Dienstag, 25. August 2026

25.8.2026: Hilden schenkt nach – oder: Wenn ein Weinfest einfach nicht genug ist

Es gibt Veranstaltungen, bei denen sagt man nach der Premiere: Schön war’s, machen wir nächstes Jahr wieder. Und dann gibt es Hilden. Dort sagt man nach einem erfolgreichen Weinfest offenbar: Schön war’s, machen wir es einfach noch einmal in diesem Jahr. Nachdem das Weindorf im Mai ausgesprochen gut besucht war, folgt vom 4. bis 6. September die zweite Runde. Und weil ein Weinfest allein inzwischen offensichtlich nicht mehr reicht, gibt es gleichzeitig noch Herbstmarkt, Autoshow und verkaufsoffenen Sonntag. Hilden denkt bei Veranstaltungen inzwischen offenbar in Kombipaketen.

Der Grund für die schnelle Wiederholung ist einfach: Das erste Weinfest war voll. Sehr voll. Am Freitag sollen über den Tag verteilt rund 15.000 Menschen in der Innenstadt gewesen sein, am Samstag noch einmal etwa 10.000. Das sind Zahlen, bei denen man sich kurz fragt, ob Hilden zwischenzeitlich heimlich die Einwohnerzahl verdoppelt hat. Die Stimmung war gut, der Wein offenbar auch, nur wurde es stellenweise ein wenig eng. Einige Besucher machten sich deshalb Gedanken über Rettungswege und Sicherheit. Für die Neuauflage hat man daraus Konsequenzen gezogen. Statt acht Winzern kommen diesmal nur sieben. Das klingt zunächst wie eine eher überschaubare Entlastungsmaßnahme, aber zusätzlich soll es mehr Stehtische und weniger Bierzeltgarnituren geben. Ein Sicherheitsdienst wird darauf achten, dass Durchgänge frei bleiben. Man merkt: Hilden entwickelt sich langsam zum professionellen Weinfeststandort.

Interessant ist, dass diesmal ausschließlich neue Winzer dabei sind. Offenbar gibt es inzwischen sogar eine Warteliste von Betrieben, die gerne nach Hilden kommen würden. Auch das muss man sich einmal vorstellen. Früher musste eine Stadt um attraktive Veranstaltungen kämpfen. Heute warten offenbar Winzer darauf, endlich auf dem Ellen-Wiederhold-Platz ausschenken zu dürfen. Das ist doch mal eine schöne Form kommunaler Standortattraktivität.

Passend zum Spätsommer soll es neben klassischen Weinen auch Spätburgunder und den ersten Federweißen geben. Damit verschiebt sich das Getränkeangebot langsam von „leichter Sommerabend“ in Richtung „der Herbst steht schon hinter der Ecke“. Kulinarisch bleibt es vertraut: Grill, Flammkuchen und Crêpes. Das ist wahrscheinlich vernünftig. Bei Weinveranstaltungen sollte man Experimente schließlich lieber im Glas als auf dem Teller machen.

Parallel dazu verwandelt sich die Mittelstraße in einen Herbstmarkt. Dort gibt es Floristik, Dekoration, Blumen und Kunsthandwerk. Das bietet einen ziemlich gelungenen Ablaufplan für den Samstag: erst einen dekorativen Holzstern kaufen, anschließend einen Flammkuchen essen, dann einen Wein probieren und später feststellen, dass man den Holzstern die ganze Zeit unter dem Arm getragen hat.

Am Sonntag wird das Programm noch erweitert. Dann öffnen von 13 bis 18 Uhr die Geschäfte, und auf dem Nove-Mesto-Platz präsentieren Hildener Autohäuser neue Modelle. Das führt zu einer etwas ungewöhnlichen, aber durchaus charmanten Mischung: Wein, Herbstdeko, Shopping und Autos. Man könnte sagen, für praktisch jedes Familienmitglied ist etwas dabei. Einer schaut nach einem neuen SUV, der andere nach einem herbstlichen Türkranz und der Rest sitzt längst beim Spätburgunder.

Wer jetzt allerdings glaubt, Hilden müsse danach erst einmal durchatmen, unterschätzt den Veranstaltungskalender. Ende Oktober folgt bereits das Itterfest mit Trödelmarkt und erneutem verkaufsoffenen Sonntag. Ende November steht der Weihnachtsmarkt der Vereine an. Und schon ab Mitte November soll sich der Alte Markt wieder in ein Winterdorf verwandeln – inklusive Livemusik, Eisstockschießen und Weihnachtssingen. Wenn das so weitergeht, besteht die Hildener Innenstadt irgendwann eigentlich nur noch aus zwei Zuständen: Veranstaltung wird aufgebaut oder Veranstaltung läuft.

Das kann man natürlich kritisch sehen. Veranstaltungen bedeuten Lärm, Verkehr, volle Parkhäuser und manchmal auch genervte Anwohner. Gleichzeitig bringen genau solche Wochenenden Menschen in die Innenstadt. Sie sorgen dafür, dass Plätze genutzt werden, Geschäfte Besucher bekommen und Gastronomie funktioniert. Eine Fußgängerzone lebt eben nicht ausschließlich davon, dass sie gepflastert ist. Sie braucht Menschen. Und wenn die wegen eines Weinfestes kommen und nebenbei noch einkaufen, essen oder ein Auto anschauen, dürfte das aus Sicht des Stadtmarketings ziemlich nahe am Idealzustand liegen.

Bemerkenswert ist außerdem, wie schnell sich das Weinfest etabliert hat. Die erste Ausgabe dieses Jahres war offenbar so erfolgreich, dass man nicht bis 2027 warten wollte. Das spricht dafür, dass Hilden solche Formate tatsächlich annimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ein Weinfest angenehm unkompliziert ist. Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse, keine Mitgliedschaft und kein Programmheft. Man setzt sich hin, sucht sich etwas aus und spätestens nach dem zweiten Glas versteht man sich ohnehin mit dem Nachbartisch.

Natürlich werden auch diesmal wieder Diskussionen dazugehören. Ist es zu voll? Gibt es genug Sitzplätze? Sind die Durchgänge frei? Ist der Wein zu teuer? Warum gibt es keinen bestimmten Winzer? Warum ist irgendwo kein Parkplatz? Ohne diese Fragen wäre es schließlich keine richtige Hildener Veranstaltung.

Trotzdem finde ich die Entwicklung sympathisch. Gerade wenn über Leerstände, Onlinehandel und die Zukunft der Innenstädte diskutiert wird, braucht man Gründe, warum Menschen überhaupt noch ins Zentrum kommen sollen. Ein zweites Weinfest ist da sicherlich keine vollständige Stadtentwicklungsstrategie. Aber es ist immerhin ein ziemlich angenehmer Baustein.

Und wer Anfang September noch keinen Plan hat, bekommt von Hilden gleich vier geliefert: Wein trinken, Herbstmarkt besuchen, einkaufen und Autos anschauen.

Man muss ja nicht alles gleichzeitig machen.

Obwohl – bei uns in Hilden würde mich auch das nicht wundern.

Montag, 24. August 2026

24.8.2026: Brandgeruch über Hilden – und plötzlich kommt der Rauch aus Belgien

Es gibt Tage, da öffnet man die Haustür, atmet einmal tief ein und denkt sofort: Irgendwo brennt es. Genau so muss es am Dienstag vielen Menschen im Süden des Kreises Mettmann gegangen sein. Es roch brenzlig, teilweise deutlich nach Rauch, und niemand konnte auf Anhieb sagen, woher das Ganze kam. Die naheliegende Reaktion war für viele: Feuerwehr anrufen. Einige Dutzend Menschen wählten die 112, zeitweise musste die Leitstelle sogar personell verstärkt werden. Das klingt zunächst dramatisch, war aber in diesem Fall eher ein Beweis dafür, wie weit Rauch reisen kann. Denn gebrannt hat es nicht irgendwo um die Ecke in Hilden, Haan oder Langenfeld, sondern in Waldbrandgebieten an der deutsch-belgischen Grenze und im Raum Düren.

Damit hat der Sommer 2026 wieder einmal gezeigt, dass Entfernungen relativ sind. Normalerweise denkt man bei Belgien an Pommes, Pralinen oder einen Wochenendausflug. Diesmal kam stattdessen der Brandgeruch vorbei. Und zwar frei Haus. Verantwortlich war eine Veränderung der Windrichtung. Die Rauch- und Feinstaubpartikel waren bereits seit Tagen in höheren Luftschichten unterwegs. Zunächst wurden sie mit westlichem Wind an unserer Region vorbeigetragen. Dann drehte der Wind in den unteren Schichten auf Südwest – und plötzlich roch es im Kreis Mettmann so, als hätte jemand irgendwo hinter dem nächsten Häuserblock ein Lagerfeuer in beachtlicher Größe angezündet.

Natürlich kann man niemandem vorwerfen, bei einem unerklärlichen Brandgeruch die Feuerwehr zu alarmieren. Im Gegenteil. Wenn es tatsächlich irgendwo brennt, zählt jede Minute. Lieber einmal zu viel melden als einmal zu wenig. Auch die Leitstelle macht klar, dass niemand erst Flammen sehen muss, bevor er die 112 wählen darf. Das ist beruhigend. Etwas erstaunlicher waren offenbar jene Anrufer, die den Notruf nutzten, um sich über den aktuellen Stand der Waldbrände informieren zu lassen. Die 112 ist eben doch keine telefonische Nachrichtensendung mit persönlicher Waldbrandberatung. Wer wissen möchte, wo es gerade brennt und wie der Wind steht, darf dafür durchaus Radio, Internet oder Warn-App bemühen. Die Feuerwehr hat meistens noch ein paar andere Dinge zu tun.

Besonders interessant wurde die Sache, als auch noch Regen einsetzte. Wer dachte, der würde die Luft reinigen und damit sei die Sache erledigt, bekam eine kleine meteorologische Überraschung. Die Regentropfen nahmen die Feinstaubpartikel nämlich mit nach unten. Dadurch wurde der Brandgeruch teilweise sogar noch stärker wahrgenommen. Einige Menschen bemerkten offenbar sogar, dass sich der Regen irgendwie anders anfühlte. Das ist eine dieser Informationen, bei denen man im Nachhinein froh ist, dass man nicht gerade voller Begeisterung mit offenem Mund durch den Sommerregen gelaufen ist.

Und dann kommt natürlich sofort die nächste praktische Frage: Was ist mit den Tomaten im Garten? Den Äpfeln? Den Gurken? Darf man die noch essen, wenn vorher eine belgisch-deutsche Rauchwolke darübergezogen ist? Die beruhigende Antwort lautet: ja. Obst und Gemüse können weiterhin gegessen werden, sollten aber sorgfältig abgewaschen oder geschält werden. Nur bei einer starken Aschebelastung wäre größere Vorsicht angesagt. Davon war in unserer Region aber nicht auszugehen.

Ich finde die ganze Geschichte trotzdem bemerkenswert. Wir leben in einer Zeit, in der ein Waldbrand viele Kilometer entfernt plötzlich in Hilden riechbar wird, Warn-Apps auf dem Handy anschlagen und Meteorologen erklären, wie Feinstaub mit Regen nach unten transportiert wird. Früher hätte vermutlich jemand gesagt: „Da brennt bestimmt irgendwo ein Feld.“ Heute schaut man erst aufs Smartphone und erfährt, dass der Rauch aus Belgien kommt.

Vielleicht zeigt die Sache auch, wie aufmerksam die Menschen inzwischen geworden sind. Nach den Waldbränden der vergangenen Wochen und der anhaltenden Trockenheit reicht ein ungewöhnlicher Geruch, und sofort ist die Sorge da, dass es auch bei uns brennen könnte. Das ist eigentlich gar nicht schlecht. Gerade bei hoher Waldbrandgefahr ist Aufmerksamkeit wichtig. Nur sollte man eben unterscheiden zwischen „Ich rieche Rauch und weiß nicht, woher er kommt“ und „Ich wollte mal hören, wie es aktuell im Hürtgenwald aussieht“. Für Letzteres ist die 112 eher ungeeignet.

Am Ende blieb uns diesmal zum Glück nur der Geruch. Kein Brand in Hilden, keine Evakuierung, keine Löscharbeiten. Nur eine Rauchwolke, die auf ihrer Reise beschlossen hatte, einen kleinen Umweg über den Kreis Mettmann zu machen.

Und damit haben wir wieder etwas gelernt: Wenn es in Hilden nach Feuer riecht, muss es nicht zwingend in Hilden brennen.

Manchmal reicht schon der falsche Wind aus Belgien.

Sonntag, 23. August 2026

23.8.2026: Otto’s Büdchen verschwindet – aber die Erinnerungen bleiben

Es gibt Gebäude, die sind architektonisch bedeutsam. Es gibt Gebäude, die stehen unter Denkmalschutz. Und dann gibt es Gebäude, bei denen all das ziemlich egal ist, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. In Hilden gehörte Otto’s Büdchen an der Walder Straße eindeutig zur dritten Kategorie. Man musste nicht erklären, wo es lag. Man sagte einfach „bei Otto“ – und damit war die Sache geklärt. Nun verschwindet auch der letzte sichtbare Rest dieses Stücks Hildener Alltagsgeschichte. Das Haus an der Walder Straße 28 wird abgerissen, von dem Gebäude steht inzwischen nur noch die vordere Fassade.

Otto’s Büdchen war schließlich nicht irgendein Kiosk. Otto Hedrich eröffnete ihn am 1. April 1969. Eigentlich hatte seine Frau Ursula zunächst einen Blumenladen, während Otto als gelernter Schreiner eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass sich mit Zigaretten, Zeitschriften, Süßigkeiten und allem, was ein ordentliches Büdchen sonst noch braucht, offenbar besser wirtschaften ließ als mit Blumen. Also wurde das Ladenlokal vermietet und das Ehepaar konzentrierte sich auf den Kiosk. Das war eine Entscheidung mit Folgen: Aus einem kleinen Geschäft wurde über Jahrzehnte eine Hildener Institution.

Wer heute über Öffnungszeiten im Einzelhandel diskutiert, sollte sich die damalige Betriebsordnung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Otto’s Büdchen war 364 Tage im Jahr geöffnet. Lediglich am ersten Weihnachtstag war Schluss. Heiligabend? Offen. Silvester? Offen. Irgendein verregneter Dienstag im November, an dem jeder vernünftige Mensch am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre? Natürlich offen. Wahrscheinlich hätte man bei Otto eher darüber diskutieren müssen, warum ein Jahr überhaupt einen Tag braucht, an dem der Kiosk geschlossen ist.

Nach dem Tod seiner Frau Ursula im Jahr 2005 machte Otto weiter. Unterstützt wurde er von zwei Mitarbeiterinnen. Und er blieb seinem Büdchen tatsächlich bis zuletzt treu. Am 21. Januar 2020 starb Otto Hedrich im Alter von 77 Jahren. Noch am Tag zuvor hatte er hinter seinem Verkaufstresen gestanden und seine Kunden bedient. Nach mehr als 50 Jahren war Otto für viele Hildener längst nicht mehr einfach der Mann vom Kiosk. Er gehörte zum Inventar der Stadt – und zwar im besten Sinne des Wortes.

Jetzt also der Abriss. Und natürlich stellt sich sofort die wichtigste Hildener Frage: Was kommt dahin? Die Antwort ist derzeit ungefähr so eindeutig wie die Frage, ob man in der Innenstadt an einem Samstagmittag spontan einen Parkplatz findet. Nach Angaben der Stadt soll auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen, einschließlich Stellplätzen und Garagen im rückwärtigen Bereich. Wer genau baut, wann gebaut wird und welche Fläche am Ende tatsächlich betroffen ist, scheint allerdings noch nicht vollständig geklärt zu sein.

Das Ganze bekommt zusätzliche Würze, weil direkt nebenan ohnehin größere Veränderungen geplant sind. Im Bereich zwischen Walder Straße und Kirchhofstraße möchte die Stadt langfristig ein neues Wohngebiet entwickeln. Der Bebauungsplan mit dem ausgesprochen romantischen Namen „165A“ sieht fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser und drei Einzelhäuser vor. Insgesamt könnten dort 70 bis 90 Wohnungen entstehen. Dazu kommen neue Straßen und 97 Stellplätze. Das klingt zunächst nach einer jener Planungen, bei denen Stadtplaner begeistert auf bunte Flächen schauen und Anwohner spontan beginnen, Parkplätze nachzuzählen.

Genau so kam es auch. Bei einer Informationsveranstaltung im Mai war die Begeisterung der Anwohner ausgesprochen überschaubar. Rund 35 Grundstückseigentümer, Mieter und Anwohner waren gekommen, und fast alle standen den Plänen ablehnend gegenüber. Vor allem das Thema Parkplätze sorgte für Diskussionen. Schließlich soll ein bestehender Garagenhof verschwinden, während gleichzeitig zahlreiche neue Bewohner hinzukommen könnten. Das ist ungefähr die kommunalpolitische Variante von Reise nach Jerusalem: mehr Teilnehmer, aber möglicherweise weniger Stühle.

Bis dort tatsächlich die Bagger für das große Wohnprojekt rollen, dürfte allerdings noch reichlich Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Stadt besitzt selbst kaum Grundstücke in dem Gebiet und ist deshalb auf die Bereitschaft der Eigentümer angewiesen. Zudem müssen Einwände geprüft, Pläne möglicherweise verändert und erneut öffentlich ausgelegt werden. Für den Beschluss des Bebauungsplans waren zuletzt noch mindestens rund zweieinhalb Jahre eingeplant.

Bei Otto’s Büdchen ist die Sache dagegen schon sehr konkret: Dort arbeitet der Bagger bereits. Damit verschwindet ein Ort, der äußerlich vielleicht nie besonders spektakulär war, für viele Hildener aber zu den selbstverständlichen Konstanten der Stadt gehörte. Genau solche Orte merkt man häufig erst dann richtig, wenn sie nicht mehr da sind.

Natürlich braucht Hilden Wohnungen. Städte verändern sich, Grundstücke werden neu genutzt und irgendwann können selbst die bekanntesten Gebäude nicht einfach stehen bleiben, nur weil Generationen von Hildenern dort ihre Zeitung, Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft haben. Trotzdem darf man ein wenig wehmütig werden. Denn ein neues Mehrfamilienhaus kann vieles bieten: moderne Wohnungen, Garagen, vielleicht Balkone und selbstverständlich irgendeinen hochmodernen Fahrradabstellraum.

Nur eines wird es ziemlich sicher nicht schaffen: 364 Tage im Jahr Otto zu sein.

Samstag, 22. August 2026

22.8.2026: Gut Holterhof: Wo der Arbeitstag vier Beine hat und Feierabend eher theoretisch ist

Wer morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und anschließend darüber nachdenkt, ob heute vielleicht ein ruhiger Tag im Büro bevorsteht, dürfte auf Gut Holterhof nur begrenzt anschlussfähig sein. Dort beginnt der Tag eher mit Stall, Kühen und Pferden – und wenn andere langsam den Laptop zuklappen, wollen die Tiere noch einmal wissen, was es zum Abendessen gibt. Mittendrin: die 23-jährige Pia Breloh. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Tom steht sie als vierte Generation bereit, den traditionsreichen Hildener Familienbetrieb irgendwann zu übernehmen.

Und wer jetzt glaubt, Pia müsse erst noch herausfinden, ob Landwirtschaft wirklich das Richtige für sie ist, dürfte lange warten. Sie kennt dieses Leben seit ihrer Kindheit und kann sich nach eigener Aussage kaum vorstellen, ihre Tage stattdessen in einem Büro zu verbringen. Verständlich: Zwischen zehn Galloway-Rindern, 50 Milchkühen, weiteren 50 Kühen in der Nachzucht und rund 30 Pensionspferden dürfte der durchschnittliche Dienstag jedenfalls abwechslungsreicher sein als zwischen Drucker, Kaffeemaschine und Teams-Besprechung. Dazu kommen Hofladen, Automatenverkauf und eine umgebaute Scheune, die als Veranstaltungsort vermietet wird. Gut Holterhof ist längst nicht mehr einfach nur Bauernhof, sondern ein kleiner landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen – nur eben mit deutlich mehr Kühen.

Pias Alltag ist entsprechend durchgetaktet. Vor zwei Jahren hat sie ein Fernstudium im Agrarmanagement begonnen. Das Studium ersetzt allerdings nicht die Arbeit auf dem Hof, sondern kommt praktischerweise einfach noch obendrauf. Morgens und vormittags werden Pferde- und Kuhstall ausgemistet und die Tiere versorgt, mittags und nachmittags wird gelernt, und am Abend sind wieder die Tiere dran. Das klassische Studentenleben mit Ausschlafen, Mensa und der gelegentlichen Erkenntnis um 22 Uhr, dass morgen eine Klausur geschrieben wird, dürfte auf Gut Holterhof eher selten stattfinden. Pias Ziel steht ohnehin fest: Sie möchte den Hof gemeinsam mit ihrem Bruder übernehmen. Tom absolviert eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Landwirtschaft und Landtechnik – das könnte man durchaus als ziemlich sinnvoll geplante Geschwisterkombination bezeichnen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Pia als mögliche Betriebsnachfolgerin in der Landwirtschaft noch immer zu einer Minderheit gehört. Frauen machen zwar einen erheblichen Teil der Beschäftigten aus, an der Spitze landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber deutlich seltener vertreten. Gerade einmal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gut Holterhof könnte also irgendwann nicht nur einen Generationswechsel erleben, sondern gleichzeitig ein kleines Stück landwirtschaftlicher Statistik verändern.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, morgens Kühe zu melken und abends das Scheunentor zu schließen. Die Landwirtschaft verändert sich, viele Betriebe wachsen oder verschwinden ganz. Gut Holterhof versucht deshalb, auf mehreren Beinen zu stehen – was bei einem Hof mit so vielen Tieren ohnehin naheliegt. Neben Landwirtschaft und Direktvermarktung sieht Pia besonders im Veranstaltungsbereich Chancen. Die Scheune wird bereits als Party-Location genutzt, künftig könnte es dort beispielsweise auch Kindergeburtstage geben. Nur eines soll daraus ausdrücklich nicht werden: irgendein Schicki-Micki-Restaurant. Das würde vermutlich auch schlecht zu einem Arbeitstag passen, bei dem Gummistiefel deutlich häufiger benötigt werden als Pumps.

Überhaupt ist Landwirtschaft weniger Beruf als Lebensmodell. Wer Tiere hat, kann schließlich schlecht am Freitag um 17 Uhr den Stift fallen lassen und den Kühen mitteilen, dass man sich Montagmorgen wiedersehe. Auch Pias Partner kommt deshalb aus der Landwirtschaft. Das sei wichtig, weil man jemanden brauche, der verstehe, dass es praktisch nie wirklich frei gebe. Ihre eigene Beschreibung bringt das wunderbar auf den Punkt: Sie laufe den ganzen Tag in Arbeitskleidung herum und rieche nach Pferd – damit müsse ein Mann eben klarkommen. Romantik auf dem Land funktioniert offenbar etwas anders als in einschlägigen Fernsehformaten.

Und ganz ohne Kontrastprogramm geht es dann doch nicht. Pia ist ausgebildete Jägerin und engagiert sich mit ihrem Partner Jan Philippen in der Landjugend. Gleichzeitig bilden die beiden das Jungschützenkönigspaar in Ratingen. Für solche Gelegenheiten hängen tatsächlich ein paar elegante Abendkleider im Schrank. Zwischen Stallkleidung und Abendkleid liegen auf Gut Holterhof also manchmal nur wenige Stunden – vermutlich allerdings inklusive gründlicher Dusche.

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb gar nicht, dass eine junge Frau einen Bauernhof übernehmen möchte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Familientradition weitergeführt und gleichzeitig modernisiert wird. Gut Holterhof wurde bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Nun steht dort eine Generation bereit, die Agrarmanagement studiert, Landmaschinenmechatronik lernt, Direktvermarktung betreibt und über neue Veranstaltungskonzepte nachdenkt. Tradition bedeutet eben nicht, alles genauso zu machen wie vor hundert Jahren. Manchmal bedeutet sie einfach, dafür zu sorgen, dass es den Hof auch in hundert Jahren noch gibt.

Und während anderswo über Work-Life-Balance diskutiert wird, dürfte man auf Gut Holterhof bei diesem Begriff kurz schmunzeln. Denn spätestens wenn morgens der Futtereimer klappert und zehn Galloways angelaufen kommen, ist ziemlich eindeutig geklärt, welcher Teil von „Work-Life-Balance“ gerade Vorrang hat.

Freitag, 21. August 2026

21.8.2026: Sommerferien in Hilden: Wenn die Kinder gehen, kommen die Handwerker

Sommerferien haben für Schüler ja etwas wunderbar Einfaches: Schultasche in die Ecke, Wecker aus, sechs Wochen möglichst wenig darüber nachdenken, dass es so etwas wie Mathematik, Hausaufgaben und Montagmorgen überhaupt gibt. Für Hildens Schulen und Kitas sieht die Sache etwas anders aus. Sobald Kinder, Lehrer und Erzieherinnen verschwunden sind, beginnt dort nämlich eine ganz andere Form des Unterrichts: Maler, Elektriker, Bodenleger und Handwerker übernehmen die Gebäude. Und in diesem Sommer hat die Stadt ihnen eine ziemlich lange Hausaufgabenliste mitgegeben. Gut 200.000 Euro werden investiert, damit nach den Ferien zumindest an einigen Stellen frische Farbe an der Wand hängt, das Licht wieder zuverlässig leuchtet und Feuchtigkeit dort bleibt, wo sie hingehört – nämlich möglichst außerhalb des Gebäudes.

Am Helmholtz-Gymnasium werden rund 30.000 Euro investiert. Sekretariat, Schulleitungsbüro und Vorflur werden umgestaltet, im Keller müssen Brandschotten verbessert, alte Leitungen entfernt und die Netzwerkinfrastruktur erweitert werden. Das klingt nicht unbedingt nach der Art von Ferienprogramm, für die man morgens freiwillig früh aufsteht, ist aber vermutlich nachhaltiger als drei Wochen Mallorca. Immerhin dürfte die Schulleitung nach den Ferien in frisch renovierten Räumen sitzen. Ob dadurch auch unangenehme Zeugnisgespräche angenehmer werden, ist allerdings nicht Bestandteil der Baumaßnahme.

Auch die Wilhelm-Busch-Schule an der Richrather Straße bekommt für rund 20.000 Euro eine kleine Schönheitskur. Malerarbeiten im Alt- und Neubau, Putzarbeiten und punktuell neue Böden stehen auf dem Programm. Die Grundschule am Kalstert erhält für 15.000 Euro ebenfalls Farbe und Lack im Treppenhaus, dazu Elektroarbeiten. Weniger erfreulich ist dort der Grund für einen weiteren Teil der Arbeiten: Einbruchsschäden im Verwaltungsbereich müssen beseitigt werden. Ähnlich sieht es bei der Kita Kunterbunt an der Lortzingstraße aus. Dort hatten sich Unbekannte im April gewaltsam Zutritt verschafft. Rund 2.000 Euro kostet es nun, die Hinterlassenschaften dieser ausgesprochen unerwünschten Besucher wieder zu beseitigen. Man könnte das Geld sicherlich schöner für Kinder ausgeben.

An der Astrid-Lindgren-Schule wird für etwa 10.000 Euro an der Hochspielebene gearbeitet und die Elektrik angefasst, bei der Wilhelm-Busch-Schule Zur Verlach kostet ein ähnlicher Umbau rund 5.000 Euro. Die Marie-Colinet-Schule und die Turnhallen am Holterhöfchen bekommen für etwa 8.000 Euro Arbeiten an Farbe, Boden und Dach spendiert. Es sind viele kleinere Maßnahmen, die einzeln wenig spektakulär klingen, in der Summe aber zeigen, was der Unterhalt öffentlicher Gebäude bedeutet. Ein bisschen Farbe hier, ein neuer Boden dort, eine Sicherheitsbeleuchtung an anderer Stelle – und schon hat der Taschenrechner wieder ordentlich zu tun.

Der unangefochtene Sommerferien-Sanierungsmeister 2026 steht allerdings an der Schulstraße. Die Kita Arche verschlingt mit rund 100.000 Euro gleich die Hälfte des gesamten Budgets. Und „verschlingt“ ist hier beinahe das passende Wort, denn das Problem steckt in den Wänden. Der Gebäudekomplex stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, Teile des Ziegelmauerwerks liegen im Erdreich und genau dort hat sich erhebliche Feuchtigkeit breitgemacht. Betroffen sind unter anderem der große Bewegungsraum samt Sanitärbereich, ein Heizungsraum und sogar das Büro der Kitaleitung. Wer bei „Arche“ bislang automatisch an sehr viel Wasser gedacht hat, bekommt hier leider eine etwas zu passende moderne Interpretation des Namens.

Nun werden die betroffenen Wände fachgerecht abgedichtet und anschließend getrocknet. Bautrockner laufen dafür Tag und Nacht. Danach sollen die Räume, soweit erforderlich, renoviert werden. Das Ziel klingt erfreulich unspektakulär: Die Kita soll ihre Räume anschließend wieder dauerhaft und uneingeschränkt nutzen können. Gerade bei solchen Maßnahmen merkt man allerdings, wie schnell bei älteren öffentlichen Gebäuden erhebliche Summen zusammenkommen. Für 100.000 Euro bekommt die Arche schließlich keinen neuen Anbau, keinen spektakulären Abenteuerspielplatz und auch keine goldenen Wasserhähne. Man bekommt im Wesentlichen trockene Wände. Aber manchmal sind trockene Wände eben ziemlich luxuriös.

Etwas gemütlicher dürfte es künftig in der Kita Mäusenest werden. Dort investiert die Stadt rund 15.000 Euro in neue dimmbare LED-Beleuchtung, Malerarbeiten und Maßnahmen für eine bessere Raumakustik. Dimmbare Beleuchtung in einer Kita klingt übrigens nach einer ausgezeichneten Idee. Wer schon einmal einen Raum voller aufgedrehter Kinder erlebt hat, weiß allerdings, dass man für eine wirklich beruhigende Atmosphäre vermutlich nicht nur das Licht dimmen müsste. Trotzdem: besseres Licht und bessere Akustik sind sicherlich zwei Investitionen, über die sich Kinder und Beschäftigte gleichermaßen freuen können.

Und dann gibt es noch all die Arbeiten, die kaum jemand bemerkt, solange alles funktioniert. Elektroanlagen in mehreren Kitas werden geprüft, Sicherheitsbeleuchtungen erneuert, Brandmeldeanlagen kontrolliert oder neu installiert und elektronische Türbeschläge eingebaut. Auch die fest installierten und beweglichen Sportgeräte in den Hildener Hallen wurden überprüft. Notwendige Reparaturen sollen ebenfalls während der Ferien erledigt werden. Das ist die unsichtbare Seite kommunaler Gebäudewirtschaft: Wenn nach den Ferien das Licht angeht, die Tür aufgeht, der Basketballkorb hängen bleibt und im Ernstfall die Brandmeldeanlage funktioniert, denkt vermutlich niemand daran, dass während der Sommerferien jemand dafür gesorgt hat.

Natürlich kann man bei 200.000 Euro fragen, ob das viel oder wenig ist. Verteilt auf die zahlreichen Schulen, Kitas und Sportstätten der Stadt relativiert sich die Summe allerdings ziemlich schnell. Allein die feuchte Arche beansprucht die Hälfte davon. Und vieles, was jetzt gemacht wird, ist eben keine luxuriöse Verschönerung, sondern notwendiger Gebäudeunterhalt. Schulen und Kitas werden jeden Tag intensiv genutzt. Da werden Türen geöffnet und geschlossen, Böden strapaziert, Wände malträtiert und technische Anlagen beansprucht. Gebäude altern eben auch dann, wenn gerade niemand Geburtstag feiert.

Während also viele Hildener Kinder ihre Ferien genießen, herrscht in ihren Schulen und Kitas Hochbetrieb. Nur eben ohne Mathearbeit, Morgenkreis und Pausenklingel. Stattdessen wird gestrichen, gebohrt, getrocknet, geprüft und verkabelt. Und wenn nach den Sommerferien alle wiederkommen, werden die meisten Veränderungen wahrscheinlich kaum auffallen. Genau das ist vermutlich das größte Kompliment für die Handwerker: Die Kinder kommen zurück, das Licht funktioniert, die Wand ist trocken, der Boden heil – und spätestens nach zwei Tagen sieht alles wieder so aus, als wären niemals Ferien gewesen.

Donnerstag, 20. August 2026

20.8.2026: Hildens Pferdewiese: 21 Reihenhäuser, 411 Quadratmeter Mulde und die große Frage, wohin mit dem Regen?

Es gibt Orte in Hilden, von denen vermutlich selbst viele Hildener lange Zeit nicht wussten, dass sie einen Namen haben. Die Pferdewiese gehört ziemlich sicher dazu. Sie liegt im Hildener Norden hinter den Häusern an der Gerresheimer Straße, ungefähr zwischen Gerresheimer Straße und Heinrich-Lersch-Straße. Rund 7.328 Quadratmeter Grünfläche, also ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Jahrzehntelang konnte man dort vermutlich relativ unbehelligt Wiese sein. Doch damit könnte es irgendwann vorbei sein, denn die DRH Deutsche Reihenhaus AG hat das Grundstück gekauft und möchte dort 21 Reihenhäuser errichten. Und plötzlich ist aus einer Wiese ein städtebauliches Großthema geworden.

Geplant sind 21 Reihenhäuser mit Gärten, Stellplätzen und allem, was zu einer kleinen neuen Siedlung dazugehört. Zur Auswahl stehen sogar zwei ausgesprochen optimistisch benannte Haustypen: „Wohntraum“ mit 120 Quadratmetern und „Familienglück“ mit 145 Quadratmetern. Das muss man sich erst einmal trauen. Andere Bauträger nennen ihre Häuser Typ A und Typ B, in Hilden zieht man möglicherweise demnächst direkt ins Familienglück ein. Fehlt eigentlich nur noch die Doppelhaushälfte „Schwiegermutterfrieden“ und die Garage „Nachbarschaftsharmonie“. Die Häuser entstehen in serieller Bauweise und sehen deshalb deutschlandweit weitgehend gleich aus. Lediglich bei der Fassadenfarbe gibt es Variationsmöglichkeiten. Individualismus hat schließlich Grenzen.

Ganz so romantisch wie die Namen der Häuser ist die Diskussion allerdings nicht. Denn die Pferdewiese ist eben nicht irgendeine freie Fläche, auf der zufällig noch niemand gebaut hat. Kritiker sehen in ihr eine wichtige Frischluftschneise und vor allem eine Versickerungsfläche bei Starkregen. Und Starkregen ist inzwischen auch in Hilden ein Begriff, bei dem man nicht mehr automatisch an einen besonders schlechten Grillabend denkt. Wer erlebt hat, was innerhalb kürzester Zeit vom Himmel kommen kann, entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte emotionale Bindung zu jedem Quadratmeter Boden, der noch in der Lage ist, Wasser aufzunehmen. Genau das argumentieren auch Gegner des Projekts. Die Wiese habe bei vergangenen Starkregenereignissen erhebliche Wassermengen aufgenommen. Außerdem besteht die Sorge, durch die Bebauung könne eine zusätzliche Hitzeinsel entstehen.

Der Investor wiederum sagt: Keine Sorge, wir haben das auf dem Schirm. Geplant ist unter anderem eine 411 Quadratmeter große Versickerungsmulde, die als oberirdisches Regenrückhaltebecken dienen soll. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein externes Planungsbüro hat gerechnet, Stadt und Stadtwerke waren eingebunden und der Wasserverband soll ebenfalls beteiligt werden. Das klingt zunächst einmal ordentlich. Trotzdem bleibt eine interessante Rechnung: Auf der einen Seite haben wir eine Wiese von 7.328 Quadratmetern, auf der anderen Seite künftig 21 Häuser, Straßen, Stellplätze und eine Versickerungsmulde von 411 Quadratmetern. Man muss kein Hydrologe sein, um zu verstehen, warum manche Anwohner trotzdem noch ein paar Fragen haben. Andererseits sollte man auch nicht so tun, als würde das gesamte Grundstück künftig unter einer acht Meter dicken Betonschicht verschwinden. Genau dafür gibt es schließlich das Bebauungsplanverfahren und die entsprechenden Gutachten.

Und dann wäre da noch das zweite Hildener Dauerthema: der Verkehr. Die Zufahrt zur neuen Siedlung soll von der Gerresheimer Straße zwischen den Hausnummern 169a und 171 erfolgen, gegenüber der Beethovenstraße. Dahinter ist eine T-förmige Erschließungsstraße mit Wendeanlage vorgesehen. Stellplätze sollen entlang der Straße entstehen, zusätzlich sind Carports vorgesehen. Laut Investor soll es ausreichend Parkmöglichkeiten für Bewohner und Besucher geben. Das ist eine dieser Aussagen, bei denen erfahrene Anwohner vermutlich milde lächeln. „Ausreichend Parkplätze“ gehört in Deutschland ungefähr zur gleichen Kategorie wie „Der Zug erreicht den nächsten Bahnhof planmäßig“. Es kann stimmen. Man freut sich aber erst, wenn man es tatsächlich erlebt.

Trotz aller Ironie steckt hinter der Diskussion ein echtes Dilemma. Hilden braucht Wohnraum. Junge Familien, für die das Projekt ausdrücklich gedacht ist, suchen Häuser. Gleichzeitig kann eine dicht besiedelte Stadt ihre letzten Freiflächen nicht behandeln, als seien sie lediglich Baulücken, auf deren Bebauung bislang versehentlich niemand gekommen ist. Grünflächen erfüllen Funktionen. Sie speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und schaffen Abstand zwischen bebauten Bereichen. Gerade in heißen Sommern und nach Starkregen merkt man ziemlich schnell, dass Stadtplanung inzwischen mehr bedeutet, als Häuser, Straßen und Parkplätze möglichst geschickt auf einem Plan zu verteilen.

Entschieden ist ohnehin noch nichts. Das Projekt steckt mitten im Bebauungsplanverfahren. Gutachten werden erstellt, anschließend folgt unter anderem die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung, danach beschäftigen sich die politischen Gremien damit. Selbst wenn alles läuft, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis auf der Pferdewiese tatsächlich die ersten Bagger anrollen. Damit bleibt ausreichend Zeit für das, was wir in Hilden besonders gut können: diskutieren. Und das ist in diesem Fall sogar sinnvoll.

Denn wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen „Bloß keinen Grashalm anfassen“ und „Da passen doch locker 21 Häuser hin“. Wohnraum und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen, wäre jedenfalls zu einfach. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob beides auf dieser Fläche vernünftig miteinander vereinbart werden kann. Genau dafür sollte ein Bebauungsplanverfahren schließlich da sein. Bis dahin bleibt die Pferdewiese eine Pferdewiese – allerdings eine mit Bodengutachten, Bürgerinitiative, Investor, Stadtverwaltung und einer geplanten 411-Quadratmeter-Versickerungsmulde. In Hilden schafft es eben selbst eine Wiese irgendwann in die große Politik.

Mittwoch, 19. August 2026

19.8.2026: Wenn die Feuerwehr selbst abgeschleppt werden muss

Es gibt Tage, an denen läuft es einfach nicht. Und offenbar gilt das nicht nur für uns normale Autofahrer, sondern gelegentlich sogar für die Feuerwehr. Ausgerechnet die Hildener Drehleiter, also jenes Fahrzeug, das normalerweise dann ausrückt, wenn andere dringend Hilfe brauchen, benötigte am Dienstagmorgen selbst Unterstützung. Bei der täglichen Routinekontrolle bemerkten die Feuerwehrleute nämlich, dass sich ihr Fahrzeug irgendwie anders anhörte als sonst. Das ist bei einer Feuerwehr wahrscheinlich ähnlich wie beim eigenen Auto: Man kennt jedes Klappern, jedes Brummen und irgendwann auch jene Geräusche, bei denen man lieber nicht einfach das Radio lauter dreht. Die Hildener Feuerwehrleute schauten jedenfalls genauer hin und entdeckten eine Undichtigkeit an der Bremsanlage. Keine besonders erfreuliche Diagnose, zumal Hilden genau eine Drehleiter besitzt.

Zunächst rückten Mitarbeiter der Werkstatt des Zentralen Bauhofs an. Werkzeug und Ersatzteile wurden organisiert, doch der Patient zeigte sich widerspenstig. Die Undichtigkeit wurde größer, Druckluft konnte nicht mehr aufgebaut werden und irgendwann saß die Bremse so fest, dass die Drehleiter weder vor noch zurück wollte. Feuerwehrchef Hans-Peter Kremer beschrieb die Situation treffend: Das Auto stand mit voll angezogenen Bremsen auf dem Hof. Damit hatte Hilden plötzlich vermutlich das bestgesicherte Feuerwehrfahrzeug Nordrhein-Westfalens – nur leider eines, das bei einem Einsatz ungefähr so mobil gewesen wäre wie die Stadthalle.

Eine Fahrt zur Werkstatt schied damit naturgemäß aus. Also musste das passieren, was man bei einer Feuerwehrdrehleiter nicht unbedingt jeden Tag sieht: Ein Abschleppwagen wurde gerufen. Und zwar nicht irgendeiner, sondern natürlich ein Spezialfahrzeug für Lastwagen. Nachdem die festsitzenden Bremsen mechanisch gelöst worden waren, kam die Hildener Drehleiter an den Haken und wurde in eine Fachwerkstatt nach Haan gebracht. Das dazugehörige Foto dürfte jedenfalls zu den ungewöhnlicheren Motiven aus dem Hildener Feuerwehralltag gehören. Normalerweise sieht man die Drehleiter schließlich mit Blaulicht durch die Stadt fahren und nicht hinter einem Abschleppwagen herrollen.

Ganz ohne Drehleiter steht Hilden im Ernstfall trotzdem nicht da. Dafür gibt es ein Notfallkonzept mit den Nachbarstädten. Wird im Hildener Süden eine Drehleiter benötigt, wird automatisch die Feuerwehr aus Langenfeld mit alarmiert, im Norden übernimmt Haan diese Aufgabe. Das ist beruhigend und zeigt gleichzeitig, wie wichtig die Zusammenarbeit der Feuerwehren über Stadtgrenzen hinweg ist. Ein Brand hält sich schließlich nur selten an kommunale Zuständigkeiten.

Feuerwehrchef Kremer ist zudem optimistisch, dass der unfreiwillige Werkstattaufenthalt nur von kurzer Dauer sein wird. Die benötigten Ersatzteile wurden bereits bestellt und möglicherweise kann die Drehleiter schon am Mittwoch wieder zurück nach Hilden kommen. Dann dürfte sie hoffentlich wieder das tun, wofür sie eigentlich angeschafft wurde: anderen helfen.

Und irgendwie hat die Geschichte sogar etwas Beruhigendes. Der Defekt wurde nicht während einer Einsatzfahrt entdeckt, sondern bei der täglichen Kontrolle. Genau dafür gibt es solche Kontrollen schließlich. Lieber steht eine Drehleiter einen Tag mit angezogener Bremse auf dem Feuerwehrhof, als dass die Bremse ausgerechnet dann Probleme macht, wenn jede Sekunde zählt.

Ein bisschen schmunzeln darf man trotzdem. Denn wann kann man schon einmal sagen: Heute musste in Hilden die Feuerwehr gerettet werden?