Sonntag, 23. August 2026

23.8.2026: Otto’s Büdchen verschwindet – aber die Erinnerungen bleiben

Es gibt Gebäude, die sind architektonisch bedeutsam. Es gibt Gebäude, die stehen unter Denkmalschutz. Und dann gibt es Gebäude, bei denen all das ziemlich egal ist, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. In Hilden gehörte Otto’s Büdchen an der Walder Straße eindeutig zur dritten Kategorie. Man musste nicht erklären, wo es lag. Man sagte einfach „bei Otto“ – und damit war die Sache geklärt. Nun verschwindet auch der letzte sichtbare Rest dieses Stücks Hildener Alltagsgeschichte. Das Haus an der Walder Straße 28 wird abgerissen, von dem Gebäude steht inzwischen nur noch die vordere Fassade.

Otto’s Büdchen war schließlich nicht irgendein Kiosk. Otto Hedrich eröffnete ihn am 1. April 1969. Eigentlich hatte seine Frau Ursula zunächst einen Blumenladen, während Otto als gelernter Schreiner eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass sich mit Zigaretten, Zeitschriften, Süßigkeiten und allem, was ein ordentliches Büdchen sonst noch braucht, offenbar besser wirtschaften ließ als mit Blumen. Also wurde das Ladenlokal vermietet und das Ehepaar konzentrierte sich auf den Kiosk. Das war eine Entscheidung mit Folgen: Aus einem kleinen Geschäft wurde über Jahrzehnte eine Hildener Institution.

Wer heute über Öffnungszeiten im Einzelhandel diskutiert, sollte sich die damalige Betriebsordnung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Otto’s Büdchen war 364 Tage im Jahr geöffnet. Lediglich am ersten Weihnachtstag war Schluss. Heiligabend? Offen. Silvester? Offen. Irgendein verregneter Dienstag im November, an dem jeder vernünftige Mensch am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre? Natürlich offen. Wahrscheinlich hätte man bei Otto eher darüber diskutieren müssen, warum ein Jahr überhaupt einen Tag braucht, an dem der Kiosk geschlossen ist.

Nach dem Tod seiner Frau Ursula im Jahr 2005 machte Otto weiter. Unterstützt wurde er von zwei Mitarbeiterinnen. Und er blieb seinem Büdchen tatsächlich bis zuletzt treu. Am 21. Januar 2020 starb Otto Hedrich im Alter von 77 Jahren. Noch am Tag zuvor hatte er hinter seinem Verkaufstresen gestanden und seine Kunden bedient. Nach mehr als 50 Jahren war Otto für viele Hildener längst nicht mehr einfach der Mann vom Kiosk. Er gehörte zum Inventar der Stadt – und zwar im besten Sinne des Wortes.

Jetzt also der Abriss. Und natürlich stellt sich sofort die wichtigste Hildener Frage: Was kommt dahin? Die Antwort ist derzeit ungefähr so eindeutig wie die Frage, ob man in der Innenstadt an einem Samstagmittag spontan einen Parkplatz findet. Nach Angaben der Stadt soll auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen, einschließlich Stellplätzen und Garagen im rückwärtigen Bereich. Wer genau baut, wann gebaut wird und welche Fläche am Ende tatsächlich betroffen ist, scheint allerdings noch nicht vollständig geklärt zu sein.

Das Ganze bekommt zusätzliche Würze, weil direkt nebenan ohnehin größere Veränderungen geplant sind. Im Bereich zwischen Walder Straße und Kirchhofstraße möchte die Stadt langfristig ein neues Wohngebiet entwickeln. Der Bebauungsplan mit dem ausgesprochen romantischen Namen „165A“ sieht fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser und drei Einzelhäuser vor. Insgesamt könnten dort 70 bis 90 Wohnungen entstehen. Dazu kommen neue Straßen und 97 Stellplätze. Das klingt zunächst nach einer jener Planungen, bei denen Stadtplaner begeistert auf bunte Flächen schauen und Anwohner spontan beginnen, Parkplätze nachzuzählen.

Genau so kam es auch. Bei einer Informationsveranstaltung im Mai war die Begeisterung der Anwohner ausgesprochen überschaubar. Rund 35 Grundstückseigentümer, Mieter und Anwohner waren gekommen, und fast alle standen den Plänen ablehnend gegenüber. Vor allem das Thema Parkplätze sorgte für Diskussionen. Schließlich soll ein bestehender Garagenhof verschwinden, während gleichzeitig zahlreiche neue Bewohner hinzukommen könnten. Das ist ungefähr die kommunalpolitische Variante von Reise nach Jerusalem: mehr Teilnehmer, aber möglicherweise weniger Stühle.

Bis dort tatsächlich die Bagger für das große Wohnprojekt rollen, dürfte allerdings noch reichlich Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Stadt besitzt selbst kaum Grundstücke in dem Gebiet und ist deshalb auf die Bereitschaft der Eigentümer angewiesen. Zudem müssen Einwände geprüft, Pläne möglicherweise verändert und erneut öffentlich ausgelegt werden. Für den Beschluss des Bebauungsplans waren zuletzt noch mindestens rund zweieinhalb Jahre eingeplant.

Bei Otto’s Büdchen ist die Sache dagegen schon sehr konkret: Dort arbeitet der Bagger bereits. Damit verschwindet ein Ort, der äußerlich vielleicht nie besonders spektakulär war, für viele Hildener aber zu den selbstverständlichen Konstanten der Stadt gehörte. Genau solche Orte merkt man häufig erst dann richtig, wenn sie nicht mehr da sind.

Natürlich braucht Hilden Wohnungen. Städte verändern sich, Grundstücke werden neu genutzt und irgendwann können selbst die bekanntesten Gebäude nicht einfach stehen bleiben, nur weil Generationen von Hildenern dort ihre Zeitung, Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft haben. Trotzdem darf man ein wenig wehmütig werden. Denn ein neues Mehrfamilienhaus kann vieles bieten: moderne Wohnungen, Garagen, vielleicht Balkone und selbstverständlich irgendeinen hochmodernen Fahrradabstellraum.

Nur eines wird es ziemlich sicher nicht schaffen: 364 Tage im Jahr Otto zu sein.

Samstag, 22. August 2026

22.8.2026: Gut Holterhof: Wo der Arbeitstag vier Beine hat und Feierabend eher theoretisch ist

Wer morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und anschließend darüber nachdenkt, ob heute vielleicht ein ruhiger Tag im Büro bevorsteht, dürfte auf Gut Holterhof nur begrenzt anschlussfähig sein. Dort beginnt der Tag eher mit Stall, Kühen und Pferden – und wenn andere langsam den Laptop zuklappen, wollen die Tiere noch einmal wissen, was es zum Abendessen gibt. Mittendrin: die 23-jährige Pia Breloh. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Tom steht sie als vierte Generation bereit, den traditionsreichen Hildener Familienbetrieb irgendwann zu übernehmen.

Und wer jetzt glaubt, Pia müsse erst noch herausfinden, ob Landwirtschaft wirklich das Richtige für sie ist, dürfte lange warten. Sie kennt dieses Leben seit ihrer Kindheit und kann sich nach eigener Aussage kaum vorstellen, ihre Tage stattdessen in einem Büro zu verbringen. Verständlich: Zwischen zehn Galloway-Rindern, 50 Milchkühen, weiteren 50 Kühen in der Nachzucht und rund 30 Pensionspferden dürfte der durchschnittliche Dienstag jedenfalls abwechslungsreicher sein als zwischen Drucker, Kaffeemaschine und Teams-Besprechung. Dazu kommen Hofladen, Automatenverkauf und eine umgebaute Scheune, die als Veranstaltungsort vermietet wird. Gut Holterhof ist längst nicht mehr einfach nur Bauernhof, sondern ein kleiner landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen – nur eben mit deutlich mehr Kühen.

Pias Alltag ist entsprechend durchgetaktet. Vor zwei Jahren hat sie ein Fernstudium im Agrarmanagement begonnen. Das Studium ersetzt allerdings nicht die Arbeit auf dem Hof, sondern kommt praktischerweise einfach noch obendrauf. Morgens und vormittags werden Pferde- und Kuhstall ausgemistet und die Tiere versorgt, mittags und nachmittags wird gelernt, und am Abend sind wieder die Tiere dran. Das klassische Studentenleben mit Ausschlafen, Mensa und der gelegentlichen Erkenntnis um 22 Uhr, dass morgen eine Klausur geschrieben wird, dürfte auf Gut Holterhof eher selten stattfinden. Pias Ziel steht ohnehin fest: Sie möchte den Hof gemeinsam mit ihrem Bruder übernehmen. Tom absolviert eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Landwirtschaft und Landtechnik – das könnte man durchaus als ziemlich sinnvoll geplante Geschwisterkombination bezeichnen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Pia als mögliche Betriebsnachfolgerin in der Landwirtschaft noch immer zu einer Minderheit gehört. Frauen machen zwar einen erheblichen Teil der Beschäftigten aus, an der Spitze landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber deutlich seltener vertreten. Gerade einmal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gut Holterhof könnte also irgendwann nicht nur einen Generationswechsel erleben, sondern gleichzeitig ein kleines Stück landwirtschaftlicher Statistik verändern.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, morgens Kühe zu melken und abends das Scheunentor zu schließen. Die Landwirtschaft verändert sich, viele Betriebe wachsen oder verschwinden ganz. Gut Holterhof versucht deshalb, auf mehreren Beinen zu stehen – was bei einem Hof mit so vielen Tieren ohnehin naheliegt. Neben Landwirtschaft und Direktvermarktung sieht Pia besonders im Veranstaltungsbereich Chancen. Die Scheune wird bereits als Party-Location genutzt, künftig könnte es dort beispielsweise auch Kindergeburtstage geben. Nur eines soll daraus ausdrücklich nicht werden: irgendein Schicki-Micki-Restaurant. Das würde vermutlich auch schlecht zu einem Arbeitstag passen, bei dem Gummistiefel deutlich häufiger benötigt werden als Pumps.

Überhaupt ist Landwirtschaft weniger Beruf als Lebensmodell. Wer Tiere hat, kann schließlich schlecht am Freitag um 17 Uhr den Stift fallen lassen und den Kühen mitteilen, dass man sich Montagmorgen wiedersehe. Auch Pias Partner kommt deshalb aus der Landwirtschaft. Das sei wichtig, weil man jemanden brauche, der verstehe, dass es praktisch nie wirklich frei gebe. Ihre eigene Beschreibung bringt das wunderbar auf den Punkt: Sie laufe den ganzen Tag in Arbeitskleidung herum und rieche nach Pferd – damit müsse ein Mann eben klarkommen. Romantik auf dem Land funktioniert offenbar etwas anders als in einschlägigen Fernsehformaten.

Und ganz ohne Kontrastprogramm geht es dann doch nicht. Pia ist ausgebildete Jägerin und engagiert sich mit ihrem Partner Jan Philippen in der Landjugend. Gleichzeitig bilden die beiden das Jungschützenkönigspaar in Ratingen. Für solche Gelegenheiten hängen tatsächlich ein paar elegante Abendkleider im Schrank. Zwischen Stallkleidung und Abendkleid liegen auf Gut Holterhof also manchmal nur wenige Stunden – vermutlich allerdings inklusive gründlicher Dusche.

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb gar nicht, dass eine junge Frau einen Bauernhof übernehmen möchte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Familientradition weitergeführt und gleichzeitig modernisiert wird. Gut Holterhof wurde bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Nun steht dort eine Generation bereit, die Agrarmanagement studiert, Landmaschinenmechatronik lernt, Direktvermarktung betreibt und über neue Veranstaltungskonzepte nachdenkt. Tradition bedeutet eben nicht, alles genauso zu machen wie vor hundert Jahren. Manchmal bedeutet sie einfach, dafür zu sorgen, dass es den Hof auch in hundert Jahren noch gibt.

Und während anderswo über Work-Life-Balance diskutiert wird, dürfte man auf Gut Holterhof bei diesem Begriff kurz schmunzeln. Denn spätestens wenn morgens der Futtereimer klappert und zehn Galloways angelaufen kommen, ist ziemlich eindeutig geklärt, welcher Teil von „Work-Life-Balance“ gerade Vorrang hat.

Freitag, 21. August 2026

21.8.2026: Sommerferien in Hilden: Wenn die Kinder gehen, kommen die Handwerker

Sommerferien haben für Schüler ja etwas wunderbar Einfaches: Schultasche in die Ecke, Wecker aus, sechs Wochen möglichst wenig darüber nachdenken, dass es so etwas wie Mathematik, Hausaufgaben und Montagmorgen überhaupt gibt. Für Hildens Schulen und Kitas sieht die Sache etwas anders aus. Sobald Kinder, Lehrer und Erzieherinnen verschwunden sind, beginnt dort nämlich eine ganz andere Form des Unterrichts: Maler, Elektriker, Bodenleger und Handwerker übernehmen die Gebäude. Und in diesem Sommer hat die Stadt ihnen eine ziemlich lange Hausaufgabenliste mitgegeben. Gut 200.000 Euro werden investiert, damit nach den Ferien zumindest an einigen Stellen frische Farbe an der Wand hängt, das Licht wieder zuverlässig leuchtet und Feuchtigkeit dort bleibt, wo sie hingehört – nämlich möglichst außerhalb des Gebäudes.

Am Helmholtz-Gymnasium werden rund 30.000 Euro investiert. Sekretariat, Schulleitungsbüro und Vorflur werden umgestaltet, im Keller müssen Brandschotten verbessert, alte Leitungen entfernt und die Netzwerkinfrastruktur erweitert werden. Das klingt nicht unbedingt nach der Art von Ferienprogramm, für die man morgens freiwillig früh aufsteht, ist aber vermutlich nachhaltiger als drei Wochen Mallorca. Immerhin dürfte die Schulleitung nach den Ferien in frisch renovierten Räumen sitzen. Ob dadurch auch unangenehme Zeugnisgespräche angenehmer werden, ist allerdings nicht Bestandteil der Baumaßnahme.

Auch die Wilhelm-Busch-Schule an der Richrather Straße bekommt für rund 20.000 Euro eine kleine Schönheitskur. Malerarbeiten im Alt- und Neubau, Putzarbeiten und punktuell neue Böden stehen auf dem Programm. Die Grundschule am Kalstert erhält für 15.000 Euro ebenfalls Farbe und Lack im Treppenhaus, dazu Elektroarbeiten. Weniger erfreulich ist dort der Grund für einen weiteren Teil der Arbeiten: Einbruchsschäden im Verwaltungsbereich müssen beseitigt werden. Ähnlich sieht es bei der Kita Kunterbunt an der Lortzingstraße aus. Dort hatten sich Unbekannte im April gewaltsam Zutritt verschafft. Rund 2.000 Euro kostet es nun, die Hinterlassenschaften dieser ausgesprochen unerwünschten Besucher wieder zu beseitigen. Man könnte das Geld sicherlich schöner für Kinder ausgeben.

An der Astrid-Lindgren-Schule wird für etwa 10.000 Euro an der Hochspielebene gearbeitet und die Elektrik angefasst, bei der Wilhelm-Busch-Schule Zur Verlach kostet ein ähnlicher Umbau rund 5.000 Euro. Die Marie-Colinet-Schule und die Turnhallen am Holterhöfchen bekommen für etwa 8.000 Euro Arbeiten an Farbe, Boden und Dach spendiert. Es sind viele kleinere Maßnahmen, die einzeln wenig spektakulär klingen, in der Summe aber zeigen, was der Unterhalt öffentlicher Gebäude bedeutet. Ein bisschen Farbe hier, ein neuer Boden dort, eine Sicherheitsbeleuchtung an anderer Stelle – und schon hat der Taschenrechner wieder ordentlich zu tun.

Der unangefochtene Sommerferien-Sanierungsmeister 2026 steht allerdings an der Schulstraße. Die Kita Arche verschlingt mit rund 100.000 Euro gleich die Hälfte des gesamten Budgets. Und „verschlingt“ ist hier beinahe das passende Wort, denn das Problem steckt in den Wänden. Der Gebäudekomplex stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, Teile des Ziegelmauerwerks liegen im Erdreich und genau dort hat sich erhebliche Feuchtigkeit breitgemacht. Betroffen sind unter anderem der große Bewegungsraum samt Sanitärbereich, ein Heizungsraum und sogar das Büro der Kitaleitung. Wer bei „Arche“ bislang automatisch an sehr viel Wasser gedacht hat, bekommt hier leider eine etwas zu passende moderne Interpretation des Namens.

Nun werden die betroffenen Wände fachgerecht abgedichtet und anschließend getrocknet. Bautrockner laufen dafür Tag und Nacht. Danach sollen die Räume, soweit erforderlich, renoviert werden. Das Ziel klingt erfreulich unspektakulär: Die Kita soll ihre Räume anschließend wieder dauerhaft und uneingeschränkt nutzen können. Gerade bei solchen Maßnahmen merkt man allerdings, wie schnell bei älteren öffentlichen Gebäuden erhebliche Summen zusammenkommen. Für 100.000 Euro bekommt die Arche schließlich keinen neuen Anbau, keinen spektakulären Abenteuerspielplatz und auch keine goldenen Wasserhähne. Man bekommt im Wesentlichen trockene Wände. Aber manchmal sind trockene Wände eben ziemlich luxuriös.

Etwas gemütlicher dürfte es künftig in der Kita Mäusenest werden. Dort investiert die Stadt rund 15.000 Euro in neue dimmbare LED-Beleuchtung, Malerarbeiten und Maßnahmen für eine bessere Raumakustik. Dimmbare Beleuchtung in einer Kita klingt übrigens nach einer ausgezeichneten Idee. Wer schon einmal einen Raum voller aufgedrehter Kinder erlebt hat, weiß allerdings, dass man für eine wirklich beruhigende Atmosphäre vermutlich nicht nur das Licht dimmen müsste. Trotzdem: besseres Licht und bessere Akustik sind sicherlich zwei Investitionen, über die sich Kinder und Beschäftigte gleichermaßen freuen können.

Und dann gibt es noch all die Arbeiten, die kaum jemand bemerkt, solange alles funktioniert. Elektroanlagen in mehreren Kitas werden geprüft, Sicherheitsbeleuchtungen erneuert, Brandmeldeanlagen kontrolliert oder neu installiert und elektronische Türbeschläge eingebaut. Auch die fest installierten und beweglichen Sportgeräte in den Hildener Hallen wurden überprüft. Notwendige Reparaturen sollen ebenfalls während der Ferien erledigt werden. Das ist die unsichtbare Seite kommunaler Gebäudewirtschaft: Wenn nach den Ferien das Licht angeht, die Tür aufgeht, der Basketballkorb hängen bleibt und im Ernstfall die Brandmeldeanlage funktioniert, denkt vermutlich niemand daran, dass während der Sommerferien jemand dafür gesorgt hat.

Natürlich kann man bei 200.000 Euro fragen, ob das viel oder wenig ist. Verteilt auf die zahlreichen Schulen, Kitas und Sportstätten der Stadt relativiert sich die Summe allerdings ziemlich schnell. Allein die feuchte Arche beansprucht die Hälfte davon. Und vieles, was jetzt gemacht wird, ist eben keine luxuriöse Verschönerung, sondern notwendiger Gebäudeunterhalt. Schulen und Kitas werden jeden Tag intensiv genutzt. Da werden Türen geöffnet und geschlossen, Böden strapaziert, Wände malträtiert und technische Anlagen beansprucht. Gebäude altern eben auch dann, wenn gerade niemand Geburtstag feiert.

Während also viele Hildener Kinder ihre Ferien genießen, herrscht in ihren Schulen und Kitas Hochbetrieb. Nur eben ohne Mathearbeit, Morgenkreis und Pausenklingel. Stattdessen wird gestrichen, gebohrt, getrocknet, geprüft und verkabelt. Und wenn nach den Sommerferien alle wiederkommen, werden die meisten Veränderungen wahrscheinlich kaum auffallen. Genau das ist vermutlich das größte Kompliment für die Handwerker: Die Kinder kommen zurück, das Licht funktioniert, die Wand ist trocken, der Boden heil – und spätestens nach zwei Tagen sieht alles wieder so aus, als wären niemals Ferien gewesen.

Donnerstag, 20. August 2026

20.8.2026: Hildens Pferdewiese: 21 Reihenhäuser, 411 Quadratmeter Mulde und die große Frage, wohin mit dem Regen?

Es gibt Orte in Hilden, von denen vermutlich selbst viele Hildener lange Zeit nicht wussten, dass sie einen Namen haben. Die Pferdewiese gehört ziemlich sicher dazu. Sie liegt im Hildener Norden hinter den Häusern an der Gerresheimer Straße, ungefähr zwischen Gerresheimer Straße und Heinrich-Lersch-Straße. Rund 7.328 Quadratmeter Grünfläche, also ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Jahrzehntelang konnte man dort vermutlich relativ unbehelligt Wiese sein. Doch damit könnte es irgendwann vorbei sein, denn die DRH Deutsche Reihenhaus AG hat das Grundstück gekauft und möchte dort 21 Reihenhäuser errichten. Und plötzlich ist aus einer Wiese ein städtebauliches Großthema geworden.

Geplant sind 21 Reihenhäuser mit Gärten, Stellplätzen und allem, was zu einer kleinen neuen Siedlung dazugehört. Zur Auswahl stehen sogar zwei ausgesprochen optimistisch benannte Haustypen: „Wohntraum“ mit 120 Quadratmetern und „Familienglück“ mit 145 Quadratmetern. Das muss man sich erst einmal trauen. Andere Bauträger nennen ihre Häuser Typ A und Typ B, in Hilden zieht man möglicherweise demnächst direkt ins Familienglück ein. Fehlt eigentlich nur noch die Doppelhaushälfte „Schwiegermutterfrieden“ und die Garage „Nachbarschaftsharmonie“. Die Häuser entstehen in serieller Bauweise und sehen deshalb deutschlandweit weitgehend gleich aus. Lediglich bei der Fassadenfarbe gibt es Variationsmöglichkeiten. Individualismus hat schließlich Grenzen.

Ganz so romantisch wie die Namen der Häuser ist die Diskussion allerdings nicht. Denn die Pferdewiese ist eben nicht irgendeine freie Fläche, auf der zufällig noch niemand gebaut hat. Kritiker sehen in ihr eine wichtige Frischluftschneise und vor allem eine Versickerungsfläche bei Starkregen. Und Starkregen ist inzwischen auch in Hilden ein Begriff, bei dem man nicht mehr automatisch an einen besonders schlechten Grillabend denkt. Wer erlebt hat, was innerhalb kürzester Zeit vom Himmel kommen kann, entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte emotionale Bindung zu jedem Quadratmeter Boden, der noch in der Lage ist, Wasser aufzunehmen. Genau das argumentieren auch Gegner des Projekts. Die Wiese habe bei vergangenen Starkregenereignissen erhebliche Wassermengen aufgenommen. Außerdem besteht die Sorge, durch die Bebauung könne eine zusätzliche Hitzeinsel entstehen.

Der Investor wiederum sagt: Keine Sorge, wir haben das auf dem Schirm. Geplant ist unter anderem eine 411 Quadratmeter große Versickerungsmulde, die als oberirdisches Regenrückhaltebecken dienen soll. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein externes Planungsbüro hat gerechnet, Stadt und Stadtwerke waren eingebunden und der Wasserverband soll ebenfalls beteiligt werden. Das klingt zunächst einmal ordentlich. Trotzdem bleibt eine interessante Rechnung: Auf der einen Seite haben wir eine Wiese von 7.328 Quadratmetern, auf der anderen Seite künftig 21 Häuser, Straßen, Stellplätze und eine Versickerungsmulde von 411 Quadratmetern. Man muss kein Hydrologe sein, um zu verstehen, warum manche Anwohner trotzdem noch ein paar Fragen haben. Andererseits sollte man auch nicht so tun, als würde das gesamte Grundstück künftig unter einer acht Meter dicken Betonschicht verschwinden. Genau dafür gibt es schließlich das Bebauungsplanverfahren und die entsprechenden Gutachten.

Und dann wäre da noch das zweite Hildener Dauerthema: der Verkehr. Die Zufahrt zur neuen Siedlung soll von der Gerresheimer Straße zwischen den Hausnummern 169a und 171 erfolgen, gegenüber der Beethovenstraße. Dahinter ist eine T-förmige Erschließungsstraße mit Wendeanlage vorgesehen. Stellplätze sollen entlang der Straße entstehen, zusätzlich sind Carports vorgesehen. Laut Investor soll es ausreichend Parkmöglichkeiten für Bewohner und Besucher geben. Das ist eine dieser Aussagen, bei denen erfahrene Anwohner vermutlich milde lächeln. „Ausreichend Parkplätze“ gehört in Deutschland ungefähr zur gleichen Kategorie wie „Der Zug erreicht den nächsten Bahnhof planmäßig“. Es kann stimmen. Man freut sich aber erst, wenn man es tatsächlich erlebt.

Trotz aller Ironie steckt hinter der Diskussion ein echtes Dilemma. Hilden braucht Wohnraum. Junge Familien, für die das Projekt ausdrücklich gedacht ist, suchen Häuser. Gleichzeitig kann eine dicht besiedelte Stadt ihre letzten Freiflächen nicht behandeln, als seien sie lediglich Baulücken, auf deren Bebauung bislang versehentlich niemand gekommen ist. Grünflächen erfüllen Funktionen. Sie speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und schaffen Abstand zwischen bebauten Bereichen. Gerade in heißen Sommern und nach Starkregen merkt man ziemlich schnell, dass Stadtplanung inzwischen mehr bedeutet, als Häuser, Straßen und Parkplätze möglichst geschickt auf einem Plan zu verteilen.

Entschieden ist ohnehin noch nichts. Das Projekt steckt mitten im Bebauungsplanverfahren. Gutachten werden erstellt, anschließend folgt unter anderem die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung, danach beschäftigen sich die politischen Gremien damit. Selbst wenn alles läuft, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis auf der Pferdewiese tatsächlich die ersten Bagger anrollen. Damit bleibt ausreichend Zeit für das, was wir in Hilden besonders gut können: diskutieren. Und das ist in diesem Fall sogar sinnvoll.

Denn wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen „Bloß keinen Grashalm anfassen“ und „Da passen doch locker 21 Häuser hin“. Wohnraum und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen, wäre jedenfalls zu einfach. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob beides auf dieser Fläche vernünftig miteinander vereinbart werden kann. Genau dafür sollte ein Bebauungsplanverfahren schließlich da sein. Bis dahin bleibt die Pferdewiese eine Pferdewiese – allerdings eine mit Bodengutachten, Bürgerinitiative, Investor, Stadtverwaltung und einer geplanten 411-Quadratmeter-Versickerungsmulde. In Hilden schafft es eben selbst eine Wiese irgendwann in die große Politik.

Mittwoch, 19. August 2026

19.8.2026: Wenn die Feuerwehr selbst abgeschleppt werden muss

Es gibt Tage, an denen läuft es einfach nicht. Und offenbar gilt das nicht nur für uns normale Autofahrer, sondern gelegentlich sogar für die Feuerwehr. Ausgerechnet die Hildener Drehleiter, also jenes Fahrzeug, das normalerweise dann ausrückt, wenn andere dringend Hilfe brauchen, benötigte am Dienstagmorgen selbst Unterstützung. Bei der täglichen Routinekontrolle bemerkten die Feuerwehrleute nämlich, dass sich ihr Fahrzeug irgendwie anders anhörte als sonst. Das ist bei einer Feuerwehr wahrscheinlich ähnlich wie beim eigenen Auto: Man kennt jedes Klappern, jedes Brummen und irgendwann auch jene Geräusche, bei denen man lieber nicht einfach das Radio lauter dreht. Die Hildener Feuerwehrleute schauten jedenfalls genauer hin und entdeckten eine Undichtigkeit an der Bremsanlage. Keine besonders erfreuliche Diagnose, zumal Hilden genau eine Drehleiter besitzt.

Zunächst rückten Mitarbeiter der Werkstatt des Zentralen Bauhofs an. Werkzeug und Ersatzteile wurden organisiert, doch der Patient zeigte sich widerspenstig. Die Undichtigkeit wurde größer, Druckluft konnte nicht mehr aufgebaut werden und irgendwann saß die Bremse so fest, dass die Drehleiter weder vor noch zurück wollte. Feuerwehrchef Hans-Peter Kremer beschrieb die Situation treffend: Das Auto stand mit voll angezogenen Bremsen auf dem Hof. Damit hatte Hilden plötzlich vermutlich das bestgesicherte Feuerwehrfahrzeug Nordrhein-Westfalens – nur leider eines, das bei einem Einsatz ungefähr so mobil gewesen wäre wie die Stadthalle.

Eine Fahrt zur Werkstatt schied damit naturgemäß aus. Also musste das passieren, was man bei einer Feuerwehrdrehleiter nicht unbedingt jeden Tag sieht: Ein Abschleppwagen wurde gerufen. Und zwar nicht irgendeiner, sondern natürlich ein Spezialfahrzeug für Lastwagen. Nachdem die festsitzenden Bremsen mechanisch gelöst worden waren, kam die Hildener Drehleiter an den Haken und wurde in eine Fachwerkstatt nach Haan gebracht. Das dazugehörige Foto dürfte jedenfalls zu den ungewöhnlicheren Motiven aus dem Hildener Feuerwehralltag gehören. Normalerweise sieht man die Drehleiter schließlich mit Blaulicht durch die Stadt fahren und nicht hinter einem Abschleppwagen herrollen.

Ganz ohne Drehleiter steht Hilden im Ernstfall trotzdem nicht da. Dafür gibt es ein Notfallkonzept mit den Nachbarstädten. Wird im Hildener Süden eine Drehleiter benötigt, wird automatisch die Feuerwehr aus Langenfeld mit alarmiert, im Norden übernimmt Haan diese Aufgabe. Das ist beruhigend und zeigt gleichzeitig, wie wichtig die Zusammenarbeit der Feuerwehren über Stadtgrenzen hinweg ist. Ein Brand hält sich schließlich nur selten an kommunale Zuständigkeiten.

Feuerwehrchef Kremer ist zudem optimistisch, dass der unfreiwillige Werkstattaufenthalt nur von kurzer Dauer sein wird. Die benötigten Ersatzteile wurden bereits bestellt und möglicherweise kann die Drehleiter schon am Mittwoch wieder zurück nach Hilden kommen. Dann dürfte sie hoffentlich wieder das tun, wofür sie eigentlich angeschafft wurde: anderen helfen.

Und irgendwie hat die Geschichte sogar etwas Beruhigendes. Der Defekt wurde nicht während einer Einsatzfahrt entdeckt, sondern bei der täglichen Kontrolle. Genau dafür gibt es solche Kontrollen schließlich. Lieber steht eine Drehleiter einen Tag mit angezogener Bremse auf dem Feuerwehrhof, als dass die Bremse ausgerechnet dann Probleme macht, wenn jede Sekunde zählt.

Ein bisschen schmunzeln darf man trotzdem. Denn wann kann man schon einmal sagen: Heute musste in Hilden die Feuerwehr gerettet werden?

Dienstag, 18. August 2026

18.8.2026: Vom Fleischwerk zum Unternehmerpark – oder: Wenn Hilden 30 Millionen Euro neu sortiert

Als Ende Februar das Werk von Vion am Westring seine Tore schloss, endete ein weiteres Kapitel Hildener Industriegeschichte. 160 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz, die riesigen Hallen standen plötzlich leer und viele fragten sich, was aus dem Gelände werden würde. In Hilden kennt man solche Momente inzwischen fast schon. Kaum verschwindet ein traditionsreicher Betrieb, beginnt schon die Diskussion über die Zukunft des Grundstücks. Diesmal ging es allerdings erstaunlich schnell.

Schon in den nächsten Tagen sollen die Abrissbagger anrollen. Das ehemalige Fleischwerk wird vollständig verschwinden. Wo jahrzehntelang Fleisch zerlegt wurde, soll bis Ende 2027 ein moderner Unternehmerpark entstehen. Rund 30 Millionen Euro will der neue Eigentümer Rheingrund investieren – eine Summe, bei der man unweigerlich kurz nachrechnet, wie viele Kugeln Eis man dafür am Gut Holterhof kaufen könnte.

Ganz unbekannt ist der Investor in Hilden übrigens nicht. Bereits mit dem „Hildener Tor“ an der Gerresheimer Straße hat das Unternehmen gezeigt, dass es auf moderne Gewerbeparks setzt. Offenbar hat man Gefallen an unserer Stadt gefunden. Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Während wir Hildener gerne über Baustellen, Verkehr und fehlende Parkplätze schimpfen, gibt es offensichtlich Investoren, die sagen: „Hier investieren wir gerne noch einmal 30 Millionen Euro.“

Die alten Gebäude haben allerdings keine Zukunft mehr. Nach Aussage des Investors sind die Hallen komplett auf die Bedürfnisse des früheren Fleischbetriebs zugeschnitten und technisch längst nicht mehr zeitgemäß. Wer einmal versucht hat, aus einer Metzgerei ein modernes Büro zu machen, wird das vermutlich nachvollziehen können. Also kommt alles weg. Immerhin soll das Material recycelt und soweit möglich wiederverwendet werden. Heute wird eben selbst ein Abriss nachhaltig organisiert.

Geplant ist eine große Halle mit mehreren flexibel nutzbaren Einheiten. Der Investor betont ausdrücklich, dass daraus kein reiner Logistikstandort werden soll. Vielmehr spricht er von einem Unternehmerpark, in dem sich unterschiedliche Firmen ansiedeln können – vom produzierenden Gewerbe bis zu anderen gewerblichen Nutzern. Einige Hildener Unternehmen hätten bereits Interesse signalisiert.

Natürlich gibt es trotzdem Kritik. Die Bürgeraktion/Piraten befürchtet, dass auf dem Gelände künftig deutlich weniger Arbeitsplätze entstehen als früher. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Einwand nicht. Moderne Gewerbehallen beeindrucken oft durch ihre Größe, weniger jedoch durch die Zahl der Menschen, die darin arbeiten. Wo früher Hunderte Beschäftigte tätig waren, übernehmen heute häufig Maschinen, Fördertechnik und automatisierte Prozesse einen Teil der Arbeit. Das ist wirtschaftlich sinnvoll, fühlt sich aber für eine Stadt manchmal nach einem merkwürdigen Tauschgeschäft an: mehr Quadratmeter, weniger Menschen.

Die Stadt selbst kann daran wenig ändern. Sie kann weder vorschreiben, wie viele Arbeitsplätze entstehen müssen, noch entscheiden, welche Unternehmen später einziehen. Das ist einer dieser Fälle, in denen Kommunalpolitik zwar viele Wünsche haben darf, aber am Ende nur begrenzte Möglichkeiten besitzt.

Trotzdem überwiegt für mich zunächst der positive Eindruck. Lieber entsteht auf einer bereits vorhandenen Industriefläche etwas Neues, als dass dort jahrelang verlassene Hallen vor sich hin rosten. Hilden hat nun wirklich keinen Überfluss an Gewerbeflächen. Wenn ein Investor bereit ist, viel Geld in einen bestehenden Standort zu stecken, spricht das durchaus für unsere Stadt.

Spannend wird allerdings erst die zweite Halbzeit dieses Projekts. Der Abriss ist vergleichsweise einfach. Interessant wird, welche Unternehmen tatsächlich einziehen, wie viele Arbeitsplätze entstehen und ob der Unternehmerpark dem Namen auch gerecht wird. Denn schöne Visualisierungen können viele. Entscheidend ist, was am Ende hinter den neuen Fassaden passiert.

Bis dahin heißt es Abschied nehmen von einem Stück Hildener Industriegeschichte. Aus Metzgerei wurde einst ein großer Fleischbetrieb, daraus wurde Vion, und nun wird daraus ein moderner Unternehmerpark. Städte verändern sich eben ständig. Manchmal leise, manchmal mit viel Staub – und manchmal mit Abrissbaggern, die schon in den nächsten Tagen anrollen. Hoffen wir, dass am Ende nicht nur neue Hallen entstehen, sondern auch neue Perspektiven für den Wirtschaftsstandort Hilden.

Montag, 17. August 2026

17.8.2026: Drei Spuren reichen – oder: Wenn Hilden der A3 noch eine Chance gibt

Es gibt Themen in Hilden, die verschwinden nie ganz. Sie machen nur zwischendurch Pause, wechseln den Minister und stehen dann wieder auf der Tagesordnung. Tempo 30 gehört dazu. Der Europaplatz vermutlich auch. Und natürlich die A3 zwischen Hilden und Leverkusen. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob sie wirklich auf acht Spuren ausgebaut werden muss oder ob nicht drei Fahrspuren plus temporär freigegebener Seitenstreifen reichen würden. Die Bürgerinitiative „3reicht“ hat ihren Namen also nicht aus dekorativen Gründen gewählt.

Die Position der beteiligten Städte ist bekannt. Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen wollen den achtspurigen Vollausbau möglichst verhindern. Auch die IHK Düsseldorf unterstützt die Seitenstreifen-Lösung. Die Argumentation ist im Grunde einfach: Die A3 muss leistungsfähig bleiben, aber dafür muss man nicht unbedingt noch mehr Fläche versiegeln, wenn sich vorhandener Asphalt flexibler nutzen lässt. Klingt zunächst ziemlich vernünftig. Drei Spuren plus Seitenstreifen in Stoßzeiten – fertig. Man könnte meinen, das wäre genau die Art von pragmatischer Lösung, die in Deutschland überall gefordert wird.

Die Autobahn GmbH sieht das anders.

Und deshalb beginnt nun eine neue Runde.

Der bisherige Bundesverkehrsminister hat die Idee abgelehnt. Also schreiben die Kommunen und die IHK jetzt an seinen Nachfolger Steffen Bilger und hoffen offenbar auf das politische Prinzip „neuer Minister, neues Glück“. Man kennt das aus dem Fußball. Wenn der Trainer wechselt, wird nicht automatisch alles besser, aber zumindest darf man noch einmal dieselbe Taktik erklären.

Der Streit läuft schließlich nicht erst seit gestern. Bereits 2019 hatten die Bürgermeister aus Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen gemeinsam appelliert. Im selben Jahr lehnte der Hildener Stadtrat den achtspurigen Ausbau mehrheitlich ab. 2023 wurde das Anliegen erneut vorgetragen. Jetzt schreiben wir 2026 und versuchen es wieder. Wer Ausdauer im politischen Raum kennenlernen möchte, braucht keinen Marathon. Er kann einfach die Geschichte des A3-Ausbaus verfolgen.

Die beteiligten Städte und die IHK werfen dem Bund und der Autobahn GmbH fachliche Unstimmigkeiten vor und verlangen transparentere Antworten. Der neue Minister möge die Entscheidung noch einmal grundlegend überprüfen. Auch technische Entwicklungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, geringere Kosten, eine schnellere Umsetzung und der sparsamere Flächenverbrauch sollten berücksichtigt werden.

Das klingt nach einer durchaus nachvollziehbaren Forderung. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Nur eine Sache offenbar nicht: Die A3 ist immer noch voll.

Wer regelmäßig zwischen Hilden und Leverkusen unterwegs ist, weiß das ohnehin. Man braucht keine Verkehrsstudie, sondern lediglich einen normalen Werktag. Dann erlebt man die Leistungsfähigkeit der Strecke praktisch. Man fährt los, schaut auf die Rücklichter vor sich und hat ausreichend Zeit, über deutsche Infrastrukturpolitik nachzudenken.

Bürgermeister Claus Pommer bringt die Abwägung auf den Punkt. Natürlich ist eine leistungsfähige A3 wichtig. Für die Unternehmen, für Pendler und für alle, die täglich unterwegs sind. Gleichzeitig möchte Hilden seine Freiflächen, Natur und Lebensqualität erhalten. Die temporäre Seitenstreifenfreigabe sei deshalb aus seiner Sicht eine gute Lösung: zusätzliche Kapazität, Nutzung vorhandener Flächen und weniger neue Versiegelung.

Man fragt sich fast, warum das so kompliziert sein muss.

Dann liest man die Argumente der Autobahn GmbH.

Der Seitenstreifen sei nämlich nicht einfach nur ein leerer Streifen Asphalt, den man bei Bedarf aufmachen könne. Er erfüllt eine Schutzfunktion. Wenn er als Fahrspur genutzt wird, müssen deshalb andere Sicherheitsmaßnahmen geschaffen werden. Entlang der Strecke wären insgesamt 27 Nothaltebuchten erforderlich, jeweils mehr als 160 Meter lang. Dafür müssten wiederum rund 19.000 Quadratmeter Fläche neu versiegelt werden.

Damit bekommt die ganze Sache eine gewisse Ironie. Man möchte mit der Seitenstreifen-Lösung Fläche sparen, müsste dafür aber zusätzliche Fläche versiegeln, damit Fahrzeuge im Notfall irgendwo stehen können. Allerdings sind 19.000 Quadratmeter natürlich etwas anderes als der Flächenverbrauch eines vollständigen achtspurigen Ausbaus. Genau deshalb streiten sich alle Beteiligten so leidenschaftlich um Zahlen, Annahmen und Bewertungen.

Zusätzlich wären neue Notrufsäulen, Zuwegungen, Videoüberwachung und ein Tempolimit von 100 km/h auf dem gesamten Abschnitt nötig. Und hier wird es besonders interessant. Denn ich stelle mir gerade vor, wie die Debatte in Hilden weitergeht, wenn sich herumspricht, dass die Alternative zum achtspurigen Ausbau möglicherweise Tempo 100 auf der Autobahn bedeutet.

Wir haben ja schon erlebt, wie entspannt Tempo 30 in Hilden diskutiert wird.

Tempo 100 auf der A3 könnte also durchaus für einen neuen gesellschaftlichen Großversuch sorgen.

Wobei man fairerweise sagen muss: Im morgendlichen Berufsverkehr wäre Tempo 100 für viele Autofahrer ohnehin eine theoretische Höchstgeschwindigkeit. Wer mit 17 km/h zwischen Hilden und Leverkusen rollt, fühlt sich von einem 100er-Schild wahrscheinlich nicht übermäßig eingeschränkt.

Die IHK hält die Seitenstreifenfreigabe trotzdem weiterhin für die sinnvollste und schnellste Lösung. Sie verweist auf den Abschnitt zwischen Hilden und Ratingen Ost, wo sich das Konzept bereits bewährt habe. Auch dort kann der Seitenstreifen bei starkem Verkehr freigegeben werden. Das ist natürlich ein starkes Argument: Wenn es nördlich von Hilden funktioniert, warum sollte es südlich plötzlich grundsätzlich unmöglich sein?

Genau diese Frage dürfte nun wieder beim Verkehrsministerium landen.

Im Kern geht es um einen klassischen Zielkonflikt. Wir wollen mehr Verkehrskapazität, aber weniger Flächenverbrauch. Wir wollen Sicherheit, aber möglichst geringe Kosten. Wir wollen schnell bauen, aber gründlich planen. Wir wollen leistungsfähige Infrastruktur, aber keinen zusätzlichen Lärm. Wir wollen Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig Natur schützen.

Kurz gesagt: Wir wollen alles.

Und möglichst gleichzeitig.

Das ist natürlich schwierig.

Trotzdem ist es richtig, Alternativen ernsthaft zu prüfen. Ein achtspuriger Autobahnausbau ist keine Kleinigkeit. Er kostet viel Geld, braucht viel Zeit und verändert den Raum dauerhaft. Wenn eine technisch saubere Seitenstreifen-Lösung einen großen Teil der zusätzlichen Kapazität schneller und günstiger schaffen kann, sollte man sie nicht mit dem Hinweis abräumen, dass das Regelwerk bisher etwas anderes vorsieht.

Regelwerke sind schließlich kein Naturgesetz.

Sie wurden von Menschen geschrieben.

Und Menschen dürfen gelegentlich feststellen, dass sich die Welt weiterentwickelt hat.

Die interessante Frage ist jetzt, wie der neue Verkehrsminister reagiert. Vielleicht bestätigt er einfach die bisherige Linie. Vielleicht lässt er neu prüfen. Vielleicht bittet er um weitere Gutachten. Vielleicht folgt eine Arbeitsgruppe. Vielleicht kommt ein neues Positionspapier. Bei deutschen Infrastrukturprojekten sollte man grundsätzlich jede Möglichkeit einkalkulieren, außer einer schnellen Entscheidung.

Immerhin sind sich ungewöhnlich viele regionale Akteure einig. Kommunen, IHK und Bürgerinitiative ziehen in dieselbe Richtung. Das kommt auch nicht jeden Tag vor. Normalerweise findet sich bei größeren Verkehrsprojekten zuverlässig jemand, der grundsätzlich das Gegenteil fordert. Hier scheint die regionale Linie recht klar zu sein: A3 leistungsfähig machen, aber möglichst ohne achtspurigen Vollausbau.

Das macht den Appell politisch durchaus interessant.

Hilden selbst hat dabei viel zu verlieren. Mehr Verkehrslärm und zusätzliche Versiegelung wären gerade in einer ohnehin dicht bebauten Stadt kein kleines Thema. Wir haben in den vergangenen Wochen ausführlich darüber gesprochen, wie hoch der Versiegelungsgrad Hildens bereits ist, wie wichtig Hochwasserschutz wird und wie wenig Platz für zusätzliche Rückhalteflächen vorhanden ist. Wenn dann an anderer Stelle weitere Flächen dauerhaft unter Asphalt verschwinden sollen, darf man zumindest sehr genau nachfragen, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt.

Gleichzeitig können wir uns aber auch nicht wünschen, dass die A3 einfach so bleibt wie sie ist.

Eine Autobahn, auf der sich der Verkehr regelmäßig staut, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch besonders attraktiv. Stehende Lkw und Autos lösen kein Umweltproblem. Die Frage lautet also nicht Ausbau oder nichts. Sie lautet: Welche Lösung schafft ausreichend Kapazität mit möglichst geringen Nebenwirkungen?

Genau deshalb finde ich den neuen Anlauf richtig.

Vielleicht sagt der neue Minister wieder nein.

Vielleicht auch nicht.

Auf jeden Fall sollte er sich die Argumente noch einmal ansehen. Und zwar ohne das reflexhafte „Das haben wir schon immer so geplant“.

Denn manchmal ist ein Seitenstreifen eben nicht nur ein Seitenstreifen.

Manchmal ist er eine mögliche vierte Spur.

Und manchmal reichen drei Spuren tatsächlich.

Zumindest solange nicht alle gleichzeitig losfahren.

Dass genau das auf der A3 regelmäßig passiert, ist allerdings wiederum das eigentliche Problem.