Freitag, 12. Juni 2026

12.6.2026: Der Zaun, der nur kommt, wenn es ernst wird

Hilden hat schon vieles erlebt. Baustellen, verkaufsoffene Sonntage, Diskussionen über Parkplätze, Kreisverkehre mit pädagogischem Anspruch und natürlich die ewige Frage, ob ein Brötchen beim Bäcker inzwischen als Wertanlage durchgeht. Aber jetzt steht Hilden vor einer ganz neuen Herausforderung: Regionalliga.

Der VfB 03 Hilden hat es geschafft. Oberliga-Meister, Aufstieg, vierte Liga. Plötzlich klingt Hoffeldstraße nicht mehr nur nach Kunstrasen, Kabinentrakt und ehrlichem Amateurfußball, sondern nach Sicherheitskonzept, Verbandsauflagen und Gästebereich. Aus „Kommste Sonntag gucken?“ wird „Gibt es eine Begehung?“ Und aus dem klassischen Fußballplatz wird ein Schauplatz kommunaler Hochleistungskoordination.

Denn der VfB zieht für seine Heimspiele ins Bandsbusch-Stadion um. Naturrasen statt Kunstrasen, Regionalliga statt Oberliga, Sicherheitsbeauftragter statt Bierbankromantik. Und weil höhere Ligen nicht nur bessere Gegner, sondern offenbar auch mehr Zaun verlangen, wird nun am Gästebereich gearbeitet.

Das Bemerkenswerte: Dieser Zaun ist kein gewöhnlicher Zaun. Er ist kein Zaun, der einfach da steht und sagt: „Guten Tag, ich bin ein Zaun.“ Nein, dieser Zaun ist ein Zaun mit Persönlichkeit. Ein Zaun mit Situationsbewusstsein. Ein Zaun, der nur erscheint, wenn es wirklich nötig ist. Sozusagen der Batman unter den kommunalen Absperreinrichtungen.

Denn dauerhaft steht er nicht. Er kann bei Bedarf aufgebaut und wieder abgebaut werden. Das klingt weniger nach Stadioninfrastruktur und mehr nach Campingzubehör für Fortgeschrittene. Man darf sich das ungefähr so vorstellen: Kategorie Grün – kein Zaun. Kategorie Gelb – vielleicht schon mal die Schrauben sortieren. Kategorie Rot – der Zaun betritt die Bühne.

Natürlich geht es dabei um sogenannte Risikospiele. Und schon dieses Wort entfaltet in Hilden eine gewisse Komik. Risikospiel klingt nach Pyrotechnik, Fanmärschen, Polizeihundertschaften und dramatischer Musik im Hintergrund. In Hilden denkt man dagegen eher an einen zu vollen Parkplatz, eine leere Bratwurstschale oder jemanden, der versehentlich auf dem falschen Klappstuhl sitzt.

Die echten Risikospiele sollen wohl an einer Hand abzuzählen sein. Das beruhigt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer diese Hand hält und wie nervös sie dabei ist. Denn Regionalliga West bedeutet nicht mehr nur vertraute Nachbarschaftsduelle, sondern gelegentlich auch Gegner mit etwas größerem Anhang, etwas lauterer Kurve und Fans, die vielleicht nicht nur wegen der schönen Hildener Innenstadt anreisen.

Bis zum Meisterschaftsstart Ende Juli soll alles fertig sein. In Hilden heißt das: Es wird begehbar gemacht, besprochen, abgestimmt, geprüft und vermutlich noch einmal begangen. Die Begehung ist ohnehin eine unterschätzte Kulturform des öffentlichen Lebens. Früher ging man spazieren, heute begeht man. Plätze, Konzepte, Gefahrenstellen, Gästebereiche. Wenn irgendwo drei Menschen mit Klemmbrett stehen, ist Hilden offiziell im Planungsmodus.

Man darf sich die Szene vorstellen: Vertreter der Stadt, Sicherheitsleute, Vereinsverantwortliche und vermutlich jemand, der sehr genau weiß, wo ein Zaunelement später stehen darf, ohne dass sich ein Linienrichter beleidigt fühlt. Es wird geschaut, gemessen, genickt. Vielleicht fällt auch der Satz: „Hier könnte man im Bedarfsfall flexibel reagieren.“ Das ist Verwaltungssprache für: „Wir hoffen, dass nichts passiert, haben aber vorsichtshalber einen Zaun.“

Und genau darin liegt die Schönheit dieser Geschichte. Der VfB 03 Hilden steigt sportlich auf, und die Stadt steigt infrastrukturell gleich mit. Nicht mit Größenwahn, nicht mit Stadionneubau, nicht mit VIP-Logen und Champagnerbereich, sondern mit einem mobilen Zaun. Mehr Hilden geht kaum. Pragmatisch, ordentlich, ein bisschen vorsichtig, aber irgendwie auch stolz.

Denn dieser Zaun erzählt mehr über den Aufstieg, als man auf den ersten Blick denkt. Er sagt: Der VfB ist nicht mehr nur der sympathische Oberligist von nebenan. Er spielt jetzt in einer Liga, in der auch das Drumherum professioneller wird. Plötzlich geht es um Auflagen, Abläufe und Verantwortung. Um Gästefans, Sicherheitszonen und Kategorien. Um Dinge, die früher höchstens dann Thema wurden, wenn jemand sein Fahrrad ungünstig am Eingang abgestellt hatte.

Für die Fans bedeutet das: Der Fußball in Hilden bekommt eine neue Kulisse. Das Bandsbusch-Stadion wird zur Regionalliga-Bühne. Der Rasen wird wichtiger, der Gästeblock definierter, der Zaun optional. Und irgendwo zwischen Aufstiegseuphorie und Bauzaunlogistik entsteht dieses herrliche rheinische Gefühl: Es wird schon werden, aber vorher wird noch einmal geguckt.

Am Ende bleibt ein schönes Bild: Hilden bereitet sich auf die vierte Liga vor. Nicht laut, nicht protzig, nicht mit dramatischen Versprechen. Sondern mit einem Zaun, der nur dann kommt, wenn er gebraucht wird. Ein Zaun auf Abruf. Ein Zaun mit Teilzeitvertrag. Ein Zaun, der vermutlich häufiger Gesprächsthema sein wird als manche taktische Umstellung.

Und vielleicht ist genau das der passende Start in die Regionalliga: Der VfB 03 Hilden hat den Titel geholt, die Stadt macht den Gästebereich bereit, und Hilden selbst darf sich daran gewöhnen, dass hier bald Fußball gespielt wird, bei dem sogar der Zaun eine eigene Einsatzplanung hat.

Willkommen in der Regionalliga, VfB 03 Hilden. Der Rasen wartet. Die Fans warten. Und der Zaun steht bereit – zumindest theoretisch.

Donnerstag, 11. Juni 2026

11.6.2026: Hildener Grundsteuer: Wenn der Steuerbescheid plötzlich Bodybuilder spielt

In Hilden flatterten dieser Tage nicht einfach nur Grundsteuerbescheide in die Briefkästen, sondern offenbar kleine finanzielle Schockgranaten mit amtlichem Briefkopf. Manch ein Bürger dürfte beim Öffnen gedacht haben, er habe versehentlich die Rechnung für ein Einfamilienhaus auf Sylt bekommen – oder für die Sanierung des Rathauses inklusive goldener Türklinken. Besonders sportlich wirkt der Fall eines Hildeners, dessen Grundsteuer von 260 Euro im Jahr 2024 über 952 Euro im Jahr 2025 nun auf stolze 1060 Euro geklettert ist. Da fragt man sich schon: Ist das noch Grundsteuer oder hat der Bescheid heimlich Proteinpulver genommen? 

Der Grund für die neue Hildener Steuer-Yogaübung mit dem Titel „Einheitlicher Hebesatz in angespannter Haltung“ liegt in der Rückkehr zu einem einheitlichen Grundsteuer-B-Hebesatz. Die zuvor gesplitteten Sätze, bei denen Wohngrundstücke anders behandelt wurden als Nicht-Wohngrundstücke, standen juristisch offenbar auf ähnlich wackeligen Beinen wie ein Klapptisch beim Straßenfest. Also wurde neu beschlossen, neu gerechnet und neu verschickt. Das Ergebnis: rund 20.500 Bescheide gingen raus, und bei etwa 88 Prozent der Grundsteuerpflichtigen wurde es teurer. Das ist eine Quote, bei der selbst jeder Fahrkartenkontrolleur anerkennend nicken würde.

In den sozialen Medien wurde die neue Bescheid-Lyrik erwartungsgemäß nicht mit Konfetti empfangen. Von „sittenwidrig“ über „Raubrittertum“ bis „Abzocke“ war alles dabei, was das emotionale Vokabular eines kommunalen Gebührenbescheids hergibt. Hilden diskutiert also nicht mehr nur über Baustellen, Parkplätze oder die Frage, warum die Ampel immer dann rot wird, wenn man es eilig hat – nein, jetzt ist die Grundsteuer der neue Hauptdarsteller im lokalen Drama.

Die Stadt wiederum verweist darauf, dass alles angekündigt gewesen sei. Die Bescheide kämen später, die Fälligkeit auch, und man habe ja frühzeitig informiert. Das ist ungefähr so tröstlich wie der Satz: „Der Zahnarzt hat doch vorher gesagt, dass es kurz unangenehm wird.“ Zahlen müssen die Bürger trotzdem. Der erste große Termin ist der 26. Juni, dann werden die Beträge für die ursprünglichen Fälligkeiten im Februar und Mai fällig. Wer also dachte, der Sommer beginne mit Eis, Freibad und Grillwürstchen, darf nun noch den kommunalen Kassensturz dazulegen.

Widersprüche gibt es bislang nur im einstelligen Bereich, was entweder für große Gelassenheit spricht oder dafür, dass viele Hildener noch regungslos vor dem Bescheid sitzen und leise mit dem Taschenrechner verhandeln. Der Kämmerer sieht wenig Erfolgschancen, denn der Hebesatz liege im üblichen Rahmen und sogar unterhalb des Kreisdurchschnitts. Ein Satz, der sachlich beruhigen soll, emotional aber ungefähr klingt wie: „Andere zahlen auch viel, also bitte nicht so gucken.“

Auch Haus & Grund meldet sich zu Wort und fordert vor allem Rechtssicherheit. Das ist nachvollziehbar, denn niemand möchte jedes Jahr aufs Neue erleben, wie die Grundsteuer erst gesplittet, dann ent-splittet, dann gerichtlich angeschaut und anschließend wieder frisch serviert wird. Eigentümer wünschen sich keine kommunale Steuer-Telenovela mit Staffelverlängerung, sondern schlicht die Antwort auf eine einfache Frage: Was muss ich zahlen, warum, und bleibt das jetzt mal länger als drei Monate so?

Am Ende bleibt Hilden mit einer Erkenntnis zurück: Die Grundsteuer ist zwar eine trockene Angelegenheit, kann aber erstaunlich viel Dampf erzeugen. Früher brachte man Nachbarn mit Grillgeruch, Laubbläsern oder falsch geparkten Autos in Wallung. Heute reicht ein Hebesatz. Und während die Stadt rechnet, die Bürger schimpfen und die Gerichte prüfen, bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Bescheid wenigstens nicht noch mit den Worten beginnt: „Freuen Sie sich auf Ihre neue Steuererfahrung.“

Mittwoch, 10. Juni 2026

10.6.2026: VfB 03 Hilden: Aufstieg mit Herzrasen, Doppeldecker und Mallorca-Buchung

Es gibt Fußballspiele, die plätschern so dahin wie ein Sonntagnachmittag mit lauwarmem Kaffee. Und dann gibt es Spiele wie das des VfB 03 Hilden in St. Tönis: 90 Minuten Nervenkitzel, Schweißperlen auf der Trainerstirn und ein kollektiver Puls, der vermutlich noch in der Hildener Innenstadt auf dem Seismografen zu sehen war.

Der VfB 03 Hilden ist tatsächlich in die Regionalliga aufgestiegen. Einfach so. Na gut, „einfach“ ist vielleicht das falsche Wort, denn wer dabei war, dürfte zwischendurch mehrfach innerlich den Fußballgott angerufen haben. Mit einem 1:1 beim SC St. Tönis machte die Mannschaft von Trainer Tim Schneider den großen Coup perfekt. Und weil Hilden offenbar nicht nur Fußball, sondern auch Logistik kann, reiste der Anhang stilecht an: Erst sollte ein Bus reichen, dann reichte er natürlich nicht, also wurde kurzerhand ein Doppeldecker organisiert. Wenn schon Aufstiegskrimi, dann bitte mit Oberdeck.

Auf dem Platz begann alles nach dem Motto: Chancen ja, Tore nein. Schon früh hätte der VfB führen können, doch der Ball zeigte sich zunächst ungefähr so kooperativ wie ein Drucker kurz vor Abgabeschluss. Pascal Weber, Nick Sangl, Simon Metz – alle schnupperten an der Führung, aber das Tor blieb hartnäckig verschlossen. Währenddessen hielt Torwart Yannic Lenze hinten den Laden zusammen, und Kapitän Fabian zur Linden warf sich kurz vor der Pause noch beherzt in einen Schuss. Man merkte: Hier wollte keiner später sagen müssen, er habe „nur mal kurz zugeschaut“.

Nebenbei wanderte die Nachricht über den Platz, dass Ratingen in Monheim zurücklag. Das war ungefähr der Moment, in dem einige Hildener Fans kurz überlegten, ob sie jetzt schon jubeln dürfen oder ob das Schicksal noch irgendwo eine fiese Pointe versteckt hat. Spoiler: Es hatte eine.

Denn in der 83. Minute traf St. Tönis plötzlich zum 1:0. Aus Hildener Sicht war das ungefähr so willkommen wie ein Wespenbesuch am Kuchenbuffet. Plötzlich wurde aus dem Aufstiegsnachmittag wieder ein Nervendrama. Aber diese Mannschaft hat offenbar beschlossen, dass normale Siege langweilig sind. Also musste Etienne Feese in der 90. Minute ran und den Ball zum 1:1 versenken. Buchstäblich in letzter Minute. Dramaturgisch hätte das selbst ein Drehbuchautor abgelehnt, weil es „zu kitschig“ wirkt.

Danach begann das große Warten. Nicht auf den Bus, nicht auf die Kabinenpizza, sondern auf den Schlusspfiff in Monheim. Dort lag Ratingen zwar zurück, aber sicher ist im Fußball bekanntlich erst dann etwas, wenn alle pfeifen, keiner mehr rennt und der erste Betreuer schon die Getränkekiste umarmt. Dann endlich war klar: Hilden ist Meister. Hilden steigt auf. Hilden darf jubeln.

Und wie gejubelt wurde. Trainer Tim Schneider beschrieb es herrlich ehrlich: Händeschütteln sei das nicht gewesen, eher „Körper an Körper, Küsschen hier und Küsschen da“. Also im Grunde eine spontane Hildener Ganzkörperkonferenz auf Rasenbasis. Für Schneider war es der perfekte Abschied nach sechs Jahren als Cheftrainer der ersten Mannschaft. 103 Siege, jede Menge Punkte und am Ende eine Schale, von der er vorher offenbar gar nicht wusste, dass es sie gibt. Noch schöner: Er konnte sie sogar stemmen. Auch das muss man im Amateursport erst einmal schaffen.

Besonders passend zu diesem Aufstieg war die Geschichte von Simon Metz. Der rückte für den gesperrten Len Heinson in die Startelf, spielte mit blauem Auge und Platzwunde weiter und lieferte am Ende die präzise Flanke zum Ausgleich. Andere Menschen melden sich mit so einem Gesicht vielleicht arbeitsunfähig. Metz dachte sich offenbar: „Ach, geht noch. Ich flanke eben kurz den Verein in die Regionalliga.“

Nach dem Abpfiff wurde gefeiert, wie man eben feiert, wenn ein Traum Wirklichkeit wird. Einige Spieler buchten noch in der Kabine die Abschlusstour nach Mallorca. Sehr professionell, wie Tim Schneider bemerkte, denn vorher ging das ja nicht – es standen schließlich theoretisch noch Relegationsspiele im Raum. Erst Aufstieg klären, dann Ballermann. Ordnung muss sein.

So bleibt am Ende ein Tag, der in Hilden nicht so schnell vergessen wird. Ein Doppeldecker voller Hoffnung, ein Trainer mit Abschiedsmärchen, ein Angreifer mit Last-Minute-Tor, ein Verteidiger mit Piratenoptik und eine Mannschaft, die bewiesen hat, dass Teamgeist manchmal stärker ist als jede Taktiktafel. Der VfB 03 Hilden steigt in die Regionalliga auf – und ganz Hilden darf sich jetzt offiziell ein kleines bisschen größer fühlen.

Dienstag, 9. Juni 2026

9.6.2026: Angerfest in Hilden: Wo selbst der Regen Eintritt zahlt

Es gibt Feste, bei denen man vorher prüft, ob die Sonne scheint. Und dann gibt es das Angerfest der Kniebachschiffer. Da prüft man höchstens, ob die Gummistiefel noch passen. Denn Regen gehört hier offenbar nicht zur Wetterlage, sondern zum Brauchtum. Wenn beim Angerfest dunkle Wolken aufziehen, zucken echte Stammgäste nicht zusammen, sondern sagen vermutlich: „Ach schön, Jubiläumsatmosphäre.“

Zum 55. Mal wurde auf der Wiese am Kniebach gefeiert, und weil 55 im Karneval eine närrische Zahl ist, passte eigentlich alles zusammen: Musik, gute Laune, volle Wiese und ein Wetter, das kurz überlegte, ob es mitfeiern oder stören möchte. Am Ende entschied es sich offenbar für beides. Aber die Gäste blieben. Natürlich. Wer sich von ein paar Tropfen vertreiben lässt, hat das Prinzip Angerfest nicht verstanden.

Aus den Lautsprechern kam Helene Fischer mit „Atemlos“, und vermutlich war spätestens da klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf der Tanzfläche wurde gedrängt, gesungen, geklatscht und gefeiert, als hätte jemand den Sommer per Lautsprecher bestellt. Dass die Organisatoren vorher wegen des Wetters angespannt waren, kann man verstehen. Wer ein Fest unter freiem Himmel plant, entwickelt automatisch eine sehr persönliche Beziehung zu Regenradar, Wolkenformationen und der Frage, ob „vereinzelte Schauer“ eigentlich eine Drohung ist.

Die Kniebachschiffer wissen allerdings, wie man mit solchen Herausforderungen umgeht. Schließlich feiern sie nicht irgendwo, sondern dort, wo alles begann: auf der Wiese am Kniebach. Der Verein wurde 1955 gegründet, aus der Siedlung heraus, und bis heute hat dieses Fest etwas, das man nicht einfach buchen kann. Es ist familiär, vertraut und ein bisschen so, als würde ganz Hilden kurz seine Gartenstühle zusammenstellen und sagen: „Komm, wir machen’s uns schön.“

Früher gab es Tombola, Glücksrad und Spiele mit Zehn-Pfennig-Einsatz. Heute gibt es immer noch Glücksrad, Spielmobil, Hüpfburg, Schlagerparty und natürlich Menschen, die jedes Jahr wiederkommen. Manche kennen sich seit Jahrzehnten, andere kennen sich nach zehn Minuten, und spätestens beim Reibekuchen ist ohnehin jede Fremdheit aufgehoben. Denn Reibekuchen beim Angerfest sind keine Beilage. Sie sind ein Termin im Kalender.

Überhaupt: die Spezialitäten. Erdbeerkuchen und Reibekuchen gehören hier offenbar so fest dazu wie der Aufbau, der Abbau und die bange Frage, ob der Himmel dicht hält. Es soll sogar Menschen geben, die mit Tupperdose erscheinen. Das ist nicht etwa unverschämt, sondern vorausschauend. In Hilden nennt man das vermutlich kulinarische Krisenprävention.

Neu waren in diesem Jahr die dunkelblauen Zelte mit Kniebachschiffer-Schriftzug, unterstützt von der Sparkasse Hilden beziehungsweise der neuen „Stiftung für Hilden“. Eine sehr sinnvolle Anschaffung, denn wer in dieser Stadt ein Festzelt besitzt, besitzt nicht einfach Stoff und Gestänge, sondern ein Stück wetterfeste Lebensqualität. Gerade beim Angerfest, wo der Satz „Die kommen mit Gummistiefeln und bleiben“ beinahe schon als Vereinsmotto durchgehen könnte.

Auch die Entscheidung, seit dem vergangenen Jahr wieder den Freitagabend dazuzunehmen, wirkt goldrichtig. Nur Samstag war den Leuten offenbar zu wenig. Verständlich. Wenn man schon aufbaut, Zelte stellt, Kuchen backt, Reibekuchen brutzelt und die Nachbarschaft in Festlaune bringt, dann darf es auch ein bisschen länger dauern. Zumal der Brücken-Freitag ideal passt: Erst aufbauen, dann feiern, dann noch einmal feiern, dann abbauen und anschließend wahrscheinlich nie wieder ein Zelt sehen wollen. Bis zum nächsten Jahr natürlich.

Besonders schön ist, dass das Angerfest mitten in der Siedlung stattfindet und trotzdem offenbar funktioniert, ohne dass die Nachbarschaft kollektiv die Rollläden herunterlässt. Im Gegenteil: Viele kommen einfach dazu. Manche wohnen gleich nebenan, andere reisen wegen Kuchen, Reibekuchen oder Stimmung an. Und genau das macht dieses Fest aus. Es ist kein perfekt glattpoliertes Event mit Hochglanzkulisse, sondern ein echtes Stück Hilden: ein bisschen laut, ein bisschen matschgefährdet, sehr herzlich und mit erstaunlich hoher Tupperdosen-Tauglichkeit.

Und dann ist da noch der Nachwuchs. Nach drei Jahren ohne Tanzcorps haben die Kniebachschiffer wieder mit dem Aufbau begonnen. Mehr als 15 junge Leute tanzen bereits mit, bis zur Session soll das Programm stehen. Das klingt nach Zukunft, nach Bewegung und nach der beruhigenden Erkenntnis, dass Tradition nicht nur aus Erinnerungen besteht, sondern auch aus Menschen, die weitermachen.

So bleibt vom 55. Angerfest vor allem dieses Bild: volle Wiese, Musik in der Luft, Kinder an der Hüpfburg, Erwachsene am Kuchenstand, Gummistiefel im Einsatz und Gäste, die bleiben, obwohl der Himmel mal wieder seine eigene Meinung hat. Hilden kann sich glücklich schätzen, so ein Fest zu haben. Denn wo andere bei Regen absagen, holen die Kniebachschiffer vermutlich einfach noch eine Portion Reibekuchen raus. Und plötzlich ist das Wetter gar nicht mehr so wichtig.

Montag, 8. Juni 2026

8.6.2026: Hilden und die Millionäre: Wo sind sie denn alle hin?

Hilden hat vieles. Eine Innenstadt, in der man garantiert jemanden trifft, den man eigentlich nur kurz grüßen wollte. Kreisverkehre, die gefühlt eigene Persönlichkeiten entwickelt haben. Menschen, die sehr genau wissen, wo es die besten Brötchen gibt. Und natürlich eine stabile Portion Lokalstolz. Was Hilden offenbar nicht im Überfluss hat: Einkommensmillionäre.

Zumindest sagt das die aktuelle Statistik des Statistischen Landesamtes NRW für das Jahr 2022. Im Kreis Mettmann wurden insgesamt 218 Menschen gezählt, die in einem Kalenderjahr mindestens eine Million Euro verdient haben. Wohlgemerkt: verdient. Nicht geerbt, nicht im Sparstrumpf versteckt, nicht als Immobilienwert auf dem Papier herumliegen gehabt. Es geht um Einkommen. Also um das, was am Jahresende auf dem Steuerzettel so aussieht, als hätte der Taschenrechner kurz übertrieben.

Und da steht Hilden nun mit 14 Einkommensmillionären da. Nicht allein auf dem letzten Platz, denn Heiligenhaus hat ebenfalls 14. Man könnte also sagen: Hilden ist nicht Schlusslicht, sondern teilt sich charmant die rote Laterne. Das klingt gleich viel netter. Ein bisschen wie „Wir sind nicht Letzter, wir sind Co-Minimalist“.

Ganz vorne liegt Ratingen mit 65 Einkommensmillionären. Das ist schon eine andere Hausnummer. Da fragt man sich unweigerlich, ob dort beim Bäcker morgens mit Goldkarte bezahlt wird oder ob die Millionäre einfach besonders geschickt darin sind, sich statistisch bemerkbar zu machen. Danach folgen Velbert mit 31, Haan mit 28, Langenfeld mit 23, Erkrath mit 19 und Mettmann mit 15. Hilden kommt dann mit 14 und schaut freundlich hinterher.

Besonders pikant ist der Vergleich mit Haan. Haan hat deutlich weniger Einwohner als Hilden, aber doppelt so viele Einkommensmillionäre. Die Gartenstadt wird damit quasi zur Champagnerstadt des Kreises Mettmann, zumindest statistisch betrachtet. Während Hilden noch überlegt, ob ein Cappuccino für 4,20 Euro schon Luxus ist, zählt Haan offenbar diskret die Einkommensmillionäre im Vorgarten durch.

Aber bevor jetzt jemand in Hilden nervös durch die Nachbarschaft läuft und prüft, wer sich auffällig oft neue Gartenmöbel kauft: Diese Statistik zeigt nicht, wie reich eine Stadt wirklich ist. Sie verrät nur, wer in einem Jahr mindestens eine Million Euro Einkünfte erzielt hat. Wer also ein großes Vermögen besitzt, aber gerade kein entsprechendes Jahreseinkommen hat, bleibt unsichtbar. Der klassische „Ich habe zwar drei Häuser, aber statistisch bin ich unauffällig“-Typ taucht hier nicht auf.

Hilden muss sich also keine Sorgen machen. Reichtum zeigt sich hier vielleicht einfach anders. In einem freien Parkplatz zur richtigen Zeit. In einem Handwerkertermin, der tatsächlich eingehalten wird. In der Fähigkeit, samstags durch die Innenstadt zu gehen, ohne fünf Bekannte zu treffen. Oder in dem seltenen Glück, beim Stadtfest noch einen Sitzplatz zu ergattern.

Landesweit steigt die Zahl der Einkommensmillionäre übrigens weiter. In Nordrhein-Westfalen wurden für 2022 insgesamt 8.123 Einkommensmillionäre gezählt. Das entspricht rund 4,5 Millionären je 10.000 Einwohner. Es gibt sie also, die Menschen mit sehr hohen Jahreseinkommen. Nur in Hilden scheinen sie sich eher rar zu machen. Vielleicht sind sie besonders bescheiden. Vielleicht wohnen sie inkognito. Vielleicht stehen sie gerade ganz normal an der Kasse und diskutieren, ob die Bonuspunkte richtig verbucht wurden.

Am Ende bleibt festzuhalten: Hilden hat vielleicht nicht die meisten Einkommensmillionäre im Kreis Mettmann. Aber dafür hat es Charakter, kurze Wege, starke Meinungen und Menschen, die auch ohne Millionen ziemlich genau wissen, was ihre Stadt wert ist. Und das ist zwar nicht steuerpflichtig, aber unbezahlbar.

Sonntag, 7. Juni 2026

7.6.2026: Hilden und die große Kippen-Kapitulation

Es gibt Dinge, die gehören in Hilden offenbar zum Stadtbild wie der Itterbach, die Mittelstraße und die Frage, warum ausgerechnet an der Bushaltestelle schon wieder jemand seine Zigarette elegant mit dem Zeigefinger in Richtung Bordstein schnippt. Die Zigarettenkippe, dieses kleine, graue Symbol kommunaler Ratlosigkeit, hat sich in vielen Ecken der Stadt häuslich eingerichtet. An Haltestellen, auf Parkplätzen, in Baumbeeten, neben Sitzbänken und auf Gehwegen liegt sie herum, als hätte sie dort einen Mietvertrag unterschrieben.

Während andere Städte versuchen, dem Problem mit Kontrollen, Bußgeldern und einer gewissen Portion Entschlossenheit zu begegnen, wirkt Hilden in dieser Frage ein bisschen so, als habe man den Kippen-Schnippern bereits die weiße Fahne gereicht. Nicht offiziell natürlich. Offiziell ist alles unter Kontrolle, nur eben ohne besondere Kontrollen.

Ein Blick nach Leverkusen zeigt, dass es auch anders geht. Dort wurden Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes in Zivil losgeschickt, um Müllsünder auf frischer Tat zu ertappen. Und siehe da: Kaum schaut mal jemand hin, schon werden Verstöße festgestellt. 75 Stück innerhalb weniger Tage. Das ist ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass es im Sommer warm werden kann oder dass ein Brötchen beim Bäcker inzwischen nicht mehr mit Kleingeld, sondern eher mit Finanzierungsplan bezahlt wird.

Die Botschaft aus Leverkusen ist simpel: Wer kontrolliert, findet auch etwas. Wer nicht kontrolliert, kann sich anschließend wunderbar darüber freuen, dass es kaum Verstöße gibt. Das ist ein bisschen wie beim Aufräumen im Kinderzimmer: Wenn man die Tür geschlossen hält, sieht es von außen völlig ordentlich aus.

Hilden hingegen möchte von solchen Zivilkontrollen derzeit nichts wissen. Die Ordnungskräfte sollen für Bürger jederzeit erkennbar bleiben. Das klingt zunächst sympathisch transparent, hat aber einen kleinen Haken: Wer wirft seine Kippe schon demonstrativ vor den Füßen eines sichtbaren Ordnungsamtsmitarbeiters auf den Boden? Selbst der ambitionierteste Kippen-Schnipper dürfte in diesem Moment kurzzeitig zum Musterbürger mutieren, die Zigarette schuldbewusst ausdrücken und sich verhalten, als hätte er noch nie in seinem Leben etwas anderes benutzt als einen Taschenaschenbecher aus fair gehandeltem Edelstahl.

Die Stadt verweist außerdem auf den Mängelmelder. Ein schönes Instrument, keine Frage. Schlagloch? Foto machen. Defekte Laterne? Melden. Umgestürztes Schild? Zack, digital erfasst. Aber ein Raucher, der seine Kippe auf den Boden wirft und drei Sekunden später in der Fußgängerzone verschwindet? Da wird es schwierig. Bis das Handy entsperrt, die App geöffnet, der Standort geladen und der Vorgang beschrieben ist, sitzt der Täter vermutlich schon im Bus nach Benrath und fühlt sich unauffällig.

Auch der Hinweis, Bürger könnten entsprechende Beobachtungen melden, klingt in der Theorie nett. In der Praxis stellt man sich das etwas komplizierter vor. „Guten Tag, ich möchte einen Mann melden, etwa mittelgroß, Jacke, Hose, hat geraucht.“ Das dürfte ermittlungstechnisch ungefähr so präzise sein wie „Ich suche ein Auto, es hatte Räder“.

Besonders spannend ist die Begründung, Verstöße könnten meist nur geahndet werden, wenn jemand auf frischer Tat ertappt werde. Genau. Und genau deshalb ist Leverkusen ja auf die Idee gekommen, Menschen gezielt beim Wegwerfen zu beobachten. Hilden scheint aus derselben Erkenntnis eher den Schluss zu ziehen: Wenn es schwierig ist, lassen wir es lieber. Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr sagen, Brände seien leider oft heiß, weshalb man sich vorerst auf das Beobachten von Rauchwolken beschränke.

Die Zahlen machen die Sache nicht gerade weniger kurios. Im gesamten Jahr 2025 wurden in Hilden 42 Verfahren wegen illegaler Müllentsorgung oder Verunreinigung öffentlicher Flächen geführt. Daraus entstanden 15 Verwarnungen und 16 Bußgelder. Also 31 Ahndungen in einem ganzen Jahr. Leverkusen kam bei einer einzigen Aktion in wenigen Tagen auf 75 Verstöße. Natürlich ist Leverkusen größer als Hilden. Aber selbst wenn man die Einwohnerzahlen in kommunalmathematische Watte packt, bleibt der Eindruck: Dort, wo hingeschaut wird, passiert mehr als dort, wo man hofft, dass der Mängelmelder schon irgendwie Bescheid sagt.

Erstaunlich ist auch die Aussage, besondere Müll-Hotspots seien in Hilden nicht erkennbar. Viele Hildenerinnen und Hildener dürften sich beim Lesen kurz an ihrem Kaffee verschlucken. Denn wer mit offenen Augen durch die Stadt läuft, sieht die Kippen nicht nur an einem Ort, sondern an vielen. Sie liegen an Bushaltestellen, in Baumscheiben, vor Geschäften, auf Parkplätzen und in Grünanlagen. Manchmal wirkt es fast, als hätten sie sich abgesprochen: „Du nimmst die Bank, ich den Gully, Karl-Heinz macht den Bereich vor dem Supermarkt.“

Dabei sind Zigarettenkippen kein kleines ästhetisches Ärgernis, das man mit einem Schulterzucken abtun sollte. Sie enthalten Schadstoffe, werden vom Regen ausgewaschen und landen am Ende dort, wo sie nun wirklich niemand haben möchte: in Böden, Gewässern und im kommunalen Reinigungsetat. Die Kippe ist also nicht nur hässlich, sondern auch ziemlich unangenehm für Umwelt und Stadtkasse. Ein echtes Multitalent des Ärgernisses.

Natürlich kann keine Stadt an jeder Ecke eine Ordnungskraft hinter einem Blumenkübel verstecken. Niemand erwartet, dass Hilden zur bundesweiten Spezialeinheit gegen Filterreste aufrüstet. Aber zwischen Totalüberwachung und „Wir sehen keine Hotspots“ gibt es ja vielleicht noch ein paar Zwischentöne. Schwerpunktkontrollen an bekannten Stellen, gelegentliche Aktionen, sichtbare Bußgelder, Aufklärung und der klare Eindruck, dass Wegwerfen eben nicht folgenlos bleibt.

Im Moment entsteht jedoch ein anderer Eindruck: Die Kippen-Schnipper müssen in Hilden offenbar nicht besonders nervös sein. Solange sie ihre Zigarette nicht direkt vor einem erkennbaren Mitarbeiter des Ordnungsamtes fallen lassen, stehen die Chancen gut, dass der Filterrest seine Reise auf dem Gehweg ganz unbehelligt antreten darf.

Hat Hilden also vor den Kippen-Schnippern kapituliert? Vielleicht nicht offiziell. Aber wenn eine Stadt erklärt, dass Kontrollen grundsätzlich möglich wären, sie aber nicht plant, keine besonderen Brennpunkte sieht und auf einen Mängelmelder verweist, der flüchtige Raucher kaum einfangen kann, dann klingt das zumindest nach sehr entspannter Verteidigungshaltung.

Und so bleibt Hilden vorerst eine Stadt, in der man vieles findet: nette Ecken, engagierte Bürger, lebendige Diskussionen und leider auch jede Menge Zigarettenkippen. Vielleicht braucht es gar keine große Revolution. Vielleicht würde schon ein bisschen mehr Leverkusen reichen. Weniger Wegschauen, mehr Hinschauen. Weniger „schwierig“, mehr „wir probieren es“. Denn eine saubere Stadt entsteht selten dadurch, dass man hofft, der nächste Windstoß erledigt die Arbeit.

Samstag, 6. Juni 2026

6.6.2026. Hilden Sport: Wenn Hellblau und Rosa plötzlich Beere werden

Es gibt Momente, da merkt man: Jetzt wird es historisch. In Hilden war so ein Moment am 2. Juni 2026 in der Aula des Helmholtz-Gymnasiums. Rund 300 Mitglieder von TuS 96 Hilden und Hildener AT 64 kamen zusammen, um über etwas abzustimmen, das größer war als jede Jahreshauptversammlung, emotionaler als jede Trikotdiskussion und vermutlich länger als so manche Kreisliga-Nachspielzeit: die Fusion der beiden Traditionsvereine zu Hilden Sport e.V.

Drei Stunden dauerte die Sitzung. Drei Stunden! Das ist kein Vereinsabend, das ist Ausdauertraining mit Stimmkarten. Je nach Vereinszugehörigkeit wurden hellblaue oder rosafarbene Karten gehoben, und irgendwo zwischen Verschmelzungsvertrag, neuer Satzung und Präsidiumsbesetzung dürfte manch einer gedacht haben: „Hätte ich doch vorher noch eine Banane gegessen.“ Aber die Mitglieder hielten durch. Schließlich ging es nicht um Kleinigkeiten wie neue Ballpumpen oder die Frage, wer nach dem Training die Leibchen wäscht. Es ging um die Zukunft des Hildener Sports.

Ab dem 1. Juli 2026 verschmelzen TuS 96 und HAT 64 offiziell zu einem Großverein mit rund 5000 Mitgliedern. Das klingt nicht nur beeindruckend, das klingt fast so, als müsste Hilden demnächst eigene Olympische Spiele anmelden. Zwei Vereine mit mächtig Tradition unter einem Dach: Die HAT mit Wurzeln aus dem Jahr 1864, als turnbegeisterte junge Hildener vermutlich noch ohne Funktionsshirt, Fitnessuhr und isotonisches Getränk unterwegs waren. Und der TuS, gegründet 1896, also ebenfalls zu einer Zeit, in der Sport noch nicht mit einer App begann, sondern mit echtem Vereinsgeist.

Natürlich war dieser Schritt kein spontaner Einfall nach dem Motto: „Ach komm, wir fusionieren mal eben vor dem Wochenende.“ Über ein Jahr wurde geprüft, gesprochen, abgewogen, erklärt und vermutlich auch innerlich tief durchgeatmet. Die Vorstände hatten den Auftrag bekommen, die Sache ernsthaft anzugehen, und genau das taten sie. Am Ende stand eine überwiegend harmonische Versammlung, was bei Vereinsfragen allein schon als sportliche Spitzenleistung gelten darf. Geleitet wurde das Ganze fachkundig von Karin Schulze-Kersting vom Landessportbund, unterstützt von Notar Niklas Mairose. Denn wenn zwei Traditionsvereine heiraten, braucht es eben nicht nur Blumen, sondern auch Paragrafen.

Damit auch wirklich alle spürten, dass hier nicht einfach nur zwei Vereinsregistereinträge zusammenrücken, gab es ein Einleitungsvideo mit bekannten Hildener Persönlichkeiten. Bürgermeister Claus Pommer freute sich über neue Chancen für den Hildener Sport, Ex-Sportdezernent Reinhard Gatzke sah die Möglichkeit, die Sportstadt Hilden weiter nach vorne zu bringen. Auch erfolgreiche Sportlerinnen wie Lena Schmidt und Sanaa Koubaa-Schretzmair unterstützten den Zusammenschluss. Und Sven Lorig, seit Kindesbeinen im TuS, brachte es sinngemäß auf den Punkt: Rivalität ist schön, gemeinsam stärker sein aber auch nicht verkehrt.

Das ist vermutlich die eigentliche Kunst dieser Fusion: aus zwei Vereinsseelen ein neues Wir zu machen, ohne dass dabei jemand sein altes Wir in der Umkleide vergisst. Denn natürlich hängen Herzen an Wappen, Farben, Namen und Erinnerungen. Wer jahrzehntelang blau-gelb gedacht oder mit der HAT gefiebert hat, der legt diese Gefühle nicht einfach ab wie verschwitzte Sportsocken. Deshalb war auch die Wahl des neuen Logos ein emotionaler Endspurt. Aus den Ursprungsfarben entstand ein Beerenton. Ja, Beere. Hilden Sport trägt künftig also eine Farbe, die irgendwo zwischen Tradition, Moderne und sehr selbstbewusstem Smoothie liegt.

Doch genau das passt vielleicht ganz gut. Denn dieser neue Verein soll nicht einfach größer sein, sondern moderner, stabiler und stärker. Alexander Kiel vom Freiburger Kreis erklärte, dass Größe allein zwar nicht alles sei, aber Chancen eröffne. Finanzielle Schwankungen lassen sich besser auffangen, personelle Ausfälle bringen nicht gleich das ganze Vereinsleben ins Wanken, und ein Großverein bleibt trotzdem eine Solidargemeinschaft. Übersetzt in Vereinssprache: Wenn mal jemand den Schlüssel zur Halle vergisst, bricht nicht sofort das Abendland zusammen.

Hilden Sport startet nun mit einem zehnköpfigen Präsidium, in dem zunächst jeweils fünf Vertreter aus beiden Vereinen sitzen. Das klingt nach Ausgleich, Fairness und vermutlich nach Sitzungen, in denen sehr genau darauf geachtet wird, dass niemand zu früh „früher bei uns“ sagt. Aber genau darin liegt auch die Chance. Zwei Geschichten, zwei Kulturen, zwei Vereinsfamilien wachsen zusammen. Und ja, vielleicht wird es am Anfang noch den einen oder anderen Moment geben, in dem jemand aus alter Gewohnheit „TuS“ oder „HAT“ ruft. Das ist erlaubt. Tradition verschwindet nicht, sie bekommt nur ein neues Trikot.

Am Ende ist diese Fusion mehr als ein Verwaltungsakt. Sie ist ein sportlicher Handschlag über Vereinsgrenzen hinweg. Ein ziemlich großer sogar. Hilden bekommt mit Hilden Sport einen Verein, der viel vorhat und dabei auf einem Fundament steht, das über Generationen gewachsen ist. Man könnte sagen: Der TuS und die HAT haben sich getraut. Nicht heimlich, nicht leise, sondern mit Stimmkarten, Notar, Video, Logoauswahl und allem, was zu einer ordentlichen Hildener Sporthochzeit dazugehört.

Und wenn am 1. Juli 2026 aus zwei großen Namen offiziell einer wird, darf Hilden ruhig ein bisschen stolz sein. Denn wo sonst wird aus hellblau und rosa nicht Streit, sondern Beere?