Dienstag, 16. Juni 2026

16.6.2026: Hilden tanzt – oder: Wenn der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz plötzlich Hüfte hat

Hilden ist vieles: Einkaufsstadt, Baustellenbeobachtungszentrum, Tempo-30-Diskussionsraum, Schützenfest-Experimentierfläche und gelegentlich sogar ein Ort, an dem man sich fragt, ob die Ampeln eigentlich nach geheimen astrologischen Regeln geschaltet sind. Aber am 28. Juni wird Hilden noch etwas anderes: Tanzfläche. Dann verwandelt sich der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz von 15 bis 19 Uhr in eine große Open-Air-Bühne für alle, die Rhythmus im Blut haben – oder zumindest bereit sind, so zu tun.

„Hilden tanzt“ geht in die zweite Runde. Das klingt zunächst harmlos, ist aber in Wahrheit ein mutiger Angriff auf die rheinische Grundhaltung: erst einmal am Rand stehen, Arme verschränken, skeptisch gucken und sagen: „Mal sehen, ob da überhaupt jemand mitmacht.“ Im vergangenen Jahr war der Platz voll, es wurde getanzt, gelacht und gemeinsam gefeiert. Das ist für Hilden schon fast revolutionär. Denn normalerweise braucht es hier mehrere Sitzungen, zwei Vorbesprechungen und mindestens einen kritischen Facebook-Kommentar, bevor sich etwas bewegt.

Diesmal soll also wieder getanzt werden. Für alle Generationen. Ohne Vorkenntnisse. Das ist wichtig. Denn „ohne Vorkenntnisse“ ist die freundlichste Formulierung für: Niemand muss vorher erklären, warum Disco Fox zuletzt auf einer Hochzeit 1998 versucht wurde und seitdem nur noch als Erinnerung mit leichtem Knieziehen existiert. Es muss auch niemand Bachata buchstabieren können, um mitzumachen. Und Line Dance darf man ruhig erst einmal für eine neue Form geordneter Warteschlange halten.

Durch das Programm führt Sven Reichelt von der Tanzschule Reichelt. Das ist beruhigend, denn bei offenen Tanzveranstaltungen braucht es jemanden, der den Überblick behält, während 40 Menschen gleichzeitig versuchen, links und rechts nicht öffentlich zu verwechseln. Ein guter Tanzlehrer erkennt sofort, ob eine Gruppe bereit für den nächsten Schritt ist oder ob sie noch einmal kollektiv daran erinnert werden muss, dass „nach vorne“ nicht dasselbe ist wie „zum Getränkestand“.

Disco Fox steht auf dem Programm. Der Klassiker. Der Tanz, bei dem jeder glaubt, ihn irgendwie zu können, bis Musik läuft. Dann zeigt sich, dass Disco Fox weniger ein Tanz als ein soziales Verhandlungssystem ist. Einer führt, einer folgt, beide zählen innerlich mit, und spätestens nach der zweiten Drehung steht jemand dort, wo er nicht geplant war. Trotzdem funktioniert es erstaunlich oft. Vielleicht, weil Disco Fox im Rheinland tief im Unterbewusstsein liegt, irgendwo zwischen Karneval, Familienfeier und „Komm, ein Lied noch“.

Bachata bringt dann ein wenig internationales Flair auf den Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz. Das klingt nach Sommer, Rhythmus und Hüftbewegungen, bei denen viele Hildener vermutlich zunächst sehr konzentriert auf ihre Schuhe schauen werden. Bachata verlangt Gefühl, Lockerheit und Beweglichkeit. Also genau jene drei Dinge, die im Alltag oft verloren gehen, wenn man gerade versucht, an der Mittelstraße einen Parkplatz zu finden. Aber vielleicht ist gerade das der Reiz: Für ein paar Minuten zählt nicht, ob der Einkauf erledigt ist, ob der Bus pünktlich kommt oder ob Tempo 30 jetzt richtig oder falsch ist. Es zählt nur der nächste Schritt.

Und dann: Line Dance. Der demokratischste aller Tänze. Niemand muss einen Partner suchen, niemand wird plötzlich gedreht, niemand muss flüstern: „Du führst aber komisch.“ Beim Line Dance stehen alle nebeneinander und versuchen gemeinsam, dieselbe Richtung zu finden. In Hilden könnte das sogar kommunalpolitisch inspirierend wirken. Wenn es gelingt, dass 100 Menschen gleichzeitig nach rechts, nach links und wieder zurück gehen, sollte doch vielleicht auch irgendwann eine Ampelschaltung funktionieren.

Besonders schön ist die Ankündigung, dass zu jeder vollen Stunde ein Überraschungs-Act auf der Bühne für Unterhaltung sorgt. Überraschungs-Acts sind im Stadtleben immer eine kleine Wundertüte. Es kann alles sein: Musik, Tanz, Akrobatik, vielleicht ein besonders mutiger Auftritt mit Glitzerhut. Wichtig ist nur, dass niemand vorher genau weiß, was passiert. In Hilden ist das eine seltene Erfahrung, denn normalerweise wird alles angekündigt, beraten, beworben und anschließend nachbesprochen. Ein echter Überraschungs-Act bringt also genau jene spontane Unruhe, die ein Sommernachmittag verträgt.

Für Essen und Getränke ist ebenfalls gesorgt. Das ist klug, denn Tanzen macht hungrig. Oder durstig. Oder beides. Außerdem gibt es immer Besucher, die zunächst nur „wegen der Verpflegung“ kommen, dann aber beim dritten Lied mit dem Fuß wippen und beim fünften Lied so tun, als hätten sie nur zufällig den Takt erwischt. Viele Tänzerkarrieren beginnen nicht mit Begeisterung, sondern mit einem Getränk in der Hand und dem Satz: „Nein, ich tanze nicht.“ Zehn Minuten später steht man in der dritten Reihe und macht Line Dance.

„Hilden tanzt“ ist deshalb mehr als eine Veranstaltung. Es ist ein freundlicher Test, wie viel Lockerheit eine Stadt verträgt. Denn Tanzen im öffentlichen Raum ist eine besondere Sache. Da gibt es keine Wohnzimmerwand, hinter der man sich verstecken kann. Keine Hochzeitstafel, an die man sich notfalls zurückzieht. Kein dunkles Vereinsheim, in dem Fehltritte gnädig verschwimmen. Auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz tanzt man mitten in Hilden. Sichtbar. Offen. Zwischen Alltag und Sommerfestgefühl. Das ist mutig – und genau deshalb schön.

Man darf sich die Szene vorstellen: Kinder springen sofort hinein, weil Kinder selten überlegen, ob eine Bewegung peinlich ist. Jugendliche tun erst so, als sei alles maximal unangenehm, schauen aber doch hin. Erwachsene warten, bis genug andere mitmachen, damit es nicht auffällt. Senioren beweisen, dass Rhythmus keine Altersfrage ist. Und irgendwo steht garantiert jemand am Rand, nickt kritisch zur Musik und sagt: „Eigentlich ganz nett.“ In Hilden ist das bereits ein überschwängliches Lob.

Vielleicht ist genau das der Zauber dieser Veranstaltung. Sie holt Menschen zusammen, ohne dass man viel erklären muss. Niemand braucht Vereinsmitgliedschaft, Abendgarderobe oder Tanzerfahrung. Man muss nur kommen, stehen bleiben, zuhören – und irgendwann vielleicht einen Schritt wagen. Und selbst wer nicht mittanzt, gehört dazu. Denn auch Zuschauen ist in Hilden eine ernste Kulturtechnik.

Am Ende wird der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz für vier Stunden zu etwas, das man im Alltag viel zu selten sieht: ein gemeinsamer Raum, in dem sich Menschen nicht über Verkehr, Preise, Baustellen oder Politik unterhalten müssen, sondern einfach Musik hören und sich bewegen. Das klingt simpel. Ist aber eigentlich ziemlich groß.

Wenn Hilden also am 28. Juni wieder tanzt, dann tanzt nicht nur eine Stadt. Dann tanzen auch ein paar alte Gewohnheiten kurz zur Seite. Die Skepsis macht Platz für Musik. Der Alltag weicht ein paar Schritten Disco Fox. Und irgendwo zwischen Bachata, Line Dance und Überraschungs-Act entsteht dieser schöne Gedanke: Vielleicht braucht eine Stadt nicht immer neue Konzepte. Manchmal reicht ein Platz, Musik, ein Tanzlehrer und die Einladung, einfach mitzumachen.

Und falls jemand den falschen Schritt macht: Kein Problem. In Hilden wird darüber höchstens kurz gesprochen. Also zwei bis drei Wochen.

Montag, 15. Juni 2026

15.6.2026: Hilden unter Strom – oder: Wenn an der Max-Volmer-Straße plötzlich Zukunft produziert wird

Hilden hat schon viele Rollen gespielt. Einkaufsstadt, Pendlerstadt, Baustellenstadt, Tempo-30-Versuchslabor, Schützenfest-Freiluftfläche und gelegentlich auch emotionale Selbsthilfegruppe für Menschen, die an Ampelschaltungen verzweifeln. Nun kommt eine neue Rolle dazu: Energiespeicherstandort. Das klingt zunächst technisch, kühl und nach einer Pressemitteilung, in der Wörter wie „Skalierbarkeit“, „Wertschöpfung“ und „technologische Unabhängigkeit“ vorkommen. Aber im Kern bedeutet es: In Hilden wird künftig nicht nur diskutiert, gebremst, gefeiert und getanzt – in Hilden wird jetzt auch Strom gespeichert.

Die Firma Gepvolt SE hat am Standort Hilden die Serienproduktion von Batteriespeichersystemen aufgenommen. Batteriespeichersysteme – das ist eines dieser Wörter, bei denen man schon beim Aussprechen merkt, dass die Zukunft nicht mehr aus Dampfmaschinen, Schreibmaschinen und Faxgeräten besteht. Es geht um industrielle Speicherlösungen für Unternehmen, Energieversorger, Kommunen sowie Betreiber von Solar- und Windparks. Also um jene Infrastruktur, die dafür sorgen soll, dass Energie nicht nur erzeugt, sondern auch dann genutzt werden kann, wenn gerade keine Sonne scheint, kein Wind weht oder jemand im Rathaus aus Versehen gleichzeitig alle Kaffeemaschinen einschaltet.

Dass ausgerechnet Hilden dabei eine Rolle spielt, ist irgendwie wunderbar. Denn Hilden ist nicht die Stadt, die sich morgens vor den Spiegel stellt und sagt: „Heute werde ich europäische Energieunabhängigkeit stärken.“ Hilden ist eher die Stadt, die erst einmal fragt, ob man dafür irgendwo parken kann. Und doch entsteht an der Max-Volmer-Straße nun eine neue Produktionsplattform, die moderne Batteriespeicher industriell fertigen soll. 14.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche sollen hinzukommen. Das ist nicht einfach ein bisschen mehr Halle. Das ist eine Größenordnung, bei der man in Hilden normalerweise anfängt zu überlegen, ob dafür nicht mindestens drei Arbeitskreise, zwei Verkehrsgutachten und ein skeptischer Kommentar auf Facebook nötig sind.

Besonders bemerkenswert: Das Unternehmen will seine Beschäftigtenzahl bis Jahresende mindestens verdoppeln. Von rund 40 auf mindestens 80 Beschäftigte. In Zeiten, in denen viele Meldungen eher nach Sparprogramm, Stellenabbau oder „wir optimieren unsere Strukturen“ klingen, ist das fast schon ungewohnt positiv. Da baut ein Mittelständler in Hilden aus, schafft neue Arbeitsplätze und investiert in einen Zukunftsmarkt. Man möchte fast misstrauisch werden, weil gute Nachrichten in lokalen Debatten manchmal wirken wie ein falsch sortierter Einkaufswagen: erfreulich, aber irgendwie überraschend.

Natürlich darf in einer solchen Meldung die große Zukunftssprache nicht fehlen. Es geht um technologische Kompetenz, Versorgungssicherheit und europäische Wertschöpfung. Das klingt nach Vorstandssatz mit Krawattenknoten, ist aber durchaus wichtig. Denn wer Energie speichern kann, hat in der Energiewende einen entscheidenden Baustein in der Hand. Wind und Sonne sind bekanntlich großartige Energiequellen, aber sie haben einen Charakter wie manche Hildener Veranstaltungen: Sie finden statt, wenn die Bedingungen stimmen. Mal ist zu viel da, mal zu wenig. Batteriespeicher sollen helfen, diese Schwankungen auszugleichen. Vereinfacht gesagt: Wenn die Sonne über Hilden einmal ordentlich liefert, soll die Energie nicht beleidigt verpuffen, sondern sauber geparkt werden.

Die eingesetzte Lithium-Eisenphosphat-Technologie klingt zwar nach Chemieunterricht kurz vor der Klausur, gilt aber als wichtige Speichertechnologie für stationäre Anwendungen. Die Zellen werden zu Batteriemodulen verarbeitet, moderne Lasertechnik sorgt für präzise Kontaktierungen, und ein eigenes Zellkontaktierungssystem verbindet elektrische Leistungsfähigkeit, Stabilität und Zustandsüberwachung. Das ist technisch anspruchsvoll – und zugleich herrlich weit entfernt von dem, was man früher unter „Batterie“ verstand. Früher bedeutete Batterie: Fernbedienung geht nicht, irgendwo in der Schublade müssen noch zwei AA-Zellen liegen. Heute bedeutet Batterie: industrielle Speicherplattform, Energieversorgung, Fertigungskapazität, Europa.

Man kann sich vorstellen, wie Hilden langsam lernt, mit diesem neuen Hightech-Selbstbewusstsein umzugehen. Bisher war man stolz auf gute Bäckereien, solide Vereine, lokale Feste, Grünanlagen, die Mittelstraße und die Fähigkeit, über Verkehrsfragen leidenschaftlich zu streiten. Jetzt kommt hinzu: „Wir haben da auch noch eine Firma, die Batteriespeicher in Serie produziert.“ Das klingt gleich ganz anders. Plötzlich wirkt die Max-Volmer-Straße nicht mehr nur wie ein Gewerbestandort, sondern wie ein kleiner Beitrag zur Energiewende. Zwischen Lieferverkehr, Hallen, Parkplätzen und Produktionsflächen entsteht Zukunft – nicht als große Vision auf einer Konferenzbühne, sondern ziemlich konkret in Hilden.

Natürlich wird es auch praktische Fragen geben. Wenn neue Produktionsflächen entstehen und Beschäftigte hinzukommen, wird irgendjemand fragen, was das für den Verkehr bedeutet. Das ist in Hilden gesetzlich vorgeschrieben, zumindest gefühlt. Andere werden wissen wollen, ob die neuen Jobs wirklich langfristig sind, wie nachhaltig die Lieferketten sind, woher die Zellen kommen und ob die europäische Wertschöpfung am Ende wirklich so europäisch ist, wie sie klingt. Solche Fragen sind berechtigt. Zukunftstechnologie darf nicht nur glänzen, sie muss auch belastbar sein. Aber zunächst einmal ist es bemerkenswert, dass hier nicht nur über Transformation geredet wird, sondern tatsächlich Produktionskapazität entsteht.

Und genau darin liegt der Charme dieser Geschichte. Während andernorts über Energiewende gestritten wird, produziert Hilden Speicher. Während in Talkshows über Versorgungssicherheit debattiert wird, werden an der Max-Volmer-Straße Batteriemodule gefertigt. Während manche Menschen noch überlegen, ob Elektroautos, Wärmepumpen, Solaranlagen und Speicher nun Fortschritt oder Zumutung sind, macht ein Hildener Unternehmen daraus ein Geschäftsmodell. Das ist fast schon unverschämt pragmatisch.

Vielleicht passt das sogar sehr gut zu Hilden. Die Stadt ist selten spektakulär im lauten Sinne. Sie ist kein Ort, der sich ständig selbst ins Schaufenster stellt und „Innovation!“ ruft. Hilden macht Dinge eher bodenständig. Ein bisschen nüchtern, ein bisschen ordentlich, manchmal mit Diskussion, aber oft erstaunlich wirkungsvoll. Und so wirkt auch diese Meldung: kein Feuerwerk, kein großes Pathos, sondern eine Produktionshalle, Beschäftigte, Technologie und der ziemlich konkrete Satz: Hier wird aus Zukunft Arbeit.

Am Ende bleibt ein schönes Bild. Hilden speichert Energie. Nicht nur in Batteriemodulen, sondern auch symbolisch. In einer Stadt, die oft über Lärm, Verkehr, Feste, Zäune und Plätze spricht, gibt es nun eine Geschichte über Wachstum, Industrie und technologische Veränderung. Eine Geschichte, die zeigt, dass Zukunft nicht immer in Metropolen beginnen muss. Manchmal beginnt sie auch an der Max-Volmer-Straße.

Und vielleicht wird man in einigen Jahren sagen: Damals, als alle noch über Tempo 30 diskutierten, hat Hilden längst angefangen, die Energiewende zu speichern. Nur eben leise. Industriell. Mit Lasertechnik. Und hoffentlich mit ausreichend Parkplätzen.

Sonntag, 14. Juni 2026

14.6.2026: Wenn Fabry Geburtstag hat und Hilden jongliert

Hilden hat viele Talente. Die Stadt kann über Parkplätze diskutieren, Baustellen geduldig beobachten, beim Wochenmarkt sehr genau wissen, welcher Stand wo hingehört, und innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob eine Veranstaltung „ganz nett“ oder „früher irgendwie voller“ war. Aber am 20. Juni zeigt Hilden eine seiner besonders sympathischen Seiten: Dann lädt das Wilhelm-Fabry-Museum zum Sommerfest ein. Und zwar nicht irgendwo, sondern stilecht auf dem Gelände an der Benrather Straße, wo Geschichte, Kultur, Jazz, Wein, Zirkus und Hildener Vereinslogistik zu einer jener Mischungen zusammenkommen, die man nur im Rheinland wirklich versteht.

Der Anlass ist durchaus würdig. Wilhelm Fabry, der berühmte Namensgeber des Museums, würde am 25. Juni seinen 466. Geburtstag feiern. 466 Jahre – das ist ein Alter, bei dem selbst die ältesten Hildener Vereinsprotokolle noch ehrfürchtig schweigen. Während andere Menschen zum Geburtstag vielleicht Kuchen, Kerzen oder einen Gutschein bekommen, erhält Fabry in Hilden ein ganzes Sommerfest. Das ist angemessen. Wer nach fast fünf Jahrhunderten noch ein Museum, einen festen Platz im Stadtgedächtnis und ein eigenes Fest bekommt, hat im Leben offenbar einiges richtig gemacht.

Los geht es am Samstag ab 15 Uhr. Eine Uhrzeit, die klug gewählt ist. Nicht zu früh, damit niemand das Gefühl hat, kulturelle Bildung müsse direkt nach dem Frühstück beginnen. Nicht zu spät, damit man noch rechtzeitig zwischen Jazz, Jonglage, Wein und Würstchen entscheiden kann. Denn das Programm ist breit genug, um in Hilden mehrere Zielgruppen gleichzeitig zu beschäftigen: Kinder, Eltern, Kulturinteressierte, Weinfreunde, Jazzfans, Menschen mit Bewegungsdrang und jene Besucher, die eigentlich nur kurz vorbeischauen wollten und dann doch drei Stunden im historischen Innenhof stehen bleiben.

Ein besonderes Highlight ist der Hildener Mitmachzirkus. Schon der Begriff „Mitmachzirkus“ klingt nach einem Ort, an dem Erwachsene plötzlich wieder sehr beschäftigt wirken, wenn ihnen jemand ein Diabolo in die Hand drückt. Unter dem Motto „Wir bewegen uns wie im Zirkus“ dürfen Groß und Klein ausprobieren, was im echten Leben meistens leichter aussieht, als es ist. Jonglage, Regenbogenbänder, chinesische Teller – das klingt nach Spaß, Farbe und der realistischen Möglichkeit, dass irgendwo ein Vater nach zwei Minuten sagt: „Das konnte ich früher besser.“ Natürlich konnte er es früher nicht besser. Aber das gehört zum Sommerfestgefühl dazu.

Kinder werden vermutlich begeistert sein. Jugendliche werden erst skeptisch schauen und dann doch mitmachen, wenn niemand zu genau hinsieht. Erwachsene werden versuchen, die chinesischen Teller möglichst elegant rotieren zu lassen, während sie innerlich hoffen, dass gerade niemand filmt. Und irgendwo wird garantiert jemand sagen: „Das ist ja gar nicht so einfach.“ Das ist der eigentliche pädagogische Wert solcher Angebote: Man lernt Demut gegenüber Zirkusartisten und gegenüber Kindern, die nach drei Versuchen besser jonglieren als man selbst nach 40 Lebensjahren.

Für die musikalische Begleitung sorgt ab 15 Uhr das Jazztrio „Last Minute“. Schon der Name passt wunderbar zu Hilden. „Last Minute“ klingt nach Proben kurz vor knapp, nach rheinischer Gelassenheit und nach Musikern, die trotzdem souverän Sinatra, Nat King Cole und Louis Armstrong im Gepäck haben. Jazz auf dem Museumsgelände ist ohnehin eine schöne Vorstellung. Zwischen historischen Mauern und sommerlichem Innenhof bekommt selbst ein Klassiker sofort etwas Mondänes. Hilden wird dann für ein paar Stunden zur kleinen Kulturmetropole mit Swing, Wein und der angenehmen Illusion, man befinde sich in einem Innenhof irgendwo zwischen New Orleans, Paris und Benrather Straße.

Natürlich darf auch die Verpflegung nicht fehlen. In Hilden weiß man: Eine Veranstaltung ohne Essen ist keine Veranstaltung, sondern eine Informationsveranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen das Team der Hildener AT sowie Schülerinnen und Schüler des Helmholtz-Gymnasiums und der Theresienschule. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch pädagogisch wertvoll. Junge Menschen lernen dabei, dass Kulturarbeit nicht nur aus schönen Bildern, Musik und klugen Reden besteht, sondern auch aus Servietten, Getränken, Warteschlangen und der Frage, wo eigentlich der Müllbeutel geblieben ist.

Dazu kommt Jacques Weindepot mit sommerlichen Weinen. Das klingt nach genau jener zivilisierten Form von Hildener Geselligkeit, bei der aus „nur ein kleines Glas“ sehr schnell „ach, wenn wir schon mal hier sind“ wird. Im historischen Innenhof darf dann angestoßen werden – auf Fabry, auf den Sommer, auf die Kultur und vielleicht auch darauf, dass niemand beim Mitmachzirkus versehentlich ein Regenbogenband in ein Weinglas zieht.

Künstlerisch wird es ebenfalls. In der Historischen Kornbrennerei wird die Ausstellung „Das bin ICH – Q1 des HGH präsentiert sich in Anlehnung an Frida Kahlo“ eröffnet. Schon der Titel verspricht Selbstporträts, Persönlichkeit, Farbe und vermutlich deutlich mehr Ausdruck, als man morgens vor dem Badezimmerspiegel normalerweise zustande bringt. Begleitet wird das Projekt von der Lehrerin und Künstlerin Alessa Nitsch. Dass Schülerinnen und Schüler sich künstlerisch mit Frida Kahlo auseinandersetzen, passt gut zu einem Ort, der Geschichte nicht nur konserviert, sondern immer wieder neu mit Gegenwart füllt.

Auch die aktuelle Ausstellung „Die Augen der Frida Kahlo – eine fotografische Hommage von Bert Loewenherz“ kann an diesem Tag besucht werden. Damit bekommt das Sommerfest eine zusätzliche kulturelle Tiefe. Zwischen Zirkusbewegung, Jazzmusik und sommerlichem Weinblick gibt es also auch Kunst, die genaueres Hinsehen verlangt. Das ist schön, denn Hilden kann beides: geselliges Beisammensein und ernsthafte Betrachtung. Manchmal sogar in derselben Viertelstunde.

Am Ende ist dieses Sommerfest genau so eine Veranstaltung, wie Hilden sie braucht. Nicht laut, nicht überdreht, nicht künstlich aufgeblasen. Sondern vielfältig, lokal, offen und mit einer angenehm rheinischen Mischung aus Kultur, Ehrenamt, Musik, Jugendprojekt, Wein und Kinderprogramm. Ein Fest, bei dem der berühmte Wilhelm Fabry vermutlich anerkennend nicken würde – zumindest, wenn er nicht gerade irritiert fragen würde, was ein Mitmachzirkus ist und warum Menschen Teller auf Stäben drehen.

Hilden stößt also auf einen Mann an, der vor 466 Jahren geboren wurde, und macht daraus einen Nachmittag für alle Generationen. Das ist eigentlich ziemlich charmant. Denn während anderswo Geburtstage nach Kaffee und Kuchen enden, feiert Hilden mit Jazz, Frida Kahlo, Jonglage und Wein im Museumshof.

So bleibt nur eine Erkenntnis: Wenn Fabry Geburtstag hat, wird in Hilden nicht einfach gratuliert. Es wird musiziert, jongliert, ausgestellt, ausgeschenkt und gemeinsam festgestellt, dass Kultur manchmal am schönsten ist, wenn sie unter freiem Himmel stattfindet – und wenn irgendwo ein chinesischer Teller gefährlich wackelt.

Samstag, 13. Juni 2026

13.6.2026: Das Schützenfest ohne Zelt – oder: Hilden probt den Brauchtumsfreiluftversuch


Hilden ist eine Stadt, die mit Veränderungen grundsätzlich umgehen kann. Man schaut sie sich erst einmal genau an, diskutiert sie auf dem Alten Markt, wägt sie im Familienkreis ab, bringt sie beim Friseur zur Sprache und entscheidet dann, dass früher zwar nicht alles besser war, aber zumindest das Festzelt noch stand. Genau deshalb ist das Schützenfest 2026 ein Ereignis von historischer Tragweite: Zum ersten Mal wird ohne Festzelt gefeiert. Unter freiem Himmel. Mit Bühne. Mit Mut. Mit Risiko. Und vermutlich mit mindestens drei Menschen, die am ersten Abend sagen: „Also mit Zelt war das aber gemütlicher.“

Dabei ist das Festzelt im Rheinland nicht einfach ein Stück Stoff mit Gestänge. Es ist eine Institution. Ein mobiles Wohnzimmer mit Biergeruch, Blasmusik, klebrigem Boden und jener ganz besonderen Akustik, bei der jedes Gespräch ab dem dritten Satz automatisch zum Anschreien wird. Im Festzelt wird nicht nur gefeiert. Dort werden Generationen verbunden, Könige bejubelt, Schnäpse bereut und Sätze gesagt wie: „Nur noch eins, dann gehen wir.“ Das Festzelt ist im Brauchtum ungefähr das, was die Kaffeemaschine im Büro ist: technisch ersetzbar, emotional aber systemrelevant.

Doch in Hilden ist das Zelt inzwischen offenbar so teuer geworden, dass man vermuten könnte, es bestehe aus handgewebtem Goldbrokat mit WLAN-Anschluss und Fußbodenheizung. 10.000 bis 14.000 Euro für ein Festzelt, dazu Sicherheitskräfte, Musikzüge und die drohende Frage, ob genug Bier getrunken wird. Man stelle sich das einmal vor: Das Überleben des Schützenfestes hängt nicht nur am Brauchtum, sondern auch an der Literleistung der Hildener Bevölkerung. Früher hieß es: „Trinkt aus, wir müssen los.“ Heute heißt es: „Trinkt aus, sonst wird es betriebswirtschaftlich schwierig.“

Besonders schön ist die Erkenntnis: „In Hilden ist der Umsatz mit Bier einfach nicht so da, wie er sein sollte.“ Das ist ein Satz, der in Köln vermutlich als kultureller Notstand eingestuft würde. In Hilden klingt er nach Haushaltsausschuss mit Zapfhahn. Offenbar gibt es eine heimliche Bier-Soll-Menge, die erreicht werden muss, damit das Brauchtum nicht in die Verlustzone rutscht. Wer bislang dachte, ein Bier auf dem Schützenfest sei nur ein Getränk, weiß jetzt: Es ist ein Beitrag zur Traditionssicherung.

Die Schützen stehen ohnehin vor einer Herausforderung, die viele Vereine kennen: Die Mitglieder werden älter, neue kommen nicht in ausreichender Zahl nach, und das Ehrenamt trägt immer schwerere Lasten. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 bis 70 Jahren. Das ist einerseits respektabel, andererseits auch eine Zahl, bei der man versteht, warum ein Open-Air-Konzept mit Sitzgelegenheiten kein Luxus, sondern Infrastrukturpolitik ist. Gleichzeitig leisten die Ehrenamtlichen weiter eine enorme Arbeit. Sie organisieren, planen, schleppen, verhandeln, erklären, werben, lächeln und versuchen, ein Brauchtum lebendig zu halten, das in einer Stadt wie Hilden eben nicht nur aus Uniformen und Orden besteht, sondern aus Gemeinschaft, Verlässlichkeit und dem festen Glauben, dass ein Fassanstich noch immer mehr sagt als jede PowerPoint-Präsentation.

Natürlich haftet dem Schützenwesen ein Image an, das nicht immer hilfreich ist. Manche denken bei Schützen sofort an wilde Westernfilme, amerikanische Waffendebatten oder Männer, die seit 1978 denselben Hut tragen. Dabei geht es in Hilden sehr viel weniger um Revolverromantik als um Vereinsleben, Verantwortung und Luftgewehr in gesicherten Räumen. Aber gegen Vorurteile hilft selten ein erklärender Satz. Vielleicht hilft eher ein offenes Fest, ein Tag der offenen Tür, digitale Präsenz, eine Bühne auf dem Alten Markt und die Botschaft: Kommt vorbei, schaut es euch an, es ist weniger altbacken, als ihr denkt. Und falls doch jemand altbacken sagt, gibt es hoffentlich wenigstens etwas Frisches vom Grill.

Auch die Sache mit dem Platz ist typisch Hilden. Es gibt keinen „anständigen Schützenplatz“, heißt es. Der Alte Markt ist schön, zentral und traditionsreich, aber eben nicht gerade so groß, dass man dort problemlos Festzelt, Kirmes, Bühne, Bierwagen, Musikzug, Sicherheitskonzept und die gesamte emotionale Geschichte des Schützenwesens unterbringen könnte. Der Nove-Mesto-Platz wiederum ist ein Thema für sich. Mal geht es um Anwohner, mal um den Wochenmarkt, mal um Schausteller, mal um angebliche Tragfähigkeit, mal um Erfahrungen aus der Vergangenheit. In Hilden reicht manchmal schon ein Fahrgeschäft auf dem falschen Pflaster, und plötzlich hat man eine Debatte, die länger dauert als der Autoscooter fahren würde.

Die Schausteller meiden Hilden, heißt es. Das klingt fast dramatisch. Als würden sie nachts mit ihren Wohnwagen an der Stadtgrenze stehen, einmal Richtung Mittelstraße blicken und dann flüstern: „Nein, nicht Hilden. Nicht noch einmal.“ Gründe gibt es offenbar genug: ungünstige Platzierung, schlechte Erfahrungen, Jugendliche am Eingang, Alkohol, Einbruch in ein Fahrgeschäft. Da merkt man: Auch eine Kirmes hat ein Gedächtnis. Und wahrscheinlich ein sehr gutes.

Nun also das neue Konzept: Schützenfest ohne Festzelt, dafür unter freiem Himmel, mit Bühne, freiem Eintritt und einem Krönungsball in der Stadthalle. Das klingt zunächst nach Einsparung, könnte aber auch eine Chance sein. Vielleicht wird das Fest dadurch sichtbarer, offener, leichter zugänglich. Vielleicht bleiben Menschen eher stehen, wenn sie nicht erst durch einen Zelteingang müssen. Vielleicht entdeckt Hilden das Schützenfest neu, weil es plötzlich mitten im Stadtleben stattfindet und nicht hinter Zeltplanen verschwindet. Und vielleicht ist gerade der Verzicht auf das alte Herzstück der Versuch, dem Brauchtum ein neues Herzklopfen zu geben.

Der Höhepunkt der rheinischen Programmplanung ist natürlich das Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft. Schützenfest und Nationalmannschaft unter freiem Himmel – das ist entweder genial oder meteorologisch mutig. Wenn Deutschland gewinnt, war es ein visionäres Konzept. Wenn es regnet, war es Brauchtum mit Bewässerung. Und falls beides gleichzeitig passiert, wird Hilden vermutlich sagen: „So schlimm war es gar nicht, immerhin war der Eintritt frei.“

Am Ende geht es um mehr als um ein Zelt. Es geht um die Frage, wie Tradition in einer Stadt weiterleben kann, wenn sich Gewohnheiten ändern, Kosten steigen und Vereine um Nachwuchs kämpfen. Ein Schützenfest ohne Festzelt ist auf den ersten Blick ein Verlust. Auf den zweiten Blick ist es vielleicht ein Experiment. Und auf den dritten Blick ist es sehr hildenerisch: Man macht weiter, aber anders. Man spart, aber nicht am Willen. Man verzichtet auf das Zelt, aber nicht auf das Fest.

Das Brauchtum soll nicht untergehen. Dieser Satz klingt groß, fast pathetisch. In Hilden bedeutet er ganz praktisch: Bühne aufbauen, Fass anstechen, Musik organisieren, Majestäten proklamieren, Menschen einladen, Verluste vermeiden und hoffen, dass das Wetter mitspielt. Es ist kein einfacher Neustart. Aber vielleicht ein ehrlicher.

Und wer weiß: Vielleicht wird das Schützenfest ohne Zelt am Ende genau das, was Hilden manchmal braucht. Ein bisschen weniger „Das war immer so“ und ein bisschen mehr „Wir probieren das jetzt einfach mal“. Das Zelt fehlt. Aber das Fest bleibt. Und wenn genügend Menschen kommen, mitfeiern und vielleicht auch das eine oder andere traditionssichernde Getränk bestellen, könnte aus dem Freiluftversuch sogar eine neue Hildener Geschichte werden.

Nur eines ist sicher: Sollte es regnen, wird irgendjemand sagen: „Mit Zelt wäre das nicht passiert.“ Und genau deshalb bleibt das Brauchtum lebendig.

Freitag, 12. Juni 2026

12.6.2026: Der Zaun, der nur kommt, wenn es ernst wird

Hilden hat schon vieles erlebt. Baustellen, verkaufsoffene Sonntage, Diskussionen über Parkplätze, Kreisverkehre mit pädagogischem Anspruch und natürlich die ewige Frage, ob ein Brötchen beim Bäcker inzwischen als Wertanlage durchgeht. Aber jetzt steht Hilden vor einer ganz neuen Herausforderung: Regionalliga.

Der VfB 03 Hilden hat es geschafft. Oberliga-Meister, Aufstieg, vierte Liga. Plötzlich klingt Hoffeldstraße nicht mehr nur nach Kunstrasen, Kabinentrakt und ehrlichem Amateurfußball, sondern nach Sicherheitskonzept, Verbandsauflagen und Gästebereich. Aus „Kommste Sonntag gucken?“ wird „Gibt es eine Begehung?“ Und aus dem klassischen Fußballplatz wird ein Schauplatz kommunaler Hochleistungskoordination.

Denn der VfB zieht für seine Heimspiele ins Bandsbusch-Stadion um. Naturrasen statt Kunstrasen, Regionalliga statt Oberliga, Sicherheitsbeauftragter statt Bierbankromantik. Und weil höhere Ligen nicht nur bessere Gegner, sondern offenbar auch mehr Zaun verlangen, wird nun am Gästebereich gearbeitet.

Das Bemerkenswerte: Dieser Zaun ist kein gewöhnlicher Zaun. Er ist kein Zaun, der einfach da steht und sagt: „Guten Tag, ich bin ein Zaun.“ Nein, dieser Zaun ist ein Zaun mit Persönlichkeit. Ein Zaun mit Situationsbewusstsein. Ein Zaun, der nur erscheint, wenn es wirklich nötig ist. Sozusagen der Batman unter den kommunalen Absperreinrichtungen.

Denn dauerhaft steht er nicht. Er kann bei Bedarf aufgebaut und wieder abgebaut werden. Das klingt weniger nach Stadioninfrastruktur und mehr nach Campingzubehör für Fortgeschrittene. Man darf sich das ungefähr so vorstellen: Kategorie Grün – kein Zaun. Kategorie Gelb – vielleicht schon mal die Schrauben sortieren. Kategorie Rot – der Zaun betritt die Bühne.

Natürlich geht es dabei um sogenannte Risikospiele. Und schon dieses Wort entfaltet in Hilden eine gewisse Komik. Risikospiel klingt nach Pyrotechnik, Fanmärschen, Polizeihundertschaften und dramatischer Musik im Hintergrund. In Hilden denkt man dagegen eher an einen zu vollen Parkplatz, eine leere Bratwurstschale oder jemanden, der versehentlich auf dem falschen Klappstuhl sitzt.

Die echten Risikospiele sollen wohl an einer Hand abzuzählen sein. Das beruhigt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer diese Hand hält und wie nervös sie dabei ist. Denn Regionalliga West bedeutet nicht mehr nur vertraute Nachbarschaftsduelle, sondern gelegentlich auch Gegner mit etwas größerem Anhang, etwas lauterer Kurve und Fans, die vielleicht nicht nur wegen der schönen Hildener Innenstadt anreisen.

Bis zum Meisterschaftsstart Ende Juli soll alles fertig sein. In Hilden heißt das: Es wird begehbar gemacht, besprochen, abgestimmt, geprüft und vermutlich noch einmal begangen. Die Begehung ist ohnehin eine unterschätzte Kulturform des öffentlichen Lebens. Früher ging man spazieren, heute begeht man. Plätze, Konzepte, Gefahrenstellen, Gästebereiche. Wenn irgendwo drei Menschen mit Klemmbrett stehen, ist Hilden offiziell im Planungsmodus.

Man darf sich die Szene vorstellen: Vertreter der Stadt, Sicherheitsleute, Vereinsverantwortliche und vermutlich jemand, der sehr genau weiß, wo ein Zaunelement später stehen darf, ohne dass sich ein Linienrichter beleidigt fühlt. Es wird geschaut, gemessen, genickt. Vielleicht fällt auch der Satz: „Hier könnte man im Bedarfsfall flexibel reagieren.“ Das ist Verwaltungssprache für: „Wir hoffen, dass nichts passiert, haben aber vorsichtshalber einen Zaun.“

Und genau darin liegt die Schönheit dieser Geschichte. Der VfB 03 Hilden steigt sportlich auf, und die Stadt steigt infrastrukturell gleich mit. Nicht mit Größenwahn, nicht mit Stadionneubau, nicht mit VIP-Logen und Champagnerbereich, sondern mit einem mobilen Zaun. Mehr Hilden geht kaum. Pragmatisch, ordentlich, ein bisschen vorsichtig, aber irgendwie auch stolz.

Denn dieser Zaun erzählt mehr über den Aufstieg, als man auf den ersten Blick denkt. Er sagt: Der VfB ist nicht mehr nur der sympathische Oberligist von nebenan. Er spielt jetzt in einer Liga, in der auch das Drumherum professioneller wird. Plötzlich geht es um Auflagen, Abläufe und Verantwortung. Um Gästefans, Sicherheitszonen und Kategorien. Um Dinge, die früher höchstens dann Thema wurden, wenn jemand sein Fahrrad ungünstig am Eingang abgestellt hatte.

Für die Fans bedeutet das: Der Fußball in Hilden bekommt eine neue Kulisse. Das Bandsbusch-Stadion wird zur Regionalliga-Bühne. Der Rasen wird wichtiger, der Gästeblock definierter, der Zaun optional. Und irgendwo zwischen Aufstiegseuphorie und Bauzaunlogistik entsteht dieses herrliche rheinische Gefühl: Es wird schon werden, aber vorher wird noch einmal geguckt.

Am Ende bleibt ein schönes Bild: Hilden bereitet sich auf die vierte Liga vor. Nicht laut, nicht protzig, nicht mit dramatischen Versprechen. Sondern mit einem Zaun, der nur dann kommt, wenn er gebraucht wird. Ein Zaun auf Abruf. Ein Zaun mit Teilzeitvertrag. Ein Zaun, der vermutlich häufiger Gesprächsthema sein wird als manche taktische Umstellung.

Und vielleicht ist genau das der passende Start in die Regionalliga: Der VfB 03 Hilden hat den Titel geholt, die Stadt macht den Gästebereich bereit, und Hilden selbst darf sich daran gewöhnen, dass hier bald Fußball gespielt wird, bei dem sogar der Zaun eine eigene Einsatzplanung hat.

Willkommen in der Regionalliga, VfB 03 Hilden. Der Rasen wartet. Die Fans warten. Und der Zaun steht bereit – zumindest theoretisch.

Donnerstag, 11. Juni 2026

11.6.2026: Hildener Grundsteuer: Wenn der Steuerbescheid plötzlich Bodybuilder spielt

In Hilden flatterten dieser Tage nicht einfach nur Grundsteuerbescheide in die Briefkästen, sondern offenbar kleine finanzielle Schockgranaten mit amtlichem Briefkopf. Manch ein Bürger dürfte beim Öffnen gedacht haben, er habe versehentlich die Rechnung für ein Einfamilienhaus auf Sylt bekommen – oder für die Sanierung des Rathauses inklusive goldener Türklinken. Besonders sportlich wirkt der Fall eines Hildeners, dessen Grundsteuer von 260 Euro im Jahr 2024 über 952 Euro im Jahr 2025 nun auf stolze 1060 Euro geklettert ist. Da fragt man sich schon: Ist das noch Grundsteuer oder hat der Bescheid heimlich Proteinpulver genommen? 

Der Grund für die neue Hildener Steuer-Yogaübung mit dem Titel „Einheitlicher Hebesatz in angespannter Haltung“ liegt in der Rückkehr zu einem einheitlichen Grundsteuer-B-Hebesatz. Die zuvor gesplitteten Sätze, bei denen Wohngrundstücke anders behandelt wurden als Nicht-Wohngrundstücke, standen juristisch offenbar auf ähnlich wackeligen Beinen wie ein Klapptisch beim Straßenfest. Also wurde neu beschlossen, neu gerechnet und neu verschickt. Das Ergebnis: rund 20.500 Bescheide gingen raus, und bei etwa 88 Prozent der Grundsteuerpflichtigen wurde es teurer. Das ist eine Quote, bei der selbst jeder Fahrkartenkontrolleur anerkennend nicken würde.

In den sozialen Medien wurde die neue Bescheid-Lyrik erwartungsgemäß nicht mit Konfetti empfangen. Von „sittenwidrig“ über „Raubrittertum“ bis „Abzocke“ war alles dabei, was das emotionale Vokabular eines kommunalen Gebührenbescheids hergibt. Hilden diskutiert also nicht mehr nur über Baustellen, Parkplätze oder die Frage, warum die Ampel immer dann rot wird, wenn man es eilig hat – nein, jetzt ist die Grundsteuer der neue Hauptdarsteller im lokalen Drama.

Die Stadt wiederum verweist darauf, dass alles angekündigt gewesen sei. Die Bescheide kämen später, die Fälligkeit auch, und man habe ja frühzeitig informiert. Das ist ungefähr so tröstlich wie der Satz: „Der Zahnarzt hat doch vorher gesagt, dass es kurz unangenehm wird.“ Zahlen müssen die Bürger trotzdem. Der erste große Termin ist der 26. Juni, dann werden die Beträge für die ursprünglichen Fälligkeiten im Februar und Mai fällig. Wer also dachte, der Sommer beginne mit Eis, Freibad und Grillwürstchen, darf nun noch den kommunalen Kassensturz dazulegen.

Widersprüche gibt es bislang nur im einstelligen Bereich, was entweder für große Gelassenheit spricht oder dafür, dass viele Hildener noch regungslos vor dem Bescheid sitzen und leise mit dem Taschenrechner verhandeln. Der Kämmerer sieht wenig Erfolgschancen, denn der Hebesatz liege im üblichen Rahmen und sogar unterhalb des Kreisdurchschnitts. Ein Satz, der sachlich beruhigen soll, emotional aber ungefähr klingt wie: „Andere zahlen auch viel, also bitte nicht so gucken.“

Auch Haus & Grund meldet sich zu Wort und fordert vor allem Rechtssicherheit. Das ist nachvollziehbar, denn niemand möchte jedes Jahr aufs Neue erleben, wie die Grundsteuer erst gesplittet, dann ent-splittet, dann gerichtlich angeschaut und anschließend wieder frisch serviert wird. Eigentümer wünschen sich keine kommunale Steuer-Telenovela mit Staffelverlängerung, sondern schlicht die Antwort auf eine einfache Frage: Was muss ich zahlen, warum, und bleibt das jetzt mal länger als drei Monate so?

Am Ende bleibt Hilden mit einer Erkenntnis zurück: Die Grundsteuer ist zwar eine trockene Angelegenheit, kann aber erstaunlich viel Dampf erzeugen. Früher brachte man Nachbarn mit Grillgeruch, Laubbläsern oder falsch geparkten Autos in Wallung. Heute reicht ein Hebesatz. Und während die Stadt rechnet, die Bürger schimpfen und die Gerichte prüfen, bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Bescheid wenigstens nicht noch mit den Worten beginnt: „Freuen Sie sich auf Ihre neue Steuererfahrung.“

Mittwoch, 10. Juni 2026

10.6.2026: VfB 03 Hilden: Aufstieg mit Herzrasen, Doppeldecker und Mallorca-Buchung

Es gibt Fußballspiele, die plätschern so dahin wie ein Sonntagnachmittag mit lauwarmem Kaffee. Und dann gibt es Spiele wie das des VfB 03 Hilden in St. Tönis: 90 Minuten Nervenkitzel, Schweißperlen auf der Trainerstirn und ein kollektiver Puls, der vermutlich noch in der Hildener Innenstadt auf dem Seismografen zu sehen war.

Der VfB 03 Hilden ist tatsächlich in die Regionalliga aufgestiegen. Einfach so. Na gut, „einfach“ ist vielleicht das falsche Wort, denn wer dabei war, dürfte zwischendurch mehrfach innerlich den Fußballgott angerufen haben. Mit einem 1:1 beim SC St. Tönis machte die Mannschaft von Trainer Tim Schneider den großen Coup perfekt. Und weil Hilden offenbar nicht nur Fußball, sondern auch Logistik kann, reiste der Anhang stilecht an: Erst sollte ein Bus reichen, dann reichte er natürlich nicht, also wurde kurzerhand ein Doppeldecker organisiert. Wenn schon Aufstiegskrimi, dann bitte mit Oberdeck.

Auf dem Platz begann alles nach dem Motto: Chancen ja, Tore nein. Schon früh hätte der VfB führen können, doch der Ball zeigte sich zunächst ungefähr so kooperativ wie ein Drucker kurz vor Abgabeschluss. Pascal Weber, Nick Sangl, Simon Metz – alle schnupperten an der Führung, aber das Tor blieb hartnäckig verschlossen. Währenddessen hielt Torwart Yannic Lenze hinten den Laden zusammen, und Kapitän Fabian zur Linden warf sich kurz vor der Pause noch beherzt in einen Schuss. Man merkte: Hier wollte keiner später sagen müssen, er habe „nur mal kurz zugeschaut“.

Nebenbei wanderte die Nachricht über den Platz, dass Ratingen in Monheim zurücklag. Das war ungefähr der Moment, in dem einige Hildener Fans kurz überlegten, ob sie jetzt schon jubeln dürfen oder ob das Schicksal noch irgendwo eine fiese Pointe versteckt hat. Spoiler: Es hatte eine.

Denn in der 83. Minute traf St. Tönis plötzlich zum 1:0. Aus Hildener Sicht war das ungefähr so willkommen wie ein Wespenbesuch am Kuchenbuffet. Plötzlich wurde aus dem Aufstiegsnachmittag wieder ein Nervendrama. Aber diese Mannschaft hat offenbar beschlossen, dass normale Siege langweilig sind. Also musste Etienne Feese in der 90. Minute ran und den Ball zum 1:1 versenken. Buchstäblich in letzter Minute. Dramaturgisch hätte das selbst ein Drehbuchautor abgelehnt, weil es „zu kitschig“ wirkt.

Danach begann das große Warten. Nicht auf den Bus, nicht auf die Kabinenpizza, sondern auf den Schlusspfiff in Monheim. Dort lag Ratingen zwar zurück, aber sicher ist im Fußball bekanntlich erst dann etwas, wenn alle pfeifen, keiner mehr rennt und der erste Betreuer schon die Getränkekiste umarmt. Dann endlich war klar: Hilden ist Meister. Hilden steigt auf. Hilden darf jubeln.

Und wie gejubelt wurde. Trainer Tim Schneider beschrieb es herrlich ehrlich: Händeschütteln sei das nicht gewesen, eher „Körper an Körper, Küsschen hier und Küsschen da“. Also im Grunde eine spontane Hildener Ganzkörperkonferenz auf Rasenbasis. Für Schneider war es der perfekte Abschied nach sechs Jahren als Cheftrainer der ersten Mannschaft. 103 Siege, jede Menge Punkte und am Ende eine Schale, von der er vorher offenbar gar nicht wusste, dass es sie gibt. Noch schöner: Er konnte sie sogar stemmen. Auch das muss man im Amateursport erst einmal schaffen.

Besonders passend zu diesem Aufstieg war die Geschichte von Simon Metz. Der rückte für den gesperrten Len Heinson in die Startelf, spielte mit blauem Auge und Platzwunde weiter und lieferte am Ende die präzise Flanke zum Ausgleich. Andere Menschen melden sich mit so einem Gesicht vielleicht arbeitsunfähig. Metz dachte sich offenbar: „Ach, geht noch. Ich flanke eben kurz den Verein in die Regionalliga.“

Nach dem Abpfiff wurde gefeiert, wie man eben feiert, wenn ein Traum Wirklichkeit wird. Einige Spieler buchten noch in der Kabine die Abschlusstour nach Mallorca. Sehr professionell, wie Tim Schneider bemerkte, denn vorher ging das ja nicht – es standen schließlich theoretisch noch Relegationsspiele im Raum. Erst Aufstieg klären, dann Ballermann. Ordnung muss sein.

So bleibt am Ende ein Tag, der in Hilden nicht so schnell vergessen wird. Ein Doppeldecker voller Hoffnung, ein Trainer mit Abschiedsmärchen, ein Angreifer mit Last-Minute-Tor, ein Verteidiger mit Piratenoptik und eine Mannschaft, die bewiesen hat, dass Teamgeist manchmal stärker ist als jede Taktiktafel. Der VfB 03 Hilden steigt in die Regionalliga auf – und ganz Hilden darf sich jetzt offiziell ein kleines bisschen größer fühlen.