Man kennt das ja: Da will man gemeinsam „Zukunft gestalten“ – und am Ende gestaltet einer die Zukunft, während der andere draußen steht und sich fragt, ob die Einladung vielleicht in den falschen Briefkasten gefallen ist. Genau dieses Gefühl scheint gerade durch Hilden zu wehen wie ein etwas zu ambitionierter Citymarketing-Flyer bei Windstärke 6: Der Stadtmarketing-Verein fühlt sich vom Rathaus ausgebremst. Und wenn man sich die Geschichte anschaut, versteht man, warum da im Vorstand nicht nur der Kaffee kalt geworden ist, sondern auch die Laune.
Die große Idee klang zunächst richtig schick: Modernisierung! Seit 2024 sind die Aufgaben der früheren Stadtmarketing-GmbH komplett in die Stadtverwaltung gewandert. Citymanagement heißt das Kind jetzt, sitzt organisatorisch bei der Wirtschaftsförderung und soll alles bündeln, was Innenstädte heutzutage eben so brauchen: Veranstaltungen, Netzwerke, Leerstandsmanagement, ein bisschen Innenstadtentwicklung – quasi das Schweizer Taschenmesser der Fußgängerzone. Offiziell: kürzere Wege, bessere Ressourcennutzung, strategischer arbeiten. Inoffiziell klingt es ein bisschen wie: „Wir machen das jetzt mal professionell.“ Und genau da fängt es an zu knirschen, denn der Stadtmarketing-Verein existiert weiterhin – nur eben eher wie ein engagierter Beifahrer, dem man regelmäßig sagt: „Danke, aber ans Lenkrad fasse ich.“
Richtig symbolträchtig wurde es beim Zukunfts-Workshop am 22. März 2025. Der Titel: „Stadtmarketing Hilden – Zukunft gestalten“. Allein diese Formulierung hat etwas sehr Verlockendes – wie ein Buffet, zu dem man unbedingt will, weil es nach Aufbruch und Käsehäppchen riecht. Moderiert wurde das Ganze sogar vom Institut für Handelsforschung aus Köln, also von Leuten, die Innenstädte nicht nur anschauen, sondern auch ausmessen, katalogisieren und wahrscheinlich nachts von Frequenzzählungen träumen. Politikvertreter waren da, Verwaltungsleute waren da, Beiräte waren da – nur der Vorstand des Stadtmarketing-Vereins: nicht. Keine Einladung. Nada. Nicht mal ein „Wir streamen das auf Wunsch“. Und wenn man schon „Zukunft gestalten“ will, ist es unglücklich, einen Teil der Gestalter draußen im Flur warten zu lassen, als hätte man aus Versehen den falschen Doodle-Link verschickt.
Die Stadt erklärte damals sinngemäß: Das sei ein verwaltungs-politischer Strategieworkshop gewesen, erstmal intern, als Arbeitsgrundlage. Kann man so machen. Aber „intern“ ist ein dehnbarer Begriff, wenn gefühlt halb Hilden am Tisch sitzt – nur eben nicht die ehrenamtlichen Wirtschaftsvertreter, die seit Jahren genau an diesen Themen mitschrauben. Für den Verein muss sich das angefühlt haben wie ein Mannschaftsfoto, bei dem man hinterher merkt: Moment, wer hält eigentlich das Trikot?
Inhaltlich kam beim Workshop offenbar einiges heraus: vier Leitlinien für die Innenstadt, von „Bewährtes sichern“ bis „neue Formate für Jüngere und Familien“ – was in der Praxis meist bedeutet: weniger „Wir hängen ein Banner auf“ und mehr „Wir müssen Leuten einen Grund geben, überhaupt noch freiwillig in die Innenstadt zu kommen, ohne nur Pakete abzuholen“. Dazu: Aufenthaltsqualität erhöhen, Gemeinschaftsgefühl stärken. Also kurz gesagt: Hilden soll schöner werden, lebendiger, ein bisschen mehr „Ich bleib noch auf einen Kaffee“ und ein bisschen weniger „Ich war nur kurz beim Drogeriemarkt und bin dann sofort wieder ins Auto geflüchtet“.
Und die Stadt sagt auch: Es passiert ja schon was. Street-Food-Festival (mit Ausweitung), „Hilden tanzt“, Kneipentour fürs jüngere Publikum, Social-Media-Kampagnen für Handel und Wochenmarkt, digitale Angebote für Händler, Adventskalender – da ist wirklich Bewegung drin. Man könnte sagen: Es wird nicht nur geredet, es wird getanzt. Mindestens in Hilden.
Der Verein wiederum scheint nicht grundsätzlich dagegen zu sein – im Gegenteil: Vieles wird begrüßt. Aber die große Frage bleibt: Warum nicht gemeinsam? Wenn beide Seiten auf dieselben Ziele einzahlen wollen, warum läuft es dann wie zwei parallele Stadtführungen, die sich nur zufällig am Eiscafé begegnen? Besonders pikant ist dabei der Ehrenamtsfaktor. Während Citymanagement-Mitarbeiter hauptamtlich arbeiten, opfern Unternehmer Freizeit, Abende, Nerven und wahrscheinlich auch das eine oder andere Familienessen, um sich „für die Stadt“ zu engagieren. Wenn dann die Rückmeldung aus dem Rathaus nach dem Motto „Danke, wir melden uns… irgendwann“ wirkt, ist das nicht nur organisatorisch unerquicklich, sondern emotional ein echter Stimmungskiller. Wertschätzung ist eben nicht nur ein Wort aus PowerPoint-Folien, sondern das Öl im Getriebe – ohne wird’s laut, ruckelig und irgendwann bleibt man stehen.
Und da sind wir beim Kern: Stadtmarketing ist kein Projekt mit Enddatum, bei dem man am Schluss ein Band durchschneidet und alle klatschen. Es ist Dauerbetrieb. Onlinehandel, verändertes Freizeitverhalten, demografischer Wandel – die üblichen Verdächtigen, die bundesweit Innenstädte beschäftigen, sitzen auch in Hilden in der ersten Reihe und knabbern an der Laufkundschaft. Genau deshalb wäre „vereinte Kräfte“ nicht nur eine hübsche Floskel, sondern praktisch überlebenswichtig. Denn wenn Verwaltung und Wirtschaft nebeneinander her arbeiten, entstehen schnell doppelte Wege, doppelte Frustration und am Ende doppelte Presseartikel – was zwar für Content gut ist, aber für die Innenstadt weniger.
Der Bericht zur Workshop-Reihe soll am 4. März 2026 im Wirtschaftsausschuss präsentiert werden. Das ist ein Datum, das nach „Jetzt wird’s offiziell“ klingt. Vielleicht ist das auch die Chance, die Sache zu drehen: weniger „Ihr dürft gerne mitmachen, wenn wir fertig sind“ und mehr „Kommt ran, wir bauen das zusammen“. Denn wenn man schon Zukunft gestalten will, wäre es schade, wenn am Ende die Zukunft zwar hübsch beschriftet ist – aber keiner mehr Lust hat, sie gemeinsam zu betreten.
Und Hilden? Hilden sitzt wie immer dazwischen, mit dem Wunsch nach einer lebendigen Innenstadt, einem Wochenmarkt, der mehr ist als Einkaufsroutine, Events, die nicht nur stattfinden, sondern auch hängen bleiben, und einem Stadtimage, das nicht klingt wie „Ganz nett hier“. Es wäre doch ein Traum, wenn die Stadt am Ende nicht zwei Teams hätte, die sich gegenseitig die Luft aus den Fahrradreifen lassen, sondern eine Gruppe, die gemeinsam anschiebt. Im Idealfall mit dem gleichen Ziel – und diesmal sogar mit Einladungsliste, die diesen Namen verdient.
Sonntag, 1. März 2026
1.3.2026: Hilden, wir müssen reden: Wird der Stadtmarketing-Verein im Rathaus in den Pausenmodus geschaltet?
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