Hilden hat im Juli offenbar beschlossen, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Kaum hat man sich von Hitze, Tempo-30-Debatten, Wasserverbrauch, Müllabfuhr um sechs Uhr morgens und klemmenden Friedhofstoren erholt, kommt das Kulturamt um die Ecke und sagt sinngemäß: „So, jetzt wird es aber mal wieder schön.“
Und tatsächlich: Der Juli in Hilden ist gut gefüllt. Lesungen, Ausstellungen, Musik, Brettspiele, Bürgerfestival, Mitmachzirkus, Frida Kahlo, Künstliche Intelligenz und Mandolinen. Das klingt zunächst wie eine Liste, die jemand aus sehr unterschiedlichen Kalendern zusammenkopiert hat. In Wahrheit ist es aber das Hildener Kulturprogramm – und damit der Beweis, dass diese Stadt mehr kann, als über Parkplätze zu diskutieren.
Los geht es musikalisch. Am 5. Juli lädt die Musikschule zum Sommerkonzert des Hildener Mandolinenorchesters in die Kirche St. Marien ein. Ein Mandolinenorchester ist dabei schon deshalb sympathisch, weil es nicht versucht, lauter zu sein als der Alltag, sondern feiner. Während draußen Autos, Busse und Debatten durch die Stadt rollen, klingt drinnen die Mandoline. Das hat etwas Beruhigendes. Fast so, als würde Hilden für einen Abend sagen: „Wir legen die Kommentarspalten kurz zur Seite und zupfen uns durch den Sommer.“
Unterstützt wird das Programm vom Nachwuchsensemble „Die Vielsaiter“. Schon der Name ist großartig. In einer Stadt, in der viele Menschen zu allem eine Seite haben, kommen hier endlich einmal Vielsaiter zusammen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Auch das ist sehr hildenerisch: Kultur darf nichts kosten, soll aber bitte wertgeschätzt werden. Am besten mit Applaus und einem Schein in der Spendenbox.
Weiter geht es in der Stadtbibliothek mit den „Brettspiel-Helden“. Der Förderverein startet ein regelmäßiges Angebot für Erwachsene, die moderne Brettspiele kennenlernen möchten. Das ist wichtig, denn Brettspiele sind längst nicht mehr nur „Mensch ärgere dich nicht“ und „Monopoly“, bei dem am Ende ohnehin die halbe Familie beleidigt ist. Moderne Brettspiele haben Regeln, Material, Strategien und Erklärphasen, die gelegentlich länger dauern als manche Ratssitzung. Aber genau darin liegt der Reiz.
Kenner- und Expertenspiele stehen im Mittelpunkt. Das klingt harmlos, bedeutet aber: Wer dort auftaucht, sollte bereit sein, mehr zu tun, als einen Würfel zu werfen und auf das Beste zu hoffen. Hier wird geplant, optimiert, gebaut, gehandelt, taktiert und manchmal sehr freundlich gefragt: „Bist du sicher, dass dieser Zug sinnvoll war?“ Brettspiele sind die zivilisierte Form des Wettbewerbs. Man sitzt am Tisch, trinkt etwas, denkt nach und versucht, andere Menschen mit Pappplättchen strategisch zu überlisten. Hilden braucht so etwas. Es kanalisiert Energie, die sonst vielleicht in Verkehrsdebatten landet.
Der große Höhepunkt folgt am 11. und 12. Juli: das Hildener Bürgerfestival. Dann wird die Innenstadt wieder zur Bühne. Zwischen Stadtpark und Bürgerhaus gibt es Musik, Tanz, Vereine, Chöre, Schulen, Bands, Initiativen und städtische Kultureinrichtungen. Kurz gesagt: Hilden zeigt sich selbst, und zwar möglichst vollständig. Das Bürgerfestival ist die Veranstaltung, bei der man merkt, wie viele Menschen in dieser Stadt etwas machen, organisieren, üben, auftreten, helfen, aufbauen, abbauen und dabei wahrscheinlich seit Wochen sagen: „Hoffentlich spielt das Wetter mit.“
Auf zwei Bühnen gibt es Musik verschiedenster Stilrichtungen. Das ist schön, aber auch mutig. Denn Musikgeschmack ist in Hilden ein sensibles Thema. Was für die einen Stimmung ist, ist für andere „ein bisschen laut“. Was für die einen Vielfalt ist, ist für andere „nicht ganz meine Richtung“. Aber genau darum geht es beim Bürgerfestival: Nicht alles muss jedem gefallen. Hauptsache, die Stadt klingt für ein Wochenende nicht nur nach Verkehr und Baustelle, sondern nach Leben.
Am Sonntagmorgen verwandelt sich der Stadtpark in eine Picknickzone für Familien. Das klingt idyllisch. Decken auf der Wiese, Kinderprogramm, Mitmachzirkus, entspannte Menschen, vielleicht ein paar Ameisen mit großem Interesse an Kuchen. Der Hildener Mitmachzirkus ist ebenfalls dabei. Das bedeutet: Es wird wieder jongliert, balanciert, ausprobiert und vermutlich irgendwo ein Diabolo gesucht, das gerade in eine Richtung gerollt ist, die niemand geplant hatte.
Auch eine Bürgermeister-Wette soll es wieder geben. Das ist eine schöne Tradition, denn sie verbindet kommunale Würde mit der realistischen Möglichkeit, dass der Bürgermeister etwas tun muss, was vorher niemand im Haushaltsplan vorgesehen hatte. Die Hildenerinnen und Hildener werden zu einer besonderen Aktion auf dem Nové-Mesto-Platz eingeladen. Was genau passiert, bleibt abzuwarten. Aber in Hilden reicht schon das Wort „Wette“, damit Menschen stehen bleiben und sagen: „Da gucken wir mal.“
Wer es literarisch mag, bekommt ebenfalls etwas geboten. Am 16. Juli liest Lioba Albus aus „Aus der Reihe tanzen ist auch eine Kunst“. Allein dieser Titel passt wunderbar zu Hilden. Denn aus der Reihe tanzen ist hier grundsätzlich möglich, solange vorher geklärt ist, ob die Reihe genehmigt wurde. Im Mittelpunkt steht eine krasse Oma, die viral geht. Eine missgelaunte Agnes, eine Junggesellinnengruppe, eine flammende Rede gegen das Heiraten und der Hashtag #krasseOma – das klingt nach einer Mischung aus Familienroman, Social-Media-Unfall und Lebensweisheit mit Tanzfläche.
Hilden kann solche Geschichten gut gebrauchen. Gerade weil sie zeigen, dass Alter nicht automatisch Stillstand bedeutet und Wut manchmal eine erstaunlich befreiende Energie entwickeln kann. Außerdem passt eine virale Oma wunderbar in eine Stadt, in der sich ohnehin viele Debatten schneller verbreiten als ein Gerücht beim Bäcker.
Am 30. Juli wird es dann kriminell – zumindest literarisch. Wolfgang Ernst liest aus „Die Geisterschmiede“. Die Geschichte spielt im Jahr 1879 in der Lausitz, in einer verlassenen Schmiede, in der es spuken soll. Drei Jugendliche wollen der Sache nachgehen, nur einer kehrt zurück. Das ist genau die Art von Handlung, bei der man als erwachsener Mensch sofort denkt: Warum geht man überhaupt in eine verlassene Schmiede, in der es spuken soll? Aber ohne solche Entscheidungen gäbe es keine Krimis, sondern nur sehr vernünftige Menschen, die früh nach Hause gehen.
Kommissar von Stranski aus Berlin und der etwas zerstreute Dorfpolizist Klingel ermitteln. Schon diese Kombination klingt vielversprechend. Ein Berliner Kommissar und ein zerstreuter Dorfpolizist – das ist literarisch ungefähr so ergiebig wie ein Hildener Planungsamt und eine Bürgerveranstaltung zum Thema Parkplätze. Der Eintritt ist frei. Also: hingehen, zuhören, gruseln und froh sein, dass die eigenen Probleme meistens nur aus vollen Straßen und leeren Stellplätzen bestehen.
Kreativ wird es Ende Juli im Wilhelm-Fabry-Museum. Wilhelm Fikisz gibt Workshops zu Blumenaquarellen. Aquarellmalerei klingt nach Ruhe, Feingefühl und der Fähigkeit, Wasser und Farbe so zu beherrschen, dass am Ende keine traurige Pfütze entsteht. Für Erwachsene ist das vermutlich eine schöne Gelegenheit, sich einmal nicht mit E-Mails, Terminen und Alltag zu beschäftigen, sondern mit Blüten, Farbe und der Frage, warum der eigene Pinsel plötzlich macht, was er will.
Dazu gibt es weiterhin die „KUNSTZEIT“ mit Dorothee Wengenroth, jeden Freitag in der Kinder- und Jugendartothek. Ohne Anmeldung, 4 Euro Beitrag, einfach mitmachen. Das ist angenehm unkompliziert. In einer Zeit, in der man für vieles erst ein Konto anlegen, eine App installieren oder einen QR-Code scannen muss, klingt „freitags hingehen und kreativ werden“ fast schon revolutionär.
Auch die Ausstellungen haben es in sich. Im Kunstraum Gewerbepark Süd läuft „ALICE – Unsterblich bis zum Schluss“. Das Künstlerduo kennedy+swan beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz in der Medizin, mit Körpern, Daten, Hoffnung, Skepsis und dem Traum vom ewigen Leben. Das ist schwerer Stoff – aber spannend. Während Hilden im Alltag gerade froh ist, wenn das WLAN stabil, der Bus pünktlich und das Friedhofstor beweglich bleibt, fragt diese Ausstellung, ob Maschinen eines Tages unsere Körper besser verstehen als wir selbst.
Ewiges Leben durch KI – das klingt faszinierend und unheimlich zugleich. Man stellt sich vor, wie ein fiktives Bio-AI-Startup Unsterblichkeit verspricht, während Hilden noch darüber nachdenkt, ob die Ampelschaltungen ab 2027 besser werden. Vielleicht ist genau dieser Kontrast reizvoll. Große Zukunftsfragen treffen auf lokale Gegenwart. Künstliche Intelligenz, Medizin, Körperdaten – und draußen fährt jemand mit Tempo 30 vorbei.
Im Wilhelm-Fabry-Museum ist außerdem noch bis zum 20. August die Ausstellung „Die Augen der Frida Kahlo – eine fotografische Hommage von Bert Loewenherz“ zu sehen. Frida Kahlo, Leid, Schmerz, Selbstporträts, Inszenierung, Emanzipation, Ikone – das ist ein ganz anderes, aber ebenso starkes Thema. Hilden bietet damit im Juli nicht nur Unterhaltung, sondern auch Tiefe. Man kann sich also erst beim Bürgerfestival mit Musik und Picknick treiben lassen und später im Museum über Kunst, Identität und Schmerz nachdenken. Kultur ist schließlich nicht nur dafür da, dass man sagt: „War nett.“ Manchmal soll sie auch ein bisschen nachwirken.
Am Ende zeigt dieser Juli, dass Hilden kulturell erstaunlich vielseitig ist. Mandolinenorchester, Brettspielabend, Bürgerfestival, Lesungen, Aquarellworkshops, Kinderkunst, Frida Kahlo, KI und Unsterblichkeit – das ist eine Mischung, die man nicht einfach erfinden würde, wenn sie nicht tatsächlich im Programm stünde. Und genau darin liegt der Charme.
Hilden muss nicht immer laut sein, um lebendig zu wirken. Manchmal reicht ein Konzert in St. Marien. Ein Spieleabend in der Bibliothek. Ein Picknick im Stadtpark. Eine Lesung über eine krasse Oma. Eine Ausstellung über KI und ewiges Leben. Oder ein Workshop, bei dem Erwachsene lernen, dass eine Blume auf Papier deutlich schwieriger ist als eine Blume im Garten.
Der Juli wird also kulturell voll. Wer behauptet, in Hilden sei nichts los, hat entweder den Veranstaltungskalender nicht gelesen oder ist sehr schwer zufriedenzustellen. Die Stadt bietet genug Stoff für Musikfreunde, Familien, Lesebegeisterte, Kunstinteressierte, Spielestrategen und Menschen, die einfach mal sehen wollen, was beim Bürgerfestival wieder passiert.
Und falls jemand den Überblick verliert: keine Sorge. Das ist bei diesem Programm fast schon ein Qualitätsmerkmal.
Hilden tanzt, liest, spielt, malt, musiziert, picknickt und diskutiert wahrscheinlich trotzdem weiter über Tempo 30. Aber immerhin tut es das im Juli mit Kultur.