden ist schließlich ausgesprochen geübt darin, aus Themen mit Diskussionspotenzial zuverlässig eine Diskussion zu machen.

Ab dem Schuljahr 2027/28 wird sich zeigen, ob genügend Eltern mitmachen und welche Summen tatsächlich zusammenkommen. Vielleicht funktioniert das Solidaritätsprinzip hervorragend. Vielleicht bleiben die Einnahmen hinter den Erwartungen zurück. Und vielleicht lernen wir sogar, dass „freiwillig“ tatsächlich einfach freiwillig bedeuten kann.

Das wäre möglicherweise die größte Überraschung an der ganzen Geschichte.

Denn eines sollte bei aller Diskussion selbstverständlich bleiben: Wer nichts zahlt, hat trotzdem ein Kind an derselben Schule wie derjenige, der 180 Euro überweist. Ohne Sternchen, ohne schlechtes Gewissen und ohne imaginären Vermerk im Klassenbuch.

Sonst wäre aus dem freiwilligen Förderbeitrag irgendwann doch ein Schulgeld geworden.

Nur mit einem sehr viel freundlicheren Namen.

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