Wer ein Haus besitzt, kennt diese besondere Form häuslicher Unsicherheit: Irgendwo verschwindet die Wärme, aber niemand weiß so recht, wohin. Durchs Fenster? Durchs Dach? Durch die Wand? Oder vielleicht einfach gemeinsam mit dem Geld vom Konto? Gerade bei steigenden Energiepreisen wird aus dieser Frage schnell ein ziemlich teures Ratespiel. Im Kreis Mettmann soll damit nun Schluss sein. Für Hilden, Haan und Monheim gibt es ab September individuelle Energieberichte auf Basis von Thermografieaufnahmen. Anders gesagt: Das eigene Haus bekommt ein Wärmebild – und damit möglicherweise erstmals schonungslos gezeigt, wo es energetisch zieht.
Die Grundlage dafür wurde bereits im Winter 2024 gelegt. Damals ließ der Kreis professionelle Thermografieaufnahmen erstellen. Nun werden diese Bilder ausgewertet und in verständliche Berichte übersetzt. Das Prinzip ist einfach: Wo auf dem Wärmebild bestimmte Bereiche besonders auffällig leuchten, geht möglicherweise mehr Heizenergie verloren als nötig. Schlecht gedämmte Außenwände, undichte Fenster oder andere Wärmebrücken können auf diese Weise sichtbar werden. Das Haus bekommt damit gewissermaßen eine energetische Untersuchung – nur ohne Wartezimmer, Überweisung und die Frage, ob man nüchtern erscheinen muss.
Für Hauseigentümer ist das durchaus interessant. Schließlich stellt sich bei älteren Gebäuden irgendwann zwangsläufig die Frage, wo eine Sanierung wirklich sinnvoll ist. Neue Fenster? Dach dämmen? Fassade anfassen? Heizung austauschen? Wer sich mit diesen Themen beschäftigt, merkt schnell: Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten, sehr viel Geld auszugeben. Ein Thermografiebericht ersetzt zwar keine ausführliche Energieberatung, kann aber einen ersten Hinweis geben, wo die größten Schwachstellen liegen. Das ist allemal besser, als auf Verdacht die halbe Immobilie einzupacken.
Los geht es am 8. September mit einem Informationsabend im Bürgersaal des Bürgerhauses an der Mittelstraße. Beginn ist um 18 Uhr, teilnehmen kann man kostenlos – entweder vor Ort oder online. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das ist schon fast verdächtig unkompliziert. Normalerweise benötigt man bei kommunalen Angeboten mindestens ein Formular, zwei Passwörter und irgendwo noch die Steuernummer. Hier darf man offenbar einfach erscheinen und zuhören.
Der eigentliche Energiebericht kostet 59,50 Euro pro Gebäude. Wer an der Informationsveranstaltung teilnimmt, erhält 25 Prozent Rabatt. Das ist vermutlich eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen Zuhören bares Geld spart. Im Bericht werden die vorhandenen Thermografieaufnahmen ausgewertet und mögliche Wärmeverluste erläutert. Damit bekommt man zumindest eine erste Orientierung, bevor man sich mit Handwerkern, Förderprogrammen und jener wunderbaren Welt beschäftigt, in der Begriffe wie Wärmedurchgangskoeffizient plötzlich Bestandteil normaler Abendgespräche werden.
Zusätzlich werden weitere Beratungen angeboten. Zwischen Anfang Oktober und Ende November können Eigentümer für 40 Euro eine unabhängige Beratung der Verbraucherzentrale in Anspruch nehmen. Das erscheint sinnvoll, denn ein buntes Wärmebild allein beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Was macht man jetzt damit? Eine rote Außenwand kann schließlich interessant aussehen, wird aber durch bloßes Betrachten nicht besser gedämmt.
Gerade in Hilden dürfte das Thema viele Menschen interessieren. Die Stadt hat zahlreiche ältere Wohnhäuser, bei denen energetische Sanierung längst ein Thema ist oder irgendwann eines werden dürfte. Gleichzeitig sind die Investitionen häufig erheblich. Wer Fenster austauscht, eine Fassade dämmt oder die Heiztechnik verändert, spricht schnell über fünfstellige Beträge. Da ist jede zusätzliche Information willkommen, bevor der erste Handwerker den Satz sagt: „Wenn wir schon einmal dabei sind, könnten wir eigentlich auch noch …“
Spannend finde ich vor allem, dass die Daten bereits vorhanden sind. Die Häuser wurden im Winter 2024 thermografisch erfasst, und jetzt können Eigentümer daraus einen konkreten Bericht bestellen. Damit bekommt Digitalisierung einmal eine ausgesprochen praktische Bedeutung. Nicht irgendeine neue App sagt uns, wann wir die Heizung herunterdrehen sollen, sondern ein tatsächliches Bild zeigt, wo das Haus möglicherweise Energie nach draußen schickt.
Natürlich sollte niemand erwarten, dass ein Energiebericht für 59,50 Euro plötzlich das komplette Sanierungskonzept für die nächsten zwanzig Jahre liefert. Aber als Einstieg ist das Angebot durchaus interessant. Es macht Schwachstellen sichtbar und kann helfen, Fragen gezielter zu stellen. Vielleicht stellt sich heraus, dass das Wohnzimmerfenster gar nicht das Hauptproblem ist. Vielleicht ist es die Außenwand. Vielleicht das Dach. Und vielleicht entdeckt man am Ende auch, dass das eigene Haus energetisch besser dasteht als gedacht.
In jedem Fall ist es vermutlich angenehmer, die Schwachstellen des Hauses auf einem Wärmebild zu entdecken, als auf der nächsten Heizkostenabrechnung.
Denn dort sind die Farben zwar weniger bunt – dafür die Zahlen meistens deutlich unangenehmer.
Hildener Geschichten
Freitag, 28. August 2026
28.8.2026: Wärmebild statt Bauchgefühl – Hilden bekommt den Energie-Check fürs Eigenheim
Donnerstag, 27. August 2026
27.8.2026: Manege frei im Stadtpark – Hildens Sommer bekommt noch eine Zugabe
Manchmal funktionieren Veranstaltungen einfach. Keine komplizierte Dramaturgie, keine riesige Bühne, keine Eintrittskarten mit fünf Preiskategorien – sondern ein paar gute Ideen, ein schöner Ort und Menschen, die Lust haben mitzumachen. Genau das scheint beim Hildener Stadtpark-Sommer passiert zu sein. Seit Beginn der Ferien wurde der Stadtpark an jedem Donnerstag und bei zwei zusätzlichen Terminen zur kleinen Zirkusbühne. Rund 1.500 Kinder und Erwachsene waren bisher dabei. Für ein kostenloses Ferienangebot zwischen Teich und Kiosk ist das eine ziemlich stattliche Zahl.
Am Donnerstag, 27. August, geht der Stadtpark-Sommer nun offiziell in den Endspurt. Ab 14 Uhr ist das Team des Mobilen Mitmachzirkus wieder unterwegs. Und „Mitmachzirkus“ bedeutet genau das: zuschauen ist erlaubt, aber eigentlich soll man selbst ran. Balancieren, ausprobieren, hängen, klettern, spielen – wer immer schon einmal wissen wollte, wie lange er sich an einer Ninja-Line halten kann, bekommt hier die Gelegenheit. Wahrscheinlich gilt dabei dieselbe Regel wie beim Möbelaufbau: Von außen sieht es deutlich einfacher aus, als es anschließend ist.
Das Schöne an der Sache ist, dass der Eintritt weiterhin frei bleibt. Finanziell unterstützt wird das Angebot vom SnackPoint im Stadtpark. Wer möchte und kann, darf zusätzlich etwas in die Spendendose werfen. Der Veranstalter bezeichnet das charmant als freiwilligen Solidaritätszuschuss. Man könnte auch sagen: Eintritt kostet nichts, aber wer anschließend feststellt, dass die Kinder drei Stunden beschäftigt waren und man selbst in Ruhe einen Kaffee trinken konnte, darf seine Dankbarkeit gern in Münzen ausdrücken.
Dass der Stadtpark-Sommer überhaupt so gut funktioniert, ist erfreulich. Über Hildens Grünanlagen wird schließlich häufig diskutiert. Mal geht es um Sauberkeit, mal um Aufenthaltsqualität, mal um die Frage, wie Plätze und Parks besser genutzt werden können. Hier lautet die Antwort offenbar ziemlich einfach: Man stellt Menschen hinein, die etwas anbieten, das Kindern Spaß macht. Schon wird aus einer Rasenfläche ein Treffpunkt.
Besonders schön ist, dass nach dem eigentlichen Ferienprogramm noch nicht ganz Schluss ist. Weil der Zuspruch so groß war, gibt es am Samstag, 19. September, noch eine Zugabe zum Weltkindertag. Dann soll der Stadtpark-Sommer mit einem größeren Finale enden. Aus dem „Endspurt“ wird also gewissermaßen ein Endspurt mit Verlängerung. In Hilden kennt man das inzwischen: Wenn eine Veranstaltung gut läuft, wird sie eben noch einmal drangehängt. Beim Weinfest funktioniert das schließlich auch.
1.500 Besucher bei sieben bisherigen Terminen zeigen jedenfalls, dass für solche niederschwelligen Angebote Bedarf besteht. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Erfolg. Man muss nicht immer mit großem Budget, komplizierter Anmeldung und wochenlanger Planung aufwarten. Manchmal reichen ein Park, ein paar Zirkuskisten und Menschen, die Kinder dazu bringen, ihr Handy für eine Weile zu vergessen.
Wer also am Donnerstag noch nichts vorhat, kann ab 14 Uhr im Stadtpark vorbeischauen. Der Eintritt ist frei, die Bewegung vermutlich garantiert und Muskelkater nicht ausgeschlossen.
Und falls die eigene Zirkuskarriere dabei doch nicht beginnt, bleibt wenigstens die Erkenntnis: Richtig abhängen kann man in Hilden inzwischen ganz offiziell.
Mittwoch, 26. August 2026
26.8.2026: 20 Jahre Büchermarkt – Hilden kann eben doch Papier
Es gibt Veranstaltungen, die tauchen irgendwann auf, verschwinden nach zwei Ausgaben wieder und hinterlassen höchstens ein paar Plakate im Keller. Und dann gibt es den Hildener Büchermarkt. Seit 20 Jahren hält sich „Fas(s)t alles aus Papier!“ inzwischen in der Mittelstraße – und allein der Name ist schon so herrlich aus der Zeit gefallen, dass man ihn eigentlich unter Denkmalschutz stellen müsste. Angefangen hat alles im September 2006, damals mit Unterstützung des Stadtmarketings. Offenbar war die Idee so gut, dass schon im November desselben Jahres die zweite Ausgabe folgte. Seitdem gehört der Markt fest zum Hildener Veranstaltungskalender und hat längst seine Stammgäste gefunden – auf beiden Seiten der Stände.
Am kommenden Wochenende, 29. und 30. August, wird wieder aufgebaut. Und wie immer geht es natürlich nicht nur um Bücher. Das wäre auch viel zu einfach. Es gibt Kinder- und Jugendliteratur, Romane, Klassiker, Fachbücher, Briefmarken, Kupferstiche, Sammelobjekte und sogar Wandschmuck. Wer also morgens mit dem festen Vorsatz in die Mittelstraße geht, nur ein gebrauchtes Buch für fünf Euro zu kaufen, könnte am Nachmittag mit drei Romanen, einem historischen Stadtplan, zwei Briefmarkenalben und einem gerahmten Kupferstich nach Hause kommen. So funktionieren Märkte nun einmal. Man findet nie das, was man gesucht hat – aber erstaunlich viel, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es unbedingt braucht.
Besonders sympathisch finde ich, dass viele Händler seit zwei Jahrzehnten dabei sind. Das ist echte Treue. Andere Branchen wechseln in diesem Zeitraum drei Geschäftsmodelle, fünf Logos und mindestens einmal den Firmennamen. Auf dem Hildener Büchermarkt steht dagegen offenbar immer noch jemand hinter seinem Stand und sagt: „Den Goethe hatte ich letztes Jahr schon dabei.“ Gerade das macht den Reiz aus. Man kennt sich, man kommt ins Gespräch, man stöbert, man diskutiert über Preise und am Ende geht doch wieder ein Buch mit, obwohl zu Hause eigentlich schon kein Regalplatz mehr frei ist.
Überhaupt hat so ein Büchermarkt etwas angenehm Unmodernes. Kein Algorithmus empfiehlt mir, was ich als Nächstes lesen soll. Niemand fragt nach meiner Mailadresse. Es gibt keine personalisierte Werbung und kein „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, interessierten sich auch für …“. Man nimmt einfach ein Buch in die Hand, blättert darin, liest den Klappentext und entscheidet selbst. Revolutionär.
Und dann ist da natürlich noch das Papier. Während uns seit Jahren erzählt wird, alles müsse digital werden, hält sich in Hilden ein Markt seit 20 Jahren mit genau dem Gegenteil. Bücher, Briefmarken, Kupferstiche – alles Dinge, die man tatsächlich anfassen kann. Vielleicht ist gerade das der Grund für den Erfolg. Ein E-Book kann praktisch sein, aber es riecht nach nichts. Eine digitale Briefmarke kann funktionieren, aber niemand legt sie stolz in ein Album. Und ein PDF hängt sich nur sehr schwer dekorativ an die Wohnzimmerwand.
Der Büchermarkt passt deshalb erstaunlich gut nach Hilden. Unsere Innenstadt lebt von Veranstaltungen, die Menschen zum Bummeln bringen. Mal gibt es Wein, mal Streetfood, mal Autos, mal Weihnachtsbuden – und an diesem Wochenende eben Papier. Das wirkt fast schon beruhigend. Zwischen all den Events, bei denen irgendwo Musik läuft, etwas gegrillt wird oder ein Cocktail ausgeschenkt wird, steht der Büchermarkt für die ruhigere Variante. Wobei „ruhig“ relativ ist. Wer schon einmal zwei Sammler erlebt hat, die sich gleichzeitig für dasselbe seltene Stück interessieren, weiß, dass auch zwischen Bücherkisten Wettbewerb entstehen kann.
Samstag ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Genug Zeit also, um einmal durch die Mittelstraße zu schlendern und zu schauen, was sich finden lässt. Wahrscheinlich wird auch diesmal wieder jemand nach Hause gehen und sich fragen, warum er eigentlich noch einen weiteren Bildband, Roman oder alten Stadtplan gekauft hat.
Die Antwort ist einfach: weil er da lag.
Und weil Hilden seit 20 Jahren beweist, dass „fast alles aus Papier“ offenbar ziemlich langlebig sein kann.
Dienstag, 25. August 2026
25.8.2026: Hilden schenkt nach – oder: Wenn ein Weinfest einfach nicht genug ist
Es gibt Veranstaltungen, bei denen sagt man nach der Premiere: Schön war’s, machen wir nächstes Jahr wieder. Und dann gibt es Hilden. Dort sagt man nach einem erfolgreichen Weinfest offenbar: Schön war’s, machen wir es einfach noch einmal in diesem Jahr. Nachdem das Weindorf im Mai ausgesprochen gut besucht war, folgt vom 4. bis 6. September die zweite Runde. Und weil ein Weinfest allein inzwischen offensichtlich nicht mehr reicht, gibt es gleichzeitig noch Herbstmarkt, Autoshow und verkaufsoffenen Sonntag. Hilden denkt bei Veranstaltungen inzwischen offenbar in Kombipaketen.
Der Grund für die schnelle Wiederholung ist einfach: Das erste Weinfest war voll. Sehr voll. Am Freitag sollen über den Tag verteilt rund 15.000 Menschen in der Innenstadt gewesen sein, am Samstag noch einmal etwa 10.000. Das sind Zahlen, bei denen man sich kurz fragt, ob Hilden zwischenzeitlich heimlich die Einwohnerzahl verdoppelt hat. Die Stimmung war gut, der Wein offenbar auch, nur wurde es stellenweise ein wenig eng. Einige Besucher machten sich deshalb Gedanken über Rettungswege und Sicherheit. Für die Neuauflage hat man daraus Konsequenzen gezogen. Statt acht Winzern kommen diesmal nur sieben. Das klingt zunächst wie eine eher überschaubare Entlastungsmaßnahme, aber zusätzlich soll es mehr Stehtische und weniger Bierzeltgarnituren geben. Ein Sicherheitsdienst wird darauf achten, dass Durchgänge frei bleiben. Man merkt: Hilden entwickelt sich langsam zum professionellen Weinfeststandort.
Interessant ist, dass diesmal ausschließlich neue Winzer dabei sind. Offenbar gibt es inzwischen sogar eine Warteliste von Betrieben, die gerne nach Hilden kommen würden. Auch das muss man sich einmal vorstellen. Früher musste eine Stadt um attraktive Veranstaltungen kämpfen. Heute warten offenbar Winzer darauf, endlich auf dem Ellen-Wiederhold-Platz ausschenken zu dürfen. Das ist doch mal eine schöne Form kommunaler Standortattraktivität.
Passend zum Spätsommer soll es neben klassischen Weinen auch Spätburgunder und den ersten Federweißen geben. Damit verschiebt sich das Getränkeangebot langsam von „leichter Sommerabend“ in Richtung „der Herbst steht schon hinter der Ecke“. Kulinarisch bleibt es vertraut: Grill, Flammkuchen und Crêpes. Das ist wahrscheinlich vernünftig. Bei Weinveranstaltungen sollte man Experimente schließlich lieber im Glas als auf dem Teller machen.
Parallel dazu verwandelt sich die Mittelstraße in einen Herbstmarkt. Dort gibt es Floristik, Dekoration, Blumen und Kunsthandwerk. Das bietet einen ziemlich gelungenen Ablaufplan für den Samstag: erst einen dekorativen Holzstern kaufen, anschließend einen Flammkuchen essen, dann einen Wein probieren und später feststellen, dass man den Holzstern die ganze Zeit unter dem Arm getragen hat.
Am Sonntag wird das Programm noch erweitert. Dann öffnen von 13 bis 18 Uhr die Geschäfte, und auf dem Nove-Mesto-Platz präsentieren Hildener Autohäuser neue Modelle. Das führt zu einer etwas ungewöhnlichen, aber durchaus charmanten Mischung: Wein, Herbstdeko, Shopping und Autos. Man könnte sagen, für praktisch jedes Familienmitglied ist etwas dabei. Einer schaut nach einem neuen SUV, der andere nach einem herbstlichen Türkranz und der Rest sitzt längst beim Spätburgunder.
Wer jetzt allerdings glaubt, Hilden müsse danach erst einmal durchatmen, unterschätzt den Veranstaltungskalender. Ende Oktober folgt bereits das Itterfest mit Trödelmarkt und erneutem verkaufsoffenen Sonntag. Ende November steht der Weihnachtsmarkt der Vereine an. Und schon ab Mitte November soll sich der Alte Markt wieder in ein Winterdorf verwandeln – inklusive Livemusik, Eisstockschießen und Weihnachtssingen. Wenn das so weitergeht, besteht die Hildener Innenstadt irgendwann eigentlich nur noch aus zwei Zuständen: Veranstaltung wird aufgebaut oder Veranstaltung läuft.
Das kann man natürlich kritisch sehen. Veranstaltungen bedeuten Lärm, Verkehr, volle Parkhäuser und manchmal auch genervte Anwohner. Gleichzeitig bringen genau solche Wochenenden Menschen in die Innenstadt. Sie sorgen dafür, dass Plätze genutzt werden, Geschäfte Besucher bekommen und Gastronomie funktioniert. Eine Fußgängerzone lebt eben nicht ausschließlich davon, dass sie gepflastert ist. Sie braucht Menschen. Und wenn die wegen eines Weinfestes kommen und nebenbei noch einkaufen, essen oder ein Auto anschauen, dürfte das aus Sicht des Stadtmarketings ziemlich nahe am Idealzustand liegen.
Bemerkenswert ist außerdem, wie schnell sich das Weinfest etabliert hat. Die erste Ausgabe dieses Jahres war offenbar so erfolgreich, dass man nicht bis 2027 warten wollte. Das spricht dafür, dass Hilden solche Formate tatsächlich annimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ein Weinfest angenehm unkompliziert ist. Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse, keine Mitgliedschaft und kein Programmheft. Man setzt sich hin, sucht sich etwas aus und spätestens nach dem zweiten Glas versteht man sich ohnehin mit dem Nachbartisch.
Natürlich werden auch diesmal wieder Diskussionen dazugehören. Ist es zu voll? Gibt es genug Sitzplätze? Sind die Durchgänge frei? Ist der Wein zu teuer? Warum gibt es keinen bestimmten Winzer? Warum ist irgendwo kein Parkplatz? Ohne diese Fragen wäre es schließlich keine richtige Hildener Veranstaltung.
Trotzdem finde ich die Entwicklung sympathisch. Gerade wenn über Leerstände, Onlinehandel und die Zukunft der Innenstädte diskutiert wird, braucht man Gründe, warum Menschen überhaupt noch ins Zentrum kommen sollen. Ein zweites Weinfest ist da sicherlich keine vollständige Stadtentwicklungsstrategie. Aber es ist immerhin ein ziemlich angenehmer Baustein.
Und wer Anfang September noch keinen Plan hat, bekommt von Hilden gleich vier geliefert: Wein trinken, Herbstmarkt besuchen, einkaufen und Autos anschauen.
Man muss ja nicht alles gleichzeitig machen.
Obwohl – bei uns in Hilden würde mich auch das nicht wundern.
Montag, 24. August 2026
24.8.2026: Brandgeruch über Hilden – und plötzlich kommt der Rauch aus Belgien
Es gibt Tage, da öffnet man die Haustür, atmet einmal tief ein und denkt sofort: Irgendwo brennt es. Genau so muss es am Dienstag vielen Menschen im Süden des Kreises Mettmann gegangen sein. Es roch brenzlig, teilweise deutlich nach Rauch, und niemand konnte auf Anhieb sagen, woher das Ganze kam. Die naheliegende Reaktion war für viele: Feuerwehr anrufen. Einige Dutzend Menschen wählten die 112, zeitweise musste die Leitstelle sogar personell verstärkt werden. Das klingt zunächst dramatisch, war aber in diesem Fall eher ein Beweis dafür, wie weit Rauch reisen kann. Denn gebrannt hat es nicht irgendwo um die Ecke in Hilden, Haan oder Langenfeld, sondern in Waldbrandgebieten an der deutsch-belgischen Grenze und im Raum Düren.
Damit hat der Sommer 2026 wieder einmal gezeigt, dass Entfernungen relativ sind. Normalerweise denkt man bei Belgien an Pommes, Pralinen oder einen Wochenendausflug. Diesmal kam stattdessen der Brandgeruch vorbei. Und zwar frei Haus. Verantwortlich war eine Veränderung der Windrichtung. Die Rauch- und Feinstaubpartikel waren bereits seit Tagen in höheren Luftschichten unterwegs. Zunächst wurden sie mit westlichem Wind an unserer Region vorbeigetragen. Dann drehte der Wind in den unteren Schichten auf Südwest – und plötzlich roch es im Kreis Mettmann so, als hätte jemand irgendwo hinter dem nächsten Häuserblock ein Lagerfeuer in beachtlicher Größe angezündet.
Natürlich kann man niemandem vorwerfen, bei einem unerklärlichen Brandgeruch die Feuerwehr zu alarmieren. Im Gegenteil. Wenn es tatsächlich irgendwo brennt, zählt jede Minute. Lieber einmal zu viel melden als einmal zu wenig. Auch die Leitstelle macht klar, dass niemand erst Flammen sehen muss, bevor er die 112 wählen darf. Das ist beruhigend. Etwas erstaunlicher waren offenbar jene Anrufer, die den Notruf nutzten, um sich über den aktuellen Stand der Waldbrände informieren zu lassen. Die 112 ist eben doch keine telefonische Nachrichtensendung mit persönlicher Waldbrandberatung. Wer wissen möchte, wo es gerade brennt und wie der Wind steht, darf dafür durchaus Radio, Internet oder Warn-App bemühen. Die Feuerwehr hat meistens noch ein paar andere Dinge zu tun.
Besonders interessant wurde die Sache, als auch noch Regen einsetzte. Wer dachte, der würde die Luft reinigen und damit sei die Sache erledigt, bekam eine kleine meteorologische Überraschung. Die Regentropfen nahmen die Feinstaubpartikel nämlich mit nach unten. Dadurch wurde der Brandgeruch teilweise sogar noch stärker wahrgenommen. Einige Menschen bemerkten offenbar sogar, dass sich der Regen irgendwie anders anfühlte. Das ist eine dieser Informationen, bei denen man im Nachhinein froh ist, dass man nicht gerade voller Begeisterung mit offenem Mund durch den Sommerregen gelaufen ist.
Und dann kommt natürlich sofort die nächste praktische Frage: Was ist mit den Tomaten im Garten? Den Äpfeln? Den Gurken? Darf man die noch essen, wenn vorher eine belgisch-deutsche Rauchwolke darübergezogen ist? Die beruhigende Antwort lautet: ja. Obst und Gemüse können weiterhin gegessen werden, sollten aber sorgfältig abgewaschen oder geschält werden. Nur bei einer starken Aschebelastung wäre größere Vorsicht angesagt. Davon war in unserer Region aber nicht auszugehen.
Ich finde die ganze Geschichte trotzdem bemerkenswert. Wir leben in einer Zeit, in der ein Waldbrand viele Kilometer entfernt plötzlich in Hilden riechbar wird, Warn-Apps auf dem Handy anschlagen und Meteorologen erklären, wie Feinstaub mit Regen nach unten transportiert wird. Früher hätte vermutlich jemand gesagt: „Da brennt bestimmt irgendwo ein Feld.“ Heute schaut man erst aufs Smartphone und erfährt, dass der Rauch aus Belgien kommt.
Vielleicht zeigt die Sache auch, wie aufmerksam die Menschen inzwischen geworden sind. Nach den Waldbränden der vergangenen Wochen und der anhaltenden Trockenheit reicht ein ungewöhnlicher Geruch, und sofort ist die Sorge da, dass es auch bei uns brennen könnte. Das ist eigentlich gar nicht schlecht. Gerade bei hoher Waldbrandgefahr ist Aufmerksamkeit wichtig. Nur sollte man eben unterscheiden zwischen „Ich rieche Rauch und weiß nicht, woher er kommt“ und „Ich wollte mal hören, wie es aktuell im Hürtgenwald aussieht“. Für Letzteres ist die 112 eher ungeeignet.
Am Ende blieb uns diesmal zum Glück nur der Geruch. Kein Brand in Hilden, keine Evakuierung, keine Löscharbeiten. Nur eine Rauchwolke, die auf ihrer Reise beschlossen hatte, einen kleinen Umweg über den Kreis Mettmann zu machen.
Und damit haben wir wieder etwas gelernt: Wenn es in Hilden nach Feuer riecht, muss es nicht zwingend in Hilden brennen.
Manchmal reicht schon der falsche Wind aus Belgien.
Sonntag, 23. August 2026
23.8.2026: Otto’s Büdchen verschwindet – aber die Erinnerungen bleiben
Es gibt Gebäude, die sind architektonisch bedeutsam. Es gibt Gebäude, die stehen unter Denkmalschutz. Und dann gibt es Gebäude, bei denen all das ziemlich egal ist, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. In Hilden gehörte Otto’s Büdchen an der Walder Straße eindeutig zur dritten Kategorie. Man musste nicht erklären, wo es lag. Man sagte einfach „bei Otto“ – und damit war die Sache geklärt. Nun verschwindet auch der letzte sichtbare Rest dieses Stücks Hildener Alltagsgeschichte. Das Haus an der Walder Straße 28 wird abgerissen, von dem Gebäude steht inzwischen nur noch die vordere Fassade.
Otto’s Büdchen war schließlich nicht irgendein Kiosk. Otto Hedrich eröffnete ihn am 1. April 1969. Eigentlich hatte seine Frau Ursula zunächst einen Blumenladen, während Otto als gelernter Schreiner eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass sich mit Zigaretten, Zeitschriften, Süßigkeiten und allem, was ein ordentliches Büdchen sonst noch braucht, offenbar besser wirtschaften ließ als mit Blumen. Also wurde das Ladenlokal vermietet und das Ehepaar konzentrierte sich auf den Kiosk. Das war eine Entscheidung mit Folgen: Aus einem kleinen Geschäft wurde über Jahrzehnte eine Hildener Institution.
Wer heute über Öffnungszeiten im Einzelhandel diskutiert, sollte sich die damalige Betriebsordnung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Otto’s Büdchen war 364 Tage im Jahr geöffnet. Lediglich am ersten Weihnachtstag war Schluss. Heiligabend? Offen. Silvester? Offen. Irgendein verregneter Dienstag im November, an dem jeder vernünftige Mensch am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre? Natürlich offen. Wahrscheinlich hätte man bei Otto eher darüber diskutieren müssen, warum ein Jahr überhaupt einen Tag braucht, an dem der Kiosk geschlossen ist.
Nach dem Tod seiner Frau Ursula im Jahr 2005 machte Otto weiter. Unterstützt wurde er von zwei Mitarbeiterinnen. Und er blieb seinem Büdchen tatsächlich bis zuletzt treu. Am 21. Januar 2020 starb Otto Hedrich im Alter von 77 Jahren. Noch am Tag zuvor hatte er hinter seinem Verkaufstresen gestanden und seine Kunden bedient. Nach mehr als 50 Jahren war Otto für viele Hildener längst nicht mehr einfach der Mann vom Kiosk. Er gehörte zum Inventar der Stadt – und zwar im besten Sinne des Wortes.
Jetzt also der Abriss. Und natürlich stellt sich sofort die wichtigste Hildener Frage: Was kommt dahin? Die Antwort ist derzeit ungefähr so eindeutig wie die Frage, ob man in der Innenstadt an einem Samstagmittag spontan einen Parkplatz findet. Nach Angaben der Stadt soll auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen, einschließlich Stellplätzen und Garagen im rückwärtigen Bereich. Wer genau baut, wann gebaut wird und welche Fläche am Ende tatsächlich betroffen ist, scheint allerdings noch nicht vollständig geklärt zu sein.
Das Ganze bekommt zusätzliche Würze, weil direkt nebenan ohnehin größere Veränderungen geplant sind. Im Bereich zwischen Walder Straße und Kirchhofstraße möchte die Stadt langfristig ein neues Wohngebiet entwickeln. Der Bebauungsplan mit dem ausgesprochen romantischen Namen „165A“ sieht fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser und drei Einzelhäuser vor. Insgesamt könnten dort 70 bis 90 Wohnungen entstehen. Dazu kommen neue Straßen und 97 Stellplätze. Das klingt zunächst nach einer jener Planungen, bei denen Stadtplaner begeistert auf bunte Flächen schauen und Anwohner spontan beginnen, Parkplätze nachzuzählen.
Genau so kam es auch. Bei einer Informationsveranstaltung im Mai war die Begeisterung der Anwohner ausgesprochen überschaubar. Rund 35 Grundstückseigentümer, Mieter und Anwohner waren gekommen, und fast alle standen den Plänen ablehnend gegenüber. Vor allem das Thema Parkplätze sorgte für Diskussionen. Schließlich soll ein bestehender Garagenhof verschwinden, während gleichzeitig zahlreiche neue Bewohner hinzukommen könnten. Das ist ungefähr die kommunalpolitische Variante von Reise nach Jerusalem: mehr Teilnehmer, aber möglicherweise weniger Stühle.
Bis dort tatsächlich die Bagger für das große Wohnprojekt rollen, dürfte allerdings noch reichlich Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Stadt besitzt selbst kaum Grundstücke in dem Gebiet und ist deshalb auf die Bereitschaft der Eigentümer angewiesen. Zudem müssen Einwände geprüft, Pläne möglicherweise verändert und erneut öffentlich ausgelegt werden. Für den Beschluss des Bebauungsplans waren zuletzt noch mindestens rund zweieinhalb Jahre eingeplant.
Bei Otto’s Büdchen ist die Sache dagegen schon sehr konkret: Dort arbeitet der Bagger bereits. Damit verschwindet ein Ort, der äußerlich vielleicht nie besonders spektakulär war, für viele Hildener aber zu den selbstverständlichen Konstanten der Stadt gehörte. Genau solche Orte merkt man häufig erst dann richtig, wenn sie nicht mehr da sind.
Natürlich braucht Hilden Wohnungen. Städte verändern sich, Grundstücke werden neu genutzt und irgendwann können selbst die bekanntesten Gebäude nicht einfach stehen bleiben, nur weil Generationen von Hildenern dort ihre Zeitung, Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft haben. Trotzdem darf man ein wenig wehmütig werden. Denn ein neues Mehrfamilienhaus kann vieles bieten: moderne Wohnungen, Garagen, vielleicht Balkone und selbstverständlich irgendeinen hochmodernen Fahrradabstellraum.
Nur eines wird es ziemlich sicher nicht schaffen: 364 Tage im Jahr Otto zu sein.
Samstag, 22. August 2026
22.8.2026: Gut Holterhof: Wo der Arbeitstag vier Beine hat und Feierabend eher theoretisch ist
Wer morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und anschließend darüber nachdenkt, ob heute vielleicht ein ruhiger Tag im Büro bevorsteht, dürfte auf Gut Holterhof nur begrenzt anschlussfähig sein. Dort beginnt der Tag eher mit Stall, Kühen und Pferden – und wenn andere langsam den Laptop zuklappen, wollen die Tiere noch einmal wissen, was es zum Abendessen gibt. Mittendrin: die 23-jährige Pia Breloh. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Tom steht sie als vierte Generation bereit, den traditionsreichen Hildener Familienbetrieb irgendwann zu übernehmen.
Und wer jetzt glaubt, Pia müsse erst noch herausfinden, ob Landwirtschaft wirklich das Richtige für sie ist, dürfte lange warten. Sie kennt dieses Leben seit ihrer Kindheit und kann sich nach eigener Aussage kaum vorstellen, ihre Tage stattdessen in einem Büro zu verbringen. Verständlich: Zwischen zehn Galloway-Rindern, 50 Milchkühen, weiteren 50 Kühen in der Nachzucht und rund 30 Pensionspferden dürfte der durchschnittliche Dienstag jedenfalls abwechslungsreicher sein als zwischen Drucker, Kaffeemaschine und Teams-Besprechung. Dazu kommen Hofladen, Automatenverkauf und eine umgebaute Scheune, die als Veranstaltungsort vermietet wird. Gut Holterhof ist längst nicht mehr einfach nur Bauernhof, sondern ein kleiner landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen – nur eben mit deutlich mehr Kühen.
Pias Alltag ist entsprechend durchgetaktet. Vor zwei Jahren hat sie ein Fernstudium im Agrarmanagement begonnen. Das Studium ersetzt allerdings nicht die Arbeit auf dem Hof, sondern kommt praktischerweise einfach noch obendrauf. Morgens und vormittags werden Pferde- und Kuhstall ausgemistet und die Tiere versorgt, mittags und nachmittags wird gelernt, und am Abend sind wieder die Tiere dran. Das klassische Studentenleben mit Ausschlafen, Mensa und der gelegentlichen Erkenntnis um 22 Uhr, dass morgen eine Klausur geschrieben wird, dürfte auf Gut Holterhof eher selten stattfinden. Pias Ziel steht ohnehin fest: Sie möchte den Hof gemeinsam mit ihrem Bruder übernehmen. Tom absolviert eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Landwirtschaft und Landtechnik – das könnte man durchaus als ziemlich sinnvoll geplante Geschwisterkombination bezeichnen.
Bemerkenswert ist dabei, dass Pia als mögliche Betriebsnachfolgerin in der Landwirtschaft noch immer zu einer Minderheit gehört. Frauen machen zwar einen erheblichen Teil der Beschäftigten aus, an der Spitze landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber deutlich seltener vertreten. Gerade einmal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gut Holterhof könnte also irgendwann nicht nur einen Generationswechsel erleben, sondern gleichzeitig ein kleines Stück landwirtschaftlicher Statistik verändern.
Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, morgens Kühe zu melken und abends das Scheunentor zu schließen. Die Landwirtschaft verändert sich, viele Betriebe wachsen oder verschwinden ganz. Gut Holterhof versucht deshalb, auf mehreren Beinen zu stehen – was bei einem Hof mit so vielen Tieren ohnehin naheliegt. Neben Landwirtschaft und Direktvermarktung sieht Pia besonders im Veranstaltungsbereich Chancen. Die Scheune wird bereits als Party-Location genutzt, künftig könnte es dort beispielsweise auch Kindergeburtstage geben. Nur eines soll daraus ausdrücklich nicht werden: irgendein Schicki-Micki-Restaurant. Das würde vermutlich auch schlecht zu einem Arbeitstag passen, bei dem Gummistiefel deutlich häufiger benötigt werden als Pumps.
Überhaupt ist Landwirtschaft weniger Beruf als Lebensmodell. Wer Tiere hat, kann schließlich schlecht am Freitag um 17 Uhr den Stift fallen lassen und den Kühen mitteilen, dass man sich Montagmorgen wiedersehe. Auch Pias Partner kommt deshalb aus der Landwirtschaft. Das sei wichtig, weil man jemanden brauche, der verstehe, dass es praktisch nie wirklich frei gebe. Ihre eigene Beschreibung bringt das wunderbar auf den Punkt: Sie laufe den ganzen Tag in Arbeitskleidung herum und rieche nach Pferd – damit müsse ein Mann eben klarkommen. Romantik auf dem Land funktioniert offenbar etwas anders als in einschlägigen Fernsehformaten.
Und ganz ohne Kontrastprogramm geht es dann doch nicht. Pia ist ausgebildete Jägerin und engagiert sich mit ihrem Partner Jan Philippen in der Landjugend. Gleichzeitig bilden die beiden das Jungschützenkönigspaar in Ratingen. Für solche Gelegenheiten hängen tatsächlich ein paar elegante Abendkleider im Schrank. Zwischen Stallkleidung und Abendkleid liegen auf Gut Holterhof also manchmal nur wenige Stunden – vermutlich allerdings inklusive gründlicher Dusche.
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb gar nicht, dass eine junge Frau einen Bauernhof übernehmen möchte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Familientradition weitergeführt und gleichzeitig modernisiert wird. Gut Holterhof wurde bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Nun steht dort eine Generation bereit, die Agrarmanagement studiert, Landmaschinenmechatronik lernt, Direktvermarktung betreibt und über neue Veranstaltungskonzepte nachdenkt. Tradition bedeutet eben nicht, alles genauso zu machen wie vor hundert Jahren. Manchmal bedeutet sie einfach, dafür zu sorgen, dass es den Hof auch in hundert Jahren noch gibt.
Und während anderswo über Work-Life-Balance diskutiert wird, dürfte man auf Gut Holterhof bei diesem Begriff kurz schmunzeln. Denn spätestens wenn morgens der Futtereimer klappert und zehn Galloways angelaufen kommen, ist ziemlich eindeutig geklärt, welcher Teil von „Work-Life-Balance“ gerade Vorrang hat.