Wer in Hilden derzeit ein kleines Abenteuer sucht, muss nicht in den Freizeitpark fahren, keinen Survival-Kurs buchen und auch nicht mit verbundenen Augen durch den Itterpark joggen. Es reicht völlig, sich ins Auto zu setzen und die Walder Straße entlangzufahren. Dort wartet ein Parcours, der irgendwo zwischen „Verkehrsweg“, „Stoßdämpferteststrecke“ und „kommunalem Geschicklichkeitsspiel“ angesiedelt ist.
Die Walder Straße, sonst bekannt als wichtige Verbindung Richtung Solingen-Wald, hat sich offenbar vorgenommen, ihren Nutzern etwas zu bieten. Einfach nur geradeaus fahren? Wie langweilig. Stattdessen gibt es Schlaglöcher, Bodenwellen, Flicken, Bröselstellen und jene kleinen Überraschungsmomente, bei denen man kurz überlegt, ob das gerade noch ein Geräusch vom Auto war oder schon ein Hilferuf der Vorderachse.
Bis zu 20.000 Fahrzeuge täglich sollen dort unterwegs sein. Das ist beeindruckend, vor allem, wenn man bedenkt, dass jedes einzelne davon vermutlich nach der Fahrt kurz innehält und denkt: „Wir haben es geschafft.“ Wer die Schlaglöcher elegant umfährt, darf sich beinahe wie bei einer praktischen Führerscheinprüfung für Fortgeschrittene fühlen. Nur ohne Prüfer. Dafür mit deutlich mehr Kaltasphalt.
Der Ärger der Bürger ist verständlich. Wenn eine Straße zur „Erlebnistour“ wird, klingt das zunächst nach touristischem Konzept. Man stellt sich Reisebusse vor, vielleicht mit Durchsage: „Zu Ihrer Linken sehen Sie ein besonders tiefes Exemplar der Gattung Winterschaden, rechts folgt gleich ein historisch gewachsener Asphaltflicken.“ Doch leider handelt es sich nicht um ein bewusst gestaltetes Freizeitangebot, sondern um den Zustand einer viel befahrenen Landesstraße.
Geflickt wurde bereits, und zwar mit Kaltasphalt. Das klingt nach einer pragmatischen Lösung, hat aber offenbar ungefähr die Haltbarkeit eines guten Vorsatzes im Februar. Der Asphalt hält eine Weile, bröselt dann, neue Löcher entstehen, alte Unebenheiten bleiben, und am Ende sieht die Straße aus, als hätte jemand versucht, ein sehr großes Pflaster auf ein sehr schlecht gelauntes Mammut zu kleben.
Zuständig ist Straßen.NRW, denn die Walder Straße ist eine Landesstraße. Die Stadt Hilden wiederum steht mit im Gespräch, denn vorher soll noch eine Kanalsanierung kommen. Und da bei dieser Kanalsanierung ohnehin ein großer Teil der Fahrbahn geöffnet werden müsste, wäre eine komplette Straßensanierung davor ungefähr so sinnvoll wie Fensterputzen während eines Sandsturms.
Also heißt es: erst Kanal, dann Straße. Irgendwann. Geplant ist zwischendurch immerhin eine großflächigere Instandsetzung mit Heißasphalt. Das klingt schon deutlich entschlossener. Heißasphalt hat im Namen wenigstens mehr Drama und Hoffnung als Kaltasphalt. Vielleicht wird aus der Buckelpiste dann zumindest eine lauwarme Übergangslösung.
Langfristig soll die Walder Straße umfassend erneuert werden. Sogar Querschnitt und Radverkehrsführung sollen angepasst werden. Das ist grundsätzlich erfreulich, befindet sich aber noch im Anfangsstadium. Übersetzt für den Alltag bedeutet das: Wer heute über die Walder Straße fährt, sollte weiterhin wachsam bleiben, beide Hände ans Lenkrad legen und sein Fahrzeug innerlich um Verzeihung bitten.
Bis dahin bleibt die Walder Straße ein Ort, an dem man Hildener Geduld, technische Zuständigkeiten und Stoßdämpfer gleichzeitig testen kann. Vielleicht sollte man am Anfang der Straße ein Schild aufstellen: „Willkommen auf der Walder Straße. Bitte sichern Sie lose Gegenstände, beruhigen Sie Ihre Mitfahrenden und genießen Sie die Fahrt.“
Hildener Geschichten
Dienstag, 28. April 2026
28.4.2026: Walder Straße: Hildens längste Erlebnisstrecke ohne Eintrittskarte
Montag, 27. April 2026
27.4.2026: Wenn der Bus länger tanzt als man selbst
In Hilden, Haan und Umgebung darf in der Nacht zum 1. Mai wieder getanzt, gefeiert und anschließend sehr hoffnungsvoll Richtung Haltestelle gewankt werden. Die Rheinbahn hat nämlich ein Herz für Nachtschwärmer, Maibaum-Bewacher, Tanzflächenakrobaten und all jene, die nach Mitternacht plötzlich feststellen, dass der Heimweg doch länger ist als der eigene Atem beim Cha-Cha-Cha.
In der Nacht von Donnerstag, 30. April, auf Freitag, 1. Mai, sowie direkt noch einmal von Freitag auf Samstag fährt die Rheinbahn länger. Nach Mitternacht gilt dann das NachtExpress-Angebot wie sonst am Wochenende. Das bedeutet: Wer sich beim Tanz in den Mai zeitlich ein wenig verschätzt, muss nicht gleich auf einer Parkbank philosophische Gespräche mit einem Döner führen, sondern hat gute Chancen, noch stilvoll mit Bus oder Bahn nach Hause zu kommen.
Besonders erfreulich für Hilden und Haan: Die DiscoLinien sind unterwegs. Allein der Name klingt schon nach Nebelmaschine, Glitzerhemd und jemandem, der um 2.17 Uhr überzeugt ist, noch „einen letzten Song“ zu brauchen. Die DL4 fährt in Erkrath und Hilden bis gegen 4 Uhr, die DL5 in Haan und Hilden bis 2 Uhr. Wer also nach der Maifeier feststellt, dass die Füße zwar gekündigt haben, der Kopf aber noch Vertragsverlängerung fordert, bekommt zumindest verkehrstechnisch Unterstützung.
Auch in Düsseldorf wird ordentlich nachgelegt. Mehrere Stadtbahn- und Buslinien fahren bis tief in die Nacht, teils alle 30 Minuten, teils stündlich. Die U72 verbindet Düsseldorf und Ratingen bis gegen 2 Uhr, während andere Linien sogar bis etwa 4 Uhr im Einsatz sind. Man kann also sagen: Die Rheinbahn macht das, was viele Partygäste auch versuchen – sie hält länger durch als geplant.
Am 1. Mai selbst gilt tagsüber der Sonntagsfahrplan. Das passt, denn nach einer durchtanzten Nacht bewegen sich ohnehin viele Menschen im Sonntagsmodus: langsam, würdevoll und mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen „War schön“ und „Nie wieder, bis nächstes Jahr“ liegt.
Wer ganz genau wissen möchte, wann welche Linie fährt, sollte vorher in die Fahrplanauskunft oder in die Rheinbahn-App schauen. Das ist besonders empfehlenswert, bevor man nachts an der Haltestelle steht und versucht, dem Fahrplan durch intensives Anstarren zusätzliche Busse zu entlocken. Für Fragen gibt es außerdem rund um die Uhr die kostenlose Hotline der Rheinbahn.
Kurz gesagt: Zum Tanz in den Mai darf die Region feiern, ohne dass der Heimweg zur Expedition wird. Die Rheinbahn sorgt dafür, dass Nachtschwärmer aus Hilden, Haan, Erkrath, Mettmann, Ratingen und Düsseldorf auch nach Mitternacht noch mobil bleiben. Und das ist doch beruhigend. Denn wer schon beim Tanzen aus dem Takt kommt, sollte wenigstens beim Heimfahren nicht völlig aus dem Fahrplan fallen.
Sonntag, 26. April 2026
26.4.2026: Hilden gibt Gas – aber bald mit mehr Wumms
In Hilden steht eine große Veränderung bevor, und nein, diesmal geht es nicht um neue Poller, Baustellen oder die Frage, warum man ausgerechnet dann keinen Parkplatz findet, wenn man nur „ganz kurz“ Brötchen holen will. Es geht ums Gas. Genauer gesagt: um die Umstellung von L-Gas auf H-Gas. Klingt erst einmal wie eine neue Diätformel aus dem Internet, ist aber tatsächlich eine ziemlich handfeste technische Angelegenheit.
Bisher kam in Hilden L-Gas aus den Niederlanden durch die Leitungen. Das „L“ steht dabei nicht für „lässig“, „leise“ oder „läuft schon irgendwie“, sondern für „Low Calorific“, also einen geringeren Energiegehalt. H-Gas wiederum steht für „High Calorific“ und hat entsprechend mehr Energie in der Leitung. Man könnte also sagen: Hilden steigt von der gemütlichen Gaskanne auf den kräftigeren Energiedrink um. Nur hoffentlich ohne Herzrasen beim Heizkessel.
Der Grund für die Umstellung ist nicht, dass irgendjemand bei den Stadtwerken morgens aufgewacht ist und dachte: „Ach, heute bringen wir mal 11.200 Haushalte ein bisschen durcheinander.“ Vielmehr liefern die Niederlande künftig kein L-Gas mehr nach Deutschland. Die Förderfelder dort sind nach und nach erschöpft, und ab dem 1. Oktober 2029 ist endgültig Schluss mit dem niederländischen L-Gas. Damit Hilden nicht irgendwann kollektiv im Wollpullover unter der kalten Dusche steht, wird rechtzeitig umgestellt.
Betroffen sind in Hilden rund 14.500 Erdgasgeräte in Haushalten und Unternehmen. Also Heizungen, Warmwasseranlagen und all die technischen Kästen, die meistens irgendwo im Keller hängen und so lange ignoriert werden, bis sie komische Geräusche machen. Damit diese Geräte künftig mit H-Gas klarkommen, müssen sie zunächst erfasst und später angepasst werden. Das passiert nicht per Zauberspruch, sondern durch Monteurinnen und Monteure, die im Auftrag der Stadtwerke unterwegs sein werden.
Jeder betroffene Haushalt bekommt mindestens zweimal Besuch. Beim ersten Termin wird geschaut, was da eigentlich im Keller, Hauswirtschaftsraum oder in der Abstellkammer vor sich hin arbeitet. Gerätetyp, Hersteller und wichtige Daten werden aufgenommen. Beim zweiten Termin wird das Gerät technisch angepasst, zum Beispiel durch den Austausch von Gasdüsen. Das klingt nach Feinarbeit, und genau das ist es auch. Man sollte also nicht selbst mit Schraubenzieher und YouTube-Tutorial loslegen. Der Satz „Ich hab da mal was am Gasgerät probiert“ gehört nämlich zu den Sätzen, bei denen Fachleute sehr schnell sehr blass werden.
Die gute Nachricht: Die Arbeiten sind für die Gasnutzer kostenlos. Niemand muss vor Ort bezahlen, niemand bekommt dafür eine Rechnung, und niemand sollte einem angeblichen Monteur Bargeld in die Hand drücken, nur weil dieser besonders überzeugend „Ich bin vom Gas“ sagt. Die Stadtwerke kündigen alle Termine rechtzeitig per Post an und geben auch Sicherheitshinweise, damit man echte Monteure von falschen unterscheiden kann. In Zeiten, in denen schon Paketboten, Glasfaserberater und angebliche Gewinnspielbeauftragte an der Tür klingeln, ist das durchaus beruhigend.
Los geht es voraussichtlich im Januar 2027 mit der Erhebung der Geräte. Ab Februar 2028 beginnt dann die technische Anpassung. Der große Schalttermin für Hilden ist für den 27. Juni 2028 vorgesehen. Das ist gewissermaßen der Tag, an dem Hilden offiziell auf H-Gas umsteigt. Kein Feiertag, kein Schützenumzug, vermutlich auch kein Feuerwerk, aber technisch betrachtet ein ziemlich bedeutender Moment.
Bis dahin heißt es: Briefe der Stadtwerke lesen, Termine im Blick behalten und dem Heizgerät gelegentlich freundlich zunicken. Es hat schließlich auch Gefühle. Oder zumindest eine Seriennummer. Und wer weiß: Vielleicht wird die Gasumstellung am Ende eines dieser seltenen Großprojekte, bei denen alles funktioniert, niemand panisch wird und Hilden einfach weiter warm duscht. Das wäre doch mal richtig heiß.
Samstag, 25. April 2026
25.4.2026: Wenn das Extrablatt mal kurz selbst einen Espresso braucht
Es gibt in jeder Stadt diese Orte, von denen man stillschweigend annimmt, dass sie einfach immer da sind. In Hilden gehört das Cafe Extrablatt ziemlich eindeutig dazu. Man läuft vorbei, sieht Menschen frühstücken, Kaffee trinken, Burger essen oder mit der ernsten Miene großer Weltpolitik über einen Aperol diskutieren, und denkt: Ja, alles ist in Ordnung, die Zivilisation funktioniert noch. Umso härter trifft nun die Nachricht, dass das Cafe Extrablatt an der Mittelstraße vom 4. Mai bis voraussichtlich 20. Juli für rund zweieinhalb Monate schließt. Zweieinhalb Monate! Für manche Stammgäste dürfte das emotional ungefähr auf einer Stufe stehen mit einem Stromausfall, einem WLAN-Abbruch und der Erkenntnis, dass der Lieblingsplatz auf der Terrasse künftig von jemand anderem besetzt sein könnte.
Der Grund für die Schließung ist allerdings kein Drama, sondern ein großer Umbau. Und zwar keiner von der Sorte „Wir stellen mal einen neuen Blumentopf auf“, sondern richtig handfest. Küche und Thekenbereich werden modernisiert, entkernt, neu angeordnet und mit neuen Geräten ausgestattet. Das klingt zunächst unromantisch, ist aber in Wahrheit der Maschinenraum jeder gastronomischen Glückseligkeit. Denn während Gäste meist nur wahrnehmen, dass ihr Getränk angenehm kühl und das Essen überraschend warm ankommt, steckt dahinter offenbar bislang eine kleine Schnitzeljagd für die Mitarbeitenden. Vier verschiedene Orte, um ein Getränk zuzubereiten, sind auf Dauer eben eher ein Hindernisparcours als ein Servicekonzept. Künftig sollen Gläser, Eiswürfel, Getränke und Minze an einem Platz sein. Mit anderen Worten: Mojitos werden bald nicht mehr unter den Bedingungen einer kleinen Expedition hergestellt.
Für die Gäste gibt es derweil Entwarnung. Die Grundatmosphäre soll erhalten bleiben, der bekannte Charme ebenfalls. Das ist eine ausgesprochen beruhigende Formulierung, denn bei Umbauten schwingt ja immer die leise Angst mit, dass hinterher alles aussieht wie eine Mischung aus Flughafenlounge, Zahnarztpraxis und skandinavischem Möbelkatalog. Doch nein: Das Extrablatt bleibt offenbar Extrablatt. Nur eben in praktischer. Ein Geländer verschwindet, eine neue Sitzbank kommt dazu, und auch draußen wird investiert. Neue Schirme, Markisen und Heizstrahler sollen die Aufenthaltsqualität verbessern. Man könnte also sagen: Das Café gönnt sich ein Update, ohne gleich seine Persönlichkeit an der Garderobe abzugeben.
Besonders interessant ist aber die logistische Meisterleistung hinter der Schließung. Rund 25 fest angestellte Mitarbeiter brauchen für diese Zeit Übergangslösungen, und die klingen fast wie der Spielplan einer kleinen Gastro-Wandertheatergruppe. Ausgeholfen wird in Düsseldorf, Monheim, Velbert und sogar bei einer Neueröffnung in Bocholt. Bocholt! Allein diese Option zeigt, wie ernst man es mit der Weiterbeschäftigung meint. Für den langen Arbeitsweg gibt es sogar Übernachtungsmöglichkeiten. Das ist der Moment, in dem der einfache Cafébesucher lernt: Hinter einem Latte Macchiato steckt manchmal mehr Reisebereitschaft, als man je vermutet hätte. Immerhin wird darauf geachtet, dass Mitarbeitende mit familiären Verpflichtungen nicht plötzlich zu Wochenpendlern des Franchise-Systems werden. Und manche im Team haben bereits angekündigt, die Umbauzeit für Urlaub zu nutzen. Verständlich. Wenn dein Arbeitsplatz vorübergehend aus Betonstaub, Handwerkern und entkernten Wänden besteht, klingt Erholung plötzlich sehr vernünftig.
Dass der Umbau ausgerechnet in den umsatzstarken Monaten Mai, Juni und Juli stattfindet, wirkt auf den ersten Blick mutig. Oder wahnsinnig. Oder beides. Der Betriebsleiter sieht darin aber Vor- und Nachteile. Im Sommer wären zwar eigentlich viele Gäste zu erwarten, gleichzeitig lassen sich Mitarbeitende in dieser Zeit besser in anderen Filialen unterbringen. Im Winter wäre das schwieriger gewesen. Das ist diese Art betriebswirtschaftlicher Logik, bei der man kurz innehält und anerkennend nickt, obwohl man innerlich nur denkt: Stimmt, klingt kompliziert, aber vermutlich besser, als im Dezember zwei Terrassen und 25 Mitarbeiter gleichzeitig jonglieren zu müssen.
Natürlich bleiben die Kosten des Umbaus geheim, was dem Ganzen eine gewisse Mystik verleiht. Man weiß also nicht genau, wie teuer es ist, eine Küche komplett zu entkernen, eine Theke neu zuzuschneiden und dem Außenbereich wetterfesten Charme zu verpassen. Aber vermutlich bewegt sich die Summe irgendwo zwischen „hui“ und „deshalb reden wir nicht darüber“. Auch das passt irgendwie in die Gastronomie: Der Gast soll am Ende einfach nur merken, dass alles besser läuft, ohne beim Frühstück nebenbei einen Finanzbericht serviert zu bekommen.
Wenn alles nach Plan läuft, eröffnet das Cafe Extrablatt am 20. Juli wieder. Vielleicht auch zehn Tage früher, vielleicht zehn Tage später. Das ist bei Umbauten bekanntlich die elegante Version von: Wir schauen mal, was die Realität daraus macht. Eine große Wiedereröffnungsaktion ist deshalb noch nicht geplant, aber man darf davon ausgehen, dass in Hilden spätestens an diesem Tag viele Menschen mit der Miene zurückkehren werden, mit der man alte Freunde begrüßt. Bis dahin heißt es für Stammgäste: stark bleiben, neue Frühstücksorte testen und sich daran erinnern, dass wahre Liebe auch eine zweieinhalbmonatige Trennung übersteht. Und wer weiß – vielleicht schmeckt der erste Kaffee nach der Wiedereröffnung dann nicht nur gut, sondern auch ein kleines bisschen nach Triumph.
Freitag, 24. April 2026
24.4.2026: Wenn Autobahn und S-Bahn gleichzeitig Urlaub machen
Es gibt Nachrichten, bei denen man sofort spürt: Das wird nichts mit der entspannten Anreise. Im Kreis Mettmann kündigt sich nämlich ein herbstliches Infrastruktur-Event an, das ungefähr so viel Vorfreude auslöst wie nasse Socken im November. Die A59 Richtung Düsseldorf soll voll gesperrt werden, während gleichzeitig die S6 monatelang ausfällt. Mit anderen Worten: Wer pendelt, darf demnächst wählen, ob er im Auto steht oder im Ersatzverkehr darüber nachdenkt, warum er nicht einfach Förster geworden ist.
Dabei klingt zunächst alles noch halbwegs vernünftig. Die Sanierung der A59 läuft laut Autobahn GmbH im Zeitplan, die erste Teerschicht ist drauf, die maroden Betonplatten aus den 1970er-Jahren verschwinden nach und nach. Man könnte fast meinen, Deutschland habe seine Beziehung zu Großbaustellen inzwischen in den Griff bekommen. Doch dann biegt die Realität wieder geschniegelt um die Ecke und sagt: Schön, dass die eine Fahrtrichtung bald fertig ist – im Herbst wird dann eben die andere gesperrt. Voll. Komplett. Mit Nachdruck.
Besonders charmant wird die Sache dadurch, dass der gefürchtete Verkehrskollaps bislang offenbar ausgeblieben ist. Das ist in etwa so beruhigend wie der Satz eines Zahnarztes: „Bis jetzt sieht es noch ganz ordentlich aus.“ In Langenfeld spricht man von punktuellen Überschreitungen der Leistungsfähigkeitsgrenzen, was nach Ingenieurssprache klingt, aber im Alltag vermutlich bedeutet: Es stockt, hupt und jemand flucht in seinem Kleinwagen auf Höhe der nächsten Ampel. In Hilden wiederum heißt es, viele Pendler hätten inzwischen ihre individuellen Umleitungsrouten gefunden. Ein schöner Ausdruck dafür, dass mittlerweile vermutlich halb NRW geheime Schleichwege kennt, die früher nur Paketboten und sehr ehrgeizige Taxifahrer auf dem Schirm hatten.
Eine Hauptrolle in diesem Drama spielen die Bedarfsampeln. Schon das Wort klingt wie eine höfliche Erfindung für: Wir hoffen, dass diese Dinger uns retten. Mit Videobeobachtung und Fernüberwachung sollen sie den Verkehr lenken. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ampeln selbstständig schlauer werden. Sie beobachten nur brav die Lage, damit irgendwo jemand manuell entscheiden kann, dass Grün vielleicht doch eine gute Idee wäre. Man möchte sich diese Szenerie bildlich vorstellen: Millionen Fahrzeuge, Hunderte genervte Menschen und irgendwo ein Bildschirm, auf dem jemand sagt: „Oh, an der Kreuzung ist ja wieder was los.“
Immerhin wurden in Hilden bereits Anpassungen vorgenommen. An zwei Kreuzungen war die Grünphase zu kurz, was im Straßenverkehr ungefähr die Bedeutung hat wie ein zu kleines Handtuch im Schwimmbad: formal vorhanden, praktisch aber unerquicklich. Also wurde nachjustiert, optimiert, verbessert. Man sieht förmlich den deutschen Verwaltungsapparat in Höchstform: Bürger melden ein Problem, die Stadt nimmt Hinweise auf, die Signalbaufirma aus der Nähe von Hannover verändert die Schaltung. Das ist fast romantisch. Langsam, technisch und mit dem dezenten Duft von Formularen.
Dann aber kommt der eigentliche Höhepunkt dieses Verkehrsromans: Parallel zur Herbstsperrung der A59 fällt von Anfang Juli bis zum 4. Dezember auch noch die S6 beziehungsweise S68 aus. Statt S-Bahn gibt es Schienenersatzverkehr. Und jeder, der dieses Wort kennt, weiß: Es beschreibt kein Verkehrsmittel, sondern einen emotionalen Zustand. Der Bus fährt theoretisch dorthin, wo vorher die Bahn fuhr, braucht aber länger, steht ebenfalls im Stau und vermittelt den Fahrgästen die besondere Erfahrung, gleichzeitig unterwegs und doch irgendwie festzustecken.
So droht also die doppelte Pendlerprüfung: Wer dem Stau auf der Straße entkommen will, landet womöglich im Ersatzbus, der selbst im Stau steht. Das ist die Art von logistischer Eleganz, für die man in anderen Ländern vermutlich Kunstpreise vergeben würde. Die Region bekommt damit ein Mobilitätskonzept, das sich am besten mit „gegenseitiger Behinderung auf hohem Niveau“ beschreiben lässt.
Natürlich gibt es gute Gründe für die Maßnahmen. Die Fahrbahn ist alt, kaputt und den Belastungen nicht mehr gewachsen. Die Bauwerke sind nicht für dauerhaften Zweirichtungsverkehr ausgelegt. Rettungskräfte müssen im Notfall durchkommen. All das ist vernünftig und wichtig. Aber für den normalen Pendler bleibt am Ende vor allem die Erkenntnis: Die Infrastruktur wird zwar fit gemacht, nur leider genau in dem Moment, in dem man sie braucht.
Bis dahin darf man also gespannt beobachten, wie sich Autofahrer durch Hilden, Langenfeld und Monheim tasten, wie Ampeln unter Beobachtung stehen und wie sich der Schienenersatzverkehr bemüht, das Wort „Ersatz“ nicht zu persönlich zu nehmen. Der Herbst 2026 verspricht damit weniger goldene Blätter als rote Bremslichter. Und irgendwo zwischen A59, B8 und Ersatzbus wird wieder einmal deutlich: In Deutschland reist man nicht einfach von A nach B. Man erlebt dabei etwas.
Donnerstag, 23. April 2026
23.4.2026: Hilden zum Mitnehmen
Es gibt Städte, die haben eine Skyline aus Wolkenkratzern, Glasfassaden und Größenwahn. Und dann gibt es Hilden. Hilden hat die „Eilige Einkäuferin“, die Reformationskirche, eine Eiche und das Bürgerhaus – und das ist ehrlich gesagt sehr viel sympathischer. Während andere Orte sich mit protzigen Panoramen schmücken, setzt Hilden auf das, was wirklich zählt: Menschen, Bäume und Gebäude, die nicht so tun, als wären sie Manhattan. Genau diese Silhouette soll jetzt zum Markenzeichen der Stadt werden. Nicht etwa als Riesenplakat am Flughafen, sondern ganz bodenständig auf Taschen, Weingläsern, Coffee-to-go-Bechern und Schürzen. Das ist nicht weniger als der große Aufstieg der Lokalidentität in den Geschenkartikelbereich.
Offenbar kam die kleine Testauflage auf dem Weihnachtsmarkt 2025 gut an. Und wer wollte es den Menschen verdenken? Endlich kann man seine Heimatverbundenheit nicht nur im Herzen tragen, sondern auch unter dem Arm, in der Küche oder beim gemütlichen Weißweinabend. Die Vorstellung, dass jemand künftig mit einer Hilden-Tasche durch die Gegend läuft, aus einem Hilden-Becher trinkt und beim Kochen eine Hilden-Schürze trägt, hat etwas wunderbar Konsequentes. Es fehlt eigentlich nur noch Hildener Bettwäsche, damit man vollständig eingebettet in die kommunale Markenstrategie aufwachen kann.
Besonders schön ist, was diese Skyline überhaupt zeigt. Keine überambitionierte Designerfantasie, kein abstraktes Liniengewirr, das aussieht wie der Herzschlag eines überforderten Grafikbüros, sondern ganz typische Motive aus der Innenstadt. Schlicht, markant, klar gezeichnet. So klar, dass man fast hört, wie irgendwo im Rathaus erleichtert festgestellt wurde: Endlich mal ein Motiv, das nicht erst in einem achtseitigen Konzeptpapier erklärt werden muss. Eine Hildenerin hat der Stadt gleich drei Entwürfe angeboten, und zwar für einen mittleren dreistelligen Betrag. Das klingt nach einer der angenehmsten Verhandlungen der Kommunalgeschichte: keine Millionen, keine Großagentur, kein internationaler Wettbewerb – einfach jemand aus Hilden mit einer Idee und einem Preis, bei dem noch niemand sofort in Ohnmacht fällt.
Allerdings zeigte sich auch hier wieder: Geschmack ist politisch. Während die Skyline gut ankam, fielen zwei andere Motive bei der Politik eher durch. Da war zum einen ein Kreis mit den Buchstaben HLDN, im Uhrzeigersinn verteilt, auf grünem Grund. Das klingt ein bisschen nach Stadtmarketing trifft Brettspielverpackung. Das andere Motiv war ein Umriss des Stadtgebiets mit eingezeichnetem Namen, Nordrhein-Westfalen und dem Zusatz „Est. 985“. Ein Entwurf also, der ein wenig wirkt, als wolle Hilden gleichzeitig Modelabel, Indie-Brauerei und mittelgroße Verwaltungsstadt sein. Offenbar war das der Politik dann doch eine Spur zu experimentell. Man möchte Wiedererkennung, aber bitte nicht so viel, dass am Ende jemand fragt, ob HLDN eine neue Elektropop-Band ist.
Deshalb sollen nun die Bürger beteiligt werden, was in Deutschland fast immer bedeutet, dass es jetzt offiziell wird. Wenn die Politik unsicher ist, ob etwas richtig gut oder nur halbwegs okay ist, ruft sie gern die Bürgerschaft auf den Plan. Das hat Charme, denn wer könnte besser entscheiden, welches Motiv Hilden repräsentiert, als Menschen, die dort leben, einkaufen, parken, meckern und auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken? Gleichzeitig steckt darin die Hoffnung, dass Identifikation nicht einfach von oben verordnet wird, sondern sich entwickelt. Oder, weniger poetisch gesagt: Wenn die Leute beim Motiv mitreden dürfen, kaufen sie später vielleicht auch eher die Tasche.
Auch die Preise für die Produkte stehen schon fest, und sie bewegen sich in einer Zone, die man wohl als „kommunal vernünftig mit leichtem Souvenirflair“ bezeichnen könnte. Die Kochschürze für 7,50 Euro, der Kaffeebecher für 7 Euro, das Weinglas für 5 Euro und die Tasche für 6,50 Euro. Das ist alles so kalkuliert, dass man weder einen Luxuskauf noch einen Ramschartikel vermutet. Es ist das Preisniveau eines Angebots, bei dem man im Vorbeigehen denkt: Ach komm, eine Hilden-Tasse kann man schon mal mitnehmen. Und genau darin liegt vermutlich die eigentliche Genialität. Niemand plant monatelang die Anschaffung eines Skyline-Weinglases. Aber viele Menschen kaufen so etwas spontan, lächeln kurz und stellen es daheim ins Regal, wo es dann zwischen Fernweh und Altglas auf seine große Stunde wartet.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Die Nutzung der Skyline ist bislang nur für fünf Jahre vereinbart. Das bedeutet, dass selbst ein Stadtmotiv heute offenbar nicht einfach für die Ewigkeit gedacht ist, sondern zunächst mit einer Art kultureller Probezeit leben muss. Immerhin gibt es schon Gespräche über eine langfristige Nutzung, sogar eine mündliche Zusage für eine unbefristete Zukunft. Das klingt beruhigend, denn nichts wäre trauriger, als wenn die Hildener Skyline nach fünf Jahren wieder aus dem Stadtbild verschwände und irgendwo zwischen Vertragslaufzeit und Nutzungsrecht ihr Dasein fristen müsste. Eine Skyline, die es auf Taschen und Weingläser geschafft hat, sollte schließlich nicht an Bürokratie scheitern.
So betrachtet macht Hilden gerade etwas sehr Modernes und zugleich sehr Rührendes: Die Stadt versucht, aus sich selbst eine kleine Marke zu machen, ohne sich dabei lächerlich zu überhöhen. Kein „urban pulse“, kein „city vibes only“, kein angestrengtes Image-Gerede mit englischen Schlagworten, sondern eine Eiche, eine Kirche, ein Bürgerhaus und eine eilige Einkäuferin. Das ist vielleicht keine Weltstadtästhetik, aber es ist unverkennbar Hilden. Und womöglich ist genau das die beste Werbung: eine Stadt, die weiß, dass sie keine spektakuläre Skyline braucht, solange sie eine hat, die man gern auf eine Tasche druckt.
Mittwoch, 22. April 2026
22.4.2026: Hilden spart nicht, Hilden schmückt sich lieber
Es gibt kommunalpolitische Debatten, bei denen man sofort merkt: Hier geht es um die großen Fragen des Lebens. Frieden, Freiheit, Fernwärme – und natürlich den Weihnachtsmarkt. In Hilden hat sich der Stadtrat jetzt mit einer besonders festlichen Form der Haushaltsdisziplin beschäftigt: der Idee, beim Stadtmarketing zu sparen. Die SPD dachte offenbar, man könne bei der Stadtwerbung vielleicht hier und da ein paar Euro finden, die nicht sofort mit Lichterketten, Bühnenprogramm oder Glühweinromantik verknotet sind. Der Rat sah das anders und lehnte den Antrag recht deutlich ab. Man könnte auch sagen: Der Sparvorschlag wurde so gründlich wegdekoriert wie ein Tannenbaum am ersten Advent.
Bürgermeister Claus Pommer machte klar, dass Stadtmarketing in Hilden kein luxuriöser Nebenbei-Spaß ist, sondern eher eine Art emotionales Zuschussgeschäft mit Lämpchen. Besonders Bürgerfestival, Weihnachtsmarkt und Stadtschmuck seien die dicken Brocken im Etat. Und kostendeckend sei das alles sowieso nicht. Das ist im Grunde auch beruhigend, denn niemand möchte in einer Welt leben, in der ein Bürgerfestival plötzlich mit der Effizienz eines Logistikzentrums organisiert wird. Ein Fest, das Gewinn macht, klingt ohnehin eher nach Flughafen-Gebühr als nach guter Laune.
Besonders charmant wird die Sache beim Blick auf die Zahlen. Der Weihnachtsmarkt kostet 45.000 Euro, bringt aber nur 25.000 Euro ein. Anders gesagt: Jeder Schluck festliche Stimmung wird mit kommunaler Hingabe mitfinanziert. Das Bürgerfestival schlägt mit 27.000 Euro zu Buche und spielt gerade mal 5700 Euro ein – ein Verhältnis, bei dem jeder Kassenwart kurz stumm gegen die Wand schaut. Und dann noch Stadtschmuck und Winterlicht für 43.500 Euro. Allein dieser Posten klingt schon so, als hätte sich die Stadt gesagt: Wenn wir schon sparen müssen, dann bitte nicht am Funkeln. Insgesamt kostete das Stadtmarketing 2025 also 161.100 Euro, während nur 56.700 Euro hereinkamen. Betriebswirtschaftlich ist das schwierig, atmosphärisch aber offenbar ein Volltreffer.
Die eigentliche Pointe an der Debatte ist ja, dass alle irgendwie recht haben. Die SPD schaut auf die Zahlen und denkt: Vielleicht sollten wir nicht jeden Euro in Girlanden verwandeln. Der Bürgermeister schaut auf die Realität und sagt sinngemäß: Versucht mal heute ein öffentliches Event zu organisieren, ohne dass Sicherheitsauflagen, Logistik und Organisation aus jedem Bratwurststand eine halbe Verwaltungsreform machen. Und die Grünen erinnern daran, dass eine Stadt eben nicht nur aus Asphalt, Aktenordnern und Parkscheiben besteht, sondern auch aus sogenannten weichen Standortfaktoren. Ein herrlicher Begriff übrigens, der klingt, als könne man ihn mit zwei Kissen und einem Lavendeltee lösen. Gemeint ist aber: Menschen und Unternehmen ziehen lieber dorthin, wo es nicht nur Steuern und Satzungen gibt, sondern auch Licht, Leben und gelegentlich einen Weihnachtsmarkt mit Reibekuchen.
Besonders schön war der nostalgische Einwurf aus der FDP, dass es früher mal einen ehrenamtlich organisierten Weihnachtsmarkt gab, in den „nicht eine Mark der Stadt geflossen ist“. Das ist der Moment, in dem sich ganz Deutschland kollektiv nach einer Zeit zurücksehnt, in der Märkte offenbar einfach aus ein paar Holzbüdchen, einem Verlängerungskabel und dem guten Willen von Onkel Dieter bestanden. Der Bürgermeister konterte jedoch trocken, dass es damals eben ganz andere Sicherheitsauflagen gegeben habe. Übersetzt heißt das: Früher reichte es, wenn jemand einen Schal umhatte und „passt schon“ sagte. Heute braucht man vermutlich für den Aufbau eines Tannenbaums einen Lageplan, ein Sicherheitskonzept und drei unterschriebene Zuständigkeiten.
So bleibt am Ende der Eindruck, dass Hilden vorerst nicht den Rotstift, sondern eher die Lichterkette in der Hand behält. Die Stadt zahlt drauf, ja, aber offenbar mit Überzeugung. Denn zwischen nüchterner Haushaltslogik und kommunaler Lebensfreude gewinnt in diesem Fall die Erkenntnis, dass ein Ort ohne Feste, ohne Schmuck und ohne ein bisschen geförderte Gemütlichkeit zwar günstiger wäre – aber eben auch deutlich trostloser. Und ganz ehrlich: Wenn schon Subventionsgeschäft, dann doch bitte eines mit Weihnachtsmarkt, Winterlicht und Bürgerfestival. Es gibt schlechtere Arten, Geld auszugeben, als für eine Stadt, die nicht nur funktioniert, sondern sich auch mal hübsch macht.