Sonntag, 13. September 2026

13.9.2026: Früher Feierabend bei den Stadtwerken – oder: Wenn selbst die Hotline gerade viel um die Ohren hat



Manchmal merkt man einen Personalmangel nicht daran, dass etwas ausfällt, sondern daran, dass plötzlich um 14 Uhr Schluss ist. Genau das passiert derzeit bei den Stadtwerken Hilden: Wegen eines „anhaltenden Ressourcenengpasses“ werden die Öffnungszeiten im Kundenzentrum vorübergehend verkürzt.

Montags und mittwochs bleibt das Kundenzentrum von 8 bis 16 Uhr geöffnet, dienstags, donnerstags und freitags nur noch von 8 bis 14 Uhr. Wer also am Freitagnachmittag nach Feierabend noch schnell persönlich seinen Abschlag klären wollte, muss umplanen. Wobei „noch schnell“ bei einem Kundenzentrum ohnehin eine Formulierung ist, die man besser mit einer gewissen zeitlichen Großzügigkeit verwendet.

Der Engpass hat zudem einen kleinen Nebeneffekt: Weil das Kundenzentrum kürzer geöffnet ist, rufen offenbar mehr Menschen an. Dadurch kann es wiederum an der Service-Hotline länger dauern. Das ist ein bisschen wie bei einer gesperrten Straße in Hilden: Der Verkehr verschwindet nicht, er steht anschließend nur woanders.

Die Stadtwerke empfehlen deshalb, möglichst viele Dinge online zu erledigen. Zählerstand übermitteln, Abschlag ändern, Bankverbindung aktualisieren oder den Tarif wechseln – vieles funktioniert inzwischen ohne persönlichen Besuch. Wer sein Anliegen lieber schriftlich loswerden möchte, kann außerdem eine E-Mail schicken.

Mehr steckt hinter der Änderung eigentlich nicht: Es fehlen derzeit Ressourcen, also werden die verfügbaren Kräfte anders verteilt. Für uns Kunden bedeutet das vor allem, vorher auf die Uhr zu schauen – oder gleich den digitalen Weg zu nehmen.

Nur eine Frage bleibt bei der Formulierung „vorübergehend“ natürlich offen. In Hilden haben wir schließlich Erfahrung mit Dingen, die zunächst nur vorübergehend gedacht sind. Provisorische Ampeln können hier gefühlt ganze Jahreszeiten erleben, Baustellen entwickeln mitunter erstaunliche Ausdauer und Verkehrsregelungen bekommen gerne erst einmal eine Testphase.

Deshalb wünsche ich den Stadtwerken vor allem eines: dass der Ressourcenengpass wirklich vorübergehend bleibt.

Denn zwischen „vorübergehend geändert“ und „das haben wir doch eigentlich schon immer so gemacht“ liegen manchmal nur ein paar Monate.

Samstag, 12. September 2026

12.9.2026: Hilden bekommt einen Stempel – oder: Wenn die Walder Straße plötzlich auf Briefmarke macht

Ich gebe zu: An der Walder Straße 5 bin ich schon oft vorbeigekommen. Dass die dortige Fabrikantenvilla einmal so viel Aufmerksamkeit von mir bekommen würde, hätte ich nicht gedacht. Jetzt landet sie sogar auf einem Sonderstempel – und plötzlich schaut man doch etwas genauer hin.

Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, geben die Briefmarkenfreunde Hilden wieder einen eigenen Sonderstempel heraus. Das diesjährige Motto lautet „Netzwerke und Infrastruktur, historische Bauten, die uns bewegen und verbinden“. Klingt zunächst ein bisschen nach Stadtentwicklungsausschuss, bekommt in Hilden aber ein durchaus schönes Gesicht: Auf dem Stempel ist die denkmalgeschützte Fabrikantenvilla an der Walder Straße 5 zu sehen.

Das Gebäude wurde um 1860/70 im neoklassizistischen Stil errichtet, dahinter liegen die alten Fabrikationshallen. Die Briefmarkenfreunde bezeichnen die eigenwillige Bauweise als für Hilden und darüber hinaus ungewöhnlich und einmalig. Und genau dafür ist so ein Sonderstempel eigentlich eine wunderbare Sache: Plötzlich schaut man auf ein Haus, an dem man vielleicht schon hundertmal vorbeigefahren ist, ein bisschen genauer.

Das ist ohnehin eine Hildener Spezialität. Wir können jahrelang an einem Gebäude vorbeikommen, ohne uns größere Gedanken darüber zu machen. Aber sobald jemand sagt: „Das steht unter Denkmalschutz“, wird gebremst. Dann betrachtet man die Fassade und denkt: Ach, tatsächlich. Interessant. Und wenn das Gebäude anschließend noch auf einem Sonderstempel landet, ist endgültig klar: Das muss wichtig sein.

Am 13. September kann man den Stempel zwischen 10 und 15 Uhr am Bürgerhaus an der Mittelstraße 41 bekommen. Dort halten die Briefmarkenfreunde auch Briefmarken und passende Belege bereit. Ein Festumschlag kostet 2,50 Euro, eine Infokarte einen Euro, das komplette Set drei Euro. In Zeiten, in denen man für drei Euro in manchen Innenstädten kaum noch einen Kaffee bekommt, ist ein kleines Stück Hildener Stadtgeschichte also vergleichsweise preiswert zu haben.

Natürlich muss man dafür ein gewisses Verhältnis zu Briefmarken haben. Für viele Menschen unter 30 dürfte die Frage „Hast du eine Briefmarke?“ inzwischen ungefähr so exotisch klingen wie „Wo steht eigentlich dein Faxgerät?“. Aber genau deshalb gefällt mir die Aktion. Denn Briefmarken und Sonderstempel sind kleine Zeitkapseln. Sie erzählen, was einer Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig war – Gebäude, Ereignisse, Jubiläen oder Menschen – und bewahren es auf einem erstaunlich kleinen Stück Papier.

Und diesmal schafft es eben eine Hildener Fabrikantenvilla darauf.

Vielleicht sollte man am Sonntag tatsächlich einmal beim Bürgerhaus vorbeischauen. Nicht unbedingt, weil jetzt jeder von uns seine Briefmarkensammlung vom Dachboden holen und mit der Pinzette neu sortieren muss. Sondern weil hinter diesem kleinen Stempel eine schöne Idee steckt: auf ein Stück Hildener Geschichte aufmerksam zu machen, das im Alltag leicht übersehen wird.

Das Internet vergisst angeblich nichts. Ob das wirklich stimmt, werden wir irgendwann sehen.
Ein ordentlich abgestempelter Brief aus Hilden hat jedenfalls schon mal ziemlich gute Chancen.

Freitag, 11. September 2026

11.9.2026: Erst kam der Appell, jetzt die Kontrolle – oder: Hilden zählt 13 E-Scooter-Sünder

Erst bat Hilden um Rücksicht. Dann kam die Polizei. Und siehe da: In nur sechseinhalb Stunden sammelten sich 33 Verkehrsverstöße an – 13 davon auf E-Scootern. Man könnte sagen: Der städtische Appell zum besseren Miteinander hatte noch ein wenig Luft bei der praktischen Umsetzung.

Erst vor ein paar Tagen hatte die Stadt wegen der Beschwerden über E-Scooter und Fahrräder in der Fußgängerzone zu mehr Rücksicht aufgerufen. Am Mittwoch, 9. September, folgte die praktische Überprüfung: Zwischen 7.30 und 14 Uhr kontrollierte die Kreispolizei den Verkehr in Hilden. Neben den 13 E-Scooter-Verstößen kamen 15 bei Fußgängern und Radfahrern sowie fünf bei Autofahrern zusammen. Immerhin hat Hilden seine Verkehrssünden erfreulich demokratisch verteilt.

Bei den E-Scootern ging es unter anderem um Fahrten auf Geh- oder Radwegen, auf denen sie nicht zugelassen waren. Die Regel dazu ist eigentlich überschaubar: Gehwege und die Fußgängerzone gehören grundsätzlich den Fußgängern, sofern eine andere Nutzung nicht ausdrücklich erlaubt ist. Wer mit dem E-Scooter trotzdem dort fährt, kann mit 15 Euro zur Kasse gebeten werden.

Nun sind 13 Verstöße weder der Untergang des Hildener Abendlandes noch der Beweis dafür, dass die Mittelstraße inzwischen ausschließlich von rücksichtslosen E-Scooter-Piloten bevölkert wird. Aber die Zahl zeigt, dass die Beschwerden der vergangenen Wochen offenbar nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Wer regelmäßig durch die Innenstadt läuft, kennt die Situation: Man geht entspannt durch die Fußgängerzone, hört hinter sich plötzlich dieses charakteristische leise Rollen und entwickelt innerhalb einer halben Sekunde Fähigkeiten, die sonst eher im Leistungssport gefragt sind.

Dabei ist der E-Scooter selbst gar nicht das Problem. Er ist praktisch, schnell und für kurze Wege durchaus sinnvoll. Das Problem beginnt erst, wenn aus „praktisch und schnell“ plötzlich „Platz da, jetzt komme ich“ wird. Genau das gilt übrigens genauso für Fahrräder, Autos und Fußgänger. Wer aufs Handy schaut und ohne Blick über die Straße läuft, trägt zum entspannten Miteinander ungefähr genauso viel bei wie ein Radfahrer in falscher Richtung oder ein Autofahrer, der beim Abbiegen den Rest der Verkehrswelt für dekoratives Beiwerk hält.

Deshalb gefällt mir an der Kontrolle sogar, dass nicht ausschließlich E-Scooter herausgepickt wurden. Die Polizeiaktion gehört zum „Projekt Korrekt“, das Verkehrsunfälle mit Fußgängern und Radfahrern reduzieren soll. Falsche Fahrbahn, fehlende Aufmerksamkeit, unvorsichtiges Einfahren in den Verkehr und zunehmend auch der Blick aufs Handy gehören zu den Problemen, die die Polizei dabei beobachtet.

Vielleicht braucht es deshalb gelegentlich beides: den freundlichen Hinweis und die Kontrolle. Erst sagt die Stadt: Bitte nehmt Rücksicht aufeinander. Dann sagt die Polizei irgendwann: Wir schauen jetzt einmal nach, wie gut das funktioniert hat.

Das Ergebnis in Hilden lautet diesmal: 33 Verstöße.

Nicht dramatisch. Aber offenbar genug, um das Thema nicht einfach wegzurollen.

Denn am Ende ist die wichtigste Verkehrsregel immer noch erstaunlich simpel: Die Straße gehört nicht mir allein. Die Fußgängerzone übrigens auch nicht.

Donnerstag, 10. September 2026

10.9.2026: Wenn der Strom plötzlich ohne Kabel dasteht – oder: Kupferklau an Hildens Ladesäulen

Es gibt Dinge, bei denen man sich fragt, wie jemand überhaupt auf die Idee kommt. Zwei E-Auto-Ladestationen an einer Tankstelle an der Walder Straße gehören seit dieser Woche eindeutig dazu. Unbekannte Täter haben dort in der Nacht zum 7. September die kupfernen Ladekabel abgeschnitten und mitgenommen. Auch in Monheim waren vier Ladestationen betroffen. Sechs Ladesäulen ohne Kabel – und irgendwo vermutlich Menschen, die morgens mit ihrem Elektroauto davorstanden und feststellen mussten: Strom wäre vorhanden, nur der Weg zum Auto fehlt.

Hinter der Sache steckt ein bekanntes Motiv: Kupfer ist wertvoll. Nur ist die Rechnung in diesem Fall besonders absurd. Der Materialwert der gestohlenen Kabel dürfte insgesamt lediglich bei einigen hundert Euro liegen, der Schaden für die Betreiber wegen Reparatur und Ausfall dagegen bei mehreren Tausend Euro. Das ist ungefähr so, als würde jemand die Haustür ausbauen, weil ihm die Türklinke gefällt. Wirtschaftlich kein besonders überzeugendes Geschäftsmodell – gesellschaftlich sowieso nicht.

Gerade bei einer Ladesäule bekommt der Diebstahl noch eine besondere Note. Jahrelang diskutieren wir darüber, wie viele Ladepunkte Deutschland braucht, wie schnell sie gebaut werden müssen und ob die Infrastruktur mit der Zahl der Elektroautos mithalten kann. In Hilden kommt jetzt eine neue Frage hinzu: Wie viele davon haben morgens noch ein Kabel? Die Energiewende hatte vermutlich mit einigen Schwierigkeiten gerechnet. Genehmigungsverfahren, Netzausbau, Strompreise – alles bekannte Themen. Dass irgendwann jemand mit Werkzeug anrückt und einfach das letzte Stück zum Auto mitnimmt, stand wahrscheinlich eher weiter hinten im Maßnahmenkatalog.

Für die Betreiber ist das natürlich alles andere als komisch. Die Säulen fallen aus, müssen repariert werden, und wer dort mit niedrigem Akkustand ankommt, darf sich spontan eine Alternative suchen. Beim Verbrenner wäre die vergleichbare Situation eine Tankstelle, an der jemand über Nacht sämtliche Zapfschläuche abgeschnitten hat. Benzin vorhanden, Säule vorhanden, Bezahlung möglich – nur zwischen all dem und dem Auto fehlt eine Kleinigkeit.

Die Polizei ermittelt und sucht Zeugen. Wer in der Nacht zum Montag an der Walder Straße verdächtige Personen oder Fahrzeuge beobachtet hat, soll sich melden. Hinweise auf die Täter gibt es bislang offenbar nicht.

Für Hilden bleibt damit eine ziemlich absurde Erkenntnis: Selbst ein Kabel, das fest an einer Ladesäule hängt, ist offensichtlich nicht fest genug.

Da investieren wir viel Geld in moderne Infrastruktur, bauen Ladesäulen und reden über die Mobilität der Zukunft.

Und dann kommt jemand mit einer Zange vorbei.


Fortschritt kann manchmal an erstaunlich einfachen Dingen scheitern.

Mittwoch, 9. September 2026

9.9.2026: Ein Bändchen, 16 Kneipen und die große Frage: Wo fangen wir an?

Es gibt Abende in Hilden, an denen man sich für eine Kneipe entscheidet, sich an einen Tisch setzt und dort bleibt. Und dann gibt es den ersten Samstag im November. Am 7. November steigt die Hildener Kneipentour zum 15. Mal: 17 Bands und Solokünstler spielen in 16 Locations, acht Stunden lang zieht Livemusik durch die Stadt und mit einem einzigen Bändchen darf man überall hinein. Das Prinzip ist herrlich einfach. Gefällt die Musik, bleibt man. Gefällt sie nicht, zieht man weiter. Trifft man unterwegs Bekannte, bleibt man wahrscheinlich trotzdem. Spätestens dann hat sich jeder vorher ausgearbeitete Abendplan erledigt. Die Hildener Kneipentour ist schließlich eine Veranstaltung, bei der ein wenig Orientierungslosigkeit ausdrücklich zum Konzept gehört.

Seit 2010 organisiert Michael Pape dieses musikalische Kneipenwandern. Vor Corona waren einmal 27 Locations dabei, inzwischen sind es 16. Einige Kneipen sind verschwunden, die verbliebenen Wirte machen laut Pape aber fast alle mit. Im vergangenen Jahr wurden rund 2600 Bändchen verkauft, maximal 3500 Besucher können diesmal dabei sein. An musikalischem Nachwuchs mangelt es nicht: Rund 100 Bands und Solokünstler bewerben sich jedes Jahr. Daraus ein Programm zusammenzustellen, dürfte ungefähr so einfach sein wie mit 15 Freunden in Hilden zu klären, in welche Kneipe man am Samstagabend geht. Nur dass Michael Pape am Ende tatsächlich eine Entscheidung treffen muss.

Musikalisch gibt es kaum eine Ausrede, nicht irgendwo fündig zu werden. Rock-Pop, Blues, Country-Rock, Oldies, deutsche Schlager, Soul, Funk und moderne Hits stehen auf dem Programm. Acht Acts sind erstmals dabei, dazu kommen bekannte Namen wie Prilblümchen, Nightwork, BFunk, Retro oder Boys of 69. Das klingt weniger nach einem Kneipenabend als nach einem kleinen Stadtfestival, bei dem zufällig überall eine Theke herumsteht.

Und genau darin liegt der Charme. Mani’s Ponystall, Charl’s, Palette, BARock, Mon Coeur, Blue Note, Black Pub, Nuckelpinte, Billard Bistro, Hemingway, Landhof, Café New York, James Food & Drinks, Vino Vista, Denkbar und Feingusti werden für einen Abend zu einem weitläufigen Konzertsaal. Neu dabei sind Vino Vista und die Denkbar. Gerade die etwas außerhalb der klassischen Innenstadtstrecke gelegene Weinbar möchte die Kneipentour nutzen, um bekannter zu werden. Das könnte funktionieren, denn an diesem Abend entdecken Hildener vermutlich wieder Orte, an denen sie sonst jahrelang vorbeigefahren sind und gedacht haben: „Da müsste man eigentlich auch mal hin.“ Am 7. November wird aus „eigentlich mal“ tatsächlich „heute“.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, aus diesem Angebot einen Abend zu machen, ohne daraus eine logistische Großübung werden zu lassen. Beginnt man am Alten Markt, am Fritz-Gressard-Platz oder irgendwo ganz anders? Wann baut man die Nuckelpinte ein, wann Vino Vista? Natürlich könnte man einen minutiösen Plan erstellen: 18.15 Uhr erste Band, 19 Uhr Wechsel, 19.45 Uhr nächste Location. Das ist ungefähr so realistisch wie die Vorstellung, auf dem Hildener Weihnachtsmarkt „nur ganz kurz“ einen Glühwein zu trinken. Irgendwo spielt eine Band besser als erwartet, irgendwo trifft man jemanden, den man seit Monaten nicht gesehen hat, und irgendwann fällt der Satz: „Komm, einen noch.“ Ab diesem Moment übernimmt Hilden die Abendplanung.

Das Bändchen für diesen musikalischen Kontrollverlust kostet im Vorverkauf zwölf Euro, zunächst erhältlich im Computer Store Hilden am Axlerhof und später auch in den teilnehmenden Locations. An der Abendkasse werden 15 Euro fällig. Zwölf Euro für 17 Bands sind rechnerisch etwa 71 Cent pro Künstler. Das ist ein bemerkenswertes Preis-Leistungs-Verhältnis – vorausgesetzt, man widersteht dem Ehrgeiz, tatsächlich alle sehen zu wollen. Wer das versucht, dürfte den größten Teil des Abends mit Jacke an zwischen zwei Kneipentüren verbringen.

Also besser nicht optimieren. Bändchen ums Handgelenk, rein in die Stadt und schauen, wo man hängen bleibt. Für ein paar Stunden wird Hilden zur Musikmeile, aus offenen Türen dringen Rock, Blues, Soul oder Schlager, und Menschen ziehen durch Lokale, in denen sie vielleicht lange nicht mehr waren.

Vielleicht ist genau das der schönste Teil der Kneipentour. Nicht die Zahl der Bands, nicht die Zahl der besuchten Kneipen und schon gar nicht die perfekte Route. Sondern dieser eine Abend, an dem Hilden ein bisschen voller, lauter und spontaner ist als sonst.

Und sollte am Ende jemand fragen, welche der 17 Bands eigentlich die beste war, gibt es vermutlich ohnehin die einzig richtige Antwort:


Keine Ahnung. Aber der Abend war großartig.

Dienstag, 8. September 2026

8.9.2026: Freiwillig zahlen für Bonni und Fliedner – oder: Wenn ein Elternbeitrag eigentlich keiner sein soll

Es gibt Wörter, die entfalten ihre ganze Schönheit erst, wenn man sie miteinander kombiniert. „Freiwilliger Förderbeitrag“ gehört eindeutig dazu. Freiwillig klingt nach „Kann man machen“. Beitrag klingt dagegen schon ein bisschen mehr nach „Wäre aber schön“. Und wenn dann noch eine Tabelle dazukommt, in der steht, wie viel man abhängig vom Einkommen ungefähr geben könnte, beginnt jener Bereich, in dem deutsche Organisationskunst ihre besondere Stärke entwickelt.

Genau das erwartet Eltern am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium und an der Wilhelmine-Fliedner-Gesamtschule in Hilden ab dem Schuljahr 2027/28. Die Evangelische Kirche im Rheinland führt an ihren Schulen freiwillige Förderbeiträge ein, weil die Kirchensteuereinnahmen zurückgehen und die Finanzierung langfristig auf eine breitere Grundlage gestellt werden soll. Betroffen sind alle zehn Schulen in ihrer Trägerschaft mit zusammen 7645 Schülerinnen und Schülern.

Das Modell soll sozial ausgewogen sein. Die Höhe bleibt frei wählbar, ein Einkommensnachweis ist nicht vorgesehen. Trotzdem gibt es Orientierungswerte: Bei einem Familieneinkommen unter 30.000 Euro werden monatlich 30 Euro vorgeschlagen, bis 60.000 Euro sind es 60 Euro, bis 90.000 Euro 120 Euro und bis 120.000 Euro 180 Euro. Für weitere Kinder sowie Familien, die Kirchensteuer oder Kirchgeld an die Evangelische Kirche im Rheinland zahlen, sind Reduzierungen vorgesehen.

Niemand muss seine Gehaltsabrechnung vorlegen, niemand muss erklären, warum aus vorgeschlagenen 120 Euro vielleicht 40, 20 oder null Euro werden. Vertrauen statt Einkommensprüfung. Für Deutschland ist das fast schon revolutionär. Wir leben schließlich in einem Land, in dem man für manche Verwaltungsvorgänge gefühlt noch nachweisen muss, dass die Kopie der Kopie des Originalnachweises ordnungsgemäß kopiert wurde. Und nun lautet das Prinzip ausgerechnet beim Geld: Wir glauben Ihnen das einfach.

Der Hintergrund ist allerdings ernst. Die Kirche muss auf sinkende Kirchensteuereinnahmen reagieren. Bis 2035 sollen die Förderbeiträge nach einem mehrjährigen Aufbau jährlich 8,8 Millionen Euro einbringen. Gleichzeitig versichert die Kirche, dass der notwendige Schulbetrieb auch dann finanziert wird, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird. Damit trifft Freiwilligkeit auf Finanzplanung – ein durchaus spannendes Experiment.

Immerhin wurde das Modell gemeinsam mit Elternvertretungen, Schulleitungen und Schulstiftung entwickelt. Die Beiträge werden über die Schulstiftung organisiert. Der Großteil des Geldes soll unmittelbar der jeweiligen Schule zugutekommen, ein kleiner Teil dem solidarischen Ausgleich zwischen den Schulen dienen. In den kommenden Monaten sind Informationsveranstaltungen geplant.

Entscheidend wird weniger sein, ob die Tabelle mathematisch funktioniert, sondern wie Familien das Modell erleben. Kein Kind sollte irgendwann wissen oder spüren müssen, ob seine Eltern 180 Euro, 30 Euro oder gar nichts überweisen. Manche Familien können problemlos mehr geben, andere müssen jeden Monat rechnen. Solidarität funktioniert nur, wenn aus „freiwillig“ nicht irgendwann „freiwillig, aber wir hätten da noch eine kleine Frage“ wird.

Für die beiden Hildener Schulen gibt es zugleich eine weitere Nachricht: Unabhängig von den Elternbeiträgen erhöht die Kirche ihre Instandhaltungspauschale schrittweise auf das 1,55-Fache. Dafür sollen zusätzlich insgesamt 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Bonni und Fliedner müssen ihre Eltern also nicht losschicken, um das Geld für die nächste Dachreparatur zusammenzusammeln.

Wie das Modell in Hilden aufgenommen wird, ist noch offen. Bonni-Schulleiter Rolf-Olaf Geisler hatte bereits erklärt, man sei zunächst froh, dass die kirchlichen Schulen auf diese Weise gesichert würden. Die Fliedner-Schule und die Schulpflegschaften wollen sich derzeit noch nicht äußern. Vielleicht ist das gar nicht die schlechteste Idee: erst einmal hören, wie alles konkret funktionieren soll, und dann darüber diskutieren. Hilden ist schließlich ausgesprochen geübt darin, aus Themen mit Diskussionspotenzial zuverlässig eine Diskussion zu machen.

Ab dem Schuljahr 2027/28 wird sich zeigen, ob genügend Eltern mitmachen und welche Summen tatsächlich zusammenkommen. Vielleicht funktioniert das Solidaritätsprinzip hervorragend. Vielleicht bleiben die Einnahmen hinter den Erwartungen zurück. Und vielleicht lernen wir sogar, dass „freiwillig“ tatsächlich einfach freiwillig bedeuten kann.

Das wäre möglicherweise die größte Überraschung an der ganzen Geschichte.

Denn eines sollte bei aller Diskussion selbstverständlich bleiben: Wer nichts zahlt, hat trotzdem ein Kind an derselben Schule wie derjenige, der 180 Euro überweist. Ohne Sternchen, ohne schlechtes Gewissen und ohne imaginären Vermerk im Klassenbuch.

Sonst wäre aus dem freiwilligen Förderbeitrag irgendwann doch ein Schulgeld geworden.

Nur mit einem sehr viel freundlicheren Namen.

Montag, 7. September 2026

7.9.2026: Hilden bekommt Nachwuchs fürs Finanzamt – oder: 14 junge Menschen, die vor dem Steuerrecht nicht weglaufen

Es gibt Entscheidungen im Leben, die versteht man sofort. Man macht nach der Schule eine Weltreise, studiert irgendetwas mit Medien oder nimmt sich erst einmal ein Jahr Zeit, um herauszufinden, was man eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte. Und dann gibt es 14 junge Menschen in Hilden, die offenbar schon ziemlich genau wissen, wohin die Reise gehen soll: ins Finanzamt. Zum 1. September haben dort 14 Nachwuchskräfte ihre Ausbildung beziehungsweise ihr duales Studium begonnen. Sieben wollen Finanzwirtin oder Finanzwirt werden, sieben weitere haben sich für das dreijährige duale Studium zum Diplom-Finanzwirt beziehungsweise zur Diplom-Finanzwirtin entschieden. Das verdient Respekt. Während ein erheblicher Teil der Bevölkerung bereits beim Wort „Einkommensteuererklärung“ plötzlich dringend Kaffee braucht, den Steuerberater anruft oder sich vorsichtshalber tot stellt, sagen diese 14 jungen Menschen: Genau das möchte ich beruflich machen. Sie werden sich künftig mit Steuerrecht, Buchführung und Verwaltungsrecht beschäftigen und zwischen Theorie und Praxis wechseln. Die angehenden Finanzwirte besuchen die Landesfinanzschule Nordrhein-Westfalen, die Studierenden die Hochschule für Finanzen NRW in Nordkirchen, dazwischen geht es immer wieder zurück ins Hildener Finanzamt. Man könnte sagen: Andere junge Menschen lernen Spanisch, Französisch oder Italienisch. Diese 14 lernen Finanzamtsdeutsch. Eine Sprache, in der man einen Satz dreimal lesen kann und anschließend weniger weiß als vorher. Wo normale Menschen schreiben würden „Sie müssen noch 327 Euro bezahlen“, beginnt ein behördlicher Text schließlich gerne mit Formulierungen, bei denen man nach der Hälfte vergessen hat, warum man den Brief überhaupt geöffnet hat. Irgendjemand muss das verstehen. Und Hilden hat jetzt 14 Menschen gefunden, die es freiwillig versuchen.

Natürlich besteht die Ausbildung nicht darin, den ganzen Tag Steuerbescheide zu verschicken und Bürgern mitzuteilen, dass der neue Bürostuhl leider doch nicht vollständig als Werbungskosten anerkannt werden kann. Die Finanzverwaltung bietet erstaunlich viele berufliche Möglichkeiten: Steuerveranlagung, Betriebsprüfung, Außendienst, IT, Lehrtätigkeit und sogar Steuerfahndung. Gerade Letzteres wertet die Antwort auf die klassische Partyfrage „Und, was machst du beruflich?“ erheblich auf. „Ich bin beim Finanzamt“ klingt zunächst nach Aktenordner, Taschenrechner und pünktlichem Feierabend. „Ich bin bei der Steuerfahndung“ klingt dagegen sofort nach abgedunkelten Dienstwagen, observierten Briefkästen und dem dramatischen Zugriff auf einen verdächtigen Schuhkarton voller Quittungen. Vermutlich sieht die Realität etwas anders aus. Wahrscheinlich besteht die Verfolgungsjagd eher darin, herauszufinden, warum jemand einen Swimmingpool, drei Espressomaschinen und einen Mallorca-Flug unter „betriebliche Aufwendungen“ verbucht hat. Aber auch das hat seinen Reiz. Und spätestens wenn jemand behauptet, der Porsche werde ausschließlich für Kundentermine benötigt, beginnt vermutlich der spannende Teil des Berufslebens.

Für Hilden sind die 14 Nachwuchskräfte jedenfalls eine gute Nachricht. Während überall über Fachkräftemangel gesprochen wird, bekommt das Finanzamt gleich eine komplette neue Mannschaft. Und Nachwuchs kann die Behörde gebrauchen, denn eines dürfte ziemlich sicher sein: Steuern werden nicht abgeschafft, nur weil irgendwann niemand mehr da ist, der sie bearbeitet. Das wäre zwar vermutlich die populärste Verwaltungsreform in der Geschichte der Bundesrepublik, dürfte aber im Bundesfinanzministerium auf gewisse Vorbehalte stoßen. Finanzamtsleiter Martin Janke spricht von einem Beruf mit Verantwortung und sicheren Perspektiven, und bei der Arbeitsplatzsicherheit dürfte kaum eine Branche mithalten können. Solange Deutschland Steuergesetze hat, wird es Menschen brauchen, die sie verstehen. Und sollte das deutsche Steuerrecht eines Tages plötzlich einfach und übersichtlich werden, haben wir vermutlich ohnehin größere Probleme, weil dann offensichtlich etwas mit dem Raum-Zeit-Kontinuum nicht stimmt. Eher ist die A3 dauerhaft baustellenfrei, die Deutsche Bahn meldet hundert Prozent Pünktlichkeit und in Hilden wird eine neue Tempo-30-Regelung eingeführt, ohne dass anschließend mindestens drei Ausschüsse, zwei Gutachten und sämtliche Kommentarspalten darüber diskutieren.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Finanzverwaltung bereits Nachwuchs für September 2027 sucht. Man kann sich also schon heute für eine berufliche Zukunft entscheiden, in der man irgendwann anderen Menschen erklären darf, warum etwas, das für sie vollkommen eindeutig beruflich veranlasst war, steuerrechtlich leider eine bemerkenswert andere Biografie besitzt. Und vielleicht begegnen uns einige der 14 irgendwann wieder. Nicht unbedingt persönlich. Vielleicht nur oben rechts auf einem Schreiben. Dann liegt dieser Brief auf dem Küchentisch, daneben die Steuerunterlagen, und man liest einen Satz zum vierten Mal. In diesem Moment sollte man sich daran erinnern, dass irgendwann im September 2026 vierzehn junge Menschen im Finanzamt Hilden ihren ersten Arbeitstag hatten und wahrscheinlich noch nicht ahnten, dass sie Jahre später darüber entscheiden würden, ob ein Hildener Bürger seinen ergonomischen Bürostuhl, sein Arbeitszimmer oder die Fahrt nach Grevenmacher steuerlich so behandeln darf, wie er sich das vorgestellt hat.

Deshalb wünschen wir den sieben angehenden Finanzwirten und den sieben zukünftigen Diplom-Finanzwirten einen guten Start, interessante Ausbildungsjahre und vor allem möglichst viele freundliche Steuerzahler. Denn bei aller Satire braucht eine funktionierende Verwaltung Menschen, die bereit sind, sich durch komplizierte Gesetze zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und am Ende Entscheidungen zu treffen, die für andere durchaus finanzielle Bedeutung haben. Wer sich freiwillig durch deutsches Steuerrecht kämpft, hat deshalb Anerkennung verdient. Andere lösen am Wochenende Sudoku. Diese 14 haben sich offenbar für die schwierigere Variante entschieden.

Und falls in ein paar Jahren einmal ein Brief vom Finanzamt Hilden im Briefkasten liegt, bei dem wir mit dem Ergebnis überhaupt nicht einverstanden sind, sollten wir fair bleiben.

Die 14 können nichts dafür. Wir haben ihnen 2026 noch ausdrücklich einen guten Start gewünscht.