Donnerstag, 20. August 2026

20.8.2026: Hildens Pferdewiese: 21 Reihenhäuser, 411 Quadratmeter Mulde und die große Frage, wohin mit dem Regen?

Es gibt Orte in Hilden, von denen vermutlich selbst viele Hildener lange Zeit nicht wussten, dass sie einen Namen haben. Die Pferdewiese gehört ziemlich sicher dazu. Sie liegt im Hildener Norden hinter den Häusern an der Gerresheimer Straße, ungefähr zwischen Gerresheimer Straße und Heinrich-Lersch-Straße. Rund 7.328 Quadratmeter Grünfläche, also ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Jahrzehntelang konnte man dort vermutlich relativ unbehelligt Wiese sein. Doch damit könnte es irgendwann vorbei sein, denn die DRH Deutsche Reihenhaus AG hat das Grundstück gekauft und möchte dort 21 Reihenhäuser errichten. Und plötzlich ist aus einer Wiese ein städtebauliches Großthema geworden.

Geplant sind 21 Reihenhäuser mit Gärten, Stellplätzen und allem, was zu einer kleinen neuen Siedlung dazugehört. Zur Auswahl stehen sogar zwei ausgesprochen optimistisch benannte Haustypen: „Wohntraum“ mit 120 Quadratmetern und „Familienglück“ mit 145 Quadratmetern. Das muss man sich erst einmal trauen. Andere Bauträger nennen ihre Häuser Typ A und Typ B, in Hilden zieht man möglicherweise demnächst direkt ins Familienglück ein. Fehlt eigentlich nur noch die Doppelhaushälfte „Schwiegermutterfrieden“ und die Garage „Nachbarschaftsharmonie“. Die Häuser entstehen in serieller Bauweise und sehen deshalb deutschlandweit weitgehend gleich aus. Lediglich bei der Fassadenfarbe gibt es Variationsmöglichkeiten. Individualismus hat schließlich Grenzen.

Ganz so romantisch wie die Namen der Häuser ist die Diskussion allerdings nicht. Denn die Pferdewiese ist eben nicht irgendeine freie Fläche, auf der zufällig noch niemand gebaut hat. Kritiker sehen in ihr eine wichtige Frischluftschneise und vor allem eine Versickerungsfläche bei Starkregen. Und Starkregen ist inzwischen auch in Hilden ein Begriff, bei dem man nicht mehr automatisch an einen besonders schlechten Grillabend denkt. Wer erlebt hat, was innerhalb kürzester Zeit vom Himmel kommen kann, entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte emotionale Bindung zu jedem Quadratmeter Boden, der noch in der Lage ist, Wasser aufzunehmen. Genau das argumentieren auch Gegner des Projekts. Die Wiese habe bei vergangenen Starkregenereignissen erhebliche Wassermengen aufgenommen. Außerdem besteht die Sorge, durch die Bebauung könne eine zusätzliche Hitzeinsel entstehen.

Der Investor wiederum sagt: Keine Sorge, wir haben das auf dem Schirm. Geplant ist unter anderem eine 411 Quadratmeter große Versickerungsmulde, die als oberirdisches Regenrückhaltebecken dienen soll. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein externes Planungsbüro hat gerechnet, Stadt und Stadtwerke waren eingebunden und der Wasserverband soll ebenfalls beteiligt werden. Das klingt zunächst einmal ordentlich. Trotzdem bleibt eine interessante Rechnung: Auf der einen Seite haben wir eine Wiese von 7.328 Quadratmetern, auf der anderen Seite künftig 21 Häuser, Straßen, Stellplätze und eine Versickerungsmulde von 411 Quadratmetern. Man muss kein Hydrologe sein, um zu verstehen, warum manche Anwohner trotzdem noch ein paar Fragen haben. Andererseits sollte man auch nicht so tun, als würde das gesamte Grundstück künftig unter einer acht Meter dicken Betonschicht verschwinden. Genau dafür gibt es schließlich das Bebauungsplanverfahren und die entsprechenden Gutachten.

Und dann wäre da noch das zweite Hildener Dauerthema: der Verkehr. Die Zufahrt zur neuen Siedlung soll von der Gerresheimer Straße zwischen den Hausnummern 169a und 171 erfolgen, gegenüber der Beethovenstraße. Dahinter ist eine T-förmige Erschließungsstraße mit Wendeanlage vorgesehen. Stellplätze sollen entlang der Straße entstehen, zusätzlich sind Carports vorgesehen. Laut Investor soll es ausreichend Parkmöglichkeiten für Bewohner und Besucher geben. Das ist eine dieser Aussagen, bei denen erfahrene Anwohner vermutlich milde lächeln. „Ausreichend Parkplätze“ gehört in Deutschland ungefähr zur gleichen Kategorie wie „Der Zug erreicht den nächsten Bahnhof planmäßig“. Es kann stimmen. Man freut sich aber erst, wenn man es tatsächlich erlebt.

Trotz aller Ironie steckt hinter der Diskussion ein echtes Dilemma. Hilden braucht Wohnraum. Junge Familien, für die das Projekt ausdrücklich gedacht ist, suchen Häuser. Gleichzeitig kann eine dicht besiedelte Stadt ihre letzten Freiflächen nicht behandeln, als seien sie lediglich Baulücken, auf deren Bebauung bislang versehentlich niemand gekommen ist. Grünflächen erfüllen Funktionen. Sie speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und schaffen Abstand zwischen bebauten Bereichen. Gerade in heißen Sommern und nach Starkregen merkt man ziemlich schnell, dass Stadtplanung inzwischen mehr bedeutet, als Häuser, Straßen und Parkplätze möglichst geschickt auf einem Plan zu verteilen.

Entschieden ist ohnehin noch nichts. Das Projekt steckt mitten im Bebauungsplanverfahren. Gutachten werden erstellt, anschließend folgt unter anderem die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung, danach beschäftigen sich die politischen Gremien damit. Selbst wenn alles läuft, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis auf der Pferdewiese tatsächlich die ersten Bagger anrollen. Damit bleibt ausreichend Zeit für das, was wir in Hilden besonders gut können: diskutieren. Und das ist in diesem Fall sogar sinnvoll.

Denn wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen „Bloß keinen Grashalm anfassen“ und „Da passen doch locker 21 Häuser hin“. Wohnraum und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen, wäre jedenfalls zu einfach. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob beides auf dieser Fläche vernünftig miteinander vereinbart werden kann. Genau dafür sollte ein Bebauungsplanverfahren schließlich da sein. Bis dahin bleibt die Pferdewiese eine Pferdewiese – allerdings eine mit Bodengutachten, Bürgerinitiative, Investor, Stadtverwaltung und einer geplanten 411-Quadratmeter-Versickerungsmulde. In Hilden schafft es eben selbst eine Wiese irgendwann in die große Politik.

Mittwoch, 19. August 2026

19.8.2026: Wenn die Feuerwehr selbst abgeschleppt werden muss

Es gibt Tage, an denen läuft es einfach nicht. Und offenbar gilt das nicht nur für uns normale Autofahrer, sondern gelegentlich sogar für die Feuerwehr. Ausgerechnet die Hildener Drehleiter, also jenes Fahrzeug, das normalerweise dann ausrückt, wenn andere dringend Hilfe brauchen, benötigte am Dienstagmorgen selbst Unterstützung. Bei der täglichen Routinekontrolle bemerkten die Feuerwehrleute nämlich, dass sich ihr Fahrzeug irgendwie anders anhörte als sonst. Das ist bei einer Feuerwehr wahrscheinlich ähnlich wie beim eigenen Auto: Man kennt jedes Klappern, jedes Brummen und irgendwann auch jene Geräusche, bei denen man lieber nicht einfach das Radio lauter dreht. Die Hildener Feuerwehrleute schauten jedenfalls genauer hin und entdeckten eine Undichtigkeit an der Bremsanlage. Keine besonders erfreuliche Diagnose, zumal Hilden genau eine Drehleiter besitzt.

Zunächst rückten Mitarbeiter der Werkstatt des Zentralen Bauhofs an. Werkzeug und Ersatzteile wurden organisiert, doch der Patient zeigte sich widerspenstig. Die Undichtigkeit wurde größer, Druckluft konnte nicht mehr aufgebaut werden und irgendwann saß die Bremse so fest, dass die Drehleiter weder vor noch zurück wollte. Feuerwehrchef Hans-Peter Kremer beschrieb die Situation treffend: Das Auto stand mit voll angezogenen Bremsen auf dem Hof. Damit hatte Hilden plötzlich vermutlich das bestgesicherte Feuerwehrfahrzeug Nordrhein-Westfalens – nur leider eines, das bei einem Einsatz ungefähr so mobil gewesen wäre wie die Stadthalle.

Eine Fahrt zur Werkstatt schied damit naturgemäß aus. Also musste das passieren, was man bei einer Feuerwehrdrehleiter nicht unbedingt jeden Tag sieht: Ein Abschleppwagen wurde gerufen. Und zwar nicht irgendeiner, sondern natürlich ein Spezialfahrzeug für Lastwagen. Nachdem die festsitzenden Bremsen mechanisch gelöst worden waren, kam die Hildener Drehleiter an den Haken und wurde in eine Fachwerkstatt nach Haan gebracht. Das dazugehörige Foto dürfte jedenfalls zu den ungewöhnlicheren Motiven aus dem Hildener Feuerwehralltag gehören. Normalerweise sieht man die Drehleiter schließlich mit Blaulicht durch die Stadt fahren und nicht hinter einem Abschleppwagen herrollen.

Ganz ohne Drehleiter steht Hilden im Ernstfall trotzdem nicht da. Dafür gibt es ein Notfallkonzept mit den Nachbarstädten. Wird im Hildener Süden eine Drehleiter benötigt, wird automatisch die Feuerwehr aus Langenfeld mit alarmiert, im Norden übernimmt Haan diese Aufgabe. Das ist beruhigend und zeigt gleichzeitig, wie wichtig die Zusammenarbeit der Feuerwehren über Stadtgrenzen hinweg ist. Ein Brand hält sich schließlich nur selten an kommunale Zuständigkeiten.

Feuerwehrchef Kremer ist zudem optimistisch, dass der unfreiwillige Werkstattaufenthalt nur von kurzer Dauer sein wird. Die benötigten Ersatzteile wurden bereits bestellt und möglicherweise kann die Drehleiter schon am Mittwoch wieder zurück nach Hilden kommen. Dann dürfte sie hoffentlich wieder das tun, wofür sie eigentlich angeschafft wurde: anderen helfen.

Und irgendwie hat die Geschichte sogar etwas Beruhigendes. Der Defekt wurde nicht während einer Einsatzfahrt entdeckt, sondern bei der täglichen Kontrolle. Genau dafür gibt es solche Kontrollen schließlich. Lieber steht eine Drehleiter einen Tag mit angezogener Bremse auf dem Feuerwehrhof, als dass die Bremse ausgerechnet dann Probleme macht, wenn jede Sekunde zählt.

Ein bisschen schmunzeln darf man trotzdem. Denn wann kann man schon einmal sagen: Heute musste in Hilden die Feuerwehr gerettet werden?

Dienstag, 18. August 2026

18.8.2026: Vom Fleischwerk zum Unternehmerpark – oder: Wenn Hilden 30 Millionen Euro neu sortiert

Als Ende Februar das Werk von Vion am Westring seine Tore schloss, endete ein weiteres Kapitel Hildener Industriegeschichte. 160 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz, die riesigen Hallen standen plötzlich leer und viele fragten sich, was aus dem Gelände werden würde. In Hilden kennt man solche Momente inzwischen fast schon. Kaum verschwindet ein traditionsreicher Betrieb, beginnt schon die Diskussion über die Zukunft des Grundstücks. Diesmal ging es allerdings erstaunlich schnell.

Schon in den nächsten Tagen sollen die Abrissbagger anrollen. Das ehemalige Fleischwerk wird vollständig verschwinden. Wo jahrzehntelang Fleisch zerlegt wurde, soll bis Ende 2027 ein moderner Unternehmerpark entstehen. Rund 30 Millionen Euro will der neue Eigentümer Rheingrund investieren – eine Summe, bei der man unweigerlich kurz nachrechnet, wie viele Kugeln Eis man dafür am Gut Holterhof kaufen könnte.

Ganz unbekannt ist der Investor in Hilden übrigens nicht. Bereits mit dem „Hildener Tor“ an der Gerresheimer Straße hat das Unternehmen gezeigt, dass es auf moderne Gewerbeparks setzt. Offenbar hat man Gefallen an unserer Stadt gefunden. Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Während wir Hildener gerne über Baustellen, Verkehr und fehlende Parkplätze schimpfen, gibt es offensichtlich Investoren, die sagen: „Hier investieren wir gerne noch einmal 30 Millionen Euro.“

Die alten Gebäude haben allerdings keine Zukunft mehr. Nach Aussage des Investors sind die Hallen komplett auf die Bedürfnisse des früheren Fleischbetriebs zugeschnitten und technisch längst nicht mehr zeitgemäß. Wer einmal versucht hat, aus einer Metzgerei ein modernes Büro zu machen, wird das vermutlich nachvollziehen können. Also kommt alles weg. Immerhin soll das Material recycelt und soweit möglich wiederverwendet werden. Heute wird eben selbst ein Abriss nachhaltig organisiert.

Geplant ist eine große Halle mit mehreren flexibel nutzbaren Einheiten. Der Investor betont ausdrücklich, dass daraus kein reiner Logistikstandort werden soll. Vielmehr spricht er von einem Unternehmerpark, in dem sich unterschiedliche Firmen ansiedeln können – vom produzierenden Gewerbe bis zu anderen gewerblichen Nutzern. Einige Hildener Unternehmen hätten bereits Interesse signalisiert.

Natürlich gibt es trotzdem Kritik. Die Bürgeraktion/Piraten befürchtet, dass auf dem Gelände künftig deutlich weniger Arbeitsplätze entstehen als früher. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Einwand nicht. Moderne Gewerbehallen beeindrucken oft durch ihre Größe, weniger jedoch durch die Zahl der Menschen, die darin arbeiten. Wo früher Hunderte Beschäftigte tätig waren, übernehmen heute häufig Maschinen, Fördertechnik und automatisierte Prozesse einen Teil der Arbeit. Das ist wirtschaftlich sinnvoll, fühlt sich aber für eine Stadt manchmal nach einem merkwürdigen Tauschgeschäft an: mehr Quadratmeter, weniger Menschen.

Die Stadt selbst kann daran wenig ändern. Sie kann weder vorschreiben, wie viele Arbeitsplätze entstehen müssen, noch entscheiden, welche Unternehmen später einziehen. Das ist einer dieser Fälle, in denen Kommunalpolitik zwar viele Wünsche haben darf, aber am Ende nur begrenzte Möglichkeiten besitzt.

Trotzdem überwiegt für mich zunächst der positive Eindruck. Lieber entsteht auf einer bereits vorhandenen Industriefläche etwas Neues, als dass dort jahrelang verlassene Hallen vor sich hin rosten. Hilden hat nun wirklich keinen Überfluss an Gewerbeflächen. Wenn ein Investor bereit ist, viel Geld in einen bestehenden Standort zu stecken, spricht das durchaus für unsere Stadt.

Spannend wird allerdings erst die zweite Halbzeit dieses Projekts. Der Abriss ist vergleichsweise einfach. Interessant wird, welche Unternehmen tatsächlich einziehen, wie viele Arbeitsplätze entstehen und ob der Unternehmerpark dem Namen auch gerecht wird. Denn schöne Visualisierungen können viele. Entscheidend ist, was am Ende hinter den neuen Fassaden passiert.

Bis dahin heißt es Abschied nehmen von einem Stück Hildener Industriegeschichte. Aus Metzgerei wurde einst ein großer Fleischbetrieb, daraus wurde Vion, und nun wird daraus ein moderner Unternehmerpark. Städte verändern sich eben ständig. Manchmal leise, manchmal mit viel Staub – und manchmal mit Abrissbaggern, die schon in den nächsten Tagen anrollen. Hoffen wir, dass am Ende nicht nur neue Hallen entstehen, sondern auch neue Perspektiven für den Wirtschaftsstandort Hilden.

Montag, 17. August 2026

17.8.2026: Drei Spuren reichen – oder: Wenn Hilden der A3 noch eine Chance gibt

Es gibt Themen in Hilden, die verschwinden nie ganz. Sie machen nur zwischendurch Pause, wechseln den Minister und stehen dann wieder auf der Tagesordnung. Tempo 30 gehört dazu. Der Europaplatz vermutlich auch. Und natürlich die A3 zwischen Hilden und Leverkusen. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob sie wirklich auf acht Spuren ausgebaut werden muss oder ob nicht drei Fahrspuren plus temporär freigegebener Seitenstreifen reichen würden. Die Bürgerinitiative „3reicht“ hat ihren Namen also nicht aus dekorativen Gründen gewählt.

Die Position der beteiligten Städte ist bekannt. Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen wollen den achtspurigen Vollausbau möglichst verhindern. Auch die IHK Düsseldorf unterstützt die Seitenstreifen-Lösung. Die Argumentation ist im Grunde einfach: Die A3 muss leistungsfähig bleiben, aber dafür muss man nicht unbedingt noch mehr Fläche versiegeln, wenn sich vorhandener Asphalt flexibler nutzen lässt. Klingt zunächst ziemlich vernünftig. Drei Spuren plus Seitenstreifen in Stoßzeiten – fertig. Man könnte meinen, das wäre genau die Art von pragmatischer Lösung, die in Deutschland überall gefordert wird.

Die Autobahn GmbH sieht das anders.

Und deshalb beginnt nun eine neue Runde.

Der bisherige Bundesverkehrsminister hat die Idee abgelehnt. Also schreiben die Kommunen und die IHK jetzt an seinen Nachfolger Steffen Bilger und hoffen offenbar auf das politische Prinzip „neuer Minister, neues Glück“. Man kennt das aus dem Fußball. Wenn der Trainer wechselt, wird nicht automatisch alles besser, aber zumindest darf man noch einmal dieselbe Taktik erklären.

Der Streit läuft schließlich nicht erst seit gestern. Bereits 2019 hatten die Bürgermeister aus Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen gemeinsam appelliert. Im selben Jahr lehnte der Hildener Stadtrat den achtspurigen Ausbau mehrheitlich ab. 2023 wurde das Anliegen erneut vorgetragen. Jetzt schreiben wir 2026 und versuchen es wieder. Wer Ausdauer im politischen Raum kennenlernen möchte, braucht keinen Marathon. Er kann einfach die Geschichte des A3-Ausbaus verfolgen.

Die beteiligten Städte und die IHK werfen dem Bund und der Autobahn GmbH fachliche Unstimmigkeiten vor und verlangen transparentere Antworten. Der neue Minister möge die Entscheidung noch einmal grundlegend überprüfen. Auch technische Entwicklungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, geringere Kosten, eine schnellere Umsetzung und der sparsamere Flächenverbrauch sollten berücksichtigt werden.

Das klingt nach einer durchaus nachvollziehbaren Forderung. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Nur eine Sache offenbar nicht: Die A3 ist immer noch voll.

Wer regelmäßig zwischen Hilden und Leverkusen unterwegs ist, weiß das ohnehin. Man braucht keine Verkehrsstudie, sondern lediglich einen normalen Werktag. Dann erlebt man die Leistungsfähigkeit der Strecke praktisch. Man fährt los, schaut auf die Rücklichter vor sich und hat ausreichend Zeit, über deutsche Infrastrukturpolitik nachzudenken.

Bürgermeister Claus Pommer bringt die Abwägung auf den Punkt. Natürlich ist eine leistungsfähige A3 wichtig. Für die Unternehmen, für Pendler und für alle, die täglich unterwegs sind. Gleichzeitig möchte Hilden seine Freiflächen, Natur und Lebensqualität erhalten. Die temporäre Seitenstreifenfreigabe sei deshalb aus seiner Sicht eine gute Lösung: zusätzliche Kapazität, Nutzung vorhandener Flächen und weniger neue Versiegelung.

Man fragt sich fast, warum das so kompliziert sein muss.

Dann liest man die Argumente der Autobahn GmbH.

Der Seitenstreifen sei nämlich nicht einfach nur ein leerer Streifen Asphalt, den man bei Bedarf aufmachen könne. Er erfüllt eine Schutzfunktion. Wenn er als Fahrspur genutzt wird, müssen deshalb andere Sicherheitsmaßnahmen geschaffen werden. Entlang der Strecke wären insgesamt 27 Nothaltebuchten erforderlich, jeweils mehr als 160 Meter lang. Dafür müssten wiederum rund 19.000 Quadratmeter Fläche neu versiegelt werden.

Damit bekommt die ganze Sache eine gewisse Ironie. Man möchte mit der Seitenstreifen-Lösung Fläche sparen, müsste dafür aber zusätzliche Fläche versiegeln, damit Fahrzeuge im Notfall irgendwo stehen können. Allerdings sind 19.000 Quadratmeter natürlich etwas anderes als der Flächenverbrauch eines vollständigen achtspurigen Ausbaus. Genau deshalb streiten sich alle Beteiligten so leidenschaftlich um Zahlen, Annahmen und Bewertungen.

Zusätzlich wären neue Notrufsäulen, Zuwegungen, Videoüberwachung und ein Tempolimit von 100 km/h auf dem gesamten Abschnitt nötig. Und hier wird es besonders interessant. Denn ich stelle mir gerade vor, wie die Debatte in Hilden weitergeht, wenn sich herumspricht, dass die Alternative zum achtspurigen Ausbau möglicherweise Tempo 100 auf der Autobahn bedeutet.

Wir haben ja schon erlebt, wie entspannt Tempo 30 in Hilden diskutiert wird.

Tempo 100 auf der A3 könnte also durchaus für einen neuen gesellschaftlichen Großversuch sorgen.

Wobei man fairerweise sagen muss: Im morgendlichen Berufsverkehr wäre Tempo 100 für viele Autofahrer ohnehin eine theoretische Höchstgeschwindigkeit. Wer mit 17 km/h zwischen Hilden und Leverkusen rollt, fühlt sich von einem 100er-Schild wahrscheinlich nicht übermäßig eingeschränkt.

Die IHK hält die Seitenstreifenfreigabe trotzdem weiterhin für die sinnvollste und schnellste Lösung. Sie verweist auf den Abschnitt zwischen Hilden und Ratingen Ost, wo sich das Konzept bereits bewährt habe. Auch dort kann der Seitenstreifen bei starkem Verkehr freigegeben werden. Das ist natürlich ein starkes Argument: Wenn es nördlich von Hilden funktioniert, warum sollte es südlich plötzlich grundsätzlich unmöglich sein?

Genau diese Frage dürfte nun wieder beim Verkehrsministerium landen.

Im Kern geht es um einen klassischen Zielkonflikt. Wir wollen mehr Verkehrskapazität, aber weniger Flächenverbrauch. Wir wollen Sicherheit, aber möglichst geringe Kosten. Wir wollen schnell bauen, aber gründlich planen. Wir wollen leistungsfähige Infrastruktur, aber keinen zusätzlichen Lärm. Wir wollen Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig Natur schützen.

Kurz gesagt: Wir wollen alles.

Und möglichst gleichzeitig.

Das ist natürlich schwierig.

Trotzdem ist es richtig, Alternativen ernsthaft zu prüfen. Ein achtspuriger Autobahnausbau ist keine Kleinigkeit. Er kostet viel Geld, braucht viel Zeit und verändert den Raum dauerhaft. Wenn eine technisch saubere Seitenstreifen-Lösung einen großen Teil der zusätzlichen Kapazität schneller und günstiger schaffen kann, sollte man sie nicht mit dem Hinweis abräumen, dass das Regelwerk bisher etwas anderes vorsieht.

Regelwerke sind schließlich kein Naturgesetz.

Sie wurden von Menschen geschrieben.

Und Menschen dürfen gelegentlich feststellen, dass sich die Welt weiterentwickelt hat.

Die interessante Frage ist jetzt, wie der neue Verkehrsminister reagiert. Vielleicht bestätigt er einfach die bisherige Linie. Vielleicht lässt er neu prüfen. Vielleicht bittet er um weitere Gutachten. Vielleicht folgt eine Arbeitsgruppe. Vielleicht kommt ein neues Positionspapier. Bei deutschen Infrastrukturprojekten sollte man grundsätzlich jede Möglichkeit einkalkulieren, außer einer schnellen Entscheidung.

Immerhin sind sich ungewöhnlich viele regionale Akteure einig. Kommunen, IHK und Bürgerinitiative ziehen in dieselbe Richtung. Das kommt auch nicht jeden Tag vor. Normalerweise findet sich bei größeren Verkehrsprojekten zuverlässig jemand, der grundsätzlich das Gegenteil fordert. Hier scheint die regionale Linie recht klar zu sein: A3 leistungsfähig machen, aber möglichst ohne achtspurigen Vollausbau.

Das macht den Appell politisch durchaus interessant.

Hilden selbst hat dabei viel zu verlieren. Mehr Verkehrslärm und zusätzliche Versiegelung wären gerade in einer ohnehin dicht bebauten Stadt kein kleines Thema. Wir haben in den vergangenen Wochen ausführlich darüber gesprochen, wie hoch der Versiegelungsgrad Hildens bereits ist, wie wichtig Hochwasserschutz wird und wie wenig Platz für zusätzliche Rückhalteflächen vorhanden ist. Wenn dann an anderer Stelle weitere Flächen dauerhaft unter Asphalt verschwinden sollen, darf man zumindest sehr genau nachfragen, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt.

Gleichzeitig können wir uns aber auch nicht wünschen, dass die A3 einfach so bleibt wie sie ist.

Eine Autobahn, auf der sich der Verkehr regelmäßig staut, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch besonders attraktiv. Stehende Lkw und Autos lösen kein Umweltproblem. Die Frage lautet also nicht Ausbau oder nichts. Sie lautet: Welche Lösung schafft ausreichend Kapazität mit möglichst geringen Nebenwirkungen?

Genau deshalb finde ich den neuen Anlauf richtig.

Vielleicht sagt der neue Minister wieder nein.

Vielleicht auch nicht.

Auf jeden Fall sollte er sich die Argumente noch einmal ansehen. Und zwar ohne das reflexhafte „Das haben wir schon immer so geplant“.

Denn manchmal ist ein Seitenstreifen eben nicht nur ein Seitenstreifen.

Manchmal ist er eine mögliche vierte Spur.

Und manchmal reichen drei Spuren tatsächlich.

Zumindest solange nicht alle gleichzeitig losfahren.

Dass genau das auf der A3 regelmäßig passiert, ist allerdings wiederum das eigentliche Problem.

Sonntag, 16. August 2026

16.8.2026: Von wegen Aperol – oder: Wenn Hilden plötzlich Lavendel trinkt

Es gibt Dinge, von denen ich dachte, sie seien für die Ewigkeit gemacht. Der Hildener Stadtpark. Die Diskussion über Parkplätze. Das Altbier. Und natürlich Aperol Spritz. Doch nun muss ich erfahren: Selbst Aperol ist nicht mehr sicher. In Hildens Gastronomie machen sich neue Konkurrenten breit. Sarti Spritz, Lavie Spritz, Limoncello Spritz, hausgemachte Limonaden, Granatapfel-Mango-Eistee, Iced Matcha Latte mit Erdbeere und sogar Getränke mit Lavendel-Himbeer-Geschmack. Wer heute an einem sonnigen Nachmittag am Alten Markt sitzt und einfach nur „einen Spritz“ bestellt, muss wahrscheinlich erst einmal präzisieren, in welche geschmackliche Richtung sein Leben gehen soll.

Früher war die Welt einfacher. Bier oder Wein. Cola oder Wasser. Vielleicht noch ein Aperol, wenn man sich ein bisschen italienisch fühlen wollte. Heute braucht man fast eine Getränkekarte mit Entscheidungsbaum. Orange? Rosa? Alkoholfrei? Mango? Lavendel? Matcha? Himbeere? Prosecco? Gin? Kokosmilch? Ich wollte doch nur etwas Kaltes.

Der Klassiker Aperol Spritz läuft natürlich weiterhin. So schnell lässt sich eine Institution nicht verdrängen. Aber am Alten Markt bekommt er inzwischen ernsthafte Konkurrenz vom Sarti Spritz. Das Getränk basiert auf Sarti Rosa, einem Aperitif mit Blutorange, Mango und Passionsfrucht, dazu kommen unter anderem Prosecco und Gin. Das klingt nach einem Getränk, bei dem man nach dem zweiten Glas zumindest nicht mehr behaupten sollte, man habe nur wegen der Vitamine bestellt. Im Fino kostet der Sarti Spritz 7,50 Euro, im Pepo’s acht Euro. Dort läuft das Getränk offenbar so gut, dass jede Woche fünf oder sechs Kartons mit jeweils sechs Flaschen bestellt werden. Das sind Dimensionen, bei denen man merkt: Hier handelt es sich nicht mehr um einen kurzfristigen Versuch. Hilden hat Sarti entdeckt.

Besonders schön finde ich, dass Pepo’s-Inhaber Michail Peponis das Getränk vor diesem Sommer selbst noch gar nicht kannte. Wenige Monate später bestellt er es kartonweise. So schnell können Karrieren verlaufen. Manche Produkte brauchen jahrelange Markenarbeit. Andere brauchen einfach Sonne, Eiswürfel und Instagram. Noch interessanter ist aber eine zweite Entwicklung. Spritz-Getränke waren offenbar lange vor allem Frauensache. Männer bestellten Bier, Frauen Spritz. So einfach war die gastronomische Geschlechterordnung. Doch selbst diese Bastion fällt. Immer mehr Männer bestellen inzwischen ebenfalls Spritz-Getränke. Das finde ich beruhigend. Der Hildener Mann des Jahres 2026 sitzt offenbar entspannt am Alten Markt, schaut seinem rosafarbenen Getränk beim Glitzern zu und hat beschlossen, dass seine Männlichkeit auch einen Lavendelzweig aushält.

Wobei die Statistik aus Pepo’s noch gewisse Unterschiede kennt. Die Frauen hätten bei Spritz-Getränken eine „hohe Schlagzahl“, heißt es dort augenzwinkernd. Während die Männer noch an ihrem Bier sitzen, habe die Mädelsgruppe nebenan das nächste Spritz-Getränk schon auf. Das klingt fast nach einer sportlichen Disziplin. Hilden Spritz Open 2026. Kategorie Damen: hohe Schlagzahl. Kategorie Herren: aufstrebende Nachwuchsgruppe.

Besonders spannend finde ich den alkoholfreien Lavie Spritz im Fino. Lavendel und Himbeere, komplett ohne Alkohol. Dass solche Varianten stärker nachgefragt werden, passt in die Zeit. Immer mehr Menschen möchten offenbar entspannt draußen sitzen, ein hübsches Getränk vor sich haben und trotzdem später noch wissen, wo sie ihr Fahrrad abgestellt haben. Das alkoholfreie Angebot wird generell wichtiger. Und das ist erfreulich. Jahrelang bestand die alkoholfreie Alternative in vielen Lokalen gefühlt aus Wasser, Cola und der Frage: „Apfelschorle geht auch?“ Heute bekommt man Getränke, die genauso aufwendig aussehen wie Cocktails und nicht automatisch signalisieren: Der hier muss noch fahren.

Auch das Cafe Extrablatt, frisch renoviert und seit Ende Juli wieder geöffnet, setzt im Sommer stark auf alkoholfreie Getränke. Kiwi-Passionsfrucht-Limonade und Granatapfel-Mango-Eistee stehen auf der Karte. Allein beim Lesen bekommt man das Gefühl, normale Zitronenlimonade sei inzwischen kulinarisch ungefähr dort angekommen, wo früher Toast Hawaii stand. Natürlich ändern sich die Regeln am Abend. Ab 18 Uhr beginnt im Extrablatt die Happy Hour. Jumbo-Cocktails kosten dann acht Euro. Einer davon heißt „Touchdown“ und enthält Vodka, Apricot Brandy, Grenadine, Lime, Ananas und Maracuja. Wer sich fragt, warum das Getränk Touchdown heißt, dürfte nach mehreren Exemplaren möglicherweise selbst eine entsprechende Landung hinlegen. Einen klaren Favoriten gibt es dort allerdings nicht. Die Gäste probieren sich durch die Karte. Auch das ist ein schönes Konzept. Früher hatte man sein Stammgetränk. Heute arbeitet man sich offenbar systematisch durch die Getränkekarte, als gäbe es am Ende ein Zertifikat.

Im Café New York sind derzeit vor allem Eiskaffee und Limonaden beliebt. Granatapfel sowie Himbeer-Limette gehören zu den Favoriten. Dazu gibt es einen Eisfrappé mit Crush-Eis und geheimen Zutaten. Geheime Zutaten finde ich grundsätzlich spannend. Sobald in der Gastronomie etwas „geheim“ ist, denke ich sofort, dass irgendwo im Keller ein jahrhundertealtes Familienrezept bewacht wird. Vermutlich ist es in Wirklichkeit einfach eine Zutat, die der Konkurrenz nichts angeht. Aber „geheim“ klingt natürlich besser. Auch dort wird trotz hoher Temperaturen weiterhin reichlich Alkohol getrunken. Eine Mitarbeiterin fragt sich selbst, wie die Gäste das bei dieser Hitze schaffen. Eine berechtigte Frage. Bei 35 Grad denke ich schon nach einem Spaziergang von der Gabelung zum Alten Markt darüber nach, ob medizinische Betreuung notwendig wird. Andere Menschen bestellen dann offenbar einen Cocktail.

Wieder ganz anders sieht die Welt bei Woyton aus. Dort ist Matcha angesagt. Iced Matcha Latte mit Erdbeere, Blaubeere oder Mango, wahlweise mit Hafer- oder Kokosmilch. Ich gestehe: Bei Matcha fühle ich mich manchmal alt. Matcha sieht für mich immer ein bisschen so aus, als hätte jemand einen Gartenteich püriert und beschlossen, ihn in einem schicken Glas zu servieren. Aber offensichtlich schmeckt es vielen Menschen. Und mit Erdbeere oder Mango bekommt das Ganze farblich und geschmacklich eine Richtung, die sogar mich neugierig macht. Dazu kommt der Mango-Smoothie mit frischer Mango, Mangosaft, gesüßtem Zitronensaft und Slush-Eis. Das klingt tatsächlich nach einer ziemlich guten Idee bei 30 Grad.

Überhaupt ist auffällig, wie bunt das Getränkeangebot inzwischen geworden ist. Gastronomie verkauft nicht mehr nur Durstlöscher. Sie verkauft kleine Erlebnisse. Ein Getränk soll gut schmecken, schön aussehen, möglichst fotografierbar sein und vielleicht noch eine Geschichte erzählen. „Lavie Spritz“ klingt eben interessanter als „Himbeer-Lavendel-Limo“. „Sarti Spritz“ klingt nach Italien. „Iced Matcha Latte Strawberry“ klingt nach internationalem Lifestyle. Und „Cola“ klingt plötzlich fast schon mutig konservativ.

Dabei zeigt die Umfrage unter den Hildener Gastronomen auch, wie lebendig unsere Innenstadt gastronomisch inzwischen ist. Fino, Pepo’s, Extrablatt, Café New York, Woyton – überall gibt es eigene Schwerpunkte. Wer an einem warmen Abend durch die Mittelstraße und über den Alten Markt läuft, hat Auswahl. Und genau das ist gut für Hilden. Außengastronomie bringt Leben in die Innenstadt. Menschen sitzen draußen, unterhalten sich, treffen Bekannte, bestellen noch etwas und bleiben länger. Das ist genau die Art von Aufenthaltsqualität, über die in Stadtentwicklungspapieren gerne viele Seiten geschrieben werden. Man kann es auch einfacher sagen: Wenn draußen Menschen sitzen und etwas trinken, wirkt eine Innenstadt lebendig.

Natürlich kann man über die Preise diskutieren. 7,50 oder acht Euro für einen Spritz, knapp sieben Euro für einen Eistee oder 6,20 Euro für Matcha sind kein Kleingeld. Wer mit mehreren Leuten einen längeren Abend verbringt, merkt das spätestens beim Blick auf die Rechnung. Aber Gastronomie hat ebenfalls mit gestiegenen Kosten zu kämpfen. Personal, Energie, Einkauf, Mieten – nichts davon ist billiger geworden. Und wer einen Cocktail bestellt, zahlt nicht nur für die Flüssigkeit im Glas, sondern auch für Service, Sitzplatz und den kleinen Luxus, nicht selbst spülen zu müssen.

Ich jedenfalls finde die Entwicklung interessant. Aperol verschwindet nicht. Bier auch nicht. Aber das Angebot wird breiter. Männer entdecken Spritz. Frauen halten offenbar weiterhin das Tempo hoch. Alkoholfreie Varianten werden selbstverständlicher. Matcha trifft Mango. Lavendel trifft Himbeere. Und Hilden entdeckt, dass ein Sommergetränk nicht zwangsläufig orange sein muss.

Vielleicht sollte man daraus eine neue Hildener Tradition machen. Statt Weinwanderung eine Spritzwanderung durch die Innenstadt. Start bei Woyton mit einem Matcha, weiter zum Café New York für die Granatapfel-Limo, dann ins Extrablatt zum Eistee, am Alten Markt ein alkoholfreier Lavie Spritz und wer danach noch möchte, darf bei Pepo’s den Sarti testen. Selbstverständlich zu Fuß. Das wäre vielleicht sogar ein neues touristisches Konzept: „Hilden – was liegt näher? Der nächste Spritz.“

Am Ende bleibt jedenfalls eine überraschende Erkenntnis dieses Sommers: Aperol ist nicht tot. Aber er ist nicht mehr allein. Die Getränkekarten sind bunter geworden, die Geschlechtergrenzen lockerer und die alkoholfreien Alternativen deutlich spannender. Und wenn inzwischen sogar Männer freiwillig einen Lavendel-Himbeer-Spritz bestellen, dann kann man wohl sagen: Der Sommer 2026 hat Hilden verändert. Zumindest an der Theke.

Samstag, 15. August 2026

15.8.2026: Die Energiewende macht Pause – oder: Wenn der Strompreis schneller steigt als der Mut zur Investition

Es gibt Statistiken, bei denen man kurz innehält. Nicht, weil sie überraschend kompliziert wären, sondern weil sie erstaunlich klar zeigen, wo gerade der Schuh drückt. Im Kreis Mettmann und im IHK-Bezirk Düsseldorf bewerten nur 4,5 Prozent der befragten Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit positiv oder sehr positiv. 4,5 Prozent. Das ist ungefähr die Quote, die man erreicht, wenn man in einer größeren Runde fragt, wer freiwillig die nächste Steuererklärung für alle übernehmen möchte.

Der Rest ist deutlich weniger begeistert. 37,6 Prozent bewerten die Auswirkungen negativ oder sehr negativ. Besonders problematisch sind hohe Energiekosten und fehlende Planungssicherheit. Beides zusammen ist für Unternehmen ungefähr so angenehm wie eine Baustelle direkt vor dem Werkstor, bei der niemand weiß, wann sie fertig wird und ob die Zufahrt morgen noch existiert.

Die Energiewende an sich sei nicht das Problem, sagt die IHK. Das Problem seien ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das klingt zunächst nach einem klassischen Verbändesatz, ist aber durchaus nachvollziehbar. Viele Unternehmen wollen investieren, ihre Prozesse modernisieren, Energie sparen und klimaneutraler werden. Nur müssen sie vorher wissen, worauf sie sich verlassen können.

Unternehmer mögen Risiken. Sonst wären sie keine Unternehmer. Aber sie mögen Risiken lieber, wenn sie zumindest grob berechenbar sind. Ein schwankender Absatzmarkt gehört dazu. Neue Wettbewerber auch. Technologische Veränderungen ebenfalls. Wenn aber Energiepreise, Förderbedingungen, Netzentgelte, Genehmigungsverfahren und politische Vorgaben gleichzeitig in Bewegung sind, wird aus unternehmerischem Risiko schnell ein Hindernislauf mit verbundenen Augen.

40,9 Prozent der befragten Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten beeinträchtigt. Jedes dritte Unternehmen verschiebt Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen. Fast 29 Prozent stellen Investitionen in ihre Kernprozesse zurück, und 16,6 Prozent bremsen bei Forschung und Innovation.

Das ist die eigentliche schlechte Nachricht.

Denn wenn hohe Energiekosten dazu führen, dass Klimaschutzinvestitionen verschoben werden, entsteht eine bemerkenswerte Situation: Die Energiewende wird so teuer und kompliziert, dass Unternehmen weniger in die Energiewende investieren. Man könnte sagen, das System stolpert über seine eigene Verlängerungsschnur.

Eigentlich sollen Unternehmen effizienter, moderner und klimafreundlicher werden. Gleichzeitig fehlt ihnen aber das Geld oder die Planungssicherheit, um genau diese Schritte zu gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einem Hausbesitzer dringend zu einer Wärmepumpe raten, ihm aber erst nach der Bestellung sagen, ob sie gefördert wird, ob der Strompreis bezahlbar bleibt und wann der Netzanschluss möglich ist.

Dann wartet man eben.

Und Warten ist für Investitionen selten gut.

Dabei mangelt es den Unternehmen offenbar nicht an Bereitschaft. Mehr als zwei Drittel setzen auf Energieeffizienz. 42,6 Prozent schließen langfristige Energielieferverträge ab. Rund ein Drittel investiert in eigene Energieerzeugung. Fast zwei Drittel verfolgen bereits ein Ziel zur Klimaneutralität oder haben es erreicht.

Das klingt nicht nach Verweigerung. Es klingt eher nach Unternehmen, die längst verstanden haben, dass Energieeffizienz, Eigenversorgung und Klimaschutz wirtschaftlich wichtig werden. Sie stehen also nicht mit verschränkten Armen vor der Energiewende und sagen: „Machen wir nicht.“ Sie sagen eher: „Wir würden ja gern, aber könnten Sie uns vorher bitte mitteilen, was nächstes Jahr gilt?“

Planungssicherheit ist in diesem Zusammenhang kein Luxus. Wer eine neue Produktionsanlage, Photovoltaik, Speichertechnik, energieeffiziente Maschinen oder eine Umstellung der Wärmeversorgung plant, denkt nicht bis zum nächsten Quartal. Solche Investitionen laufen über Jahre. Man kann sie nicht jeden Montag neu ausrichten, nur weil am Wochenende eine neue politische Idee durch die Nachrichten ging.

Als größtes Hemmnis nennen die befragten Unternehmen die Bürokratie. 53,4 Prozent sehen sie als Problem. Das überrascht niemanden wirklich. Bürokratie ist inzwischen der Gegner, auf den sich beinahe alle einigen können. Unternehmen, Bürger, Vereine, Kommunen und vermutlich sogar Teile der Verwaltung selbst.

Alle wollen weniger davon.

Nur verschwinden tut sie erstaunlicherweise nicht.

Im Gegenteil: Wer heute investieren will, braucht oft nicht nur Kapital, Technik und Fachkräfte, sondern auch eine bemerkenswerte Fähigkeit, Anträge, Nachweise, Fristen, Zuständigkeiten und digitale Portale zu überleben. „Digital“ bedeutet dabei nicht automatisch „einfach“. Manchmal bedeutet es nur, dass das Formular nicht mehr ausgedruckt werden muss, bevor man daran verzweifelt.

Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren, Defizite bei der Energieinfrastruktur und eine Energiepolitik, die vielen Unternehmen zu wenig planbar erscheint. Das ist eine schwierige Mischung. Man soll schneller transformieren, wartet aber länger auf Genehmigungen. Man soll elektrifizieren, weiß aber nicht, ob das Netz reicht. Man soll investieren, kennt aber die künftigen Kosten nicht.

Das erinnert ein wenig an Hildener Verkehrsplanung: Bitte fahren Sie anders, die Ampeln sind aber noch auf die alte Geschwindigkeit eingestellt.

Natürlich muss man bei den Zahlen vorsichtig sein. Bundesweit wurden rund 3.100 Unternehmen befragt, aus dem IHK-Bezirk Düsseldorf beteiligten sich jedoch nur etwa 50. Die regionalen Ergebnisse sind deshalb ein Stimmungsbild und keine exakte Volkszählung der Wirtschaft. Das sagt die IHK selbst.

50 Unternehmen sind nicht die gesamte Wirtschaft im Kreis Mettmann. Aber wenn in einer kleinen Runde fast alle ähnliche Probleme nennen, sollte man trotzdem zuhören. Gerade weil sich ihre Aussagen mit dem decken, was seit Jahren aus Industrie, Handel und Mittelstand zu hören ist: Energie ist teuer, Verfahren dauern zu lange, Regeln ändern sich zu oft und Investitionsentscheidungen werden dadurch schwieriger.

Das betrifft am Ende nicht nur irgendwelche anonymen Unternehmen. Es betrifft Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Innovationen und Steuereinnahmen. Wenn Firmen Investitionen verschieben, merkt man das zunächst vielleicht nur in einer Bilanz oder einem Vorstandsbeschluss. Später merkt es der Maschinenbauer, der keinen Auftrag bekommt. Der Handwerker, dessen Umbau verschoben wird. Der Bewerber, dessen neue Stelle nicht entsteht. Und irgendwann auch die Stadt, der Gewerbesteuereinnahmen fehlen.

Die Debatte über Energiepolitik klingt häufig sehr abstrakt. Kilowattstunden, Netzentgelte, CO₂-Preise, Lieferverträge, Transformation, Infrastruktur. Doch hinter all diesen Begriffen stehen konkrete Entscheidungen. Baut ein Unternehmen eine neue Anlage in Hilden oder anderswo? Wird ein Standort erweitert oder nur instand gehalten? Wird eine klimafreundliche Technik jetzt angeschafft oder auf später verschoben? Entsteht ein neuer Arbeitsplatz oder nicht?

Gerade im Kreis Mettmann, wo viele mittelständische und industrielle Unternehmen tätig sind, ist das entscheidend. Diese Betriebe können ihre Produktion nicht einfach ins Homeoffice verlagern. Maschinen brauchen Energie. Hallen müssen beheizt oder gekühlt werden. Werkstoffe werden bearbeitet, Anlagen laufen, Waren werden gelagert und transportiert. Ein Industriebetrieb kann nicht sagen: „Heute produzieren wir nur, wenn der Strom günstig ist und der Wind passend weht.“

Wobei manche genau das inzwischen technisch versuchen. Lastmanagement, Speicher, Eigenversorgung und langfristige Lieferverträge zeigen, wie kreativ Unternehmen reagieren. Aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Nicht jeder Betrieb kann sich ein eigenes Kraftwerk in den Hof stellen. Und selbst wer Photovoltaik installiert, braucht nachts, im Winter und bei Produktionsspitzen weiterhin eine verlässliche Versorgung.

Die IHK fordert deshalb wettbewerbsfähige Energiepreise, leistungsfähige Netze, schnellere Genehmigungen und technologieoffene Rahmenbedingungen. Das ist wenig überraschend. Eine IHK wird selten fordern, dass Genehmigungen länger dauern und Energiepreise weiter steigen sollen. Trotzdem sind die Forderungen richtig.

Die schwierige Frage lautet nur: Wie wird das konkret erreicht?

Denn an Forderungen mangelt es nicht. Die Politik fordert von Unternehmen Klimaneutralität. Unternehmen fordern von der Politik Planungssicherheit. Netzbetreiber fordern schnellere Verfahren. Kommunen fordern Geld. Bürger fordern bezahlbare Energie. Umweltverbände fordern mehr Tempo. Finanzminister fordern Haushaltsdisziplin.

Alle fordern.

Nur die Stromrechnung kommt ohne Forderung.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn die Energiewende weniger wie eine ständig überarbeitete Gebrauchsanleitung funktionieren würde. Klare Ziele, verlässliche Regeln, realistische Fristen und Entscheidungen, die länger halten als eine Legislaturperiode. Unternehmen brauchen keinen politischen Stillstand. Sie brauchen einen Rahmen, in dem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

Denn Transformation funktioniert nicht durch Sonntagsreden. Sie funktioniert durch Investitionen. Und Investitionen werden nur getätigt, wenn jemand glaubt, dass sie sich rechnen oder zumindest langfristig sinnvoll sind. Wer den Unternehmen gleichzeitig hohe Kosten, lange Verfahren und wechselnde Vorgaben zumutet, darf sich nicht wundern, wenn manche erst einmal auf die Bremse treten.

Dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig. Investitionen in Effizienz senken den Energieverbrauch. Eigene Erzeugung macht unabhängiger. Innovation schafft neue Produkte und Märkte. Moderne Kernprozesse erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit. Wenn genau diese Investitionen verschoben werden, wird das Problem nicht kleiner, sondern größer.

Hilden und der Kreis Mettmann brauchen starke Unternehmen. Nicht nur große Namen, sondern auch die vielen Mittelständler, Familienbetriebe, Handwerker und Dienstleister, die Arbeitsplätze schaffen und die Region tragen. Man kann nicht auf der einen Seite stolz auf den Wirtschaftsstandort sein und auf der anderen Seite seine Grundlagen immer teurer und komplizierter machen.

Vielleicht sollte man die Energiewende deshalb weniger als moralische Prüfung und mehr als wirtschaftliches Großprojekt betrachten. Großprojekte brauchen einen Plan, funktionierende Infrastruktur, Verantwortlichkeiten und realistische Kosten. Sonst passiert das, was auch bei manchem Bauprojekt passiert: Alle finden das Ziel gut, aber niemand möchte mehr anfangen.

Die Unternehmen im Kreis zeigen offenbar Bereitschaft. Sie investieren in Effizienz, eigene Energie und Klimaziele. Das ist positiv. Aber Bereitschaft allein reicht nicht, wenn die Rahmenbedingungen fehlen.

Die Energiewende braucht also nicht noch mehr erhobene Zeigefinger.

Sie braucht Strom, Netze, Genehmigungen und Verlässlichkeit.

Und idealerweise Preise, bei denen ein Unternehmer nicht erst tief durchatmen muss, bevor er die nächste Rechnung öffnet.

Denn wenn selbst Klimaschutzinvestitionen an den Energiekosten scheitern, ist endgültig etwas aus dem Takt geraten.

Oder, um es in Hildener Alltagssprache zu sagen:

Das Ziel ist richtig.

Die Umleitung dorthin könnte aber besser ausgeschildert sein.

Freitag, 14. August 2026

14.8.2026: Hilden ist besser als Düsseldorf – endlich sagt es mal jemand

Es gibt Sätze, die muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

**„Hilden ist besser als Düsseldorf.“**

Nein, das stammt nicht aus der Feder eines besonders patriotischen Hildeners nach dem dritten Altbier. Es ist das Urteil einer Unternehmerin, die ihr Kosmetikstudio ausgerechnet hier eröffnet und damit einen lang gehegten Traum verwirklicht.

Allein dafür hat sie eigentlich schon einen Begrüßungssekt verdient.

Denn seien wir ehrlich: In Hilden neigen wir manchmal dazu, uns kleiner zu machen, als wir sind. Wenn ein Geschäft schließt, heißt es sofort: „Die Innenstadt stirbt.“ Wenn irgendwo ein Ladenlokal leer steht, wird schon der Untergang des Einzelhandels ausgerufen. Und wenn Düsseldorf irgendwo eine neue Boutique eröffnet, schauen manche neidisch über die Stadtgrenze.

Dabei passiert in Hilden oft genau das Gegenteil.

Bestes Beispiel ist jetzt das Rathaus-Center. Dort, wo im vergangenen Jahr eine Boutique quasi über Nacht verschwand und die Schaufenster monatelang traurig in die Fußgängerzone blickten, zieht neues Leben ein. Statt leerem Ladenlokal gibt es künftig ein Kosmetikstudio.

Das ist zunächst einmal eine ganz normale Nachricht.

Oder?

Nicht ganz.

Denn hinter jeder Neueröffnung steckt jemand, der Geld investiert, Mut beweist und daran glaubt, dass Hilden als Standort funktioniert. In Zeiten, in denen überall über das Sterben der Innenstädte diskutiert wird, ist das alles andere als selbstverständlich.

Natürlich kann man jetzt sagen: „Noch ein Kosmetikstudio.“

Kann man.

Man könnte aber genauso sagen: Wieder entscheidet sich jemand ganz bewusst für unsere Stadt.

Und das finde ich eigentlich die spannendere Geschichte.

Besonders sympathisch fand ich den Satz der Betreiberin, sie habe sich schon seit der Corona-Zeit in Hilden verliebt und lange nach einem passenden Laden gesucht.

Das hört man als Hildener doch gerne.

Vor allem, wenn der Vergleichspartner Düsseldorf heißt.

Düsseldorf hat die Kö.

Hilden hat die Mittelstraße.

Düsseldorf hat den Medienhafen.

Hilden hat den Stadtpark.

Düsseldorf hat den Rheinturm.

Hilden hat ... nun gut ... den Wasserturm.

Und trotzdem sagt jemand freiwillig: „Hilden ist besser.“

Das geht runter wie ein Softeis vom Holterhof.

Natürlich ist das auch eine Frage der Perspektive. Wer ein inhabergeführtes Geschäft betreibt, sucht keine Millionenstadt mit astronomischen Mieten und anonymer Laufkundschaft. Viele Kunden schätzen gerade das Persönliche. Man kennt sich. Man grüßt sich. Man trifft sich samstags beim Bäcker oder auf dem Wochenmarkt wieder.

Genau das ist die Stärke Hildens.

Nicht spektakulär.

Aber angenehm.

Die neue Betreiberin dokumentiert den Umbau übrigens auf Instagram. Früher hing zur Neueröffnung vielleicht ein Luftballon vor der Tür. Heute verfolgt man live, wie gestrichen, dekoriert und eingerichtet wird. Willkommen im Jahr 2026.

Auch das gehört inzwischen zum Geschäftsmodell. Wer heute einen Laden eröffnet, verkauft nicht nur Dienstleistungen, sondern erzählt gleichzeitig seine Geschichte. Die Kunden lernen das Geschäft kennen, bevor es überhaupt geöffnet hat.

Gar nicht so dumm.

Und vielleicht steckt darin sogar eine kleine Lehre für unsere Innenstadt.

Erfolg entsteht heute nicht mehr nur durch ein schönes Schaufenster. Sichtbarkeit findet längst auf dem Smartphone statt. Wer dort präsent ist, wird auch in der Fußgängerzone eher wahrgenommen.

Natürlich bleibt abzuwarten, wie sich das Geschäft entwickelt. Eine Neueröffnung ist immer ein Wagnis. Miete, Personal, Konkurrenz, wirtschaftliche Unsicherheit – all das verschwindet nicht dadurch, dass man einen hübschen Blumenstrauß vor die Tür stellt.

Umso mehr Respekt verdient jeder, der diesen Schritt trotzdem geht.

Ich wünsche mir ohnehin, dass wir solche Geschichten häufiger erzählen.

Nicht immer nur über Leerstände.

Nicht nur über Geschäftsaufgaben.

Sondern auch über Menschen, die etwas wagen.

Denn davon lebt eine Innenstadt.

Ja, wir brauchen attraktive Geschäfte.

Ja, wir brauchen Gastronomie.

Ja, wir brauchen Besucher.

Aber vor allem brauchen wir Menschen, die an Hilden glauben.

Die Unternehmerin im Rathaus-Center tut genau das.

Und ganz ehrlich: Wenn jemand freiwillig sagt, Hilden sei besser als Düsseldorf, dann sollte die Stadt ihr vielleicht nicht nur die Gewerbeanmeldung überreichen.

Vielleicht bekommt sie irgendwann auch den inoffiziellen Hildener Integrationspreis.

Denn schöner kann man sich in einer neuen Heimat eigentlich kaum vorstellen.

Willkommen in Hilden.

Sie haben offenbar alles richtig gemacht.

Donnerstag, 13. August 2026

13.8.2026: Waldbrandstufe 4 – oder: Warum Hilden jetzt lieber die Kippe behält

Es gibt Nachrichten, die wirken auf den ersten Blick selbstverständlich und entfalten ihre eigentliche Wirkung erst beim zweiten Lesen. So ging es mir mit der Warnung der Hildener Feuerwehr vor der aktuellen Waldbrandgefahr. Im Kreis Mettmann gilt inzwischen Waldbrandstufe 4, die zweithöchste Warnstufe. Das klingt zunächst nach einer nüchternen Information. Bis Feuerwehrchef Hans-Peter Kremer den Satz sagt, der bei mir hängen geblieben ist: „Ich bekomme die Krise, wenn jemand eine Kippe aus dem Auto wirft.“ Ehrlich gesagt: Ich inzwischen auch.

Früher war eine weggeworfene Zigarettenkippe einfach nur eine Unsitte. Heute kann sie im schlimmsten Fall der Anfang eines Flächenbrandes sein. Verrückt, wie sich die Wahrnehmung verändert. Während wir früher bei Sonnenschein sofort an Freibad, Grillabend oder Biergarten gedacht haben, überlegen wir heute zuerst, ob der Wald überhaupt noch genügend Feuchtigkeit hat. Willkommen im Sommer 2026.

Die Ranger im Kreis sind derzeit unterwegs und stellen Warnschilder auf. Rund fünfzig Stück sollen es werden. Das finde ich grundsätzlich gut, auch wenn ich mich frage, ob sich derjenige, der trotz Trockenheit unbedingt grillen möchte, wirklich von einem Schild überzeugen lässt. Wer bei Waldbrandstufe 4 auf die Idee kommt, zwischen zwei Kiefern gemütlich die Kohlen anzuheizen, wird vermutlich auch an einem roten Warnschild vorbeigehen und denken: „Ach, das gilt bestimmt nur für die anderen.“

Dabei sind die Regeln eigentlich kinderleicht. Nicht rauchen. Kein offenes Feuer. Nicht auf trockenem Gras parken. Die Feuerwehrzufahrten freihalten. Mehr verlangt niemand. Eigentlich müsste das selbstverständlich sein. Eigentlich.

Besonders die Geschichte mit den Zigarettenkippen beschäftigt mich. Ich habe ohnehin nie verstanden, warum manche Autofahrer ihr Fenster offenbar ausschließlich öffnen, um ihre Kippe auf die Straße zu schnippen. Offenbar gibt es Menschen, die glauben, der Straßenrand sei der größte Aschenbecher Deutschlands. Das war schon immer rücksichtslos. In diesem Sommer ist es zusätzlich brandgefährlich. Ein kleiner glimmender Stummel reicht unter Umständen aus, um trockenes Gras oder ein Stoppelfeld in Brand zu setzen. Aus einer Gedankenlosigkeit kann innerhalb weniger Minuten ein Großeinsatz werden.

Dabei sind Wald- und Feldbrände alles andere als einfach zu bekämpfen. Wind, trockene Vegetation und unwegsames Gelände sorgen dafür, dass sich Flammen rasend schnell ausbreiten. Die Feuerwehr übt solche Einsätze nicht, weil sie besonders spektakulär aussehen, sondern weil sie weiß, wie schwierig sie im Ernstfall sind. Interessant fand ich übrigens den Hinweis, dass die größte Waldbrandgefahr gar nicht zwingend im Hochsommer besteht, sondern häufig schon im Frühjahr. Wieder etwas gelernt. Die Natur hält sich eben nicht an unseren Kalender.

Parallel gilt im Kreis Mettmann weiterhin das Verbot, Wasser aus Bächen, Seen oder Teichen zu entnehmen. Verständlich. Wasser ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Und genau da musste ich schmunzeln. Vor wenigen Tagen haben wir noch darüber diskutiert, warum der Stadthallenteich komplett leergepumpt wurde, damit die Fontänen wieder funktionieren. Jetzt wird überall zum Wassersparen aufgerufen. Kommunalpolitik ist manchmal wirklich eine Disziplin für sich. Einerseits soll möglichst jeder Tropfen erhalten bleiben, andererseits muss Wasser eingesetzt werden, damit andere Dinge nicht kaputtgehen. Ganz einfach ist das alles offenbar nicht.

Währenddessen kämpfen manche Nachbarn immer noch verbissen um den Titel des grünsten Rasens der Straße und lassen ihre Sprenger laufen, als ginge es um die Qualifikation für die Bundesliga der Vorgärten. Dabei wird der Rasen irgendwann wieder grün. Ein abgebrannter Wald dagegen braucht Jahrzehnte, um sich zu erholen.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Sommers. Wir müssen gar keine Helden sein. Niemand erwartet Großtaten. Es reicht schon, ein bisschen mitzudenken. Die Zigarette gehört in den Aschenbecher und nicht aus dem Autofenster. Das Auto gehört auf Asphalt und nicht auf eine ausgetrocknete Wiese. Wer Rauch entdeckt, ruft lieber einmal zu viel die 112 als einmal zu wenig. Und vielleicht verschieben wir den romantischen Lagerfeuerabend einfach auf einen Herbsttag, an dem die Natur wieder durchatmen kann.

Eigentlich wünsche ich der Hildener Feuerwehr für den Rest des Sommers nichts anderes als möglichst viel Langeweile. Sie dürfte sich gerne über Einsätze beschweren, die gar nicht erst stattfinden. Dann können wir uns stattdessen wieder den wirklich wichtigen Hildener Themen widmen: dem VfB 03 in der Regionalliga, dem neuen Eisautomaten auf Gut Holterhof oder der Frage, wann die berühmte Leuchtreklame „Hilden, was liegt näher“ endlich wieder an der Mittelstraße hängt.

Bis dahin gilt: Behaltet die Kippe einfach bei euch. Hans-Peter Kremer bekommt dann keine Krise, der Wald bleibt stehen – und wir alle kommen hoffentlich ohne die Schlagzeile aus, die niemand lesen möchte.

Mittwoch, 12. August 2026

12.8.2026: Der Teich war leer – oder: Wenn Hilden Wasser ablässt, damit Wasser sprudelt

Hilden hat in diesem Sommer ein besonderes Talent entwickelt: Aus scheinbar einfachen Dingen werden erstaunlich komplizierte Geschichten. Der Gelbe Sack darf nicht in die Gelbe Tonne. Der Büdchentag fällt aus, findet aber trotzdem statt. Der Europaplatz bleibt ein Provisorium mit Zukunftshoffnung. Die Bahn wird vielleicht ab 2028 gesperrt, vielleicht auch später. Und nun kommt der Stadthallenteich dazu.

Der war plötzlich leer.

Mitten in der Hitzeperiode.

In einer Zeit, in der über Wasserknappheit gesprochen wird, in der der Kreis Mettmann das Abpumpen von Wasser aus Bächen, Teichen und natürlichen Seen verboten hat und in der man in Haan sogar das Plantschen im Brunnen am Neuen Markt untersagen musste, weil dort zuvor 25.000 Liter Wasser ausgetauscht werden mussten.

Und dann steht man in Hilden an der Stadthalle und denkt: Moment mal, wo ist eigentlich das Wasser hin?

Am Mittwoch, 29. Juli, war der Teich an der Stadthalle kurzzeitig leer. Kein Wasser zu sehen. Kein vertrautes Spiegeln, kein Entenidyll, kein Fontänenplätschern. Einfach ein Teich ohne Teichgefühl. Am Freitag war dann alles wieder wie gewohnt: Wasser drin, Enten drauf, Fontänen an. Hilden konnte aufatmen. Der Teich sah wieder aus wie Teich.

Aber natürlich blieb die Frage: Musste das sein?

Die Stadt sagt: ja.

Der Grund waren die Fontänen. Zuletzt seien die Wasserstrahlen unregelmäßig ausgefallen. Das klingt im ersten Moment harmlos. Eine Fontäne, die nicht richtig sprudelt, wirkt nicht gerade wie ein kommunaler Notfall. Man könnte meinen: Dann sprudelt sie eben mal nicht. Hilden hat auch schon andere Dinge ausgehalten. Parkschilder verschwinden, Ampeln altern, der Europaplatz wartet auf 2030 – da wird eine schwächelnde Fontäne doch nicht gleich die Stadtordnung erschüttern.

Aber so einfach ist es nicht.

Denn die Fontänen sehen nicht nur hübsch aus. Sie bringen Sauerstoff ins Wasser. Und genau das ist bei hohen Temperaturen wichtig, damit der Teich nicht umkippt. Ein umgekippter Teich ist kein poetisches Bild, sondern eine ziemlich unangenehme Sache. Dann wird aus Wasser Lebensraum im Krisenmodus. Algen, Sauerstoffmangel, Geruch, tote Fische – all das möchte niemand vor der Stadthalle haben.

Die Fontäne ist also nicht nur Deko.

Sie ist gewissermaßen die Atemhilfe des Teichs.

Hinzu kam: Die Pumpe wird durch den Wasserdurchfluss gekühlt. Wenn der Durchfluss sinkt, kann die Pumpe Schaden nehmen. Also musste die Ansaugöffnung gereinigt werden. Dafür wiederum musste der Teich entleert werden. So erklärt es die Stadt.

Und damit haben wir wieder eine typische Hildener Abwägung: Wasser sparen oder Wasser austauschen, damit die Pumpe weiterläuft und der Teich nicht kippt. Auf dem Papier nachvollziehbar. In der öffentlichen Wahrnehmung heikel. Denn wenn draußen Hitze herrscht und überall über Wasserknappheit gesprochen wird, sieht ein leergepumpter Teich erst einmal nicht nach kluger Vorsorge aus, sondern nach: „Haben wir nicht gerade gesagt, Wasser sei knapp?“

Das Problem ist weniger die technische Begründung als das Bild.

Ein leerer Teich ist ein starkes Bild. Stärker als jede Erklärung. Menschen sehen Wasserverlust, bevor sie Pumpenkühlung denken. Sie sehen Trockenheit, bevor sie Ansaugrohr hören. Sie sehen eine Fontäne, die wieder sprudeln soll, und fragen sich, wie viel Wasser dafür geopfert wurde.

Und genau diese Frage konnte die Stadt nicht beantworten. Wie viel Wasser fasst der Teich an der Stadthalle? Unklar. Wegen der unregelmäßigen Form lasse sich das Fassungsvermögen nachträglich nicht berechnen. Es dürfte aber wegen der Größe des Teichs ein Vielfaches der 25.000 Liter sein, die der Brunnen in Haan fasst.

Das ist natürlich kommunikativ schwierig.

Denn „ein Vielfaches von 25.000 Litern, aber genau wissen wir es nicht“ ist kein Satz, der Vertrauen automatisch auffüllt. Hilden kann Glasfaser verlegen, Regionalliga organisieren, Kochschulen eröffnen und Eisautomaten betreiben, aber beim eigenen Stadthallenteich heißt es: unregelmäßige Form, schwer zu sagen.

Man versteht, dass ein Teich kein Messbecher ist. Aber wenn man ihn komplett leert und neu befüllt, wäre eine grobe Größenordnung schon hilfreich. Gerade in einer Zeit, in der jeder Rasensprenger misstrauisch betrachtet wird und Bäume, Grünflächen und Gewässer unter der Hitze leiden.

Vielleicht braucht Hilden jetzt also neben Starkregenkarten, Parkraumkonzepten und Verkehrsprüfungen auch eine städtische Teichvolumenoffensive. Arbeitstitel: „Wie viel Wasser steckt eigentlich in unseren Gewässern?“ Das klingt absurd, aber nach diesem Sommer würde es wahrscheinlich niemanden mehr wundern.

Denn Wasser ist längst ein politisches Thema geworden. Früher war ein Teich ein Teich. Heute ist er ein Symbol für Klimawandel, Pflegeaufwand, Wasserverbrauch, Sauerstoffeintrag, technische Infrastruktur und öffentliche Wahrnehmung. Die Fontäne plätschert nicht einfach. Sie steht mitten in einer Debatte.

Man kann die Stadt durchaus verstehen. Wenn die Pumpe kaputtgeht, wird es teuer. Wenn der Teich umkippt, wird es eklig, ökologisch problematisch und ebenfalls teuer. Wenn die Fontänen ausfallen, fehlt Sauerstoff. Wenn man nichts macht, heißt es später: Warum hat die Stadt nicht rechtzeitig gehandelt?

Handelt die Stadt aber, heißt es: Warum lässt sie bei Wasserknappheit den Teich ab?

Kommunalverwaltung ist manchmal die Kunst, zwischen zwei späteren Vorwürfen den weniger nassen auszuwählen.

Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Denn Wasser einfach abzulassen und anschließend neues Wasser einlaufen zu lassen, wirkt in einer Hitzephase wie ein Vorgang aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der Wasser immer selbstverständlich verfügbar war. Doch diese Selbstverständlichkeit bröckelt. Der Kreis Mettmann erlässt nicht aus Spaß eine Allgemeinverfügung. Hitzesommer, Trockenheit und niedrige Wasserstände verändern den Blick auf jede größere Wassermenge.

Vielleicht war die Maßnahme notwendig. Vielleicht gab es technisch keine Alternative. Vielleicht war das Ablassen tatsächlich der einzige Weg, um Ansaugöffnung, Sieb und Pumpe zu reinigen. Aber dann braucht es umso mehr Transparenz. Warum genau? Welche Alternativen wurden geprüft? Wie oft passiert so etwas? Kann man den Teich künftig so ausstatten, dass Reinigungen ohne Komplettleerung möglich sind? Lässt sich Wasser zwischenlagern oder teilweise wiederverwenden? Gibt es Messdaten zum Fassungsvermögen? Wie wird verhindert, dass das regelmäßig nötig wird?

Das sind keine Nörgelfragen. Das sind Fragen einer Stadt, die sich an heißere Sommer anpassen muss.

Hilden diskutiert derzeit viel über Klimaanpassung. Der Europaplatz wartet auf Fördermittel aus einem Programm zur Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel. Der Hoxbach bekommt Rückhalteanlagen. Mülltonnen sollen nicht in der Sonne gären. Die Müllabfuhr startet früher, um Beschäftigte zu schützen. Das Waldbad zählt 63.000 Badegäste, weil Menschen Abkühlung suchen. Und mitten in diese Reihe passt der Stadthallenteich sehr gut.

Er zeigt: Klimaanpassung ist nicht abstrakt. Sie sitzt im Alltag. In Pumpen. In Fontänen. In Wasserständen. In Enten. In Fragen, die vorher niemand gestellt hat.

Der Teich an der Stadthalle ist kein riesiger See, aber er ist sichtbar. Er liegt an einem zentralen Ort. Wenn dort etwas passiert, bemerken es die Menschen. Hilden hat eine ausgeprägte lokale Sensorik. Ein neues Schild? Wird gesehen. Eine gesperrte Straße? Wird kommentiert. Ein leerer Teich? Wird diskutiert. Und wenn dann zwei Tage später wieder Wasser drin ist, folgt automatisch die Frage, woher es kam, wie viel es war und ob das wirklich sein musste.

Das ist kein Misstrauen um des Misstrauens willen. Es ist ein Zeichen dafür, dass Bürgerinnen und Bürger genauer hinschauen. Gerade bei Ressourcen, die knapper werden.

Natürlich gibt es auch die praktische Seite. Am Freitag war der Teich wieder voll. Die Enten schwammen. Die Fontänen funktionierten. Das gewohnte Bild war zurück. Für viele dürfte damit die Sache erledigt sein. Teich leer, Teich voll, Fontäne sprudelt, weitergehen.

Aber ganz so einfach sollte man es sich nicht machen. Denn solche Vorfälle sind Lernmomente. Wenn ein Teich komplett entleert werden muss, weil eine Ansaugöffnung gereinigt werden soll, ist das vielleicht technisch normal. Vielleicht ist es aber auch ein Hinweis darauf, dass man bei künftigen Sanierungen, Wartungen oder technischen Anlagen anders planen muss. Wartungsfreundlicher. Wassersparender. Transparenter.

Hilden wird in den kommenden Jahren öfter vor solchen Fragen stehen. Wie pflegt man öffentliche Anlagen bei Hitze? Wie hält man Wasserflächen stabil? Wie schützt man Technik? Wie geht man sparsam mit Wasser um, ohne Grün und Gewässer aufzugeben? Wie erklärt man Maßnahmen so, dass nicht erst nach Kritik eine Begründung kommt?

Der Stadthallenteich könnte dafür ein kleines Lehrstück sein. Nicht dramatisch, aber aufschlussreich.

Denn die Stadt hatte einen guten Grund: Pumpe schützen, Sauerstoff sichern, Umkippen verhindern. Die Bürger hatten ebenfalls einen guten Punkt: Wasser ist knapp, Hitze ist da, komplette Entleerung wirkt fragwürdig, Menge unbekannt. Beide Perspektiven sind berechtigt. Genau deshalb braucht es gute Kommunikation.

Vielleicht hätte ein Schild am Teich geholfen: „Wasser wird wegen Pumpenreinigung abgelassen. Fontänen sichern Sauerstoffzufuhr. Neubefüllung bis Freitag.“ Hilden liebt Schilder zwar nicht immer, aber manchmal können sie Ärger vermeiden. Ein erklärender Hinweis vor Ort wäre besser gewesen als ein leerer Teich mit Fragezeichen.

Und vielleicht noch eine zweite Zeile: „Fassungsvermögen wird ermittelt.“

Das wäre ambitioniert, aber schön.

Am Ende bleibt eine Geschichte, die sehr nach Hilden klingt. Ein Teich wird leergepumpt, damit die Fontänen wieder laufen. Die Fontänen braucht der Teich, damit er bei Hitze nicht kippt. Die Pumpe braucht Wasser, damit sie nicht überhitzt. Die Bürger fragen, wie viel Wasser verbraucht wurde. Die Stadt kann es nicht sagen. Die Enten schwimmen wieder. Und irgendwo denkt jemand: „So viel Aufregung um ein bisschen Plätschern.“

Aber genau dieses Plätschern ist eben nicht egal.

Es steht für den Versuch, einen öffentlichen Ort in einer heißen Stadt funktionsfähig zu halten. Und es steht für die neue Sensibilität, dass Wasser nicht einfach da ist, nur weil man einen Hahn aufdreht.

Hilden hat also wieder etwas gelernt.

Ein Teich ist kein Messbecher.

Eine Fontäne ist keine Dekoration.

Eine Pumpe hat Kühlbedarf.

Und wenn man mitten in der Wasserknappheit Wasser ablässt, sollte man sehr gut erklären können, warum.

Am Freitag war der Stadthallenteich wieder voll.

Die Enten waren zurück.

Die Fontänen sprudelten.

Nur eine Frage schwimmt weiter mit:

Wie viel Wasser war das eigentlich?

Dienstag, 11. August 2026

11.8.2026: Das Waldbad zählt durch – oder: Wenn Hilden baden geht, aber im Juli plötzlich zögert

Hilden hat in diesem Sommer schon viel erlebt. Hitze, Müllgeruch, Eis-Automaten, Büdchentage, die ausfallen und trotzdem stattfinden, Regionalliga am Bandsbusch und die ewige Frage, ob der Gelbe Sack in die Gelbe Tonne darf. Nun kommt eine Nachricht, die deutlich erfrischender klingt: Das Waldbad hat bis Anfang August bereits rund 63.000 Badegäste gezählt.

63.000.

Das ist ungefähr so viel, wie im gesamten Vorjahr kamen. Nur dass der Sommer noch gar nicht vorbei ist. Das Waldbad hat noch bis zum 13. September geöffnet. Hilden hat also jetzt schon das Vorjahresniveau erreicht und kann sich theoretisch entspannt auf die Liegewiese legen. Wenn da nicht dieser merkwürdige Juli wäre.

Denn der Mai lief ordentlich mit knapp 11.000 Gästen. Der Juni war richtig stark mit etwa 33.600 Besucherinnen und Besuchern. Und dann kam der Juli. Heiß, sommerlich, Ferienbeginn, eigentlich perfektes Freibadwetter. Man hätte erwartet, dass Hilden in Badekleidung kollektiv Richtung Waldbad pilgert. Stattdessen kamen nur rund 19.000 Gäste.

Nur ist natürlich relativ. Für viele Einrichtungen wären 19.000 Menschen ein Grund, den Sekt kaltzustellen. Aber nach einem Juni mit 33.600 Gästen wirkt der Juli plötzlich wie ein Rätsel mit Chlorgeruch.

Dirk Bremermann, Leiter der Hildener Bäder, vermutet, dass Gewitterankündigungen eine Rolle gespielt haben. Und das ist sehr plausibel. Der moderne Freibadbesuch beginnt nicht mehr mit dem Blick aus dem Fenster, sondern mit dem Blick auf drei Wetter-Apps, die sich gegenseitig widersprechen. App eins sagt Sonne. App zwei sagt Gewitter ab 16 Uhr. App drei sagt „extreme Unwetter möglich“, obwohl draußen gerade nur eine Taube schwitzt.

Der Hildener reagiert darauf vernünftig. Oder zumindest vorsichtig. Man packt keine Badetasche, wenn man befürchtet, dass am Nachmittag der Himmel aufklappt. Besonders nicht, wenn man Kinder, Handtücher, Sonnencreme, Schwimmnudel, Snacks, Kleingeld, Wasserflasche und die eigene Restmotivation organisieren muss. Dann sagt man schnell: „Ach komm, wir bleiben heute lieber zu Hause.“

So entsteht das große Juli-Paradox: heiß genug fürs Freibad, aber unsicher genug für Zurückhaltung.

Hinzu kommt der Ferienbeginn. Viele waren vielleicht sofort weg. Wer kann es ihnen verdenken? Kaum beginnen die Sommerferien, verschwinden manche Familien so schnell aus Hilden, als würde am Ortseingang eine Urlaubsampel auf Grün springen. Nordsee, Ostsee, Spanien, Italien, Niederlande, Balkonien mit Ventilator – alles ist möglich. Und wer verreist ist, kann gleichzeitig nicht im Waldbad liegen. Selbst der treueste Hildener Badegast besitzt keine doppelte Liegewiese.

Trotzdem bleibt die Zwischenbilanz stark. 63.000 Badegäste bis zum 3. August sind ein Ausrufezeichen. Das Waldbad ist also nicht irgendein Randangebot, sondern eine zentrale Sommeradresse. Gerade bei Hitze wird es zu dem Ort, an dem Hilden kollektiv nach Abkühlung sucht. Während anderswo über Klimaanpassung, Schattenplätze und Hitzeschutz gesprochen wird, machen viele Menschen das Naheliegende: Sie springen ins Wasser.

Oder sie legen sich zumindest in die Nähe davon.

Das Waldbad hat dabei einen besonderen Charakter. Es ist laut Bäderleiter ein eher ruhiges Familienbad. Das klingt fast schon nach einem Qualitätssiegel. In einer Zeit, in der viele Freibäder bundesweit mit Konflikten, Überfüllung und Sicherheitsdebatten in Verbindung gebracht werden, ist „ruhiges Familienbad“ eine sehr schöne Beschreibung. Natürlich gab es kleinere Streitereien. Aber kleinere Streitereien gehören zum Freibad wie Pommesgeruch, nasse Haare und die Frage, wer den Ball ins Becken geworfen hat.

An den Wochenenden ist Sicherheitspersonal vor Ort, an besonders heißen Tagen auch zusätzlich. Das habe ausgereicht. Auch das ist beruhigend. Das Waldbad scheint also voll genug zu sein, um erfolgreich zu sein, aber nicht so problematisch, dass man den Badebetrieb als gesellschaftliches Krisenexperiment bezeichnen müsste.

Hilden kann also baden.

Und offenbar halbwegs friedlich.

Das ist nicht selbstverständlich.

Interessant sind auch die Öffnungszeiten. Täglich von 11 bis 18.30 Uhr. Genau darüber wurde ja bereits diskutiert. Für Familien, Kinder und Feriengäste mag das funktionieren. Für Berufstätige ist 18.30 Uhr als Ende allerdings weiterhin ein Thema. Wer bis 17 Uhr arbeitet, muss schon sehr entschlossen sein, um noch Badehose, Handtuch und Feierabendlogistik zu koordinieren. Da bleibt dann eher ein symbolischer Sprung ins Wasser als ein entspannter Freibadabend.

Vielleicht erklärt auch das einen Teil der Juli-Zahlen. Wenn es tagsüber heiß ist, aber viele Menschen arbeiten, wären längere Abendzeiten attraktiv. Gerade an stabilen Sommertagen könnte das Waldbad nach Feierabend noch einmal richtig interessant werden. Der Wunsch vieler Hildenerinnen und Hildener nach längeren Öffnungszeiten kommt also nicht aus dem Nichts. Er kommt aus dem Alltag.

Erwachsene zahlen 6,70 Euro, Kinder von vier bis 16 Jahren 3,50 Euro. Das ist für einen Freibadbesuch noch vertretbar, aber bei Familien summiert es sich. Wer mit mehreren Kindern kommt, dazu vielleicht noch Getränke, Eis oder Snacks einplant, merkt schnell: Freibad ist Freude, aber nicht kostenlos. Umso wichtiger ist, dass der Besuch dann zeitlich auch passt.

Trotzdem: Die Zahlen sprechen für sich. Das Waldbad ist beliebt. Vielleicht sogar beliebter, als manche Debatten vermuten lassen. 63.000 Gäste bis Anfang August zeigen, dass Hilden dieses Bad braucht. Es ist nicht nur ein Freizeitangebot, sondern ein Stück städtische Sommerinfrastruktur. So wie Trinkwasserstellen, Schatten, Parks und funktionierende Müllabfuhr bei Hitze wichtig werden, wird auch das Freibad wichtiger.

Man kann bei hohen Temperaturen natürlich zu Hause bleiben, Rollos runter, Ventilator an, Wassermelone in den Kühlschrank. Aber irgendwann reicht das nicht mehr. Dann braucht man Wasser, Platz, Himmel, Wiese und dieses spezielle Geräusch aus Stimmen, Planschen und entfernten Durchsagen. Freibad ist nicht nur Abkühlung, sondern Sommergefühl.

Das Foto im Artikel zeigt das Waldbad ziemlich leer. Der Text sagt aber: So leer war es selten. Das ist auch ein schönes Hildener Bild. Man zeigt Ruhe, während die Statistik Andrang meldet. Vielleicht ist das die Idealvorstellung: volle Zahlen, aber leere Liegewiese. Ein Bad, das wirtschaftlich erfolgreich ist, ohne sich anzufühlen wie ein Handtuchkrieg im Hochsommer.

Der August soll nun die Bilanz weiter verbessern. Das Wetter ist nicht mehr ganz so heiß, dafür stabiler. Und vielleicht ist genau das besser. Viele Menschen mögen Sonne, aber keine Hitzewarnung. Warm ja, Backofen nein. Freibadwetter ist idealerweise 27 Grad, blauer Himmel, leichte Brise und keine Gewitterwarnung, die einem ab 15 Uhr droht, die Schwimmflügel vom Arm zu blasen.

Wenn der August stabil bleibt, könnte das Waldbad noch einmal kräftig zulegen. Bis zum 13. September ist Zeit. Und wer weiß: Vielleicht wird am Ende eine Zahl erreicht, die deutlich über dem Vorjahr liegt. Dann hätte Hilden ein Freibad-Jahr, das nicht nur meteorologisch, sondern auch statistisch in Erinnerung bleibt.

Man darf aber auch die andere Seite sehen: Viele Gäste bedeuten viel Arbeit. Reinigung, Aufsicht, Technik, Kasse, Sicherheit, Wasserqualität, Liegewiesen, Sanitäranlagen, Kommunikation. Ein Freibad läuft nicht von selbst, auch wenn es an heißen Tagen manchmal so aussieht, als sei es einfach nur da. Hinter jedem Badetag steht Organisation. Und wenn 63.000 Menschen kommen, kommen auch 63.000 kleine Nutzungen, Fragen, Handtücher, Pommeswünsche, verlorene Badelatschen und Diskussionen am Beckenrand.

Das Waldbad-Team hat also ebenfalls einen starken Sommer hinter sich. Oder besser: mittendrin. Denn vorbei ist er noch nicht.

Für Hilden ist die Nachricht insgesamt erfreulich. Während andere Themen oft nach Problem klingen – Bahnsperrung, Europaplatz-Provisorium, Mülltonnenhitze, Parkplatzärger – kommt hier etwas Positives. Das Waldbad funktioniert. Es wird angenommen. Es bleibt weitgehend ruhig. Es bietet Abkühlung. Und es zeigt, dass öffentliche Freizeitorte enorm wichtig sind.

Vielleicht sollte man aus dieser Saison einige Fragen mitnehmen. Warum war der Juni so stark? Warum war der Juli trotz Hitze schwächer? Welche Rolle spielen Wetterwarnungen? Wie wichtig sind Ferienreisen? Würden längere Öffnungszeiten mehr Berufstätige bringen? Braucht es flexiblere Abendangebote an stabilen heißen Tagen? Und wie kann man die hohe Nachfrage so steuern, dass das Waldbad weiter ein ruhiges Familienbad bleibt?

Das sind keine Kleinigkeiten. Sie entscheiden darüber, wie das Waldbad künftig wahrgenommen wird. Denn wenn ein Bad so viele Menschen anzieht, ist es ein echtes städtisches Asset. Nicht nur ein Becken mit Liegewiese, sondern ein Ort, an dem Lebensqualität entsteht.

Am Ende bleibt aber vor allem ein schöner Satz: Der Sommer ist noch nicht vorbei.

Hilden kann also weiter baden. Weiter zählen. Weiter hoffen, dass der August stabil bleibt. Weiter darüber diskutieren, ob 18.30 Uhr wirklich Feierabend genug ist. Weiter kleine Streitereien klein halten. Weiter Handtücher ausbreiten, Sonnencreme vergessen, Pommes essen und überlegen, ob man noch einmal ins Wasser geht oder nur so tut.

63.000 Badegäste sind schon da gewesen.

Der Rest des Sommers steht noch am Beckenrand.

Und wenn das Wetter mitspielt, wird Hilden weiter zeigen, dass es bei Hitze nicht nur müffelnden Müll, frühe Tonnen und Eis-Automaten gibt.

Sondern auch ein Waldbad, das offenbar genau das ist, was eine Stadt im Sommer braucht:

voll genug, um erfolgreich zu sein.

Und ruhig genug, um gerne wiederzukommen.

Montag, 10. August 2026

10.8.2026: Der Büdchentag fällt aus und findet trotzdem statt – oder: Wenn Hilden einfach weitergrillt

Hilden hat wieder einmal bewiesen, dass diese Stadt ein besonderes Verhältnis zu Klarheit hat. Der Büdchentag fällt aus. Also offiziell. Aber er findet statt. Also praktisch. Nicht überall. Aber am Stadtpark. Nicht als städtischer Büdchentag. Aber als dritter Büdchentag. Mit Minigolf, Grillstand, Mitmachzirkus und DJ Frank.

Willkommen in Hilden, wo selbst eine Absage noch ein Veranstaltungsprogramm hat.

Die Stadt hat auf Nachfrage mitgeteilt, dass es in diesem Jahr keinen offiziellen Büdchentag geben wird. Der Grund: geringe Beteiligung der Büdchen im Stadtgebiet. Bei der Premiere 2024 waren noch sieben Büdchen dabei, im vergangenen Jahr nur noch fünf, und das Wetter hatte zusätzlich beschlossen, den Veranstaltern einen kräftigen Strich durch die Rechnung zu machen. Regen ist im Rheinland zwar kein ungewöhnlicher Gast, aber bei einem Büdchentag im Freien ungefähr so hilfreich wie eine defekte Zapfanlage beim Schützenfest.

Nun also kein offizieller Büdchentag 2026.

Aber der Kiosk am Stadtpark macht trotzdem weiter.

Und das ist eigentlich eine sehr Hildener Geschichte. Denn während auf offizieller Ebene vernetzt, geprüft, abgewogen und für die Zukunft offengelassen wird, sagt vor Ort jemand: „Wir machen das jetzt einfach.“ Das ist nicht gegen die Stadt gerichtet. Das ist eher die praktische Ergänzung zur Verwaltungssprache. Die Stadt formuliert: „Die letztjährig teilnehmenden Büdchen können eigenständig Datum und Umfang festlegen.“ Der Kiosk übersetzt: „Samstag, 8. August, 12 bis 22 Uhr, kommt vorbei.“

Manchmal braucht Stadtleben genau diese Übersetzung.

Der offizielle Büdchentag war als schöne Idee gestartet. Hildenerinnen und Hildener sollten die Büdchenkultur der Stadt erkunden. Und Büdchenkultur ist im Rheinland kein Nebenthema. Ein Büdchen ist nicht einfach ein Verkaufsstand mit Getränken, Süßigkeiten und Zeitschriften. Ein Büdchen ist Alltagsinfrastruktur. Es ist Treffpunkt, Notfallversorgung, Gesprächsort, Kaltgetränkezentrale, Paketannahme inoffizieller Art, Stadtteilradar und manchmal die kleinste soziale Einrichtung im Viertel.

Wer wissen will, was in einer Stadt los ist, kann ins Rathaus gehen. Wer wissen will, was wirklich los ist, stellt sich ans Büdchen.

Deshalb ist es schade, dass der offizielle Büdchentag nicht genügend Mitstreiter gefunden hat. Sieben Büdchen bei der Premiere, fünf im Folgejahr, nun keine städtische Gesamtveranstaltung mehr. Das klingt nach einem kleinen Rückzug. Vielleicht war der Aufwand zu groß, vielleicht der Nutzen für manche Betreiber zu gering, vielleicht fehlte die Zeit, vielleicht passte das Format nicht für alle. Ein Büdchen zu betreiben ist schließlich keine romantische Nebentätigkeit, sondern harte Alltagsarbeit. Öffnungszeiten, Einkauf, Kundschaft, Wetter, Preise, Personal, Konkurrenz, Bürokratie – da plant man nicht nebenbei noch ein Kulturfestival, nur weil es sympathisch klingt.

Und doch: Dass der Kiosk am Stadtpark unbeirrt sein Programm durchzieht, hat Charme. Es ist fast trotzig, aber freundlich trotzig. So nach dem Motto: Wenn der große Büdchentag nicht kommt, machen wir eben einen kleinen. Und wenn nur einer tanzt, ist es immer noch Musik.

Am Samstag, 8. August, soll der Stadtpark von 12 bis 22 Uhr belebt werden. Ab 12 Uhr gibt es Minigolf für einen Euro und einen Grillstand. Das allein reicht in Hilden schon für erste Bewegungen. Minigolf für einen Euro ist ein Preis aus einer Zeit, in der man noch glaubte, ein Freibadbesuch sei eine spontane Kleinigkeit und keine Haushaltsposition. Und ein Grillstand hat ohnehin eine magische Wirkung. Man kann noch so fest behaupten, man habe keinen Hunger – sobald Bratwurstduft durch den Stadtpark zieht, beginnt die innere Verhandlung.

Ab 14 Uhr kommt der Mobile Mitmachzirkus Hilden. Auf der großen Rasenfläche werden die Zirkuskisten ausgepackt, und bis 18 Uhr dürfen Kinder spielen, probieren, staunen und vermutlich Dinge werfen, fangen, balancieren oder fallen lassen. Genau so muss das sein. Ein Mitmachzirkus ist keine Hochglanzshow, bei der Kinder still sitzen und Erwachsene Eintrittskarten festhalten. Ein Mitmachzirkus ist Bewegung. Chaos mit pädagogischem Kern. Mutprobe mit Jonglierball. Stolz nach drei Sekunden Balance. Und Eltern, die am Rand stehen und sagen: „Toll gemacht“, auch wenn sie nicht ganz verstanden haben, was gerade genau toll war.

Der Stadtpark ist dafür ein guter Ort. Er braucht Leben. Er braucht Familien, Kinder, Musik, Essensduft, Lachen und Menschen, die nicht nur durchgehen, sondern bleiben. Ein Park wird nicht automatisch lebendig, nur weil er Grünfläche heißt. Er wird lebendig, wenn etwas passiert. Wenn sich Menschen begegnen. Wenn Kinder den Raum nutzen. Wenn Erwachsene nicht nur meckern, sondern Platz nehmen.

Die Stadt hatte offenbar selbst den Wunsch formuliert, der Stadtpark möge mit Familienevents belebt werden. Nun passiert genau das – nur eben nicht mehr als offizieller städtischer Büdchentag, sondern als eigenständige Aktion des Kiosks am Stadtpark. Das ist ein kleines organisatorisches Paradox, aber ein schönes. Die Stadt sagt: Bitte belebt den Park. Der Kiosk sagt: Machen wir. Die Stadt sagt: Der offizielle Büdchentag fällt aus. Der Kiosk sagt: Unserer nicht.

So entsteht manchmal Stadtleben.

Von 17 bis 22 Uhr übernimmt dann DJ Frank mit Schlager und Disco-Musik. Spätestens hier wird aus dem Familiennachmittag ein Hildener Abendformat. Die Kinder sind langsam müde, die Erwachsenen werden mutiger, und irgendwo wird jemand sagen: „Eigentlich wollten wir nur kurz bleiben.“ Das ist der klassische Beginn jeder Veranstaltung, die später deutlich länger dauert.

Schlager und Disco im Stadtpark sind eine sichere Mischung. Schlager sorgt dafür, dass Leute mitsingen, die angeblich nie Schlager hören. Disco sorgt dafür, dass Menschen mit Knieproblemen plötzlich Bewegungen machen, die sie am nächsten Morgen erklären müssen. Und DJ Frank wird vermutlich genau wissen, wann man Hilden mit ABBA, Boney M. oder irgendeinem Refrain erwischt, bei dem niemand mehr behaupten kann, er kenne den Text nicht.

Man könnte jetzt fragen: Ist das noch ein Büdchentag, wenn nur ein Büdchen wirklich mitmacht?

Die Antwort lautet: Vielleicht nicht im offiziellen Sinn. Aber im Hildener Sinn schon. Denn ein Büdchentag muss nicht zwingend aus sieben Stationen, Stadtplan, Organisationsstruktur und Pressemappe bestehen. Er kann auch aus einem Ort bestehen, der sagt: Wir öffnen, wir grillen, wir holen den Zirkus, wir stellen Musik an, und wer kommt, gehört dazu.

Natürlich wäre ein großer stadtweiter Büdchentag schön gewesen. Mehrere Büdchen, verschiedene Viertel, Menschen auf Entdeckungstour, eine kleine Hommage an die Alltagskultur. Aber wenn das nicht klappt, ist die kleine Lösung besser als gar keine. Stadtleben braucht nicht immer Vollformat. Manchmal reicht ein guter Anfang. Oder ein hartnäckiges Weitermachen.

Vielleicht ist der Kiosk am Stadtpark damit sogar näher am Kern der Büdchenkultur als ein perfekt organisiertes städtisches Format. Ein Büdchen lebt von Direktheit. Es fragt nicht lange, ob ein Arbeitskreis eingerichtet werden muss. Es macht auf. Es stellt Getränke kalt. Es kennt seine Leute. Es hängt einen Zettel aus. Es improvisiert. Genau das passiert hier.

Der offizielle Büdchentag fällt aus, aber der Geist des Büdchentags bleibt stehen. Wahrscheinlich mit Grillzange in der Hand.

Für Hilden ist diese Geschichte auch deshalb typisch, weil sie das Verhältnis zwischen offizieller Planung und lokaler Initiative zeigt. Die Stadt kann Rahmen setzen, vernetzen, organisieren oder eben auch absagen. Aber sie kann nicht jedes Stück Leben selbst produzieren. Dafür braucht es Menschen vor Ort, die Lust haben, etwas anzustoßen. Betreiber, Vereine, Ehrenamtliche, Nachbarn, DJs, Zirkusanleiterinnen, Familien. Stadt ist kein Verwaltungsprodukt. Stadt ist das, was passiert, wenn Menschen etwas machen.

Und hier macht jemand etwas.

Das sollte man anerkennen.

Natürlich wird auch dieser kleine Büdchentag nicht alle Probleme lösen. Der Stadtpark wird danach nicht automatisch zum dauerhaft belebten urbanen Paradies. Die Büdchenkultur wird nicht mit einem Grillstand gerettet. Und DJ Frank kann vermutlich auch nicht im Alleingang die Beteiligungsquote der Hildener Kioske erhöhen. Aber für einen Samstag im August ist das völlig egal. Da zählt, ob Menschen kommen, ob Kinder Spaß haben, ob die Wurst schmeckt, ob Minigolf funktioniert und ob der Stadtpark für ein paar Stunden das wird, was er sein soll: ein Ort für Hilden.

Vielleicht wird das sogar ein Signal. Vielleicht merken andere Büdchen: Man muss nicht alles riesig machen. Vielleicht reicht es, im eigenen Umfeld etwas Kleines auf die Beine zu stellen. Vielleicht entsteht daraus im nächsten Jahr wieder ein größeres Format. Oder mehrere kleine. Oder ein lockeres Netzwerk. Oder einfach die Erkenntnis, dass Büdchentag nicht unbedingt zentral gesteuert werden muss, solange die Büdchen selbst Lust haben.

Die Stadt hat offen gelassen, ob und in welchem Umfang sie künftig wieder einen Büdchentag organisiert. Das klingt nach klassischer Hildener Zukunftsformel: Nichts ist ausgeschlossen, aber bitte noch nicht festnageln. Bis dahin übernimmt der Kiosk am Stadtpark die praktische Seite.

Und vielleicht ist das auch ganz gut so.

Denn Hilden braucht nicht immer die große offizielle Lösung. Manchmal braucht Hilden einen Ort, der nicht wartet. Einen Kiosk, der sagt: „Wir machen trotzdem.“ Einen Stadtpark, der für zehn Stunden lebendig wird. Kinder, die Zirkus spielen. Erwachsene, die zu Schlager und Disco wippen. Menschen, die beim Minigolf für einen Euro feststellen, dass sie immer noch zu ehrgeizig sind. Und einen Grillstand, der den Nachmittag zusammenhält.

Der Büdchentag fällt also aus.

Aber nur, wenn man sehr amtlich denkt.

Wer praktisch denkt, geht am 8. August zum Stadtpark.

Dort wird gegrillt, gespielt, getanzt und gelebt.

Und manchmal ist genau das die schönste Antwort auf eine offizielle Absage.

Sonntag, 9. August 2026

9.8.2026: Der Bandsbusch ist jetzt Regionalliga – oder: Wenn Hilden plötzlich ausverkauft ist

Hilden hat am Samstag gelernt, dass Regionalliga nicht nur Fußball ist. Regionalliga ist Polizei, Ordner, Ehrenamt, Fantrennung, lange Kassenschlangen, ausverkaufte Tribüne, Cateringkritik, Parkplatzärger, Nachbarschaftsnerven und die Erkenntnis, dass ein Verein manchmal schneller wächst als seine Infrastruktur.

Der VfB 03 Hilden hat sein erstes Heimspiel in der Regionalliga West erlebt. Und man muss sagen: Der Bandsbusch hat bestanden. Vielleicht nicht mit Sternchen in jeder Kategorie, aber doch mit einem ordentlichen „Läuft schon gut“ im Klassenbuch des Amateurfußballs, der plötzlich gar nicht mehr so amateurhaft organisiert sein darf.

Der Auftakt gegen den 1. FC Bocholt lockte viele Fans auf die Anlage. Große Polizei-Präsenz, professionelle Sicherheitsdienste, rund 45 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des VfB, ausverkaufte Tribüne, 240 Dauerkarten im Vorfeld, 300 Tickets im Vorverkauf – das klingt nicht mehr nach gemütlichem Oberliga-Samstag mit Bratwurst, Handschlag und „stell dich da noch irgendwo hin“. Das klingt nach vierter Liga. Nach Anforderungskatalog. Nach Sicherheitskonzept. Nach Regionalliga-Realität.

Und genau das ist neu für Hilden.

Der Bandsbusch war immer ein vertrauter Fußballort. Man kannte Wege, Abläufe, Gesichter. Wer regelmäßig kam, wusste, wo man steht, wo man jemanden trifft, wo es eng wird und wo man noch schnell durchkommt. Aber mit dem Aufstieg verändert sich der Maßstab. Plötzlich kommen Gegner mit größerem Fananhang. Plötzlich werden Vereine in Kategorien eingeteilt. Bocholt zählt beim Verband zur Gelb-Kategorie, was zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen auslöst. Gelb kennen Hildener sonst vom Sack, der nicht in die Tonne darf. Nun also auch im Fußball.

Aber anders als bei manchen Müllfragen blieb es am Bandsbusch entspannt. Von Randale keine Spur. Die Stimmung war trotz Rivalität friedlich. Das ist wichtig. Denn bei aller Organisation, Polizei und Sicherheitslogik: Fußball lebt davon, dass Menschen gemeinsam ein Spiel anschauen können, ohne dass daraus ein Ausnahmezustand wird. Der VfB hat hier offenbar einen guten ersten Eindruck hinterlassen.

Sogar eine kleine Überraschung gab es: Einige Bocholter Fans hatten im Online-Verkauf Plätze auf der Hildener Tribüne erworben. Das ist im Fußball etwa so, als würde man beim Familienfest aus Versehen die Schwiegerverwandtschaft an den falschen Tisch setzen. Es kann gutgehen, muss aber gesteuert werden. Der VfB reagierte pragmatisch: Linken Bereich abgesperrt, zwei Ordner dazu, Problem gelöst. Für die Zukunft will Vorsitzender Daniel Wittke mit Fanbeauftragten im Vorfeld noch deutlicher über die Trennung der Zuschauerbereiche sprechen.

Man sieht: Regionalliga heißt auch, dass man aus jedem Spiel lernt. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch an der Kasse, am Eingang, auf der Tribüne und am Zaun.

Wittkes Fazit fiel positiv aus. Der Verein sei gut vorbereitet gewesen, die Erfahrungen aus Spielen gegen Rot-Weiss Essen und Fortuna Düsseldorf hätten geholfen, die Abläufe hätten funktioniert, alle seien pünktlich am Platz gewesen. Das klingt schlicht, ist aber in Wahrheit ein riesiger Erfolg. Wer einmal ehrenamtlich Veranstaltungen organisiert hat, weiß: Wenn alle pünktlich am Platz sind, ist das fast schon ein kleines Wunder.

Der VfB 03 hat dabei eine bemerkenswerte Aufgabe. Er muss Regionalliga organisieren, ohne seine Vereinsseele zu verlieren. Professioneller werden, ohne steril zu werden. Sicherheitsauflagen erfüllen, ohne die Atmosphäre kaputtzumachen. Gästefans empfangen, Anwohner beruhigen, Mitglieder einbinden, Ehrenamtliche koordinieren, Karten verkaufen, Tribünenplätze verwalten und nebenbei auch noch Fußball spielen.

Das ist viel.

Und das alles auf einer Anlage, die über Jahre für andere Größenordnungen gedacht war. Eine Tribüne mit 400 verfügbaren Sitzplätzen klingt ordentlich – bis sie beim ersten Heimspiel ausverkauft ist. Dann wird aus „schön, dass wir Sitzplätze haben“ sehr schnell „leider nein, ausverkauft“. Einige Leute mussten enttäuscht werden, die vor Ort noch Karten kaufen wollten. Wittke sagt: Das werde künftig wohl öfter passieren.

Willkommen in der Regionalliga.

Für Hilden ist das ein neues Gefühl. Der VfB ist plötzlich nicht nur lokaler Sportverein, sondern regionales Ereignis. Wer früher vielleicht spontan sagte „komm, wir fahren mal zum Bandsbusch“, muss nun überlegen, ob er vorher ein Ticket braucht. Fußball wird planbarer – und damit auch ein bisschen weniger spontan. Dafür ist die Nachfrage ein Kompliment. Ausverkaufte Tribüne heißt: Die Stadt interessiert sich. Der Aufstieg hat etwas ausgelöst.

240 Dauerkarten sind ebenfalls ein starkes Signal. Das ist deutlich mehr als der frühere Zuschauerschnitt in der Oberliga. Der Verein hat also nicht nur sportlich eine neue Liga erreicht, sondern auch im Umfeld Aufmerksamkeit gewonnen. Menschen wollen dabei sein. Sie wollen sehen, wie sich Hilden gegen größere Namen schlägt. Sie wollen Regionalliga am Bandsbusch erleben.

Natürlich bringt dieser Erfolg auch Reibung. Ein Anwohner der Straße Breddert bezeichnete das erste Heimspiel als „eine einzige Katastrophe“. Autos hätten Anwohnerparkplätze blockiert, und ihm sei die Einfahrt zu seinem Wohnsitz verweigert worden. Das ist ernst zu nehmen. Für Fans ist ein Heimspiel ein Ereignis. Für Anwohner kann es eine Belastung sein. Was für den einen „geile Atmosphäre“ ist, ist für den anderen „ich komme nicht mehr in meine Einfahrt“.

Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Regionalliga in Hilden langfristig gut funktioniert. Der Verein braucht Fans. Die Fans brauchen Wege. Die Anwohner brauchen Zugang und Ruhe. Die Polizei braucht Übersicht. Die Stadt braucht Lösungen. Und alle zusammen brauchen Geduld. Gerade am Anfang wird es kleinere Probleme geben. Daniel Wittke sagt selbst: Ein paar kleinere Probleme gebe es immer, aber fürs erste Spiel sei es gut gelaufen.

Das stimmt vermutlich. Aber „gut gelaufen“ heißt nicht, dass man nichts verbessern muss. Es heißt eher: Die Grundlage stimmt, jetzt kommt die Feinarbeit.

Eine konkrete Baustelle sind die Kassenschlangen. 300 Tickets wurden im Vorverkauf abgesetzt, aber viele holten sie erst im Stadion ab. Ergebnis: lange Schlangen. Das ist menschlich verständlich, aber organisatorisch schwierig. Der Verein wünscht sich, dass die Leute ihre Karten früher abholen. Künftig sollen Tickets am Spieltag auch im „Knacks Büdchen“ am Lindenplatz verkauft werden, um den Andrang zu entzerren.

Das ist eine sehr Hildener Lösung. Regionalliga-Ticket im Büdchen. Herrlich. Während anderswo digitale Plattformen, QR-Codes und Ticketing-Apps dominieren, denkt Hilden: Dann eben auch am Lindenplatz. Das ist nicht rückständig, das ist lokal intelligent. Wer ohnehin am Büdchen vorbeikommt, nimmt gleich die Karte mit. Fußball bleibt dadurch nahbar.

Auch die Bocholter Fans zeigten sich trotz kritischer Worte zum Catering im Gästebereich zufrieden. Cateringkritik gehört zum Fußball wie der Schiedsrichterpfiff und die Diskussion, ob das wirklich Abseits war. Kein Stadionstart ohne jemanden, der sagt: „Die Wurst war aber…“ Man sollte das nicht überbewerten. Wenn Gästefans nach einem neuen Regionalliga-Auftritt vor allem beim Catering Anlaufschwierigkeiten sehen, ist das fast schon ein gutes Zeichen.

Sportlich trotzte der VfB dem Favoriten Bocholt ein Remis ab. Auch das passt zur Stimmung: Hilden ist gekommen, um mitzuhalten. Nicht laut, nicht überheblich, aber sichtbar. Der Aufsteiger hat keine Angst vor großen Namen – und der Bandsbusch auch nicht. Trotzdem wird diese Saison eine Prüfung. Sportlich, organisatorisch, finanziell, infrastrukturell. Regionalliga ist kein Wochenendausflug. Sie ist Dauerzustand.

Für die Ehrenamtlichen bedeutet das eine enorme Belastung. 45 Helferinnen und Helfer waren im Einsatz. Diese Zahl sollte man nicht einfach überlesen. Hinter jedem Heimspiel stehen Menschen, die früher da sind, später gehen, einweisen, kontrollieren, helfen, improvisieren und sich manchmal auch Kritik anhören müssen. Ohne sie wäre der Regionalliga-Traum nicht machbar.

Der VfB 03 ist deshalb nicht nur sportlich aufgestiegen. Das ganze Vereinsumfeld ist mit aufgestiegen. Vorstand, Helfer, Ordner, Kassenteams, Platzorganisation, Kommunikation, Sicherheitsdienst, Fans – alle müssen eine Liga höher denken. Das gelingt nicht perfekt von Spiel eins an. Aber es wirkt, als sei der Verein bereit, zu lernen.

Und Hilden muss ebenfalls lernen. Regionalliga heißt: mehr Verkehr, mehr Zuschauer, mehr Aufmerksamkeit, mehr Diskussion. Aber auch mehr Stolz, mehr Leben, mehr sportliche Identität. Der Bandsbusch wird zu einem Ort, an dem Hilden auf der Fußballkarte sichtbarer wird. Nicht als Großstadtverein, sondern als Aufsteiger mit Bodenhaftung.

Vielleicht ist genau das der Charme. Der VfB 03 ist kein künstliches Projekt, keine Eventmaschine, kein Verein aus der Retorte. Er ist ein Hildener Verein, der sich hochgearbeitet hat. Und jetzt steht er in einer Liga mit Namen, die nach größerer Fußballwelt klingen. Bocholt, Wattenscheid, Gütersloh, Siegen, Bonner SC, BVB U23 – das sind Gegner, bei denen man merkt: Hier geht es nicht mehr nur um Nachbarschaftsduelle.

Der erste Heimspieltag hat gezeigt: Es geht. Nicht alles perfekt, aber vieles gut. Die Stimmung entspannt, die Tribüne voll, der Andrang groß, die Organisation solide, die Probleme erkennbar und lösbar. Das ist für einen Auftakt mehr, als man erwarten konnte.

Natürlich wird Hilden weiter diskutieren. Über Parkplätze. Über Schlangen. Über Catering. Über Tribünenplätze. Über Gästefans auf falschen Sitzen. Über Sperrungen, die laut Verein gar keine waren. Über die Frage, ob man künftig früher los muss. Und vermutlich auch darüber, ob das Knacks Büdchen jetzt offiziell Teil der Regionalliga-Infrastruktur ist.

Aber genau so wächst ein Verein in eine neue Liga hinein.

Der Bandsbusch ist nicht mehr nur Bandsbusch wie früher. Er ist jetzt Regionalliga-Schauplatz. Mit Polizei, Ordnern, Ehrenamtlichen und ausverkaufter Tribüne. Mit Anwohnerfrust und Fanfreude. Mit langen Schlangen und großen Erwartungen. Mit kleinen Fehlern und großem Potenzial.

Hilden darf darauf ruhig ein bisschen stolz sein.

Denn während anderswo über Fußball nur geredet wird, spielt Hilden jetzt vierte Liga.

Und wenn beim nächsten Heimspiel die Tickets früher abgeholt, die Wege klarer kommuniziert, die Anwohner besser mitgedacht und die Würstchen im Gästebereich optimiert werden, dann kann man sagen:

Der VfB 03 lernt schnell.

Auf dem Platz.

Und drumherum.

Samstag, 8. August 2026

8.8.2026: Hilden schnippelt jetzt mit Sterne-Vorgeschichte – oder: Wenn die Sankt-Konrad-Allee zur Genussakademie wird

Hilden bekommt eine Kochschule. Nicht irgendeine Küche mit Schneidebrett, Kochlöffel und dem freundlichen Hinweis „Bitte danach aufräumen“, sondern eine Kochschule mit Profikoch, Sonderarbeitsplatte, Live-Cooking und einer Vorgeschichte, die nach Schloss Bensberg klingt.

Joshua Stork eröffnet an der Sankt-Konrad-Allee seine zweite Kochschule. Der 29-jährige Monheimer ist ausgebildeter Koch und hat im Restaurant Vendôme auf Schloss Bensberg gelernt. Also nicht gerade in einer Küche, in der man fragt, ob die Tiefkühlpizza schon durch ist. Dort geht es um Präzision, Patisserie, Menüs, Veranstaltungen, Sterne-Niveau und jene kulinarische Welt, in der eine Sauce nicht einfach Sauce ist, sondern vermutlich eine Lebensentscheidung.

Jetzt kommt dieses Wissen nach Hilden.

Das ist eine schöne Entwicklung. Denn Hilden kann zwar Baustellen, Bedarfsampeln, Gelbe Säcke, Regionalliga und Nebellanzen. Aber Hilden kann offenbar auch Thai Balance, türkische Aromen, gefüllte Pasta, Tapas, Burger, vegetarische Küche und Resteverwertung. Letzteres ist besonders wichtig. Denn Resteverwertung ist im Alltag die Kunst, aus „Da ist noch was im Kühlschrank“ ein Abendessen zu machen, das nicht nach Kapitulation schmeckt.

Die neue Kochschule entsteht im Küchenstudio WWT an der Sankt-Konrad-Allee. Dort haben Moritz und Jürgen Winter Platz geschaffen für Storks Live-Cooking-Konzept. Eine zentrale Rolle spielt eine Arbeitsfläche mit 1,40 Metern Länge – Sondergröße, nicht einfach im Handel zu bekommen. Das klingt zunächst nach einem Detail für Küchenmenschen. Aber wer schon einmal mit mehreren Personen gekocht hat, weiß: Arbeitsfläche ist Frieden.

Zu wenig Platz in der Küche führt schneller zu Konflikten als fehlende Parkschilder im Kalstert. Einer schnippelt, einer stellt eine Schüssel ab, einer braucht das Messer, einer sucht die Limette, einer steht im Weg, und irgendwann sagt jemand: „Kannst du bitte mal kurz da weg?“ Mit 1,40 Metern Arbeitsfläche wirkt die Lage deutlich entspannter. Hilden bekommt also nicht nur eine Kochschule, sondern auch einen Beitrag zur sozialen Küchendiplomatie.

Bis zu acht Teilnehmer können an den Kochkursen teilnehmen, bei speziellen Koch-Events bis zu zwölf Personen. Das ist angenehm überschaubar. Keine Massenabfertigung, kein Kochkurs als Großveranstaltung, bei der man am Ende nur eine Zwiebel gesehen hat. Hier soll man selbst Hand anlegen, schnibbeln, Zutaten zerlegen, Wissenswertes erfahren, kosten und dann gemeinsam essen. Das klingt nach einem Abend, bei dem man lernt, lacht und anschließend hoffentlich nicht mehr sagt: „Ich kann nur Nudeln mit Pesto.“

Joshua Stork sagt allerdings selbst lachend: „Bei mir lernt man nicht kochen.“ Das ist ein sympathischer Satz für einen Kochschulbetreiber. Gemeint ist: Es geht nicht um Druck, Prüfung und Küchenmeisterschaft, sondern um Erlebnis. Man muss also nicht mit eigenem Messerblock, ehrgeizigem Blick und Vorkenntnissen in Fonds, Jus und Emulsionen erscheinen. Man darf einfach kommen. Mit Ahnung. Ohne Ahnung. Mit Gruppe. Mit Hunger. Mit Neugier.

Der Spaß soll im Vordergrund stehen. Und das ist vielleicht genau der richtige Ansatz. Denn viele Menschen kochen im Alltag nicht aus Freude, sondern aus Notwendigkeit. Irgendwann muss etwas auf den Tisch. Möglichst schnell, möglichst essbar, möglichst ohne fünf Pfannen und einen Nervenzusammenbruch. Eine Kochschule kann daraus wieder etwas Spielerisches machen. Man probiert, riecht, schmeckt, fragt, lacht und merkt: Kochen ist mehr als Versorgung.

Es ist auch Handwerk. Begegnung. Kultur. Und manchmal einfach die Frage, ob noch genug Koriander da ist.

Die Themen klingen jedenfalls abwechslungsreich. Am 27. August stehen in Hilden „Türkische Aromen“ auf dem Programm. Am 20. August heißt es „Thai Balance – süß, sauer, scharf“. Dazu kommen saisonale, indische und vegetarische Küche, gefüllte Pasta, Burger auch für Erwachsene, griechische Klassiker, spanische Tapas und Resteverwertung. Das ist ein Programm, das die Hildener Küchenlandschaft deutlich erweitert.

Besonders schön ist der Ausdruck „Burger auch für Erwachsene“. Denn Burger werden oft so behandelt, als seien sie entweder Kinderessen oder Fast-Food-Sünde. Dabei kann ein guter Burger eine sehr ernsthafte Angelegenheit sein. Brötchen, Fleisch oder vegetarische Alternative, Sauce, Belag, Säure, Textur – da steckt mehr drin als Ketchup und Hoffnung.

Auch Kinderkurse gibt es in Monheim, etwa mit selbst gemachter Pasta und Burgern. Das ist ebenfalls klug. Kinder, die selbst kochen, entwickeln oft ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln. Sie merken, dass Pasta nicht aus der Tüte geboren wird und dass ein Burger nicht zwangsläufig aus einem Pappkarton kommen muss. Außerdem essen Kinder erstaunlich vieles lieber, wenn sie vorher selbst darin herumgeknetet, gerührt oder geschnitten haben.

Die Erwachsenen starten ab 18 Uhr, die Kurse enden spätestens gegen 23 Uhr. Preislich liegen sie zwischen 89 und 119 Euro. Kinderkurse kosten 59 Euro. Das ist kein Schnäppchenabend, aber auch kein gewöhnliches Abendessen. Zutaten, Wein- und Getränkebegleitung, Anleitung, Erlebnis, Raum, Vorbereitung und Nachbereitung stecken darin. Stork sagt, die Gebühren ermöglichten ihm, hochwertige Zutaten zu kaufen. Er wolle nicht auf den Preis achten müssen. Das ist aus Kochsicht verständlich. Wer gute Zutaten will, muss sie bezahlen. Und wer einmal richtig gute Zutaten verarbeitet hat, merkt, wie viel sie verändern.

Für WWT ist die Kochschule ebenfalls interessant. Moritz Winter sagt, man wolle Kunden unabhängig vom Kaufinteresse ins Geschäft holen. Das ist clever. Menschen kommen nicht nur, um Küchenfronten zu vergleichen, sondern erleben die Küche in Aktion. Sie sehen Kochfelder, Abzüge, Arbeitsflächen, Geräte und Räume nicht als Ausstellung, sondern im Betrieb. Und vielleicht steht am Ende jemand da und denkt: „So eine Küche wäre schon schön.“

Die Preise für Küchen beginnen dort bei 10.000 Euro und reichen meist bis 30.000 Euro, manche Kunden geben sogar bis zu 90.000 Euro aus. Das ist eine Zahl, bei der viele Hildenerinnen und Hildener wahrscheinlich kurz den Kochlöffel ablegen. 90.000 Euro für eine Küche – dafür bekommt man auch sehr viele Kochkurse, sehr viele Pinsa im Apothekengarten oder einen Jahresvorrat Eis aus dem Automaten auf Gut Holterhof.

Aber Küchen sind eben emotionale Räume. Dort wird gekocht, geredet, gestritten, gefeiert, gegessen, geplant und manchmal einfach nur am Kühlschrank gestanden. Wer viel Zeit dort verbringt, investiert auch gern. Und wenn man dann in einer Kochschule sieht, wie eine Arbeitsplatte, zwei Kochfelder und integrierte Abzüge professionell genutzt werden, kann der Wunsch nach der eigenen Traumküche durchaus wachsen.

Die Winters hatten sich das Konzept zunächst gar nicht richtig vorstellen können. Also besuchten sie kurzerhand einen Kochkurs von Joshua Stork in Monheim. Das gefiel ihnen. Und nun steht in Hilden die neue Kochschule. Das ist eine schöne Form von Unternehmerlogik: nicht nur Tabellen prüfen, sondern selbst erleben. Erst probieren, dann entscheiden. In der Küche ohnehin ein guter Grundsatz.

Gegessen wird nach dem gemeinsamen Kochen im Konferenzraum des Küchenstudios, der dafür festlich eingedeckt wird. Auch das hat Charme. Tagsüber vielleicht Besprechung, Kaffeetassen, Geschäftsbetrieb. Abends dann gedeckter Tisch, Weinbegleitung, Speisen und Menschen, die gemeinsam essen, was sie vorher selbst zubereitet haben. Ein Konferenzraum, der am Abend lernt, dass Flipcharts nicht alles im Leben sind.

Live- und Showcooking liegen im Trend. Das passt. Menschen wollen heute nicht nur konsumieren, sondern erleben. Nicht nur essen, sondern verstehen. Nicht nur ein Gericht bekommen, sondern sehen, wie es entsteht. Kochkurse sind deshalb eine Mischung aus Freizeit, Bildung, Genuss und Gruppenaktivität. Sie funktionieren für Freunde, Teams, Familien, Paare und Menschen, die zum Geburtstag nicht schon wieder einen Gutschein für irgendwas Unbestimmtes schenken wollen.

Für Hilden ist das Angebot eine Bereicherung. Die Stadt bekommt ein weiteres gastronomisches Erlebnisformat. Neben Restaurants, Cafés, Hofläden, Automaten, Apothekengarten, Extrablatt und Trüffelschwein entsteht nun ein Ort, an dem Essen nicht nur serviert, sondern gemeinsam hergestellt wird. Das passt gut in eine Zeit, in der lokale Erlebnisse wichtiger werden. Man muss nicht für alles nach Düsseldorf fahren. Hilden kann auch selbst etwas bieten.

Und vielleicht ist genau das der schönste Gedanke: Eine Kochschule an der Sankt-Konrad-Allee zeigt, dass Hilden nicht nur Einkaufsstadt, Wohnstadt oder Pendlerstadt ist. Hilden ist auch ein Ort für Ideen. Ein Profikoch findet einen Partner im Küchenstudio. Ein Ladenlokal bekommt eine neue Nutzung. Menschen kommen zusammen. Es wird geschnippelt, gekocht, probiert und gegessen. So entsteht Stadtleben nicht durch große Pläne, sondern durch konkrete Angebote.

Natürlich wird es auch hier wieder typische Fragen geben. Kann man parken? Wie lange dauert es? Muss man Vorkenntnisse haben? Wird man satt? Darf man Wein nachschenken? Was passiert, wenn jemand die Zwiebeln falsch schneidet? Und vor allem: Muss man danach spülen?

Die gute Nachricht: Es gibt eine professionelle Umgebung. Zwei Kochfelder, integrierte Abzüge, gute Ausstattung, viel Arbeitsfläche und jemanden, der weiß, was er tut. Dass nach einer Veranstaltung am Vorabend in den Verkaufsräumen nichts mehr zu riechen war, spricht für die Abzüge. Bei Thai, türkischen Aromen oder gebratenen Zutaten ist das durchaus wichtig. Niemand möchte am nächsten Morgen eine Beratung für Einbauküchen durchführen, während der Raum noch nach Knoblauch, Kreuzkümmel und gebratenem Sesam duftet.

Am Ende bleibt eine schöne Hildener Geschichte: Ein junger Profikoch mit Sterne-Erfahrung bringt seine Kochschule in die Stadt. Ein traditionsreicher Hildener Betrieb öffnet seine Räume für neue Erlebnisse. Hobbyköche bekommen eine Arbeitsfläche, von der sie daheim nur träumen. Und Hilden darf lernen, dass „schnippeln, kosten, staunen“ ein ziemlich gutes Freizeitprogramm sein kann.

Vielleicht wird die Sankt-Konrad-Allee dadurch nicht sofort zur kulinarischen Hochmeile. Aber sie bekommt einen Ort, an dem Genuss, Handwerk und Begegnung zusammenkommen. Und das ist mehr wert als der nächste Streit über Parkplätze.

Hilden kocht also.

Nicht nur Wasser.

Sondern türkische Aromen, Thai Balance, Pasta, Tapas, Burger, indische Küche und vielleicht sogar Reste, die plötzlich nach Absicht schmecken.

Und wer danach nach Hause geht, könnte nicht nur satt sein, sondern auch inspiriert.

Oder wenigstens entschlossen, endlich ein scharfes Messer zu kaufen.