Freitag, 19. Juni 2026

19.6.2026: Hilden bekommt neue Hallen – oder: Wenn aus Wurst plötzlich Wirtschaft wird

Hilden verändert sich. Mal merkt man es an neuen Tempo-30-Schildern, mal an Glasfaserbaustellen, mal an einem Schützenfest ohne Festzelt – und manchmal an einem Gewerbegrundstück, auf dem früher Fleisch verarbeitet wurde und künftig moderne Industrie- und Logistikflächen entstehen sollen. Das ehemalige Vion-Areal in Hilden hat einen neuen Eigentümer: Die Rheinische Grundbesitz AG übernimmt das rund 31.800 Quadratmeter große Grundstück, vermittelt durch den globalen Immobiliendienstleister CBRE. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, was in der Immobilienwelt ungefähr bedeutet: Es war vermutlich genug Geld im Spiel, um in Hilden mehrere Debatten über Gewerbesteuer, Verkehr und „Was kommt denn da jetzt hin?“ auszulösen.

Der Standort wurde im Zuge der Schließung des Fleischwerks aufgegeben. Damit endet ein Kapitel, das vermutlich viele Hildenerinnen und Hildener eher mit Produktion, Geruch, Lieferverkehr und Industriealltag verbinden. Nun beginnt ein neues Kapitel. Und wie das bei Gewerbeimmobilien heute so ist, klingt dieses Kapitel nicht mehr nach „da steht eine Halle“, sondern nach „Neu-Entwicklung“, „drittverwendungsfähig“, „moderner Gebäudeausstattung“ und „GEG 40“. Früher hätte man gesagt: Da wird etwas gebaut, das man vermieten kann. Heute klingt es, als würde ein Gebäude erst dann eine Baugenehmigung bekommen, wenn es mindestens drei Zertifikatsbegriffe fehlerfrei aussprechen kann.

Geplant ist eine Entwicklung für bis zu drei Nutzer auf rund 16.000 Quadratmetern Mietfläche, davon etwa 13.000 Quadratmeter Hallenfläche. Das ist nicht wenig. 13.000 Quadratmeter Halle bedeuten in Hilden: reichlich Platz für Regale, Maschinen, Paletten, Gabelstapler, Lieferzonen und die unvermeidliche Frage, ob der Verkehr das alles eigentlich verträgt. Denn sobald irgendwo neue Gewerbeflächen entstehen, beginnt in Hilden automatisch die kommunale Begleitmusik: Wird es lauter? Wird es voller? Kommen Lkw? Fahren die dann durch Wohngebiete? Und gibt es dafür schon ein Gutachten oder wenigstens jemanden, der sehr ernst auf einen Lageplan zeigt?

Die Lage jedenfalls gilt als strategisch günstig. Direkte Anbindung an A46 und A3, mitten in der Metropolregion Rhein-Ruhr. Aus Sicht von Logistik- und Industrieunternehmen ist das ideal. Aus Sicht mancher Hildener heißt das: Es ist nah an allem, also vermutlich auch bald Thema in allem. Denn Hilden liegt zwar praktisch, aber genau diese praktische Lage hat natürlich ihren Preis. Wer gut erreichbar ist, wird auch gern erreicht. Von Unternehmen, Beschäftigten, Lieferanten, Kunden, Kurierdiensten und gelegentlich Menschen, die trotz Navigationsgerät in der falschen Einfahrt stehen.

CBRE spricht von stark nachgefragten, absolut limitierten Grundstücken in etablierten Logistiklagen. Das klingt nach Immobilienmarkt im Hochglanzmodus. In Hilden könnte man es bodenständiger formulieren: Flächen sind knapp, alle wollen welche, und wenn ein großes Grundstück frei wird, schauen plötzlich sehr viele Leute sehr interessiert in dieselbe Richtung. Gewerbeflächen wachsen schließlich nicht auf Bäumen, auch wenn mancher Bebauungsplan manchmal so lange braucht, dass man zwischendurch durchaus einen Baum hätte pflanzen können.

Der Baustart ist derzeit für Mitte 2027 vorgesehen. Das ist ein Satz, der Hoffnung und Vorsicht zugleich enthält. „Derzeit vorgesehen“ ist die kleine Schwester von „wenn alles klappt“. In Hilden weiß man: Zwischen Planung und Baustart liegen manchmal Genehmigungen, Abstimmungen, Ausschreibungen, Überraschungen und mindestens ein Moment, in dem jemand sagt: „Das müssen wir noch einmal prüfen.“ Trotzdem ist die Richtung klar. Das Gelände soll neu genutzt werden, die alte industrielle Vergangenheit wird nicht einfach abgeräumt, sondern in eine neue wirtschaftliche Funktion überführt.

Interessant ist auch das Wort „drittverwendungsfähig“. Ein wunderbares Immobilienwort. Es bedeutet im Kern: Das Gebäude soll nicht nur für einen ganz bestimmten Nutzer passen, sondern flexibel genug sein, um auch von anderen Unternehmen sinnvoll genutzt werden zu können. Auf gut Hildenerisch: Falls Nutzer A irgendwann sagt „Danke, war schön“, soll Nutzer B nicht erst alles abreißen müssen, bevor er eine Palette hineinstellen kann. Das ist vernünftig, klingt aber so technisch, dass man fast vergisst, wie praktisch dieser Gedanke ist.

Gebaut werden soll außerdem nach GEG 40. Das verweist auf energetische Anforderungen und moderne Effizienzstandards. Auch das passt in die Zeit. Neue Gewerbeflächen sollen heute nicht nur groß und gut erreichbar sein, sondern möglichst energieeffizient, nachhaltig und zukunftsfähig. Früher war eine Halle vor allem dann gut, wenn sie nicht reinregnete und das Tor aufging. Heute muss sie energetisch überzeugen, flexibel nutzbar sein, moderne Ausstattung bieten und im Idealfall auch noch so wirken, als könne sie auf einer Nachhaltigkeitsfolie bei einer Immobilienkonferenz bestehen.

Für Hilden ist das Projekt wirtschaftlich durchaus spannend. Neue Flächen bedeuten mögliche neue Unternehmen, Arbeitsplätze, Investitionen und Gewerbesteuerpotenzial. Gleichzeitig wird die Stadt damit noch stärker Teil jener Logistik- und Industrielandschaft, die das Rheinland prägt. Zwischen Düsseldorf, Wuppertal, Köln, Ruhrgebiet und Autobahnkreuzen liegt Hilden eben nicht am Ende der Welt, sondern ziemlich genau dort, wo Unternehmen gern sein möchten. Das ist ein Vorteil – und manchmal auch eine Belastungsprobe für Straßen, Anwohner und Geduld.

Natürlich wird es Nostalgiker geben, die dem alten Standort nachtrauern oder zumindest feststellen, dass früher alles übersichtlicher war. Früher wusste man: Da ist das Fleischwerk. Heute muss man erklären: Dort entsteht eine moderne, drittverwendungsfähige Industrie- und Logistikentwicklung mit bis zu drei Nutzern und etwa 13.000 Quadratmetern Hallenfläche. Das ist deutlich länger, klingt aber auch weniger nach Wurst und mehr nach Zukunft.

Besonders schön ist der Kontrast: Während Hilden an anderer Stelle über Glasfaser spricht, Batteriespeicher produziert und den Verkehr auf Tempo 30 herunterregelt, entsteht hier eine weitere Facette moderner Standortentwicklung. Die Stadt wird digitaler, energieorientierter, logistischer und gewerblicher. Kurz gesagt: Hilden bleibt nicht stehen. Auch wenn man auf manchen Straßen inzwischen langsamer fahren soll.

Am Ende erzählt dieses Grundstück eine typische Hildener Geschichte. Eine alte Nutzung endet, eine neue beginnt. Aus einem aufgegebenen Fleischwerksstandort wird ein modernes Gewerbeprojekt. Aus Produktionsvergangenheit wird Immobilienzukunft. Aus Wurst wird Wirtschaft. Und irgendwo wird garantiert schon jemand die wichtigste Frage stellen: „Was bedeutet das eigentlich für den Verkehr?“

Denn so ist Hilden. Zukunft darf kommen. Aber bitte mit Lageplan, ausreichenden Parkplätzen, vernünftiger Anbindung und einer Erklärung, warum da schon wieder ein Bagger steht.

Mitte 2027 soll es losgehen. Bis dahin bleibt genug Zeit für Spekulationen, Fachbegriffe, Nachbarschaftsgespräche und die stille Hoffnung, dass aus dem ehemaligen Vion-Areal ein Projekt wird, das nicht nur auf Immobilienfolien gut aussieht, sondern auch zur Stadt passt.

Und falls es klappt, kann Hilden eines Tages sagen: Hier wurde früher Fleisch verarbeitet. Heute wird Fläche veredelt. Das klingt vielleicht weniger nach Metzgerei, aber ziemlich stark nach Standortpolitik.

Donnerstag, 18. Juni 2026

18.6.2026: Hilden bekommt Glasfaser – oder: Wenn das Internet endlich nicht mehr durchs Modem humpelt

Hilden steht vor einem technologischen Quantensprung. Nicht im Sinne von fliegenden Autos, sprechenden Laternen oder Ampeln, die plötzlich logisch schalten. Nein, es geht um etwas, das im Alltag wahrscheinlich noch wichtiger ist: schnelles Internet. Die Telekom und die Stadtwerke Hilden bringen gemeinsam den Glasfaserausbau voran. Das klingt zunächst nach einer klassischen Infrastrukturmeldung, irgendwo zwischen Baustelle, Kabel, Tarifberatung und „Da kommt noch jemand wegen des Hausanschlusses“. In Wahrheit aber geht es um nichts Geringeres als die digitale Zukunft der Stadt – also darum, dass Netflix nicht mehr genau in dem Moment einfriert, in dem der Täter entlarvt wird.

In den neuen Ausbaugebieten Nord Kosenberg, Mitte/Kleef Süd und Mitte/Gabelung sollen insgesamt 2.710 Haushalte und Unternehmen ans Glasfasernetz gebracht werden. Das ist eine stattliche Zahl. 2.710 Anschlüsse bedeuten 2.710 Hoffnungen auf stabilere Videokonferenzen, schnellere Downloads, ruckelfreies Streaming und weniger Familienkonflikte darüber, wer gerade „das ganze WLAN blockiert“. Denn im modernen Haushalt ist das Internet längst kein Luxus mehr. Es ist so grundlegend wie Strom, Wasser und die Frage, warum schon wieder jemand das Ladekabel mitgenommen hat.

Der erste Ausbau im Gebiet Nord-West startete bereits im März und soll 2026 abgeschlossen sein. Die Arbeiten in den neuen Ausbaugebieten laufen seit Mai 2026. Bis Ende 2031 sollen knapp 27.000 Hildener Haushalte und Unternehmensstandorte Zugang zu Glasfaser erhalten. 2031 klingt auf den ersten Blick noch ein bisschen nach Zukunftsmusik. Aber wer in Hilden schon einmal auf eine größere Baumaßnahme geschaut hat, weiß: Infrastruktur denkt nicht in Wochen, sondern in Bauabschnitten. Und wenn am Ende wirklich fast die ganze Stadt Glasfaser bekommt, darf man durchaus sagen: Hilden wird digital aufgerüstet – nur eben mit Bagger, Kabelrolle und Terminfenster.

Besonders schön ist der Satz, dass der Netzausbau am besten mit vereinten Kräften und einem gemeinsamen Ziel gelingt. Das klingt nach rheinischer Kooperationslyrik, ist aber gar nicht falsch. Telekom, Stadtwerke, Breitbandnetz Hilden, Baustellenkoordination, Eigentümer, Mieter, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger – alle müssen irgendwie mitspielen. Glasfaserausbau ist nämlich kein Zaubertrick, bei dem morgens jemand „schnelles Internet“ ruft und abends die Fritzbox Beifall klatscht. Es wird geplant, gebuddelt, verlegt, angeschlossen, vermarktet und erklärt. Und weil es schnell gehen soll, wird an mehreren Baustellen parallel gebaut. In Hilden bedeutet das: Die Zukunft kommt nicht leise, sondern mit Absperrbake.

Natürlich wird es dabei auch die typischen Hildener Begleitgeräusche geben. Irgendjemand wird fragen, warum ausgerechnet vor der eigenen Einfahrt gearbeitet wird. Irgendjemand wird sagen, dass früher auch 16 Mbit gereicht haben. Irgendjemand wird wissen wollen, ob die Straße danach wirklich wieder ordentlich aussieht. Und irgendjemand wird garantiert behaupten, das alles hätte man schon vor zehn Jahren machen müssen. Das stimmt vermutlich sogar. Aber es hilft nichts: Die Gegenwart hat nun einmal die unangenehme Eigenschaft, erst dann stattzufinden, wenn sie da ist.

Der Bedarf ist jedenfalls da. Jeder Haushalt hat heute durchschnittlich mehr als zehn internetfähige Geräte – Tendenz steigend. Früher gab es ein Telefon, einen Fernseher und vielleicht einen Computer, der beim Hochfahren Geräusche machte wie ein nervöser Staubsauger. Heute hängen Smartphones, Tablets, Laptops, Fernseher, Spielkonsolen, Smartwatches, Lautsprecher, Thermostate, Türklingeln und manchmal sogar Kühlschränke im Netz. Das WLAN ist längst Familienmitglied. Es wird beschuldigt, vermisst, neu gestartet und gelegentlich angeschrien. Wenn es funktioniert, nimmt es niemand wahr. Wenn es nicht funktioniert, steht der Hausfrieden kurz vor der Kernschmelze.

Glasfaser verspricht hier Entspannung. Mehr Stabilität, mehr Geschwindigkeit, mehr Zukunftssicherheit. Mehrere Personen können gleichzeitig arbeiten, lernen, streamen, surfen und spielen. Das ist besonders wichtig in Haushalten, in denen ein Elternteil im Homeoffice eine Videokonferenz führt, ein Kind Hausaufgaben digital erledigt, ein anderes Kind online spielt und im Hintergrund jemand einen Film in Ultra-HD startet, weil „das doch gar nicht so viel ziehen kann“. Doch, kann es. Und genau deshalb ist Glasfaser nicht nur Technik, sondern Konfliktprävention.

Auch für Unternehmen und Selbstständige ist der Ausbau wichtig. In einer Zeit, in der Datenmengen wachsen, Cloud-Systeme Alltag sind und selbst kleinere Betriebe digitale Prozesse brauchen, ist schnelles Internet ein echter Standortfaktor. Hilden kann also nicht nur mit Lage, Mittelstand, Erreichbarkeit und rheinischer Bodenhaftung punkten, sondern künftig auch mit Glasfaser. Das klingt weniger romantisch als Fachwerk, Stadtpark oder Wochenmarkt, ist wirtschaftlich aber mindestens genauso relevant. Kein Unternehmen möchte im Jahr 2026 erklären müssen, dass die Datei erst morgen verschickt werden kann, weil der Upload noch auf halber Strecke meditiert.

Bürgermeister Claus Pommer nennt den schnellen Anschluss einen digitalen Standortvorteil und verweist auf Lebensqualität sowie wirtschaftliche Entwicklung. Das ist richtig. Denn Lebensqualität bedeutet heute nicht nur Grünflächen, Kulturangebote und ein halbwegs funktionierender Nahverkehr, sondern auch, dass ein Videotelefonat mit der Familie nicht aussieht wie eine Daumenkino-Übertragung aus dem Jahr 1998. Digitale Infrastruktur entscheidet darüber, wie gut Menschen arbeiten, lernen, kommunizieren und Freizeit gestalten können. Kurz gesagt: Wer Zukunft will, braucht Leitung. Und zwar nicht nur politische.

Natürlich ist der entscheidende Satz für viele Bürgerinnen und Bürger ein anderer: Wer jetzt in den Ausbaugebieten bei der Telekom einen Tarif bucht, hat in wenigen Monaten seinen Anschluss. Das ist der Moment, in dem aus großer Infrastrukturpolitik plötzlich eine sehr praktische Frage wird: Machen oder abwarten? Anschluss beauftragen oder später ärgern? Glasfaser mitnehmen oder noch ein paar Jahre dem alten Anschluss beim Nachdenken zuschauen? In Hilden wird diese Frage vermutlich gründlich diskutiert. Am Küchentisch, im Hausflur, im WhatsApp-Chat der Eigentümergemeinschaft und vielleicht auch beim zufälligen Gespräch über den Gartenzaun.

Der Glasfaserausbau hat nämlich eine besondere soziale Komponente: Er bringt Menschen zusammen, die sonst nie über Bandbreiten sprechen würden. Plötzlich wird beim Nachbarn gefragt, ob schon jemand da war. Im Mehrfamilienhaus wird über Leitungswege gesprochen. In Eigentümerversammlungen tauchen Begriffe auf, die früher höchstens IT-Menschen benutzt haben. Und irgendwo sitzt jemand mit dem Tarifblatt in der Hand und fragt: „Brauchen wir wirklich so viel Geschwindigkeit?“ Die korrekte Antwort lautet in der digitalen Gegenwart fast immer: Noch nicht. Aber bald.

Am Ende ist der Glasfaserausbau eine dieser Entwicklungen, die zunächst nach Baustelle aussieht, später aber Alltag verändert. Man ärgert sich vielleicht kurz über Absperrungen, Termine und Formularfragen. Doch wenn der Anschluss läuft, ist die neue Geschwindigkeit plötzlich selbstverständlich. Niemand wird jeden Morgen ehrfürchtig vor dem Router stehen und sagen: „Danke, europäische Dateninfrastruktur.“ Aber alle werden merken, wenn das Netz stabil ist. Und manchmal ist das genau die beste Form von Fortschritt: Er funktioniert einfach.

Hilden bekommt also Glasfaser. Nicht überall sofort, nicht ohne Aufwand, nicht ohne Baustellen. Aber Schritt für Schritt. Von Nord-West über Nord Kosenberg, Mitte/Kleef Süd und Mitte/Gabelung bis hin zu knapp 27.000 Haushalten und Unternehmensstandorten bis 2031. Die Stadt wird digitaler, schneller und hoffentlich ein bisschen entspannter.

Und vielleicht wird man in ein paar Jahren sagen: Früher haben sich die Menschen in Hilden über langsames Internet geärgert. Heute ärgern sie sich nur noch über Tempo 30, Ampelschaltungen und die Frage, warum die Videokonferenz trotz Glasfaser ausgerechnet dann startet, wenn jemand im Hintergrund staubsaugt.

Fortschritt ist eben auch nur Hilden mit besserer Leitung.

Mittwoch, 17. Juni 2026

17.6.2026: Tempo 30 in Hilden – oder: Wenn die Stadt plötzlich im Entspannungsmodus fährt

Hilden hat eine neue große Frage. Sie lautet nicht: Wird der Wochenmarkt verlegt? Kommt die Baustelle noch vor Weihnachten weg? Gibt es am Nove-Mesto-Platz tragfähige Gefühle? Nein, die Frage des Sommers lautet: Darf man auf Hildener Hauptstraßen noch so schnell fahren, dass man das Ortsschild innerlich als Startsignal versteht – oder muss jetzt überall mit Tempo 30 durch das Leben gerollt werden?

Seit einigen Wochen gilt auf mehreren Hildener Straßen Tempo 30 statt 50. Betroffen sind unter anderem die Hochdahler Straße, die Gerresheimer Straße sowie der Straßenzug Lindenstraße, An den Linden, Erikaweg und Lehmkuhler Weg. Das klingt zunächst nach einer verkehrstechnischen Änderung. In Hilden aber ist es natürlich mehr. Es ist Gesellschaftsdiagnose, Charaktertest, Lärmschutzmaßnahme, Facebook-Therapie und kommunalpolitischer Brennpunkt in einem.

Die Stadt begründet das Ganze mit dem Lärmaktionsplan. Schon dieses Wort klingt, als hätte jemand im Rathaus beschlossen: Der Lärm bekommt jetzt nicht einfach nur Ärger, sondern einen Plan. Und zwar einen Aktionsplan. Nicht irgendeine lose Absichtserklärung, sondern ein Konzept mit Fachbewertung, Beteiligungsverfahren und verkehrsrechtlicher Anordnung. In Hilden bedeutet das: Es wurde nicht einfach ein Schild aufgestellt. Es wurde vorher vermutlich viel geguckt, gerechnet, beraten, gewogen, protokolliert und möglicherweise sogar in einer Excel-Tabelle innerlich geseufzt.

Für manche Anwohner ist Tempo 30 ein Segen. Endlich weniger Motorenlärm, weniger Raserei, weniger Moped-Geräuschkulisse, die klingt, als würde ein sehr wütender Rasenmäher Weltrekord fahren wollen. Wer an einer stark befahrenen Straße wohnt, versteht den Wunsch nach Ruhe sofort. Lärm ist nämlich nicht theoretisch. Lärm ist das, was morgens schon da ist, bevor der Kaffee fertig ist. Lärm ist das Geräusch, das einem sagt: Auch wenn gerade niemand klingelt, die Welt steht trotzdem direkt vor dem Fenster.

Andere wiederum sehen in Tempo 30 den Untergang der abendländischen Mobilität. In den sozialen Medien kocht die Stimmung hoch, was in Hilden ungefähr so überraschend ist wie Laub im Herbst. Da ist von „Schwachsinn“, „Wahnsinn“, „Schildbürgerstreich“ und „Abzocke“ die Rede. Sobald irgendwo ein neues Schild steht, entsteht offenbar sofort der Verdacht, dass es nicht um Verkehr, sondern um einen geheimen städtischen Masterplan geht, den Bürgern durch niedrigere Geschwindigkeit systematisch die Lebensfreude aus dem Gaspedal zu saugen.

Dabei ist Tempo 30 eigentlich eine sehr rheinische Geschwindigkeit. Man kommt voran, aber ohne übertriebene Hektik. Es ist die Geschwindigkeit des „Wir sind unterwegs, aber nicht auf der Flucht“. Tempo 30 passt zum geduldigen Vorbeifahren an Hecken, zur vorsichtigen Annäherung an Ampeln und zur inneren Einkehr an Kreuzungen. Wer Tempo 30 fährt, hat Zeit, Dinge wahrzunehmen: Vorgärten, Straßenschilder, neue Fassadenfarben, Fußgänger mit entschlossener Einkaufstasche. Bei Tempo 50 rauscht Hilden vorbei. Bei Tempo 30 lernt man die Stadt kennen – manchmal auch unfreiwillig.

Natürlich kommt sofort die Gegenfrage: Wird dadurch nicht alles noch schlimmer? Mehr Stau, mehr Ausweichverkehr, mehr Bremsen, mehr Anfahren, mehr genervte Menschen mit angespanntem Lenkradgriff? Das ist der Punkt, an dem Verkehrsplanung zur Glaubensfrage wird. Die einen sagen: Tempo 30 beruhigt den Verkehr. Die anderen sagen: Tempo 30 beruhigt höchstens Menschen, die nicht fahren müssen. Die Stadt geht davon aus, dass sich niedrigere Geschwindigkeit und gleichmäßigerer Verkehrsfluss weitgehend ausgleichen. Das klingt vernünftig, aber auch nach einem Satz, den man im Berufsverkehr an der Ampel erst einmal emotional verarbeiten muss.

Besonders schön ist die Diskussion um die Ampelschaltungen. Viele Hildener haben ohnehin das Gefühl, dass Ampeln in dieser Stadt nicht nach Verkehrsfluss funktionieren, sondern nach Charakterprüfung. Wer zu oft bei Rot steht, beginnt irgendwann, eine tiefere Botschaft darin zu vermuten. Nun heißt es, die Ampeln würden zunächst nicht angepasst, weil ihre Abstimmung nicht allein von der Höchstgeschwindigkeit abhängt. 2027 sollen alle Ampelanlagen im Stadtgebiet neu berechnet und bei Bedarf angepasst werden. Das ist beruhigend. Oder beunruhigend. Je nachdem, wie viel Vertrauen man in die Beziehung zwischen Ampel und Mensch noch hat.

Politisch wird das Thema natürlich ebenfalls aufgegriffen. AfD und FDP wollen die neuen Tempo-30-Regelungen kippen beziehungsweise überprüfen lassen. Die Argumentation: Hauptverkehrsstraßen sollen Verkehr bündeln, nicht ausbremsen. Tempo 30 sei vor Schulen, Kindergärten, Seniorenheimen und besonderen Gefahrenstellen sinnvoll, dürfe aber auf Hauptachsen nicht zur Gewohnheit werden. Das ist der klassische Konflikt: Die einen wollen ruhiger wohnen, die anderen wollen schneller durch. Und beide Seiten haben aus ihrer Perspektive nicht völlig unrecht. Genau deshalb ist das Thema so herrlich konfliktfähig.

Dann kommt jedoch der verwaltungsrechtliche Hildener Plot-Twist: Der Rat kann das offenbar gar nicht einfach entscheiden oder rückgängig machen. Zuständig ist die Untere Straßenverkehrsbehörde auf Grundlage gesetzlicher Vorschriften. Mit anderen Worten: Man kann politisch darüber reden, Anträge stellen, Sitzungen abhalten und sich öffentlich empören – aber am Ende steht da ein Schild, und dieses Schild hat mehr Behördenrückendeckung, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. Tempo 30 ist also nicht nur eine Geschwindigkeit. Es ist eine verkehrsrechtliche Anordnung mit Standfestigkeit.

Die schönste Figur in dieser ganzen Debatte ist aber der Hildener Durchschnittsmensch zwischen allen Fronten. Er möchte weniger Lärm, aber nicht langsamer fahren. Er möchte Sicherheit, aber keine neuen Schilder. Er möchte fließenden Verkehr, aber keine Raser. Er möchte saubere Luft, aber bitte ohne Umwege. Er möchte politische Mitsprache, aber keine achtminütige Erklärung zur Zuständigkeit der Unteren Straßenverkehrsbehörde. Kurz: Er möchte, dass alles besser wird, ohne dass sich etwas verändert. Das ist nicht widersprüchlich. Das ist kommunalpolitisch menschlich.

Und vielleicht liegt genau darin der Kern der Sache. Tempo 30 ist nicht nur eine Zahl. Tempo 30 ist ein Gefühl. Für die einen fühlt es sich an wie Rücksicht. Für die anderen wie Bevormundung. Für Anwohner wie Entlastung. Für Pendler wie Zeitverlust. Für die Verwaltung wie Umsetzung eines beschlossenen Plans. Für Facebook wie ein Geschenk des Himmels, weil endlich wieder etwas da ist, worüber man in Großbuchstaben diskutieren kann.

Hilden wird sich daran gewöhnen müssen. Oder auch nicht. Die Auswirkungen sollen beobachtet und bewertet werden. Das klingt nach einer nüchternen Lösung: erst messen, dann urteilen. In der Zwischenzeit wird weiter gefahren, geschimpft, gehofft, gebremst und diskutiert. Manche werden bei Tempo 30 entspannt durchatmen. Andere werden innerlich bei 31 schon Revolution spüren. Und irgendwo wird ein Mopedfahrer beweisen, dass Lärm auch ohne hohe Geschwindigkeit eine Kunstform sein kann.

Am Ende bleibt eine sehr hildenerische Erkenntnis: Wenn ein neues Schild aufgestellt wird, steht dort nicht nur eine Zahl. Dort steht eine Einladung zur Debatte. Tempo 30 ist deshalb weniger ein Verkehrsschild als ein Gesprächsangebot mit rotem Rand. Und Hilden nimmt solche Angebote bekanntlich sehr ernst.

Ob Tempo 30 die Stadt ruhiger macht, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die Diskussion darüber ist es nicht.

Dienstag, 16. Juni 2026

16.6.2026: Hilden tanzt – oder: Wenn der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz plötzlich Hüfte hat

Hilden ist vieles: Einkaufsstadt, Baustellenbeobachtungszentrum, Tempo-30-Diskussionsraum, Schützenfest-Experimentierfläche und gelegentlich sogar ein Ort, an dem man sich fragt, ob die Ampeln eigentlich nach geheimen astrologischen Regeln geschaltet sind. Aber am 28. Juni wird Hilden noch etwas anderes: Tanzfläche. Dann verwandelt sich der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz von 15 bis 19 Uhr in eine große Open-Air-Bühne für alle, die Rhythmus im Blut haben – oder zumindest bereit sind, so zu tun.

„Hilden tanzt“ geht in die zweite Runde. Das klingt zunächst harmlos, ist aber in Wahrheit ein mutiger Angriff auf die rheinische Grundhaltung: erst einmal am Rand stehen, Arme verschränken, skeptisch gucken und sagen: „Mal sehen, ob da überhaupt jemand mitmacht.“ Im vergangenen Jahr war der Platz voll, es wurde getanzt, gelacht und gemeinsam gefeiert. Das ist für Hilden schon fast revolutionär. Denn normalerweise braucht es hier mehrere Sitzungen, zwei Vorbesprechungen und mindestens einen kritischen Facebook-Kommentar, bevor sich etwas bewegt.

Diesmal soll also wieder getanzt werden. Für alle Generationen. Ohne Vorkenntnisse. Das ist wichtig. Denn „ohne Vorkenntnisse“ ist die freundlichste Formulierung für: Niemand muss vorher erklären, warum Disco Fox zuletzt auf einer Hochzeit 1998 versucht wurde und seitdem nur noch als Erinnerung mit leichtem Knieziehen existiert. Es muss auch niemand Bachata buchstabieren können, um mitzumachen. Und Line Dance darf man ruhig erst einmal für eine neue Form geordneter Warteschlange halten.

Durch das Programm führt Sven Reichelt von der Tanzschule Reichelt. Das ist beruhigend, denn bei offenen Tanzveranstaltungen braucht es jemanden, der den Überblick behält, während 40 Menschen gleichzeitig versuchen, links und rechts nicht öffentlich zu verwechseln. Ein guter Tanzlehrer erkennt sofort, ob eine Gruppe bereit für den nächsten Schritt ist oder ob sie noch einmal kollektiv daran erinnert werden muss, dass „nach vorne“ nicht dasselbe ist wie „zum Getränkestand“.

Disco Fox steht auf dem Programm. Der Klassiker. Der Tanz, bei dem jeder glaubt, ihn irgendwie zu können, bis Musik läuft. Dann zeigt sich, dass Disco Fox weniger ein Tanz als ein soziales Verhandlungssystem ist. Einer führt, einer folgt, beide zählen innerlich mit, und spätestens nach der zweiten Drehung steht jemand dort, wo er nicht geplant war. Trotzdem funktioniert es erstaunlich oft. Vielleicht, weil Disco Fox im Rheinland tief im Unterbewusstsein liegt, irgendwo zwischen Karneval, Familienfeier und „Komm, ein Lied noch“.

Bachata bringt dann ein wenig internationales Flair auf den Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz. Das klingt nach Sommer, Rhythmus und Hüftbewegungen, bei denen viele Hildener vermutlich zunächst sehr konzentriert auf ihre Schuhe schauen werden. Bachata verlangt Gefühl, Lockerheit und Beweglichkeit. Also genau jene drei Dinge, die im Alltag oft verloren gehen, wenn man gerade versucht, an der Mittelstraße einen Parkplatz zu finden. Aber vielleicht ist gerade das der Reiz: Für ein paar Minuten zählt nicht, ob der Einkauf erledigt ist, ob der Bus pünktlich kommt oder ob Tempo 30 jetzt richtig oder falsch ist. Es zählt nur der nächste Schritt.

Und dann: Line Dance. Der demokratischste aller Tänze. Niemand muss einen Partner suchen, niemand wird plötzlich gedreht, niemand muss flüstern: „Du führst aber komisch.“ Beim Line Dance stehen alle nebeneinander und versuchen gemeinsam, dieselbe Richtung zu finden. In Hilden könnte das sogar kommunalpolitisch inspirierend wirken. Wenn es gelingt, dass 100 Menschen gleichzeitig nach rechts, nach links und wieder zurück gehen, sollte doch vielleicht auch irgendwann eine Ampelschaltung funktionieren.

Besonders schön ist die Ankündigung, dass zu jeder vollen Stunde ein Überraschungs-Act auf der Bühne für Unterhaltung sorgt. Überraschungs-Acts sind im Stadtleben immer eine kleine Wundertüte. Es kann alles sein: Musik, Tanz, Akrobatik, vielleicht ein besonders mutiger Auftritt mit Glitzerhut. Wichtig ist nur, dass niemand vorher genau weiß, was passiert. In Hilden ist das eine seltene Erfahrung, denn normalerweise wird alles angekündigt, beraten, beworben und anschließend nachbesprochen. Ein echter Überraschungs-Act bringt also genau jene spontane Unruhe, die ein Sommernachmittag verträgt.

Für Essen und Getränke ist ebenfalls gesorgt. Das ist klug, denn Tanzen macht hungrig. Oder durstig. Oder beides. Außerdem gibt es immer Besucher, die zunächst nur „wegen der Verpflegung“ kommen, dann aber beim dritten Lied mit dem Fuß wippen und beim fünften Lied so tun, als hätten sie nur zufällig den Takt erwischt. Viele Tänzerkarrieren beginnen nicht mit Begeisterung, sondern mit einem Getränk in der Hand und dem Satz: „Nein, ich tanze nicht.“ Zehn Minuten später steht man in der dritten Reihe und macht Line Dance.

„Hilden tanzt“ ist deshalb mehr als eine Veranstaltung. Es ist ein freundlicher Test, wie viel Lockerheit eine Stadt verträgt. Denn Tanzen im öffentlichen Raum ist eine besondere Sache. Da gibt es keine Wohnzimmerwand, hinter der man sich verstecken kann. Keine Hochzeitstafel, an die man sich notfalls zurückzieht. Kein dunkles Vereinsheim, in dem Fehltritte gnädig verschwimmen. Auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz tanzt man mitten in Hilden. Sichtbar. Offen. Zwischen Alltag und Sommerfestgefühl. Das ist mutig – und genau deshalb schön.

Man darf sich die Szene vorstellen: Kinder springen sofort hinein, weil Kinder selten überlegen, ob eine Bewegung peinlich ist. Jugendliche tun erst so, als sei alles maximal unangenehm, schauen aber doch hin. Erwachsene warten, bis genug andere mitmachen, damit es nicht auffällt. Senioren beweisen, dass Rhythmus keine Altersfrage ist. Und irgendwo steht garantiert jemand am Rand, nickt kritisch zur Musik und sagt: „Eigentlich ganz nett.“ In Hilden ist das bereits ein überschwängliches Lob.

Vielleicht ist genau das der Zauber dieser Veranstaltung. Sie holt Menschen zusammen, ohne dass man viel erklären muss. Niemand braucht Vereinsmitgliedschaft, Abendgarderobe oder Tanzerfahrung. Man muss nur kommen, stehen bleiben, zuhören – und irgendwann vielleicht einen Schritt wagen. Und selbst wer nicht mittanzt, gehört dazu. Denn auch Zuschauen ist in Hilden eine ernste Kulturtechnik.

Am Ende wird der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz für vier Stunden zu etwas, das man im Alltag viel zu selten sieht: ein gemeinsamer Raum, in dem sich Menschen nicht über Verkehr, Preise, Baustellen oder Politik unterhalten müssen, sondern einfach Musik hören und sich bewegen. Das klingt simpel. Ist aber eigentlich ziemlich groß.

Wenn Hilden also am 28. Juni wieder tanzt, dann tanzt nicht nur eine Stadt. Dann tanzen auch ein paar alte Gewohnheiten kurz zur Seite. Die Skepsis macht Platz für Musik. Der Alltag weicht ein paar Schritten Disco Fox. Und irgendwo zwischen Bachata, Line Dance und Überraschungs-Act entsteht dieser schöne Gedanke: Vielleicht braucht eine Stadt nicht immer neue Konzepte. Manchmal reicht ein Platz, Musik, ein Tanzlehrer und die Einladung, einfach mitzumachen.

Und falls jemand den falschen Schritt macht: Kein Problem. In Hilden wird darüber höchstens kurz gesprochen. Also zwei bis drei Wochen.

Montag, 15. Juni 2026

15.6.2026: Hilden unter Strom – oder: Wenn an der Max-Volmer-Straße plötzlich Zukunft produziert wird

Hilden hat schon viele Rollen gespielt. Einkaufsstadt, Pendlerstadt, Baustellenstadt, Tempo-30-Versuchslabor, Schützenfest-Freiluftfläche und gelegentlich auch emotionale Selbsthilfegruppe für Menschen, die an Ampelschaltungen verzweifeln. Nun kommt eine neue Rolle dazu: Energiespeicherstandort. Das klingt zunächst technisch, kühl und nach einer Pressemitteilung, in der Wörter wie „Skalierbarkeit“, „Wertschöpfung“ und „technologische Unabhängigkeit“ vorkommen. Aber im Kern bedeutet es: In Hilden wird künftig nicht nur diskutiert, gebremst, gefeiert und getanzt – in Hilden wird jetzt auch Strom gespeichert.

Die Firma Gepvolt SE hat am Standort Hilden die Serienproduktion von Batteriespeichersystemen aufgenommen. Batteriespeichersysteme – das ist eines dieser Wörter, bei denen man schon beim Aussprechen merkt, dass die Zukunft nicht mehr aus Dampfmaschinen, Schreibmaschinen und Faxgeräten besteht. Es geht um industrielle Speicherlösungen für Unternehmen, Energieversorger, Kommunen sowie Betreiber von Solar- und Windparks. Also um jene Infrastruktur, die dafür sorgen soll, dass Energie nicht nur erzeugt, sondern auch dann genutzt werden kann, wenn gerade keine Sonne scheint, kein Wind weht oder jemand im Rathaus aus Versehen gleichzeitig alle Kaffeemaschinen einschaltet.

Dass ausgerechnet Hilden dabei eine Rolle spielt, ist irgendwie wunderbar. Denn Hilden ist nicht die Stadt, die sich morgens vor den Spiegel stellt und sagt: „Heute werde ich europäische Energieunabhängigkeit stärken.“ Hilden ist eher die Stadt, die erst einmal fragt, ob man dafür irgendwo parken kann. Und doch entsteht an der Max-Volmer-Straße nun eine neue Produktionsplattform, die moderne Batteriespeicher industriell fertigen soll. 14.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche sollen hinzukommen. Das ist nicht einfach ein bisschen mehr Halle. Das ist eine Größenordnung, bei der man in Hilden normalerweise anfängt zu überlegen, ob dafür nicht mindestens drei Arbeitskreise, zwei Verkehrsgutachten und ein skeptischer Kommentar auf Facebook nötig sind.

Besonders bemerkenswert: Das Unternehmen will seine Beschäftigtenzahl bis Jahresende mindestens verdoppeln. Von rund 40 auf mindestens 80 Beschäftigte. In Zeiten, in denen viele Meldungen eher nach Sparprogramm, Stellenabbau oder „wir optimieren unsere Strukturen“ klingen, ist das fast schon ungewohnt positiv. Da baut ein Mittelständler in Hilden aus, schafft neue Arbeitsplätze und investiert in einen Zukunftsmarkt. Man möchte fast misstrauisch werden, weil gute Nachrichten in lokalen Debatten manchmal wirken wie ein falsch sortierter Einkaufswagen: erfreulich, aber irgendwie überraschend.

Natürlich darf in einer solchen Meldung die große Zukunftssprache nicht fehlen. Es geht um technologische Kompetenz, Versorgungssicherheit und europäische Wertschöpfung. Das klingt nach Vorstandssatz mit Krawattenknoten, ist aber durchaus wichtig. Denn wer Energie speichern kann, hat in der Energiewende einen entscheidenden Baustein in der Hand. Wind und Sonne sind bekanntlich großartige Energiequellen, aber sie haben einen Charakter wie manche Hildener Veranstaltungen: Sie finden statt, wenn die Bedingungen stimmen. Mal ist zu viel da, mal zu wenig. Batteriespeicher sollen helfen, diese Schwankungen auszugleichen. Vereinfacht gesagt: Wenn die Sonne über Hilden einmal ordentlich liefert, soll die Energie nicht beleidigt verpuffen, sondern sauber geparkt werden.

Die eingesetzte Lithium-Eisenphosphat-Technologie klingt zwar nach Chemieunterricht kurz vor der Klausur, gilt aber als wichtige Speichertechnologie für stationäre Anwendungen. Die Zellen werden zu Batteriemodulen verarbeitet, moderne Lasertechnik sorgt für präzise Kontaktierungen, und ein eigenes Zellkontaktierungssystem verbindet elektrische Leistungsfähigkeit, Stabilität und Zustandsüberwachung. Das ist technisch anspruchsvoll – und zugleich herrlich weit entfernt von dem, was man früher unter „Batterie“ verstand. Früher bedeutete Batterie: Fernbedienung geht nicht, irgendwo in der Schublade müssen noch zwei AA-Zellen liegen. Heute bedeutet Batterie: industrielle Speicherplattform, Energieversorgung, Fertigungskapazität, Europa.

Man kann sich vorstellen, wie Hilden langsam lernt, mit diesem neuen Hightech-Selbstbewusstsein umzugehen. Bisher war man stolz auf gute Bäckereien, solide Vereine, lokale Feste, Grünanlagen, die Mittelstraße und die Fähigkeit, über Verkehrsfragen leidenschaftlich zu streiten. Jetzt kommt hinzu: „Wir haben da auch noch eine Firma, die Batteriespeicher in Serie produziert.“ Das klingt gleich ganz anders. Plötzlich wirkt die Max-Volmer-Straße nicht mehr nur wie ein Gewerbestandort, sondern wie ein kleiner Beitrag zur Energiewende. Zwischen Lieferverkehr, Hallen, Parkplätzen und Produktionsflächen entsteht Zukunft – nicht als große Vision auf einer Konferenzbühne, sondern ziemlich konkret in Hilden.

Natürlich wird es auch praktische Fragen geben. Wenn neue Produktionsflächen entstehen und Beschäftigte hinzukommen, wird irgendjemand fragen, was das für den Verkehr bedeutet. Das ist in Hilden gesetzlich vorgeschrieben, zumindest gefühlt. Andere werden wissen wollen, ob die neuen Jobs wirklich langfristig sind, wie nachhaltig die Lieferketten sind, woher die Zellen kommen und ob die europäische Wertschöpfung am Ende wirklich so europäisch ist, wie sie klingt. Solche Fragen sind berechtigt. Zukunftstechnologie darf nicht nur glänzen, sie muss auch belastbar sein. Aber zunächst einmal ist es bemerkenswert, dass hier nicht nur über Transformation geredet wird, sondern tatsächlich Produktionskapazität entsteht.

Und genau darin liegt der Charme dieser Geschichte. Während andernorts über Energiewende gestritten wird, produziert Hilden Speicher. Während in Talkshows über Versorgungssicherheit debattiert wird, werden an der Max-Volmer-Straße Batteriemodule gefertigt. Während manche Menschen noch überlegen, ob Elektroautos, Wärmepumpen, Solaranlagen und Speicher nun Fortschritt oder Zumutung sind, macht ein Hildener Unternehmen daraus ein Geschäftsmodell. Das ist fast schon unverschämt pragmatisch.

Vielleicht passt das sogar sehr gut zu Hilden. Die Stadt ist selten spektakulär im lauten Sinne. Sie ist kein Ort, der sich ständig selbst ins Schaufenster stellt und „Innovation!“ ruft. Hilden macht Dinge eher bodenständig. Ein bisschen nüchtern, ein bisschen ordentlich, manchmal mit Diskussion, aber oft erstaunlich wirkungsvoll. Und so wirkt auch diese Meldung: kein Feuerwerk, kein großes Pathos, sondern eine Produktionshalle, Beschäftigte, Technologie und der ziemlich konkrete Satz: Hier wird aus Zukunft Arbeit.

Am Ende bleibt ein schönes Bild. Hilden speichert Energie. Nicht nur in Batteriemodulen, sondern auch symbolisch. In einer Stadt, die oft über Lärm, Verkehr, Feste, Zäune und Plätze spricht, gibt es nun eine Geschichte über Wachstum, Industrie und technologische Veränderung. Eine Geschichte, die zeigt, dass Zukunft nicht immer in Metropolen beginnen muss. Manchmal beginnt sie auch an der Max-Volmer-Straße.

Und vielleicht wird man in einigen Jahren sagen: Damals, als alle noch über Tempo 30 diskutierten, hat Hilden längst angefangen, die Energiewende zu speichern. Nur eben leise. Industriell. Mit Lasertechnik. Und hoffentlich mit ausreichend Parkplätzen.

Sonntag, 14. Juni 2026

14.6.2026: Wenn Fabry Geburtstag hat und Hilden jongliert

Hilden hat viele Talente. Die Stadt kann über Parkplätze diskutieren, Baustellen geduldig beobachten, beim Wochenmarkt sehr genau wissen, welcher Stand wo hingehört, und innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob eine Veranstaltung „ganz nett“ oder „früher irgendwie voller“ war. Aber am 20. Juni zeigt Hilden eine seiner besonders sympathischen Seiten: Dann lädt das Wilhelm-Fabry-Museum zum Sommerfest ein. Und zwar nicht irgendwo, sondern stilecht auf dem Gelände an der Benrather Straße, wo Geschichte, Kultur, Jazz, Wein, Zirkus und Hildener Vereinslogistik zu einer jener Mischungen zusammenkommen, die man nur im Rheinland wirklich versteht.

Der Anlass ist durchaus würdig. Wilhelm Fabry, der berühmte Namensgeber des Museums, würde am 25. Juni seinen 466. Geburtstag feiern. 466 Jahre – das ist ein Alter, bei dem selbst die ältesten Hildener Vereinsprotokolle noch ehrfürchtig schweigen. Während andere Menschen zum Geburtstag vielleicht Kuchen, Kerzen oder einen Gutschein bekommen, erhält Fabry in Hilden ein ganzes Sommerfest. Das ist angemessen. Wer nach fast fünf Jahrhunderten noch ein Museum, einen festen Platz im Stadtgedächtnis und ein eigenes Fest bekommt, hat im Leben offenbar einiges richtig gemacht.

Los geht es am Samstag ab 15 Uhr. Eine Uhrzeit, die klug gewählt ist. Nicht zu früh, damit niemand das Gefühl hat, kulturelle Bildung müsse direkt nach dem Frühstück beginnen. Nicht zu spät, damit man noch rechtzeitig zwischen Jazz, Jonglage, Wein und Würstchen entscheiden kann. Denn das Programm ist breit genug, um in Hilden mehrere Zielgruppen gleichzeitig zu beschäftigen: Kinder, Eltern, Kulturinteressierte, Weinfreunde, Jazzfans, Menschen mit Bewegungsdrang und jene Besucher, die eigentlich nur kurz vorbeischauen wollten und dann doch drei Stunden im historischen Innenhof stehen bleiben.

Ein besonderes Highlight ist der Hildener Mitmachzirkus. Schon der Begriff „Mitmachzirkus“ klingt nach einem Ort, an dem Erwachsene plötzlich wieder sehr beschäftigt wirken, wenn ihnen jemand ein Diabolo in die Hand drückt. Unter dem Motto „Wir bewegen uns wie im Zirkus“ dürfen Groß und Klein ausprobieren, was im echten Leben meistens leichter aussieht, als es ist. Jonglage, Regenbogenbänder, chinesische Teller – das klingt nach Spaß, Farbe und der realistischen Möglichkeit, dass irgendwo ein Vater nach zwei Minuten sagt: „Das konnte ich früher besser.“ Natürlich konnte er es früher nicht besser. Aber das gehört zum Sommerfestgefühl dazu.

Kinder werden vermutlich begeistert sein. Jugendliche werden erst skeptisch schauen und dann doch mitmachen, wenn niemand zu genau hinsieht. Erwachsene werden versuchen, die chinesischen Teller möglichst elegant rotieren zu lassen, während sie innerlich hoffen, dass gerade niemand filmt. Und irgendwo wird garantiert jemand sagen: „Das ist ja gar nicht so einfach.“ Das ist der eigentliche pädagogische Wert solcher Angebote: Man lernt Demut gegenüber Zirkusartisten und gegenüber Kindern, die nach drei Versuchen besser jonglieren als man selbst nach 40 Lebensjahren.

Für die musikalische Begleitung sorgt ab 15 Uhr das Jazztrio „Last Minute“. Schon der Name passt wunderbar zu Hilden. „Last Minute“ klingt nach Proben kurz vor knapp, nach rheinischer Gelassenheit und nach Musikern, die trotzdem souverän Sinatra, Nat King Cole und Louis Armstrong im Gepäck haben. Jazz auf dem Museumsgelände ist ohnehin eine schöne Vorstellung. Zwischen historischen Mauern und sommerlichem Innenhof bekommt selbst ein Klassiker sofort etwas Mondänes. Hilden wird dann für ein paar Stunden zur kleinen Kulturmetropole mit Swing, Wein und der angenehmen Illusion, man befinde sich in einem Innenhof irgendwo zwischen New Orleans, Paris und Benrather Straße.

Natürlich darf auch die Verpflegung nicht fehlen. In Hilden weiß man: Eine Veranstaltung ohne Essen ist keine Veranstaltung, sondern eine Informationsveranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen das Team der Hildener AT sowie Schülerinnen und Schüler des Helmholtz-Gymnasiums und der Theresienschule. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch pädagogisch wertvoll. Junge Menschen lernen dabei, dass Kulturarbeit nicht nur aus schönen Bildern, Musik und klugen Reden besteht, sondern auch aus Servietten, Getränken, Warteschlangen und der Frage, wo eigentlich der Müllbeutel geblieben ist.

Dazu kommt Jacques Weindepot mit sommerlichen Weinen. Das klingt nach genau jener zivilisierten Form von Hildener Geselligkeit, bei der aus „nur ein kleines Glas“ sehr schnell „ach, wenn wir schon mal hier sind“ wird. Im historischen Innenhof darf dann angestoßen werden – auf Fabry, auf den Sommer, auf die Kultur und vielleicht auch darauf, dass niemand beim Mitmachzirkus versehentlich ein Regenbogenband in ein Weinglas zieht.

Künstlerisch wird es ebenfalls. In der Historischen Kornbrennerei wird die Ausstellung „Das bin ICH – Q1 des HGH präsentiert sich in Anlehnung an Frida Kahlo“ eröffnet. Schon der Titel verspricht Selbstporträts, Persönlichkeit, Farbe und vermutlich deutlich mehr Ausdruck, als man morgens vor dem Badezimmerspiegel normalerweise zustande bringt. Begleitet wird das Projekt von der Lehrerin und Künstlerin Alessa Nitsch. Dass Schülerinnen und Schüler sich künstlerisch mit Frida Kahlo auseinandersetzen, passt gut zu einem Ort, der Geschichte nicht nur konserviert, sondern immer wieder neu mit Gegenwart füllt.

Auch die aktuelle Ausstellung „Die Augen der Frida Kahlo – eine fotografische Hommage von Bert Loewenherz“ kann an diesem Tag besucht werden. Damit bekommt das Sommerfest eine zusätzliche kulturelle Tiefe. Zwischen Zirkusbewegung, Jazzmusik und sommerlichem Weinblick gibt es also auch Kunst, die genaueres Hinsehen verlangt. Das ist schön, denn Hilden kann beides: geselliges Beisammensein und ernsthafte Betrachtung. Manchmal sogar in derselben Viertelstunde.

Am Ende ist dieses Sommerfest genau so eine Veranstaltung, wie Hilden sie braucht. Nicht laut, nicht überdreht, nicht künstlich aufgeblasen. Sondern vielfältig, lokal, offen und mit einer angenehm rheinischen Mischung aus Kultur, Ehrenamt, Musik, Jugendprojekt, Wein und Kinderprogramm. Ein Fest, bei dem der berühmte Wilhelm Fabry vermutlich anerkennend nicken würde – zumindest, wenn er nicht gerade irritiert fragen würde, was ein Mitmachzirkus ist und warum Menschen Teller auf Stäben drehen.

Hilden stößt also auf einen Mann an, der vor 466 Jahren geboren wurde, und macht daraus einen Nachmittag für alle Generationen. Das ist eigentlich ziemlich charmant. Denn während anderswo Geburtstage nach Kaffee und Kuchen enden, feiert Hilden mit Jazz, Frida Kahlo, Jonglage und Wein im Museumshof.

So bleibt nur eine Erkenntnis: Wenn Fabry Geburtstag hat, wird in Hilden nicht einfach gratuliert. Es wird musiziert, jongliert, ausgestellt, ausgeschenkt und gemeinsam festgestellt, dass Kultur manchmal am schönsten ist, wenn sie unter freiem Himmel stattfindet – und wenn irgendwo ein chinesischer Teller gefährlich wackelt.

Samstag, 13. Juni 2026

13.6.2026: Das Schützenfest ohne Zelt – oder: Hilden probt den Brauchtumsfreiluftversuch


Hilden ist eine Stadt, die mit Veränderungen grundsätzlich umgehen kann. Man schaut sie sich erst einmal genau an, diskutiert sie auf dem Alten Markt, wägt sie im Familienkreis ab, bringt sie beim Friseur zur Sprache und entscheidet dann, dass früher zwar nicht alles besser war, aber zumindest das Festzelt noch stand. Genau deshalb ist das Schützenfest 2026 ein Ereignis von historischer Tragweite: Zum ersten Mal wird ohne Festzelt gefeiert. Unter freiem Himmel. Mit Bühne. Mit Mut. Mit Risiko. Und vermutlich mit mindestens drei Menschen, die am ersten Abend sagen: „Also mit Zelt war das aber gemütlicher.“

Dabei ist das Festzelt im Rheinland nicht einfach ein Stück Stoff mit Gestänge. Es ist eine Institution. Ein mobiles Wohnzimmer mit Biergeruch, Blasmusik, klebrigem Boden und jener ganz besonderen Akustik, bei der jedes Gespräch ab dem dritten Satz automatisch zum Anschreien wird. Im Festzelt wird nicht nur gefeiert. Dort werden Generationen verbunden, Könige bejubelt, Schnäpse bereut und Sätze gesagt wie: „Nur noch eins, dann gehen wir.“ Das Festzelt ist im Brauchtum ungefähr das, was die Kaffeemaschine im Büro ist: technisch ersetzbar, emotional aber systemrelevant.

Doch in Hilden ist das Zelt inzwischen offenbar so teuer geworden, dass man vermuten könnte, es bestehe aus handgewebtem Goldbrokat mit WLAN-Anschluss und Fußbodenheizung. 10.000 bis 14.000 Euro für ein Festzelt, dazu Sicherheitskräfte, Musikzüge und die drohende Frage, ob genug Bier getrunken wird. Man stelle sich das einmal vor: Das Überleben des Schützenfestes hängt nicht nur am Brauchtum, sondern auch an der Literleistung der Hildener Bevölkerung. Früher hieß es: „Trinkt aus, wir müssen los.“ Heute heißt es: „Trinkt aus, sonst wird es betriebswirtschaftlich schwierig.“

Besonders schön ist die Erkenntnis: „In Hilden ist der Umsatz mit Bier einfach nicht so da, wie er sein sollte.“ Das ist ein Satz, der in Köln vermutlich als kultureller Notstand eingestuft würde. In Hilden klingt er nach Haushaltsausschuss mit Zapfhahn. Offenbar gibt es eine heimliche Bier-Soll-Menge, die erreicht werden muss, damit das Brauchtum nicht in die Verlustzone rutscht. Wer bislang dachte, ein Bier auf dem Schützenfest sei nur ein Getränk, weiß jetzt: Es ist ein Beitrag zur Traditionssicherung.

Die Schützen stehen ohnehin vor einer Herausforderung, die viele Vereine kennen: Die Mitglieder werden älter, neue kommen nicht in ausreichender Zahl nach, und das Ehrenamt trägt immer schwerere Lasten. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 bis 70 Jahren. Das ist einerseits respektabel, andererseits auch eine Zahl, bei der man versteht, warum ein Open-Air-Konzept mit Sitzgelegenheiten kein Luxus, sondern Infrastrukturpolitik ist. Gleichzeitig leisten die Ehrenamtlichen weiter eine enorme Arbeit. Sie organisieren, planen, schleppen, verhandeln, erklären, werben, lächeln und versuchen, ein Brauchtum lebendig zu halten, das in einer Stadt wie Hilden eben nicht nur aus Uniformen und Orden besteht, sondern aus Gemeinschaft, Verlässlichkeit und dem festen Glauben, dass ein Fassanstich noch immer mehr sagt als jede PowerPoint-Präsentation.

Natürlich haftet dem Schützenwesen ein Image an, das nicht immer hilfreich ist. Manche denken bei Schützen sofort an wilde Westernfilme, amerikanische Waffendebatten oder Männer, die seit 1978 denselben Hut tragen. Dabei geht es in Hilden sehr viel weniger um Revolverromantik als um Vereinsleben, Verantwortung und Luftgewehr in gesicherten Räumen. Aber gegen Vorurteile hilft selten ein erklärender Satz. Vielleicht hilft eher ein offenes Fest, ein Tag der offenen Tür, digitale Präsenz, eine Bühne auf dem Alten Markt und die Botschaft: Kommt vorbei, schaut es euch an, es ist weniger altbacken, als ihr denkt. Und falls doch jemand altbacken sagt, gibt es hoffentlich wenigstens etwas Frisches vom Grill.

Auch die Sache mit dem Platz ist typisch Hilden. Es gibt keinen „anständigen Schützenplatz“, heißt es. Der Alte Markt ist schön, zentral und traditionsreich, aber eben nicht gerade so groß, dass man dort problemlos Festzelt, Kirmes, Bühne, Bierwagen, Musikzug, Sicherheitskonzept und die gesamte emotionale Geschichte des Schützenwesens unterbringen könnte. Der Nove-Mesto-Platz wiederum ist ein Thema für sich. Mal geht es um Anwohner, mal um den Wochenmarkt, mal um Schausteller, mal um angebliche Tragfähigkeit, mal um Erfahrungen aus der Vergangenheit. In Hilden reicht manchmal schon ein Fahrgeschäft auf dem falschen Pflaster, und plötzlich hat man eine Debatte, die länger dauert als der Autoscooter fahren würde.

Die Schausteller meiden Hilden, heißt es. Das klingt fast dramatisch. Als würden sie nachts mit ihren Wohnwagen an der Stadtgrenze stehen, einmal Richtung Mittelstraße blicken und dann flüstern: „Nein, nicht Hilden. Nicht noch einmal.“ Gründe gibt es offenbar genug: ungünstige Platzierung, schlechte Erfahrungen, Jugendliche am Eingang, Alkohol, Einbruch in ein Fahrgeschäft. Da merkt man: Auch eine Kirmes hat ein Gedächtnis. Und wahrscheinlich ein sehr gutes.

Nun also das neue Konzept: Schützenfest ohne Festzelt, dafür unter freiem Himmel, mit Bühne, freiem Eintritt und einem Krönungsball in der Stadthalle. Das klingt zunächst nach Einsparung, könnte aber auch eine Chance sein. Vielleicht wird das Fest dadurch sichtbarer, offener, leichter zugänglich. Vielleicht bleiben Menschen eher stehen, wenn sie nicht erst durch einen Zelteingang müssen. Vielleicht entdeckt Hilden das Schützenfest neu, weil es plötzlich mitten im Stadtleben stattfindet und nicht hinter Zeltplanen verschwindet. Und vielleicht ist gerade der Verzicht auf das alte Herzstück der Versuch, dem Brauchtum ein neues Herzklopfen zu geben.

Der Höhepunkt der rheinischen Programmplanung ist natürlich das Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft. Schützenfest und Nationalmannschaft unter freiem Himmel – das ist entweder genial oder meteorologisch mutig. Wenn Deutschland gewinnt, war es ein visionäres Konzept. Wenn es regnet, war es Brauchtum mit Bewässerung. Und falls beides gleichzeitig passiert, wird Hilden vermutlich sagen: „So schlimm war es gar nicht, immerhin war der Eintritt frei.“

Am Ende geht es um mehr als um ein Zelt. Es geht um die Frage, wie Tradition in einer Stadt weiterleben kann, wenn sich Gewohnheiten ändern, Kosten steigen und Vereine um Nachwuchs kämpfen. Ein Schützenfest ohne Festzelt ist auf den ersten Blick ein Verlust. Auf den zweiten Blick ist es vielleicht ein Experiment. Und auf den dritten Blick ist es sehr hildenerisch: Man macht weiter, aber anders. Man spart, aber nicht am Willen. Man verzichtet auf das Zelt, aber nicht auf das Fest.

Das Brauchtum soll nicht untergehen. Dieser Satz klingt groß, fast pathetisch. In Hilden bedeutet er ganz praktisch: Bühne aufbauen, Fass anstechen, Musik organisieren, Majestäten proklamieren, Menschen einladen, Verluste vermeiden und hoffen, dass das Wetter mitspielt. Es ist kein einfacher Neustart. Aber vielleicht ein ehrlicher.

Und wer weiß: Vielleicht wird das Schützenfest ohne Zelt am Ende genau das, was Hilden manchmal braucht. Ein bisschen weniger „Das war immer so“ und ein bisschen mehr „Wir probieren das jetzt einfach mal“. Das Zelt fehlt. Aber das Fest bleibt. Und wenn genügend Menschen kommen, mitfeiern und vielleicht auch das eine oder andere traditionssichernde Getränk bestellen, könnte aus dem Freiluftversuch sogar eine neue Hildener Geschichte werden.

Nur eines ist sicher: Sollte es regnen, wird irgendjemand sagen: „Mit Zelt wäre das nicht passiert.“ Und genau deshalb bleibt das Brauchtum lebendig.