Hilden hat es wieder getan. Rosenmontag, die City geschniegelt, gebügelt und in Kostüme geworfen – und dann macht das Wetter diesen klassischen Move: erst so tun, als sei es nur ein bisschen „rheinische Frische“, und ab 13.30 Uhr plötzlich auf „Dauerregen Deluxe“ umschalten. Man konnte förmlich hören, wie irgendwo ein Wolkenbeauftragter kichernd den Regler nach rechts schiebt. Und mitten drin zwei Jecken, die die einzig logische Frage stellen: „Hast du das schlechte Wetter bestellt?“ – „Nein, ich nicht, du?“ Am Ende ist klar: In Hilden wird nicht nur Kamelle gesucht, sondern auch der Verantwortliche. Fahndung läuft. Vermutlich versteckt er sich unter der Brücke zwischen Lindenplatz und Hagelkreuz, weil da eh alle standen, die trocken bleiben wollten – wie in einem sehr fröhlichen, sehr bunten Survivalkurs.
Denn wenn man in Hilden etwas kann, dann ist es „trotzdem“. Trotzdem Regen. Trotzdem Wind. Trotzdem Frisuren, die nach fünf Minuten aussehen wie „vorher/nachher“-Fotos aus einer Shampoowerbung, nur in umgekehrt. Trotzdem 10.000, 12.000, gefühlt 11.998 Menschen (plus zwei, die den Wetter-Account sperren wollten), die sich nicht abhalten lassen, den Zoch zu gucken. 50 Startnummern, 18 Festwagen – und ungefähr 18.000 Regenponchos, die plötzlich in allen Farben des Karnevals leuchten, als hätte jemand einen Einhorn-Schirmständer explodieren lassen.
Und dann, pünktlich um 14.11 Uhr – als hätte der Himmel kurz auf die Uhr geguckt und gesagt: „Okay, Tradition ist Tradition“ – setzt sich der Zug vom Lindenplatz aus in Bewegung Richtung Mittelstraße, Ziel Fritz-Gressard-Platz. Und was passiert kurz danach? Der Regen lässt nach. Natürlich. Das ist dieses meteorologische Prinzip: Wenn alle einmal komplett durch sind, darf’s kurz freundlich werden, damit die Kostüme zur Geltung kommen und man nicht nur „nasser Panda mit Hut“ erkennt, sondern wirklich Eisbär, Cowboy, Rentier, Batman-Harlekin und „Michael Jackson, aber mit Zombies vorne und hinten“ – ein Outfit, das man auch erstmal technisch stabil hinbekommen muss, während man im Regen Moonwalkt. „Moonwalk in the Rain“ ist übrigens ein Satz, den man nur in Hilden so selbstverständlich sagen kann, ohne dass jemand fragt, ob das eine neue Sportart ist.
Apropos stabil: Besonders stabil wirkten diesmal die kreativen Schutzmaßnahmen. Regenschirme, Wohneingänge, selbstgebaute Zelte – und Wagen mit Dach galten plötzlich als Luxus wie First Class im Jecken-Express. Doppelt nützlich waren Schirme sowieso: oben Regen, unten Kamelle. Und während die Musikgruppen trommeln, als wollten sie die Wolken wegmassieren, gibt’s Samba im Hildener Regenwetter – brasilianische Klänge, rheinische Nässe, perfekte Fusion: „Copacabana trifft Hagelkreuz“.
Inhaltlich war der Zug auch wieder sehr Hilden: städtische Musikschule dabei, DRK mit 125-jährigem Jubiläum (Respekt – die haben vermutlich schon Rosenmontage erlebt, da war Regen noch mit Kohle befeuert), Stadtwerke mit einem riesigen Sonnenwagen – was eine fantastische Form von passiv-aggressiver Wetter-Kommunikation ist: „Wenn du schon nicht scheinst, dann fahren wir dich halt spazieren.“ Dazu Gruppen aus Unterbach, ein Caterer-Wagen, der Frischgemüse thematisiert (nichts schreit Karneval so wie… Vitamine im Konfettiregen), und als krönender Abschluss: das Prinzenpaar Prinz Hildanus Peter III und Prinzessin Hildania Silvia I, strahlend gegen den Regen, als hätten sie eine eingebaute LED-Laune. Und weil Hilden es ernst meint mit dem „Alle sind jeck“: Kinderprinzenpaar (Lotta und Malte) und Inklusionsprinzenpaar (Anna und Jannik) mit eigenen Wagen. Das ist nicht nur schön – das ist Rosenmontag, wie er sein soll: laut, bunt, herzlich und ein bisschen verrückt.
Die wichtigste wissenschaftliche Erkenntnis des Tages kam allerdings aus der Kamelle-Forschung: Besonders beliebt waren Chips, Süßigkeiten und Popcorn. Popcorn! Das ist genial, weil man beim Fangen automatisch dieses Kino-Feeling hat: „Heute im Programm: Der Zoch – Teil 2026, mit starker Regen-Action und dramatischen Poncho-Momenten.“ Und laut CCH gingen pro Wagen etwa 700 bis 800 Kilo Wurfmasse raus. Das ist keine Menge, das ist ein logistisches Konzept. Da wird nicht geworfen, da wird verteilt – in Form von fliegenden Karamell-Riegeln und Doppel-Keksen, die jeden Diätplan kurz in den Winterschlaf schicken.
Ganz oben am Bürgerhaus stand Bürgermeister Claus Pommer und hatte die beste Aussicht – entmachtet an Altweiber, aber offensichtlich weiterhin balkonberechtigt. Das ist auch so ein rheinisches Ding: Man nimmt dir die Macht, aber nicht den Schlüssel zum besten Platz. Von dort regnete es nicht nur himmlisch, sondern auch amtlich: Kamelle runter, Moderation dazu – und zwischendurch stand der als Gottheit kostümierte Bürgermeister sogar in der Sonne. Ein Bild, das man sich einrahmen möchte: Krone, silberne Lockenpracht, Wetter macht kurz Frieden, und unten denken alle: „Okay, vielleicht hat er doch noch Einfluss.“
Spoiler: es währte nicht ewig. Gegen Ende waren wieder die im Vorteil, die aufs alltagsnahe Kostüm gesetzt hatten – Achim und Bine als regendichte Jungboomer in neongelben E-Bike-Jacken. Das ist nicht nur Kostüm, das ist ein Statement: „Wir sind bereit, wir sind sichtbar, und wir könnten notfalls auch noch schnell zum Baumarkt fahren.“ Achim mit Seppelhut, Bine mit vom Wind zerzaustem Haar und dem Satz, der den Tag perfekt zusammenfasst: „Die Scheibenwischer für die Brille hab ich auch vergessen.“ Da fühlte sich jeder Brillenträger kurz gesehen – und ein bisschen blind.
Und dann diese Szene, die man bitte jedes Jahr genau so wieder aufbauen sollte: die Currywurst-Truppe vor der Goldquelle. Seit 25 Jahren, immer Rosenmontag, immer dieselbe Stelle – früher Kohle, heute Gasgrill, sonst alles gleich. Das ist gelebte Tradition, ein Denkmal aus Senf und Standhaftigkeit. „Möchtest du ’ne Wurst?“ ist in dem Moment keine Frage, sondern ein rheinischer Friedensvertrag. Ein paar Schritte weiter ein selbstgezimmertes Piratenschiff, das Seifenblasen und Nebel ausstößt. Auf die Frage „Ist das seetauglich?“ kommt die einzig richtige Antwort: „Wenn man genug getrunken hat: Ja.“ Nautik nach rheinischer Methode.
Am Ende bleibt: Hilden kann Wetter. Nicht im Sinne von „es ist gut“, sondern im Sinne von „es ist da – und wir feiern trotzdem“. Der Rosenmontagszug 2026 war nass, laut, kreativ und voller Sonne im Herzen, wenn schon nicht am Himmel. Und irgendwo läuft immer noch die Suche nach der Person, die den Regen bestellt hat. Ich tippe ja auf jemanden, der heimlich „Schottland-Wetter“ im Kostümfundus gefunden hat und dachte: „Passt schon.“ Itter Itter Helau!
Hildener Geschichten
Dienstag, 17. Februar 2026
17.2.2026: Itter Itter Helau – und wer hat bitte den Himmel auf „Duschgel“ gestellt?
Montag, 16. Februar 2026
16.2.2026: Rosenmontag in Hilden: Regen? Egal. Hauptsache, die Chips fliegen!
Hilden ist seit Altweiber fest in Narrenhand – und wer glaubt, dass ein bisschen Wasser von oben daran irgendetwas ändert, hat offensichtlich noch nie gesehen, wie entschlossen ein Hildener Jeck Richtung Mittelstraße watschelt, wenn irgendwo „Kamelle!“ in der Luft liegt. Rosenmontag 2026 steht vor der Tür, und während die Wettervorhersage schon mal vorsorglich den Regenmantel aus dem Schrank zieht, ziehen die Hildener einfach den Glitzer drüber. Prioritäten müssen schließlich sitzen.
Los geht’s um 14.11 Uhr – weil Karneval ohne eine Uhrzeit, die klingt wie ein geheimer Freimaurer-Code, einfach nur ein Umzug wäre. Start ist am Lindenplatz, dann wird sich in bester Tradition über Richrather Straße, Südstraße, Kolpingstraße und Kirchhofstraße Richtung Mittelstraße geschlängelt, bis am Fritz-Gressard-Platz der jecke Akku leergefeiert ist. Dazwischen wartet das Bürgerhaus, wo Bürgermeister Claus Pommer vom Balkon aus den Laden zusammenhält: moderieren, begrüßen, Kamelle regnen lassen – quasi die Dreifaltigkeit des Rosenmontags. Und wichtig für alle, die am Ende gern noch etwas „für später“ in der Jackentasche finden: Ab dem Penny-Markt ist Kamelle-Wurfstopp. Nicht, weil plötzlich Vernunft einkehrt, sondern weil man einen reibungslosen Ablauf will. Karneval kann Ordnung, wenn er muss. Widerwillig, aber er kann.
Apropos Wurfmaterial: Dieses Jahr wird’s kulinarisch ambitioniert. Früher waren es Bonbons, heute sind es Chips, Popcorn, Karamellriegel und Doppelkekse – Hilden wirft quasi den Inhalt eines gut sortierten Kiosks in die Menge. Und weil man im Rheinland nichts halb macht, rechnet man pro Wagen mit ungefähr 700 bis 800 Kilo Wurfmasse. Das ist kein Umzug, das ist eine fliegende Snack-Offensive. Wer danach noch hungrig ist, hat entweder zu weit hinten gestanden oder hat aus Versehen konsequent „Nein danke“ gesagt.
Mitmachen wollen dieses Mal 50 Startnummern, darunter 18 Festwagen. Zuschauerzahlen? Im letzten Jahr sprach man von 18.000 bis 20.000 – perfektes Wetter hilft eben. Dieses Jahr hilft vermutlich: Trotz Regen kommen. Und wer jetzt denkt „Och nö, Regen…“, dem sei gesagt: Der Zugleiter Michael Kewersun hat bereits die meteorologische Geheimwaffe parat. Sein Plan, um das Wetter kurzfristig zu drehen, ist herrlich rheinisch-pragmatisch: brav die Teller aufessen. Das ist keine Wetterstrategie, das ist ein Lebensgefühl. Und falls es nicht klappt, hat man wenigstens aufgegessen.
Natürlich gibt’s auch Sicherheit – und zwar so, dass man merkt: Karneval ist Spaß, aber nicht kopflos. Ab 12 Uhr sind Fahrzeugbarrieren vorgesehen, die Stadt wird dann gesperrt, und „ein paar Hundert Leute“ sind im Einsatz: Feuerwehr, Ordnungsamt, Polizei, Rotes Kreuz – die komplette Truppe, damit wir alle sorgenlos schunkeln können. Details verrät man nicht, was im Karnevalskontext übrigens sehr gut passt: Ein bisschen Geheimnis muss sein. Sonst könnte man ja auch gleich eine PowerPoint draus machen.
Schön ist auch: Es gibt wieder einen VIP-Bereich für Menschen mit Behinderung – auf Höhe der Sparkasse in der Mittelstraße, ab 12.30 Uhr für rund 50 Personen plus Begleitung. Das ist echte Inklusion und genau die Sorte Karneval, bei der man merkt: Jecksein heißt auch, aneinander zu denken – und nicht nur an die nächste Tüte Popcorn, die einem gleich aus drei Metern Entfernung elegant ins Gesicht segelt.
Neuigkeiten? Die „üblichen Verdächtigen“ sind zwar wieder dabei (Karneval ohne Stammgäste wäre wie Kölsch ohne Glas), aber es gibt frische Gesichter: Eine Gruppe des Deutschen Roten Kreuzes ist anlässlich des 125. Geburtstags dabei, außerdem feiert eine Fußgruppe der MVZ Hildental von der Mittelstraße ihr Debüt. Und das Inklusionsprinzenpaar fährt dieses Jahr mit neu dekoriertem Wagen – inklusive „Familie Feuerstein“-Optik. Willkommen in Hilden, wo man nicht nur jeck ist, sondern im Zweifel auch ein bisschen steinzeitlich stylisch.
Und wo steht man am besten? Wenn du Luft zum Atmen willst: eher vorne, Richrather Straße oder Südstraße – da sind die Werfer allerdings oft noch im „Warm-up-Modus“, sprich: Die Kamelle fliegen, aber eher mit angezogener Handbremse. Der erste richtige Party-Hotspot ist das Hagelkreuz, dann wird’s kurz entspannter, bevor ab Polizeiwache Kirchhofstraße die Stimmung wieder anzieht und an der Gabelung ihren Höhepunkt erreicht – und zwar so nachhaltig, dass es bis zum Ende der Mittelstraße durchzieht. Wer es strategisch mag, macht das jecke „Doppelschauen“: erst Südstraße, dann flott über Schulstraße zur Mittelstraße und den Zug am Ende nochmal mitnehmen. Das ist wie ein Konzert mit Zugabe – nur dass die Zugabe Kekse wirft.
Einschränkungen gibt’s natürlich auch: Straßen- und Busverkehr werden am 16. Februar von 12 bis voraussichtlich 18 Uhr großräumig umgeleitet, Sperrbereich, Halteverbote, Abschleppen – die Klassiker. Wer nach 12 Uhr noch wegfahren will, stellt sein Auto besser vorher raus, sonst hat es am Ende ein Solo-Abenteuer mit dem Ordnungsamt.
Und weil Rosenmontag in Hilden nicht einfach „Ende“ kennt: After-Zoch-Party! Ab 15 Uhr Open Air am Alten Markt. Also: erst Kamelle fangen, dann weiterfeiern. Regen hin oder her – notfalls tanzt man sich eben trocken. In Hilden gilt schließlich die alte Karnevalsregel: Das Wetter kommt und geht. Der Zoch kommt auf jeden Fall.
Samstag, 14. Februar 2026
14.2.2026: Der Wolf, der auszog, um Hilden das Fürchten (und Facebook) zu lehren
Es war ein ganz normaler Sonntag im Februar. Die Menschen in Hilden, Baumberg und Düsseldorf-Süd taten das, was man sonntags eben so tut: spazieren gehen, Hunde ausführen, Brötchen holen, auf Facebook diskutieren. Und dann kam er. Lautlos. Buschig. Ungepflegt. Nein, nicht der Nachbar im Jogginganzug – ein Wolf.
Genauer gesagt: *vermutlich* ein Wolf. Vielleicht auch ein Wolfshund. Oder ein sehr ambitionierter Schäferhund mit Identitätskrise. Doch für Jamain Metzmacher aus Baumberg war die Sache klar: „Das ist doch kein Hund!“ Und wenn ein Mann mit Belgischem Schäferhund sagt, das ist kein Hund, dann ist das in etwa so belastbar wie ein TÜV-Stempel – nur mit mehr Fell.
Der Vierbeiner trabte am Hellerhofweg entlang, bog lässig in Richtung Paul-Löbe-Straße ab und verschwand offenbar Richtung Urdenbacher Kämpe. Ganz normaler Sonntagsspaziergang also – nur eben ohne Leine und mit leichtem Wildtier-Vibe. Metzmacher zückte sein Handy, machte ein Foto und tat, was man im 21. Jahrhundert bei Wolfsbegegnungen eben tut: Er informierte die Polizei und Facebook. In dieser Reihenfolge.
Die Polizei rückte aus, fand – Überraschung – keinen Wolf mehr und stellte fest: Es gibt keine belastbaren Hinweise. Außer natürlich das Foto. Und die Facebook-Kommentare. Und die weiteren Sichtungen. Aber belastbar ist ja bekanntlich nur, was eine DNA-Analyse von Kot, Haaren oder Speichel bestätigt. Willkommen im Jahr 2026, wo selbst ein Wolf erst einmal seine Proben einreichen muss.
Auch in Hilden-West soll das Tier gesichtet worden sein, ebenso in Düsseldorf-Reisholz – stilecht in der Morgendämmerung vor einer Tiefgarage. Man möchte fast meinen, der Wolf habe sich gedacht: „Wenn schon Großstadt, dann bitte mit urbanem Flair.“ Vielleicht hat er kurz überlegt, ein Parkticket zu ziehen.
Die Experten sind sich derweil relativ einig: Wenn es ein Wolf war, dann vermutlich ein junger Wanderwolf. Von den Eltern vor die Tür gesetzt, auf Partnersuche, auf der Suche nach einem eigenen Rudel – oder wenigstens nach einem ruhigen Waldstück ohne Hundekot-Reizüberflutung. Man fühlt ein bisschen mit ihm. Jung, orientierungslos, viel zu viel Input, überall Menschen mit Smartphones.
Die Schafhalter rund um die Urdenbacher Kämpe blieben bislang verschont. Keine gerissenen Tiere, keine nächtlichen Dramen. Elektro- und Drahtzäune scheinen gewirkt zu haben – oder der Wolf hatte einfach keinen Appetit auf rheinische Küche. Ein Experte merkte sogar an, Konflikte mit schlecht erzogenen Hunden seien hier deutlich häufiger. Das muss man sich mal vorstellen: Der Wolf kommt durch, benimmt sich, frisst nichts – und der Ruf des Problemtiers bleibt trotzdem.
Die Jäger sehen das naturgemäß etwas differenzierter. Der Wolf an sich sei nicht das Problem, heißt es, sondern das Bejagungsverbot. Zu viele Wölfe könnten die Artenvielfalt beeinträchtigen. In Hilden selbst dürfte allerdings eher die Parkplatzsituation die größere Bedrohung für die Biodiversität darstellen – aber das ist ein anderes Thema.
Am Ende bleibt vor allem eines: ein Sonntag, der es in sich hatte. Mehrere Anrufe bei der Polizei – ausgelöst durch einen einzigen Facebook-Post. Ein Tier, das wahrscheinlich einfach nur durchziehen wollte. Und eine Region, die für ein paar Stunden das Gefühl hatte, Teil einer Naturdokumentation zu sein – mit dem Titel: „Der Wolf im Ballungsraum – zwischen Tiefgarage und Paul-Löbe-Straße“.
Ob es wirklich ein Wolf war? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: Wenn er wirklich auf Partnersuche war, hat er jetzt zumindest eins gefunden – maximale Aufmerksamkeit. Und irgendwo da draußen streift er nun weiter, leicht genervt vom rheinischen Trubel, auf der Suche nach einem Ort, an dem ihn niemand fotografiert.
Außer vielleicht wieder jemand mit einem sehr gut informierten Belgischen Schäferhund.
Freitag, 13. Februar 2026
13.2.2026: Fünf Kandidaten, ein Rathaus und ganz viel Wahlkampfgefühl
Hilden ist bewölkt, sieben Grad kalt und politisch so aufgeheizt wie die Kaffeemaschine im Rathaus kurz vor der Mittagspause. Es ist Kommunalwahlzeit, und wie es sich für eine ordentliche Itterstadt gehört, stehen gleich fünf Bewerber Schlange, um Bürgermeister zu werden. Fünf! Das ist kein Wahlkampf mehr, das ist schon fast ein Casting-Format – leider ohne Jury und mit deutlich weniger Glitzer.
Da wäre zunächst der Amtsinhaber, der Mann, der das Bürgermeisterbüro bereits kennt wie andere ihren eigenen Kühlschrank. Familienvater, Verwaltungsjurist, Wahlsieger ohne Stichwahl – ein bisschen der Typ „ruhige Hand am Steuer“, nur dass das Auto hier eine Stadt ist und die Straße voller Schlaglöcher. Er tritt nur als Bürgermeister an, nicht auf Listen, nicht in Bezirken – quasi der Solokünstler unter den Kandidaten.
Ganz anders der politische Frühstarter aus den Reihen der SPD: seit Jugendtagen engagiert, im Stadtrat längst heimisch und gefühlt in mehr Ausschüssen unterwegs als andere Menschen in Fitnessstudios. Wenn Engagement Kalorien verbrennen würde, wäre er längst Leistungssportler. Kochen und Reisen mag er auch – beides gute Voraussetzungen, denn im Rathaus braucht man Nerven wie ein Drei-Gänge-Menü und Fernweh nach Feierabend.
Der FDP-Kandidat bringt Unternehmergeist und jahrzehntelange politische Erfahrung mit, inklusive Bürgermeister-Stellvertreter-Vergangenheit und Listenplatz eins – sicher ist sicher. Mediengestalter, Druckerei-Geschäftsführer, Kreistagsfraktionschef: Wenn Multitasking eine olympische Disziplin wäre, hätte er zumindest gute Chancen auf die Qualifikation.
Dann meldet sich die Bürgeraktion zu Wort, mit einem Kandidaten, der politisch schon dabei war, als andere noch Wahlplakate mit Tapetenkleister für Zauberei hielten. 71 Jahre Lebenserfahrung, selbstständig, verheiratet und früher lange CDU – das ist kein Quereinsteiger, das ist ein politischer Langstreckenläufer mit Ortskenntnis.
Und schließlich der Pirat, der beweist, dass Politik auch mit Saxofon geht. Berliner Herkunft, Hildener Wahlheimat, Digitalisierung im Herzen und Musik im Gepäck. Wer sonst kann von sich sagen, Bürgermeister werden zu wollen und gleichzeitig eine Jazz-Session moderieren zu können? Wenn nichts anderes, dann bringt er zumindest neuen Sound in den Wahlkampf.
Unterm Strich heißt das: Hilden hat die Wahl. Fünf Kandidaten, fünf Lebensläufe, fünf Arten, den Chefsessel im Rathaus zu füllen. Bleibt nur die Frage, wer am Ende den Schlüssel bekommt – und wer danach erst mal tief durchatmet, wenn das Wetter immer noch bewölkt ist.
Donnerstag, 12. Februar 2026
12.2.2026: Wenn Kamelle Gold wert sind – Karneval in Hilden zwischen Schunkeln, Sparen und Süßwaren-Strategie
Karneval in Hilden war ja schon immer die fünfte Jahreszeit, aber 2026 fühlt sie sich ein bisschen wie die Zeit der großen Entbehrungen an – zumindest, wenn man unter einem Karnevalswagen steht und hofft, dass einem eine Tafel Schokolade ins offene Jeckenlächeln segelt. Früher, so hört man es an jeder zweiten Theke, sei mehr geflogen, höher, weiter, süßer. Heute gilt: gleiches Budget, weniger Wurfmaterial, dafür aber mit deutlich höherem emotionalem Wert. Kamelle sind quasi die neue Kryptowährung – selten, begehrt und manchmal Anlass für kleine Rangeleien am Straßenrand.
Trotzdem lässt sich Hilden die Laune nicht verderben. Rund 15 Wagen werfen immer noch mehrere Tonnen Süßigkeiten unters Volk, auch wenn jede einzelne Waffel inzwischen innerlich mit Applaus verabschiedet wird. Wer eine doppelte Portion erwischt, hat entweder sehr viel Glück oder sehr schnelle Hände. Und während auf den Wagen gerechnet, kalkuliert und vermutlich auch leise geweint wird, schunkelt unten das Volk, als wäre alles wie immer – denn Karneval ist schließlich Kopfsache.
Los geht der ganze Spaß traditionell an Altweiber mit dem Sturm auf das Bürgerhaus, bei dem sich Bürgermeister, Rathauspfeifen und die legendäre Waldkaserne heldenhaft, aber erfahrungsgemäß erfolglos, gegen die geballte Macht der drei Prinzenpaare stemmen. Spätestens wenn der Rathausschlüssel fällt, ist klar: Ab jetzt regieren Kostüme, Konfetti und der kollektive Ausnahmezustand. Danach verteilt sich die Jeckenschar strategisch klug – einige Richtung Waldkaserne, andere direkt zur Party in der Stadthalle Hilden, wo spätestens ab dem zweiten Lied niemand mehr weiß, wie spät es ist, aber alle wissen, dass es richtig ist.
Der Karnevalsfreitag zeigt dann Herz und Humor zugleich, wenn bei der Inklusionsparty wirklich alle gemeinsam feiern, tanzen und singen, während am Nelkensamstag die Innenstadt beweist, dass man auch vor der Sparkasse hervorragend schunkeln kann. Und wenn am Sonntag kurz durchgeatmet wird, bevor anderswo der Familienzug zieht, bleibt nur noch eine entscheidende Frage offen: Wie kommt man eigentlich nachts nach Hause? Die Antwort liefert zuverlässig die Rheinbahn, die mit Zusatzfahrten dafür sorgt, dass auch der letzte Jeck sicher – oder zumindest näherungsweise – wieder im eigenen Bett landet.
Am Ende bleibt festzuhalten: Auch wenn die Süßigkeiten teurer sind und die Kamelle gefühlt kleiner werden, der Karneval in Hilden ist unbezahlbar. Denn Lachen kostet nichts, Schunkeln verbrennt Kalorien und ein einziger gefangener Schokoriegel kann für einen kurzen Moment das Gefühl geben, den Rosenmontag gewonnen zu haben. Und darauf ein dreifach kräftiges: Helau!
Dienstag, 10. Februar 2026
10.2.2026: Mehr Wumms, weniger Blümchentapete – wie die Stadthalle Hilden sich neu erfindet
Manchmal merkt man erst beim zweiten Hinsehen, dass etwas dringend eine Frischzellenkur braucht. Bei der Stadthalle in Hilden reichte dafür offenbar schon ein Blick auf altrosa-graue Vorhänge, florale Tapeten und eine Gastronomie-Ästhetik irgendwo zwischen „Der Preis ist heiß“ und Klassenfahrt 1993. Kurz gesagt: Der gute alte „Theatergarten“ war optisch reif fürs Museum, funktional seit 20 Jahren im Tiefschlaf und emotional nur noch für Nostalgiker mit Pfeifenraucher-Gedächtnis interessant. Doch damit soll jetzt Schluss sein, denn Hildens größte Location will nicht nur älter, sondern vor allem lauter, bunter und selbstbewusster werden.
Während die Stadthalle langsam auf ihren 50. Geburtstag im Jahr 2028 zusteuert, wird kräftig aufgedreht – technisch, programmatisch und vom Selbstverständnis her. Neue Hinweisschilder weisen nun den Weg, digitale Screens haben den Klebestreifen den Kampf angesagt, und das neue Motto „Vielfalt Live!“ klingt ein bisschen so, als wolle man sagen: Wir können alles, außer still sein. Dass die Halle mit abfallendem Auditorium, beweglicher Bühne und pfeilerlosem Raum ohnehin ein architektonisches Einhorn ist, wusste man zwar schon vorher, aber jetzt darf sie es auch wieder zeigen – mit mehr Veranstaltungen und, wie versprochen, mehr Wumms.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Stadthalle sich nicht mehr damit begnügt, brav Räume zu vermieten. Stattdessen tritt sie selbst als Veranstalterin auf und lädt ein zu Queen-Hommagen, Rudelsingen, Magic Comedy, Elternabenden ohne Elternabend-Stress und Hundeerziehung für Zweibeiner. Offenbar funktioniert das: Feierabendmärkte locken mehr Besucher als gedacht, Instagram-Follower vermehren sich wie Konfetti an Rosenmontag, und die Halle ist statistisch gesehen alle drei Tage belegt – Sommerpause für Reparaturen und Durchatmen inklusive.
Natürlich geht es dabei auch ums Geld, denn eine Million Euro Zuschuss pro Jahr ist kein Pappenstiel. Umso verständlicher, dass gerechnet, geplant und optimiert wird. Neue Tonanlagen mit Line-Array-Technik sollen das Publikum gezielt beschallen, 2027 folgt das Licht, und spätestens dann dürfte auch die Partyfraktion jubeln. Neunziger-Partys außerhalb der Karnevalszeit? Warum nicht. Schließlich kann man auch im Oktober schwitzen, wenn die Musik stimmt.
Und dann ist da noch der frühere Theatergarten, diese legendäre 300-Quadratmeter-Zeitkapsel, die bald vom Dornröschenschlaf in eine moderne Event-Location geweckt werden soll. Keine Sterneküche mehr, keine Aschenbecher prominenter Stadtdirektoren, sondern Platz für Familienfeiern, Business-Events und mittelgroße Veranstaltungen – alles mit Stadthallen-Catering und ohne den Charme vergilbter Gardinen. Wenn die Gremien mitspielen, soll auch dieses Kapitel pünktlich zum Jubiläum neu geschrieben werden.
Am Ende steht eine ambitionierte Vision: Bis 2028 soll jeder Hildener mindestens einmal in der Stadthalle gewesen sein. Das ist sportlich, aber nicht unmöglich. Denn wenn es stimmt, dass man hier künftig alles bekommt – von Comedy über Konzerte bis zur gepflegten Motto-Party mit ordentlich Bass – dann könnte man fast sagen: Die Stadthalle ist nicht mehr nur ein Gebäude. Sie ist auf dem besten Weg, wieder ein Gesprächsthema zu werden. Und das ganz ohne Blümchentapete.
Montag, 9. Februar 2026
9.2.2026: Wenn der Winter plötzlich Mittelalter ruft – Hilden entdeckt den Met
Wer bislang dachte, dass sich das öffentliche Leben in Hilden im Winter hauptsächlich zwischen Glühweinbecher und Couchdecke abspielt, wird Ende Februar eines Besseren belehrt. Denn dann verwandelt sich der Alter Markt kurzerhand in eine Zeitmaschine. Statt E-Scootern rollen plötzlich Gewandungen an, statt Coffee-to-go gibt’s Met, und wer „Hallo“ sagt, gilt schon fast als verdächtig modern.
Das Citymanagement hat nämlich beschlossen, dem Winter mal ordentlich Beine zu machen – vorzugsweise in Strumpfhosen und mit Ledergürtel. Herausgekommen ist die Premiere eines mittelalterlichen Wintermarktes, der beweisen will, dass man auch bei Temperaturen knapp über Drachenatem ordentlich feiern kann. Zwischen dem 28. Februar und dem 1. März wird gehämmert, gesungen, gegaukelt und vermutlich sehr herzhaft gegessen. Und das alles vor der durchaus fotogenen Kulisse der Reformationskirche, die sich an diesem Wochenende geduldig anhören muss, wie jemand lautstark eine Laute stimmt.
Citymanagerin Tanja de Vries zeigt sich begeistert, und das zu Recht: Endlich darf der Alte Markt beweisen, dass er nicht nur Frühling und Sommer kann, sondern auch Winter mit Fellumhang. Kulinarisch wird es deftig, süß und hochprozentig – also im Grunde alles, was man braucht, um die Kälte entweder zu ignorieren oder komplett zu vergessen. Von herzhaften Speisen über winterliche Leckereien bis hin zu Getränken, die zuverlässig von innen wärmen, dürfte niemand hungrig oder nüchtern nach Hause gehen.
Für Stimmung sorgen Gaukler und Musiker, die mit professioneller Ernsthaftigkeit so tun, als wäre das Mittelalter nie weg gewesen. Kinder dürfen sich besonders freuen, denn in der Kinderschmiede kann der Nachwuchs ausprobieren, wie sich echtes Handwerk anfühlt – ganz ohne WLAN, aber mit ordentlich Funken. Erwachsene wiederum genießen das Markttreiben und fragen sich leise, ob ein Umzug in diese Epoche wirklich so unpraktisch gewesen wäre, abgesehen von Zahnarzt und Zentralheizung.
Organisiert wird das Ganze von Ablassfrei, einer Marke der Medieval Food Group, betrieben von Thomas Höltgen, der offenbar genau weiß, wie man Geschichte genussvoll serviert. Unterm Strich bekommt Hilden also ein Winterhighlight, das klirrender Kälte mit Met, Musik und Mittelalter begegnet. Wer also Ende Februar jemanden in Kutte über den Alten Markt schlendern sieht: Keine Sorge. Das ist kein Rollenspiel. Das ist einfach nur Hilden – für ein Wochenende im Jahr anno dazumal.