Freitag, 2. Oktober 2026

2.10.2026: 37 Wohnungen gegen eine grüne Wiese – oder: Hilden muss sich entscheiden

Manche Hildener Geschichten brauchen ein paar Jahre, mehrere Ausschüsse, Proteste und vermutlich einen ziemlich dicken Aktenordner, bevor tatsächlich eine Entscheidung fällt. Die Bebauung an der Hofstraße 150 gehört eindeutig dazu. Jetzt hat der Stadtrat entschieden: Gebaut wird. Vier Mehrfamilienhäuser, drei Einfamilienhäuser und drei Doppelhäuser sollen entstehen, insgesamt 37 neue Wohneinheiten. CDU und SPD stimmten dafür, Grüne, FDP, BA/Piraten und AfD dagegen. Vor der Sitzung hatte der BUND mit einer Mahnwache für den Erhalt von Frischluftschneisen demonstriert.

Man kann es sich bei dieser Entscheidung leicht machen. Man kann sagen: Hilden braucht dringend Wohnungen, also muss gebaut werden. Oder: Hilden ist bereits dicht genug bebaut, also muss Grün erhalten bleiben. Das Problem ist nur, dass beide Argumente einen ziemlich realen Hintergrund haben.

Auf der einen Seite steht der Wohnungsdruck. Alle Wohnungen in den geplanten Mehrfamilienhäusern sollen öffentlich gefördert vermietet werden. Nach Angaben der CDU haben sich 210 Familien bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gemeldet, die dringend eine Wohnung suchen. Vorgesehen sind Wohnungen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, außerdem sollen Werkswohnungen für Beschäftigte in der Gesundheitsversorgung entstehen. Wer deshalb für das Projekt stimmt, kann darauf verweisen, dass bezahlbarer Wohnraum nicht allein dadurch entsteht, dass man seinen Mangel beklagt. Irgendwo muss er gebaut werden.

Auf der anderen Seite steht eine Stadt, deren Fläche sich ebenfalls nicht vermehren lässt. Wer gegen die Bebauung stimmt, kann darauf verweisen, dass zusätzliche Wohnungen eben nicht auf einem weißen Blatt Papier entstehen. Fläche wird versiegelt, Grün geht verloren, und gerade in einer ohnehin dicht besiedelten Stadt bekommt jeder weitere Eingriff besonderes Gewicht. Auch das ist kein theoretisches Argument.

Besonders deutlich wird dieser Konflikt an der Streuobstwiese zwischen Hofstraße und Bahnstraße. Sie wurde erst 2023 angelegt, finanziert unter anderem durch rund 8.400 Euro an Spenden sowie etwa 1.600 Euro von der Stadt. Nun wird die Fläche über das sogenannte Ökokonto als Kompensation für den Verlust der Grünfläche an der Hofstraße angerechnet.

Das sorgt bei Nabu, BUND und Bürgerverein Hilden-Süd für erheblichen Ärger. Der Nabu weist darauf hin, dass die Menschen für die Streuobstwiese aus Liebe zur Natur gespendet hätten und nicht, um damit später indirekt die Erschließung einer anderen Fläche zu ermöglichen. Auch der Bürgerverein erklärt, für diesen Zweck wäre nicht gespendet worden. Planerisch mag ein Ökokonto ein etabliertes Instrument sein. Aus Sicht eines Spenders kann dieselbe Rechnung trotzdem ganz anders aussehen.

Genau deshalb taugt die Hofstraße schlecht für einfache Sieger-und-Verlierer-Erzählungen. 37 zusätzliche Wohnungen werden den Hildener Wohnungsmarkt nicht lösen. Für die Menschen, die dort einmal wohnen, sind sie trotzdem alles andere als unbedeutend. Umgekehrt entscheidet der Erhalt einer einzelnen Grünfläche nicht über das gesamte Hildener Stadtklima. Eine einmal bebaute Fläche bleibt aber bebaut.

Der Rat musste also zwei nachvollziehbare Interessen gegeneinander abwägen: zusätzlichen und teilweise öffentlich geförderten Wohnraum auf der einen, den Schutz knapper Freiflächen auf der anderen Seite. Die Mehrheit hat sich für das Bauprojekt entschieden. Die Minderheit hat andere Prioritäten gesetzt. Gerade weil beide Seiten auf reale Probleme verweisen können, dürfte die Diskussion mit dem Ratsbeschluss politisch entschieden, aber gesellschaftlich kaum beendet sein.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Hildener Geschichte hinter der Hofstraße. In einer dicht besiedelten Stadt wird die Frage künftig immer häufiger nicht lauten, ob wir Wohnungen oder Grün brauchen. Wir brauchen beides. Die schwierigere Frage lautet, was geschieht, wenn beides denselben Quadratmeter beansprucht.

Hilden fehlt an der Hofstraße nicht das gute Argument. Hilden fehlt der Platz, um allen guten Argumenten gleichzeitig gerecht zu werden.

Mittwoch, 30. September 2026

30.9.2026: Weniger Arbeitslose, weniger Jobs – oder: Hilden hat zwei Zahlen zum Freuen und Grübeln

Es gibt Statistiken, bei denen man nach der ersten Zahl zufrieden nickt und nach der zweiten gleich wieder etwas vorsichtiger wird. Der Hildener Arbeitsmarkt liefert im September genau so einen Fall. In unserer Stadt sind aktuell 1.919 Menschen arbeitslos – 103 weniger als noch im August und sogar 83 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote ist von 6,6 auf 6,2 Prozent gesunken. Das ist erst einmal eine gute Nachricht.

Ganz so eindeutig ist das Bild allerdings nicht. Denn während weniger Menschen arbeitslos sind, gibt es gleichzeitig auch weniger offene Stellen. Für Hilden und Haan zusammen sind derzeit 441 freie Arbeitsplätze gemeldet. Das sind 76 weniger als vor einem Jahr. Im September kamen 102 neue Stellenangebote hinzu, ebenfalls weniger als im Vorjahresmonat. Der Arbeitsmarkt bewegt sich also in eine Richtung, die auf den ersten Blick etwas widersprüchlich wirkt: weniger Arbeitslose, aber eben auch weniger Auswahl für diejenigen, die gerade einen neuen Job suchen.

Die Agentur für Arbeit bewertet den Rückgang trotzdem als ermutigendes Signal. Ein Teil davon ist saisonal üblich, besonders erfreulich sei aber die Entwicklung bei jungen Menschen. Viele finden nach ihrer Ausbildung offenbar schnell eine Anschlussbeschäftigung. Für Hilden selbst fällt die Septemberbilanz dabei sogar besser aus als für die Nachbarstadt. Während hier 103 Menschen weniger arbeitslos gemeldet sind als im August, stieg die Zahl in Haan leicht um fünf. Interessanterweise landen beide Städte trotzdem bei derselben Arbeitslosenquote von 6,2 Prozent.

Für Hilden bedeutet das: Die Lage hat sich verbessert, von einem Arbeitsmarkt im großen Aufschwung kann aber noch keine Rede sein. Gerade die geringere Zahl gemeldeter Stellen zeigt, dass die Unternehmen weiterhin vorsichtig sind. Wer derzeit Arbeit sucht, trifft zwar auf einen stabileren Arbeitsmarkt, aber nicht unbedingt auf ein wachsendes Angebot.

Und Zahlen erzählen ohnehin immer nur einen Teil der Geschichte. Hinter den 1.919 Arbeitslosen stehen Menschen, für die eine sinkende Quote ziemlich nebensächlich ist, solange der eigene Arbeitsvertrag fehlt. Umgekehrt sind 441 offene Stellen für Hilden und Haan nicht automatisch 441 passende Stellen. Ein freier Arbeitsplatz hilft schließlich wenig, wenn Qualifikation, Arbeitszeit oder Beruf nicht zusammenpassen.

Trotzdem darf man sich über die Septemberzahlen freuen. 103 Hildener weniger in Arbeitslosigkeit innerhalb eines Monats sind eine Entwicklung in die richtige Richtung. Und vielleicht ist das diesmal eine jener seltenen lokalen Statistiken, bei denen wir nicht sofort nach Baustelle, Haushaltsloch oder neuem Verkehrsschild suchen müssen.

Ganz ohne Hildener Aber geht es natürlich trotzdem nicht: Die Arbeitslosenquote sinkt, gleichzeitig schrumpft das Stellenangebot.

Oder anders gesagt: In Hilden haben gerade mehr Menschen Arbeit – nur die Auswahl für die Nächsten wird kleiner.


Dienstag, 29. September 2026

29.9.2026: Acht Monate A59 dicht – oder: Hilden bekommt seine Lieblingsampeln zurück

Kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die A59 Richtung Leverkusen wieder befahrbar ist, wird die andere Richtung zugemacht. Ab Freitag, 2. Oktober, ist zwischen Monheim und dem Autobahndreieck Düsseldorf-Süd Richtung Düsseldorf Schluss. Voraussichtlich acht Monate lang. Für uns Hildener bedeutet das vor allem: Ein Teil der Autofahrer wird sich neue Wege suchen – und manche dieser Wege führen erfahrungsgemäß ziemlich schnell durch unsere Stadt.

Die offizielle Umleitung läuft über A542, A3 und A46. Das klingt auf der Karte wunderbar geordnet. Autobahn gesperrt, drei andere Autobahnen übernehmen, Problem gelöst. Nur besitzen Autofahrer Navigationsgeräte, Ortskenntnis und gelegentlich einen ausgeprägten Ehrgeiz, fünf Minuten schneller zu sein als alle anderen. Deshalb dürfte es auch auf den Straßen rund um Hilden interessanter werden.

Die Stadt ist vorbereitet – und setzt diesmal auf erstaunliche Zurückhaltung. Bei der ersten A59-Sperrung standen an mehreren großen Hildener Kreuzungen zusätzliche Bedarfsampeln. Wer damals durch die Stadt fuhr, konnte zeitweise den Eindruck gewinnen, die provisorische Ampel sei zur neuen Hildener Stadtmöblierung erklärt worden. Diesmal soll es nur eine geben: am Salzmannweg an der Einmündung in die Richrather Straße.

Der Grund dafür ist eigentlich eine gute Nachricht. Die vielen zusätzlichen Ampeln waren beim ersten Bauabschnitt zwar vorhanden, mussten aber gar nicht besonders eingreifen. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase lief der Verkehr nach Angaben der Stadt mit den normalen Schaltprogrammen ausreichend leistungsfähig. Deshalb lautet der Plan diesmal sinngemäß: Wir stellen nicht vorsorglich überall Ampeln hin, sondern schauen erst einmal, was passiert.

Für Hilden ist das fast schon ein verkehrspolitisches Experiment.

Einen angenehmen Nebeneffekt hat die reduzierte Ampelpopulation ebenfalls. Die Gehwege an den Kreuzungen bleiben frei von zusätzlichen Masten, Betonfundamenten und Gewichten. Die Stadt will die Verkehrslage beobachten und bei Bedarf die Autobahn GmbH um Nachsteuerung bitten. Besonders im Blick ist die Kreuzung Richrather Straße/Baustraße, wo die Ampelanlage gerade erneuert wird und die Stadt noch Verbesserungspotenzial sieht.

Natürlich bleibt die entscheidende Frage, wie viele Autofahrer tatsächlich durch Hilden ausweichen. Genau das lässt sich vorher kaum seriös vorhersagen. Schon während der ersten Sperrung waren manche befürchteten Auswirkungen geringer als erwartet. Erfahrungsgemäß dauert es einige Tage, bis sich alle ihre persönliche Lieblingsumleitung zusammengesucht haben. Danach verteilt sich der Verkehr – was für den Einzelnen übersetzt bedeutet: Der Geheimweg, den das Navi am Montag entdeckt hat, ist spätestens Mittwoch auch den anderen bekannt.

Warum das Ganze gleich acht Monate dauern muss, erklärt sich durch den Umfang der Arbeiten. Auf rund zwölf Kilometern wird die Fahrbahn grundlegend erneuert. Betonplatten müssen herausgebrochen und abtransportiert, der Untergrund neu aufgebaut, Brücken, Entwässerung und Straßenausstattung bearbeitet werden. Anschließend soll Asphalt statt Beton eingebaut werden. Der Verkehrsexperte Martin Mertens bezeichnet selbst die acht Monate angesichts dieser Arbeiten als „verdammt sportlich“.

Das dürfte bei manchen Pendlern für Verwunderung sorgen. Acht Monate Vollsperrung und „sportlich“ sind schließlich zwei Begriffe, die man morgens im Berufsverkehr nicht automatisch miteinander verbindet.

Hinzu kommt, dass die A59 nicht die einzige Baustelle der Region ist. Parallel gibt es Einschränkungen an der Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Köln sowie Arbeiten an der Knipprather Brücke in Langenfeld. Wer in den kommenden Monaten zwischen Hilden, Langenfeld, Düsseldorf und Köln unterwegs ist, könnte deshalb eine Fähigkeit besonders gut trainieren: spontane Routenplanung.

Für Hilden bleibt immerhin eine kleine Erkenntnis aus der ersten Sperrung: Damals kam es offenbar weniger schlimm als befürchtet. Vielleicht funktioniert es auch diesmal. Und sollte es doch irgendwo klemmen, steht zumindest eine alte Bekannte bereit.

Die Hildener Bedarfsampel ist zurück. Diesmal allerdings als Einzelstück.

Sonntag, 27. September 2026

27.9.2026: CO₂ unter Hilden – oder: Jetzt bekommt sogar die A3 eine Unterführung

An der A3 sind wir Hildener einiges gewohnt. Stau, Baustellen, Lärm – und demnächst vielleicht noch eine CO₂-Pipeline. Die geplante Leitung des „Delta Rhine Corridor“ soll nach den bisherigen Planungen in Hilden entlang der Autobahn verlaufen. Und wenn in Hilden die Wörter „Großprojekt“ und „Trassenführung“ gemeinsam auftauchen, lohnt es sich erfahrungsgemäß, genauer hinzuschauen.

Genau das können die Hildener jetzt tun. Die Öffentlichkeitsbeteiligung ist gestartet, die Planungsunterlagen sind einsehbar und bis zum 26. Oktober können Stellungnahmen abgegeben werden. Geplant wird die rund 200 Kilometer lange Rohrfernleitung von Open Grid Europe. Sie soll CO₂, das bei bestimmten industriellen Produktionsprozessen abgeschieden wird, in die Niederlande und von dort weiter zu Speicherstätten in der Nordsee transportieren.

Auf der Karte wirkt die Sache zunächst vergleichsweise ordentlich. In Hilden soll die Leitung parallel zur Autobahn verlaufen. Nur ist dort bereits ein weiteres Großprojekt geplant: der Ausbau der A3. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie beide Vorhaben zusammenpassen und was sie gemeinsam für das Stadtgebiet bedeuten.

Die Stadt sieht die Planung kritisch. Bürgermeister Claus Pommer fragt unter anderem, weshalb eine linksrheinische Alternative offenbar nicht ernsthaft weiterverfolgt werde und warum die Leitung durch einen dicht besiedelten Raum wie Hilden führen solle. Außerdem sei bislang nicht nachvollziehbar dargelegt worden, wie Pipeline und Autobahnausbau miteinander vereinbar sind.

Das sind Fragen, die sich auch ohne grundsätzliche Position zur CO₂-Speicherung stellen lassen. Denn über Sinn und Notwendigkeit einer solchen Infrastruktur kann man ausführlich diskutieren – die konkrete Trasse ist eine andere Frage. Und für uns Hildener ist am Ende ziemlich entscheidend, wo gebuddelt wird, wie lange gebuddelt wird und was danach noch alles gebuddelt werden muss.

Immerhin befinden wir uns noch nicht an dem Punkt, an dem jemand mit dem Bagger vor der Tür steht. Die konkrete Trassenführung soll erst in einem späteren Zulassungsverfahren festgelegt werden. Wer Hinweise, Anregungen oder Bedenken hat, kann sie jetzt offiziell einbringen – also besser, bevor irgendwann Markierungspfähle auftauchen und in der Hildener Facebook-Gruppe die erste Frage gestellt wird: „Weiß jemand, was die da schon wieder machen?“

So bekommt Hilden möglicherweise ein weiteres Infrastrukturprojekt, das auf einer Karte zunächst nur wie eine Linie aussieht. Vor Ort wird aus solchen Linien erfahrungsgemäß schnell etwas deutlich Konkreteres.

Über eine Trasse diskutiert es sich am besten, bevor sie vor der eigenen Haustür liegt.

Samstag, 26. September 2026

26.9.2026: Die Hoppedine kommt nach Hause – oder: Hilden darf wieder draußen jeck sein

Ich finde, der Hildener Karneval gehört am 11.11. auf den Alten Markt. Nicht weil dort zwingend die besten Bedingungen herrschen, sondern weil Karneval gesehen werden muss. Zwei Jahre lang erwachte die Hoppedine in der Stadthalle, jetzt holt das Carnevals Comitee Hilden sie zurück ins Herz der Innenstadt. Am 11. November um 16.30 Uhr geht es los – und wer eigentlich nur durch die Mittelstraße wollte, könnte plötzlich mitten in der neuen Session stehen.

Genau das ist gewollt. Das CCH möchte ausdrücklich nicht nur die überzeugten Karnevalisten erreichen, sondern auch diejenigen, die zufällig vorbeikommen, stehen bleiben und vielleicht doch ein bisschen mitfeiern. Das gefällt mir. Karneval funktioniert schließlich besser, wenn er sich nicht hinter Türen versteckt. Auf dem Alten Markt kann man schlecht behaupten, man habe von der Sessionseröffnung nichts mitbekommen.

Dabei stand vor wenigen Monaten noch gar nicht fest, ob in Hilden überhaupt alles wie gewohnt weitergeht. Der bisherige CCH-Vorstand trat nicht mehr zur Wiederwahl an, erst nach mehreren Anläufen fand sich eine neue Mannschaft. Seit Ende Juni führen Präsidentin Miriam Ksionzek, Geschäftsführerin Sonja Lange-Sangiorgi und ihre Mitstreiter das CCH. Viel Zeit zum gemütlichen Einarbeiten blieb ihnen nicht. Während andere neue Vorstände vermutlich erst einmal Passwörter ändern und Ordner sortieren, mussten sie praktisch sofort den Hildener Karneval retten.

Am 11.11. stehen nun wieder die Hoppedine, die CCH-Flöhe, die Musketiere und die Tanzgarde der Großen Hildener KG auf dem Programm, dazu legt DJ Frank auf. Clever ist auch die Uhrzeit. Früher nahm man sich für den 11.11. offenbar noch frei, heute kollidiert der Karneval mit etwas ausgesprochen Unnärrischem: dem normalen Arbeitstag. Deshalb beginnt das Programm erst am späten Nachmittag. Auch die Kinder sollen nicht früher aus der Schule geholt werden. Selbst der Hildener Karneval muss inzwischen Work-Life-Balance können.

Besonders gespannt darf man wieder auf Stephanie „Fanni“ Pook sein. Die Hildener Hoppeditz-Figur ist bekanntlich weiblich, also Hoppedine, und Fanni übernimmt die Rolle erneut. Sie gilt als jemand, der in seiner Rede lokale Themen gerne dort anfasst, wo es ein bisschen wehtut. Stoff dürfte vorhanden sein. Tempo 30 allein könnte vermutlich für eine komplette Büttenrede reichen. Und wenn das nicht genügt, gibt es in Hilden bekanntlich jederzeit Nachschub aus Rathaus, Verkehr und Kommentarspalten.

Drei Tage später geht es bereits in der Stadthalle weiter. Am 14. November werden Prinz Hildanus Eugen I. und Prinzessin Hildania Julia I. sowie das Kinderprinzenpaar Finja und Till vorgestellt. Besonders ist die Session auch deshalb, weil Finja und Till das 55. Hildener Kinderprinzenpaar bilden und die Große Hildener KG ihren 7x11. Geburtstag feiert. Wer mit karnevalistischer Mathematik nicht vertraut ist: 7x11 ist selbstverständlich bedeutender als 77. In diesen Dingen sollte man dem Rheinland einfach vertrauen.

Hinter der ganzen Fröhlichkeit steckt allerdings viel Arbeit – und zunehmend viel Geld. Das CCH kämpft mit steigenden Kosten für Sicherheitsauflagen und Wurfmaterial, während Zuschüsse keineswegs selbstverständlich sind. Ob und in welchem Umfang die Stadt den Karneval 2027 unterstützen kann, ist angesichts der angespannten Haushaltslage noch offen. Das Sessionsheft mit seinen Sponsoreneinnahmen wird deshalb wichtiger, um unter anderem den Rosenmontagszug zu finanzieren. Und wer sich anschließend in sozialen Medien darüber beschwert, dass beim Zug zu wenig oder nicht die richtigen Kamelle geworfen wurden, sollte vielleicht daran denken: Das Zeug fällt tatsächlich nicht vom Himmel. Bezahlt wird vieles von den Menschen auf den Wagen selbst.

Vielleicht ist genau das der Teil des Karnevals, den man als Zuschauer leicht übersieht. Wir sehen Musik, Kostüme, Tanzgruppen, Prinzenpaar und Rosenmontagszug. Dahinter stehen Menschen, die ehrenamtlich organisieren, Sponsoren suchen, Sicherheitsauflagen erfüllen, Wurfmaterial kaufen und dafür sorgen, dass am Ende überhaupt etwas stattfinden kann. Der neue CCH-Vorstand ist dafür in diesem Jahr ziemlich kurzfristig ins kalte Wasser gesprungen.

Umso schöner, dass die neue Session dort beginnt, wo Hildener Stadtleben hingehört: mitten in der Innenstadt. Man muss nicht einmal überzeugter Jeck sein. Einfach am 11.11. gegen halb fünf über den Alten Markt gehen und schauen, was passiert.
 

Und wenn Fanni dann noch Tempo 30 aufs Korn nimmt, hat Hilden endgültig alles zusammen, was es für einen gelungenen Nachmittag braucht: Karneval, Innenstadt und eine Verkehrsdiskussion. Helau.

Freitag, 25. September 2026

25.9.2026: Drei Monate Pause – oder: Hilden spart jetzt mit unbesetzten Schreibtischen

Bei der Stadt Hilden arbeiten viele Menschen. Sehr viele sogar. Zum 30. Juni waren es 1.182, wobei 74 ehrenamtliche Kräfte mitgezählt werden. Ohne sie bleiben 1.108 Beschäftigte. Gleichzeitig ist ungefähr jede zwanzigste vorgesehene Stelle unbesetzt. Normalerweise würde man an dieser Stelle über Fachkräftemangel sprechen. In Hilden bekommt die freie Stelle derzeit allerdings noch eine zweite Funktion: Sie hilft beim Sparen.

Denn seit Mitte März gilt grundsätzlich eine dreimonatige Wiederbesetzungssperre. Wird eine Stelle frei, kommt nicht sofort jemand Neues. Erst einmal wartet Hilden. Ausgenommen sind verständlicherweise Bereiche, in denen längeres Warten keine besonders gute Idee wäre: Feuerwehr und Rettungsdienst, Kinderbetreuung und Kinderschutz. Beim Rest lautet die neue Personalstrategie vereinfacht: Bevor wir jemanden einstellen, schauen wir drei Monate lang, ob es vielleicht auch so geht.

Finanziell funktioniert das zunächst tatsächlich. Die Stadt hatte bei den Personalkosten eine Überschreitung des Haushaltsansatzes von rund 671.000 Euro erwartet. Durch die verzögerte Wiederbesetzung konnte diese Prognose auf etwa 290.000 Euro gedrückt werden. Rechnerisch sind das rund 381.000 Euro weniger. Angesichts der Hildener Haushaltslage ist das kein Kleingeld. Die Personalausgaben werden inzwischen sogar monatlich statt nur quartalsweise kontrolliert. Wenn Hilden irgendwo konsequent beschleunigt, dann derzeit offenbar beim Blick auf die Kosten.

Allerdings hat diese Rechnung eine zweite Seite. Eine unbesetzte Stelle kostet zwar kein Gehalt, erledigt aber auch keine Arbeit. Die verschwindet schließlich nicht automatisch zusammen mit dem Namen auf dem Türschild. Entweder sie bleibt liegen, wird später erledigt oder landet bei den Kolleginnen und Kollegen. Drei Monate Wiederbesetzungssperre sind deshalb nicht einfach drei Monate Einsparung, sondern möglicherweise auch drei Monate zusätzliche Belastung an anderer Stelle. Spätestens wenn Bürger länger auf eine Antwort, einen Termin oder eine Bearbeitung warten, bekommt die Personalpolitik ein Gesicht.

Interessant ist auch die Struktur der Stadtverwaltung. Der Stellenplan umfasst rechnerisch 902 Vollzeitstellen, tatsächlich arbeiten deutlich mehr Menschen für die Stadt, weil viele Stellen geteilt werden. 44 Prozent der Beschäftigten auf Planstellen arbeiten in Teilzeit. Das liegt nicht nur an persönlichen Arbeitszeitmodellen, sondern auch daran, dass etwa im Offenen Ganztag, in Küchen oder an der Musikschule Tätigkeiten von vornherein als Teilzeitstellen vorgesehen sind. Hinzu kommen 59 Ausbildungs-, Praktikums- und Freiwilligendienstverhältnisse. Nachwuchs gibt es also weiterhin, wenn auch weniger als im Vorjahr.

Und während Hilden versucht, mit dreimonatigen Stellenpausen einige Hunderttausend Euro einzusparen, wartet im Hintergrund möglicherweise eine ganz andere Hausnummer. Sollte Nordrhein-Westfalen die Beamtenbesoldung infolge der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts anpassen, rechnet die Stadt mit zusätzlichen Belastungen von bis zu zwei Millionen Euro jährlich. Das wäre kommunale Finanzmathematik in ihrer schönsten Form: Vorne spart man 381.000 Euro durch später besetzte Stellen, während hinten möglicherweise zwei Millionen Euro zusätzliche Kosten durch die Tür kommen.

Genau darin liegt das eigentliche Problem. Personalkosten lassen sich kurzfristig bremsen, eine Verwaltung lässt sich aber nicht beliebig verkleinern, ohne dass es irgendwann im Alltag bemerkbar wird. Hilden braucht schließlich weiterhin Erzieher, Feuerwehrleute, Verwaltungsmitarbeiter, Sozialarbeiter, Ingenieure und all die anderen Menschen, die dafür sorgen, dass eine Stadt funktioniert. Sparen durch Nichtbesetzen kann deshalb ein Instrument sein. Ein dauerhaftes Personalkonzept ist es nicht.

Für uns Hildener wird am Ende ohnehin eine andere Frage entscheidend sein: Merken wir etwas davon? Solange Anträge bearbeitet, Kitas betrieben, Straßen geplant und Dienstleistungen erbracht werden, bleibt die Wiederbesetzungssperre vor allem eine Zahl im Personalbericht. Wenn die Wartezeiten steigen, wird aus dieser Zahl ziemlich schnell eine Alltagserfahrung.

Und damit hat Hilden eine bemerkenswert einfache Sparmethode entdeckt: Die günstigste Stelle im Rathaus ist momentan die, auf der drei Monate lang niemand sitzt.

Donnerstag, 24. September 2026

24.9.2026: Hilden hat sich bewegt – oder: 1.600-mal runter vom Sofa

Ich gebe zu: Wenn ich im Sommer durch Hilden fahre und irgendwo im Park Menschen auf Matten liegen, denke ich nicht automatisch an Sport. Manchmal sieht es eher nach sehr organisiertem Entspannen aus. Aber Yoga zählt natürlich, genauso wie Qi Gong, Boule, Rückenschule, Bodyweight-Training und After-Work-Fitness. Zwölf Wochen lang hat sich Hilden bei „Sport im Park“ bewegt – und offenbar ziemlich gerne.

Mehr als 1.600 Teilnahmen wurden bei insgesamt 71 kostenlosen Angeboten gezählt. Im vergangenen Jahr waren es 1.526. Das klingt zunächst nach einer dieser Zahlen, die Verwaltungen gerne in Pressemitteilungen schreiben. Aber dahinter steckt eine einfache und ziemlich erfreuliche Erkenntnis: Wenn Sport unkompliziert, kostenlos und direkt vor der Haustür angeboten wird, machen die Leute mit.

Rund 1.300 Teilnahmen entfielen auf die regelmäßigen Kurse, weitere 300 auf Aktionen für Kinder und Jugendliche wie Fahrradparcours und DFB-Fußball-Abzeichen. Besonders gefällt mir die Bandbreite. Der eine versucht beim Yoga herauszufinden, ob die eigenen Knie tatsächlich noch für diese Position vorgesehen sind, der nächste spielt Boule und wieder andere trainieren für das Deutsche Sportabzeichen. Hilden bewegt sich – jeder nach seinen Möglichkeiten.

Das Schöne an „Sport im Park“ ist für mich gerade das Unkomplizierte. Kein langfristiger Vertrag, keine Aufnahmegebühr, kein neues Sportoutfit, das nach drei Wochen im Schrank verschwindet. Man geht hin und macht mit. Und wer feststellt, dass Bodyweight-Training doch anstrengender ist, als der harmlose Name vermuten lässt, kann beim nächsten Mal vielleicht Boule ausprobieren.

Dass das funktioniert, liegt natürlich auch an den Vereinen und Anbietern, die das Programm tragen. Sportmühle Hilden, Hilden Sport, Boule-Club Fanny Hilden, Fuel for Move, Stadtsportverband, Core-Fit, Sportvereinigung 05/06 und SV Hilden-Ost waren unter anderem beteiligt. Stadtwerke Hilden und Bergische Krankenkasse unterstützten die Reihe. Ohne solche Partner bleiben aus 71 Angeboten schnell deutlich weniger.

2027 soll „Sport im Park“ deshalb weitergehen. Bis dahin muss Hilden übrigens nicht vollständig zurück aufs Sofa. Von November bis Februar gibt es unter anderem den Open Sunday und „Laufen unter Flutlicht“. Gerade Letzteres klingt nach einem Angebot für Menschen, die im Winter morgens im Dunkeln zur Arbeit fahren und abends im Dunkeln zurückkommen – und zwischendurch offenbar trotzdem noch freiwillig laufen wollen. Respekt.

Mir gefällt an der ganzen Sache vor allem, dass hier einmal niemand lange erklären muss, warum etwas schwierig ist. Keine Baustelle, keine Parkplatzdiskussion, kein neues Verkehrsschild und keine jahrelange Planung. Matte hinlegen, Sportschuhe anziehen und anfangen.

Vielleicht ist das die einfachste Hildener Erfolgsformel überhaupt: kostenlos, draußen und möglichst ohne Ausschusssitzung vorher.