Mittwoch, 2. September 2026

2.9.2026: Topf sucht Deckel – und die Itterbühne sucht Männer

Es gibt Dinge, die gehören einfach zum lokalen Kulturleben. Man muss nicht jedes Jahr hingehen, man muss nicht jeden Schauspieler persönlich kennen und man muss auch nicht bei jeder Pointe vom Stuhl fallen. Aber wenn eine Theatergruppe seit 30 Jahren dafür sorgt, dass Menschen aus Hilden und Haan gemeinsam auf der Bühne stehen und andere zum Lachen bringen, dann ist das schon eine kleine Institution. Genau das ist die Itterbühne – und Anfang Oktober steht die nächste Premiere an.

„Topf sucht Deckel“ heißt das neue Stück, und bereits der Titel lässt erahnen, dass wir uns nicht unbedingt auf einen Abend mit schwerer gesellschaftspolitischer Dramatik einstellen müssen. Im Mittelpunkt steht Gottlieb, ungefähr 40 Jahre alt, Bundesbahnangestellter, ziemlich einfältig, ein wenig trottelig und bei Frauen offenbar nicht gerade mit übermäßigem Talent gesegnet. Dazu ist er ein ausgeprägtes Mama-Kind. Beste Voraussetzungen also für einen Mann, den seine Stammtischfreunde unbedingt verkuppeln wollen.

Die Handlung spielt in einer Kneipe, und dort treffen gleich zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite sitzt der klassische Jäger-Stammtisch samt Gottlieb, auf der anderen Seite die von Regisseur Karlheinz Best augenzwinkernd als „Botox-Mädels“ bezeichneten Beauty-Girls. Dass diese Kombination nicht in einem stillen und harmonischen Kneipenabend endet, dürfte niemanden überraschen. Es gibt Wortgefechte, reichlich Klischees und offenbar jede Menge Pointen. Schon beim ersten gemeinsamen Lesen des Stücks soll sich das Ensemble beinahe „flachgelegt“ haben. Das ist für eine Komödie wahrscheinlich kein schlechtes Auswahlkriterium.

Ich mag an solchen Amateurtheatern gerade diese Mischung aus Spaß und erstaunlich viel Arbeit. Denn für uns Zuschauer beginnt der Theaterabend mit dem Öffnen des Vorhangs. Für die Menschen auf und hinter der Bühne beginnt er Monate vorher. Texte müssen gelernt, Szenen geprobt, Kostüme organisiert und Kulissen gebaut werden. Für „Topf sucht Deckel“ entsteht beispielsweise eigens eine Schankanlage. Weil im Originalstück Dias vorgesehen sind, die technisch nicht gezeigt werden können, hat die Itterbühne große Bilder drucken lassen. Der Hintergrund der Bühnenkneipe mit Flaschen und Gläsern wird diesmal sogar mithilfe künstlicher Intelligenz gestaltet. KI bei der Itterbühne – auch das Jahr 2026 hinterlässt also im Hildener Amateurtheater seine Spuren.

Zum ersten Mal greift die Gruppe außerdem auf einen professionellen Kostümverleih aus Köln zurück. Karlheinz Best bringt die dahinterstehende Philosophie schön auf den Punkt: „Die Leute sollen was fürs Auge haben.“ Und warum eigentlich nicht? Amateurtheater bedeutet schließlich nicht, dass die Gardine aus dem heimischen Wohnzimmer zwangsläufig als Bühnenvorhang herhalten muss.

Die Premiere findet am Freitag, 2. Oktober, um 19 Uhr im Alten Helmholtz statt. Weitere Hildener Vorstellungen folgen am 3. Oktober um 18 Uhr und am 4. Oktober um 15.30 Uhr. Danach zieht die Itterbühne weiter nach Haan. Die Karten kosten 15 Euro.

Hinter der Vorfreude steckt allerdings auch ein ernstes Thema. Denn ausgerechnet die Spielstätte in Haan hat möglicherweise keine Zukunft. Das dortige CVJM-Heim soll von der evangelischen Landeskirche abgegeben werden. Für die Itterbühne könnte damit der große Saal verloren gehen. Das wäre nicht nur ein Problem für eine Theatergruppe, sondern zeigt ein grundsätzliches Thema, das viele Städte kennen: Kultur und Gemeinschaft brauchen Räume. Man kann Vereine, Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement wunderbar loben – aber irgendwann benötigen die Menschen eben einen Saal, eine Bühne, einen Probenraum oder einfach einen Ort, an dem sie zusammenkommen können.

Und noch ein Problem hat die Itterbühne. Eines, das sich möglicherweise leichter lösen lässt als die Immobilienfrage: Es fehlen Männer. Von den derzeit acht Schauspielern sind gerade einmal zwei männlich. Männerrollen müssen deshalb immer wieder von Frauen übernommen werden. Wer also schon immer einmal auf einer Bühne stehen wollte, sich bislang aber erfolgreich mit der Behauptung herausgeredet hat, es habe ihn niemand gefragt: Diese Ausrede gilt ab sofort nicht mehr.

Vielleicht entdeckt ja der eine oder andere Hildener dabei ungeahnte Talente. Und wenn es mit der großen Schauspielkarriere nicht klappt, dürfte zumindest eines sicher sein: Bei einer Theatergruppe, die sich bereits beim ersten Lesen ihres neuen Stücks beinahe flachlegt, scheinen die Probenabende ziemlich unterhaltsam zu sein.

Ich finde jedenfalls, dass genau solche Gruppen zum Leben einer Stadt dazugehören. Große Kulturhäuser und professionelle Bühnen sind wichtig. Aber lokale Kultur entsteht eben auch dort, wo Menschen nach Feierabend Texte lernen, Kulissen zusammenschrauben, Kostüme anprobieren und wochenlang proben, damit wir anschließend für zwei Stunden lachen können.

Am 2. Oktober heißt es im Alten Helmholtz also: Vorhang auf für „Topf sucht Deckel“.

Und vielleicht gilt danach nicht nur für Gottlieb: Irgendwann findet jeder Topf seinen Deckel.

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