Mittwoch, 4. März 2026

4.3.2026: Bahnsteig-Bingo in Hilden, Haan und Gruiten: „Ordentlich“, „Verbesserungswürdig“ und einmal „Bitte wenden!“

Es gibt Dinge, die kommen verlässlich wieder: der Frühling, die Mücken, die erste Person im Freundeskreis, die „Dieses Jahr mache ich wirklich mehr Sport“ sagt – und der VRR-Stationsbericht. Zum 19. Mal zieht der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr los, schaut sich 296 Bahnhöfe an und verteilt Noten wie ein strenger Klassenlehrer mit Klemmbrett und leichtem Stirnrunzeln. Und während Hilden, Hilden Süd und Haan so durch den Alltag wackeln wie ein Einkaufswagen mit schiefem Rad („läuft schon irgendwie“), hat Gruiten offenbar beschlossen, beim Wettbewerb „Wie viele Baustellen braucht ein Bahnhof für ein echtes Abenteuergefühl?“ ganz vorne mitzumischen.

Fangen wir mit der Gesamtbewertung an, denn die liest sich wie ein Familienfest, bei dem alle irgendwie durchkommen – außer Onkel Gruiten, der nach dem dritten Schnaps anfängt, die Tischdecke anzuzünden. Hilden Süd bekommt ein „ordentlich“, Hilden und Haan ein „verbesserungswürdig“ (das ist die freundliche Version von „da ist Luft, und zwar viel“), aber Gruiten wird von den Testern kurzerhand als „nicht tolerierbar“ eingestuft. Nicht tolerierbar! Das ist die Note, bei der man nicht mehr sagt „Da muss man mal ran“, sondern „Wer hat hier eigentlich das Licht ausgemacht – und warum fehlt die Barrierefreiheit gleich mit?“

Apropos Licht: Der Bericht hat extra in der dunkleren Jahreszeit (Oktober bis Dezember) auf die Beleuchtung geschaut, also genau dann, wenn Bahnhöfe wahlweise „romantisch“ oder „Thriller-Vorspann“ wirken können. Bei Hilden, Hilden Süd und Haan: keine besonderen Einträge. Man könnte sagen, dort leuchtet es zumindest so, dass man nicht versehentlich seinen eigenen Schatten wegen Herumlungerns melden muss. Gruiten dagegen kommt mit dem herrlich beruhigenden Satz daher: „zehn defekte Beleuchtungskörper auf den Bahnsteigen“. Zehn. Das ist nicht „eine Lampe flackert“, das ist „hier spielt gleich jemand Verstecken mit Sicherheitsgefühl – und gewinnt“.

Und trotzdem: Gruiten ist offenbar beliebt. Denn bei den Fahrgastzahlen liegt Hilden zwar knapp vorne (2732), aber Gruiten klebt dicht dahinter (2677). Das bedeutet im Klartext: Viele Menschen haben täglich das Bedürfnis, genau dort ein- oder auszusteigen – trotz „nicht tolerierbar“, trotz Baustellencharme, trotz Lampensterben. Das ist rheinische Treue. Oder der Beweis, dass Pendler eine ganz eigene Form von Resilienz entwickelt haben: „Ja, es ist dunkel, ja, es ist unerquicklich, aber die Bahn fährt… manchmal… und außerdem bin ich Gewohnheitstier.“

Die Aufenthaltsqualität ist übrigens bei allen vier Stationen „verbesserungswürdig“. Das klingt erst mal fair, weil sich niemand ausgeschlossen fühlt – wie ein Trostpreis auf dem Schützenfest. Dabei steckt in dieser Kategorie alles drin, was Bahnhöfe so besonders macht: Graffiti, Müll, Verschmutzung, Gerüche, Feuchtigkeit, Pfützen, Schäden und sogar herumliegendes Herbstlaub. Herbstlaub! Das ist das Bahnsteig-Äquivalent zu „Da liegt noch die Weihnachtsdeko von 2018“. Man weiß nicht, ob man schmunzeln oder direkt einen Laubbläser bei der DB abgeben soll.

Spannend ist auch die Methodik: Der VRR bewertet „ganzheitlich“. Das ist ein schönes Wort, weil es klingt, als würden Bahnhöfe Yoga machen und zu sich selbst finden. Bedeutet aber schlicht: Es ist egal, wer zuständig ist – kaputt ist kaputt, und der Bahnhof bekommt die Note. Ob der Fahrkartenautomat dem Vertriebspartner gehört, die Wand der Stadt oder die Pfütze einer höheren Macht: Im Bericht landet alles im selben Topf. Und ganz ehrlich: Das ist auch irgendwie tröstlich. Endlich mal ein Dokument, das sagt: „Eure Ausreden interessieren uns nicht. Wir sehen nur: nass, dreckig, dunkel.“

Bei der Barrierefreiheit gibt es dann die nächste kleine Notenrevue. Die beiden Hildener Stationen schaffen immerhin „zufriedenstellend“ – das ist die Schulnote, bei der Eltern sagen: „Hauptsache versetzt.“ Haan landet in dieser Kategorie unten bei „nicht tolerierbar“, also quasi: „Rollstuhl? Kinderwagen? Viel Glück und möge der Gleisgeist mit dir sein.“ Und Gruiten… nun ja, Gruiten ist in dieser Geschichte ohnehin der Charakter, der in jedem Kapitel neue Probleme aus dem Hut zaubert.

Immerhin gibt es auch Positives: Bei den Fahrgastinformationen holen sich Hilden Süd und Haan ein „hervorragend“. Das heißt: Während man vielleicht noch über Pfützen hüpft oder an Herbstlaub vorbeischleicht, wird man dabei zumindest hervorragend darüber informiert, dass der Zug Verspätung hat. Das ist Service auf deutschem Spitzenniveau: Die Realität ist schwierig, aber die Durchsage ist kristallklar.

Und dann ist da noch der Elefant im Wartehäuschen: die Baustellen. Die Umbauarbeiten in Haan und Gruiten haben endlich begonnen. Endlich! Wie lange hat man darauf gewartet? So lange, dass man in Gruiten vermutlich schon Traditionen entwickelt hat wie „jährliches Lampenausfall-Fest“ oder „Barrierefreiheits-Phantasietage“. Dazu passt, dass der VRR wegen der Streckensperrung der S1 (Düsseldorf-Oberbilk bis Solingen Hbf, Mai bis November 2025) Hilden und Hilden Süd zeitweise nicht bewertet hat. Was auch irgendwie nett ist: Wenn man nicht hingucken kann, sieht alles gleich besser aus.

Unterm Strich bleibt: Hilden, Hilden Süd und Haan sind die Bahnhöfe, bei denen man sagt „Da könnte man mal was machen“, Gruiten ist der Bahnhof, bei dem man sagt „Wir machen jetzt was – sofort – und bringen gleich noch zehn Glühbirnen mit.“ Und wenn der nächste Stationsbericht erscheint, wird er zeigen, ob aus „nicht tolerierbar“ vielleicht ein „verbesserungswürdig“ geworden ist. Und das wäre in Bahnhofs-Deutsch schon fast „Weltklasse“.

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