Es gibt Themen in Hilden, die verschwinden nie ganz. Sie machen nur zwischendurch Pause, wechseln den Minister und stehen dann wieder auf der Tagesordnung. Tempo 30 gehört dazu. Der Europaplatz vermutlich auch. Und natürlich die A3 zwischen Hilden und Leverkusen. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob sie wirklich auf acht Spuren ausgebaut werden muss oder ob nicht drei Fahrspuren plus temporär freigegebener Seitenstreifen reichen würden. Die Bürgerinitiative „3reicht“ hat ihren Namen also nicht aus dekorativen Gründen gewählt.
Die Position der beteiligten Städte ist bekannt. Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen wollen den achtspurigen Vollausbau möglichst verhindern. Auch die IHK Düsseldorf unterstützt die Seitenstreifen-Lösung. Die Argumentation ist im Grunde einfach: Die A3 muss leistungsfähig bleiben, aber dafür muss man nicht unbedingt noch mehr Fläche versiegeln, wenn sich vorhandener Asphalt flexibler nutzen lässt. Klingt zunächst ziemlich vernünftig. Drei Spuren plus Seitenstreifen in Stoßzeiten – fertig. Man könnte meinen, das wäre genau die Art von pragmatischer Lösung, die in Deutschland überall gefordert wird.
Die Autobahn GmbH sieht das anders.
Und deshalb beginnt nun eine neue Runde.
Der bisherige Bundesverkehrsminister hat die Idee abgelehnt. Also schreiben die Kommunen und die IHK jetzt an seinen Nachfolger Steffen Bilger und hoffen offenbar auf das politische Prinzip „neuer Minister, neues Glück“. Man kennt das aus dem Fußball. Wenn der Trainer wechselt, wird nicht automatisch alles besser, aber zumindest darf man noch einmal dieselbe Taktik erklären.
Der Streit läuft schließlich nicht erst seit gestern. Bereits 2019 hatten die Bürgermeister aus Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen gemeinsam appelliert. Im selben Jahr lehnte der Hildener Stadtrat den achtspurigen Ausbau mehrheitlich ab. 2023 wurde das Anliegen erneut vorgetragen. Jetzt schreiben wir 2026 und versuchen es wieder. Wer Ausdauer im politischen Raum kennenlernen möchte, braucht keinen Marathon. Er kann einfach die Geschichte des A3-Ausbaus verfolgen.
Die beteiligten Städte und die IHK werfen dem Bund und der Autobahn GmbH fachliche Unstimmigkeiten vor und verlangen transparentere Antworten. Der neue Minister möge die Entscheidung noch einmal grundlegend überprüfen. Auch technische Entwicklungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, geringere Kosten, eine schnellere Umsetzung und der sparsamere Flächenverbrauch sollten berücksichtigt werden.
Das klingt nach einer durchaus nachvollziehbaren Forderung. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Nur eine Sache offenbar nicht: Die A3 ist immer noch voll.
Wer regelmäßig zwischen Hilden und Leverkusen unterwegs ist, weiß das ohnehin. Man braucht keine Verkehrsstudie, sondern lediglich einen normalen Werktag. Dann erlebt man die Leistungsfähigkeit der Strecke praktisch. Man fährt los, schaut auf die Rücklichter vor sich und hat ausreichend Zeit, über deutsche Infrastrukturpolitik nachzudenken.
Bürgermeister Claus Pommer bringt die Abwägung auf den Punkt. Natürlich ist eine leistungsfähige A3 wichtig. Für die Unternehmen, für Pendler und für alle, die täglich unterwegs sind. Gleichzeitig möchte Hilden seine Freiflächen, Natur und Lebensqualität erhalten. Die temporäre Seitenstreifenfreigabe sei deshalb aus seiner Sicht eine gute Lösung: zusätzliche Kapazität, Nutzung vorhandener Flächen und weniger neue Versiegelung.
Man fragt sich fast, warum das so kompliziert sein muss.
Dann liest man die Argumente der Autobahn GmbH.
Der Seitenstreifen sei nämlich nicht einfach nur ein leerer Streifen Asphalt, den man bei Bedarf aufmachen könne. Er erfüllt eine Schutzfunktion. Wenn er als Fahrspur genutzt wird, müssen deshalb andere Sicherheitsmaßnahmen geschaffen werden. Entlang der Strecke wären insgesamt 27 Nothaltebuchten erforderlich, jeweils mehr als 160 Meter lang. Dafür müssten wiederum rund 19.000 Quadratmeter Fläche neu versiegelt werden.
Damit bekommt die ganze Sache eine gewisse Ironie. Man möchte mit der Seitenstreifen-Lösung Fläche sparen, müsste dafür aber zusätzliche Fläche versiegeln, damit Fahrzeuge im Notfall irgendwo stehen können. Allerdings sind 19.000 Quadratmeter natürlich etwas anderes als der Flächenverbrauch eines vollständigen achtspurigen Ausbaus. Genau deshalb streiten sich alle Beteiligten so leidenschaftlich um Zahlen, Annahmen und Bewertungen.
Zusätzlich wären neue Notrufsäulen, Zuwegungen, Videoüberwachung und ein Tempolimit von 100 km/h auf dem gesamten Abschnitt nötig. Und hier wird es besonders interessant. Denn ich stelle mir gerade vor, wie die Debatte in Hilden weitergeht, wenn sich herumspricht, dass die Alternative zum achtspurigen Ausbau möglicherweise Tempo 100 auf der Autobahn bedeutet.
Wir haben ja schon erlebt, wie entspannt Tempo 30 in Hilden diskutiert wird.
Tempo 100 auf der A3 könnte also durchaus für einen neuen gesellschaftlichen Großversuch sorgen.
Wobei man fairerweise sagen muss: Im morgendlichen Berufsverkehr wäre Tempo 100 für viele Autofahrer ohnehin eine theoretische Höchstgeschwindigkeit. Wer mit 17 km/h zwischen Hilden und Leverkusen rollt, fühlt sich von einem 100er-Schild wahrscheinlich nicht übermäßig eingeschränkt.
Die IHK hält die Seitenstreifenfreigabe trotzdem weiterhin für die sinnvollste und schnellste Lösung. Sie verweist auf den Abschnitt zwischen Hilden und Ratingen Ost, wo sich das Konzept bereits bewährt habe. Auch dort kann der Seitenstreifen bei starkem Verkehr freigegeben werden. Das ist natürlich ein starkes Argument: Wenn es nördlich von Hilden funktioniert, warum sollte es südlich plötzlich grundsätzlich unmöglich sein?
Genau diese Frage dürfte nun wieder beim Verkehrsministerium landen.
Im Kern geht es um einen klassischen Zielkonflikt. Wir wollen mehr Verkehrskapazität, aber weniger Flächenverbrauch. Wir wollen Sicherheit, aber möglichst geringe Kosten. Wir wollen schnell bauen, aber gründlich planen. Wir wollen leistungsfähige Infrastruktur, aber keinen zusätzlichen Lärm. Wir wollen Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig Natur schützen.
Kurz gesagt: Wir wollen alles.
Und möglichst gleichzeitig.
Das ist natürlich schwierig.
Trotzdem ist es richtig, Alternativen ernsthaft zu prüfen. Ein achtspuriger Autobahnausbau ist keine Kleinigkeit. Er kostet viel Geld, braucht viel Zeit und verändert den Raum dauerhaft. Wenn eine technisch saubere Seitenstreifen-Lösung einen großen Teil der zusätzlichen Kapazität schneller und günstiger schaffen kann, sollte man sie nicht mit dem Hinweis abräumen, dass das Regelwerk bisher etwas anderes vorsieht.
Regelwerke sind schließlich kein Naturgesetz.
Sie wurden von Menschen geschrieben.
Und Menschen dürfen gelegentlich feststellen, dass sich die Welt weiterentwickelt hat.
Die interessante Frage ist jetzt, wie der neue Verkehrsminister reagiert. Vielleicht bestätigt er einfach die bisherige Linie. Vielleicht lässt er neu prüfen. Vielleicht bittet er um weitere Gutachten. Vielleicht folgt eine Arbeitsgruppe. Vielleicht kommt ein neues Positionspapier. Bei deutschen Infrastrukturprojekten sollte man grundsätzlich jede Möglichkeit einkalkulieren, außer einer schnellen Entscheidung.
Immerhin sind sich ungewöhnlich viele regionale Akteure einig. Kommunen, IHK und Bürgerinitiative ziehen in dieselbe Richtung. Das kommt auch nicht jeden Tag vor. Normalerweise findet sich bei größeren Verkehrsprojekten zuverlässig jemand, der grundsätzlich das Gegenteil fordert. Hier scheint die regionale Linie recht klar zu sein: A3 leistungsfähig machen, aber möglichst ohne achtspurigen Vollausbau.
Das macht den Appell politisch durchaus interessant.
Hilden selbst hat dabei viel zu verlieren. Mehr Verkehrslärm und zusätzliche Versiegelung wären gerade in einer ohnehin dicht bebauten Stadt kein kleines Thema. Wir haben in den vergangenen Wochen ausführlich darüber gesprochen, wie hoch der Versiegelungsgrad Hildens bereits ist, wie wichtig Hochwasserschutz wird und wie wenig Platz für zusätzliche Rückhalteflächen vorhanden ist. Wenn dann an anderer Stelle weitere Flächen dauerhaft unter Asphalt verschwinden sollen, darf man zumindest sehr genau nachfragen, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt.
Gleichzeitig können wir uns aber auch nicht wünschen, dass die A3 einfach so bleibt wie sie ist.
Eine Autobahn, auf der sich der Verkehr regelmäßig staut, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch besonders attraktiv. Stehende Lkw und Autos lösen kein Umweltproblem. Die Frage lautet also nicht Ausbau oder nichts. Sie lautet: Welche Lösung schafft ausreichend Kapazität mit möglichst geringen Nebenwirkungen?
Genau deshalb finde ich den neuen Anlauf richtig.
Vielleicht sagt der neue Minister wieder nein.
Vielleicht auch nicht.
Auf jeden Fall sollte er sich die Argumente noch einmal ansehen. Und zwar ohne das reflexhafte „Das haben wir schon immer so geplant“.
Denn manchmal ist ein Seitenstreifen eben nicht nur ein Seitenstreifen.
Manchmal ist er eine mögliche vierte Spur.
Und manchmal reichen drei Spuren tatsächlich.
Zumindest solange nicht alle gleichzeitig losfahren.
Dass genau das auf der A3 regelmäßig passiert, ist allerdings wiederum das eigentliche Problem.