Montag, 31. August 2026

31.8.2026: Einschulung in Hilden: Wenn die Schultüte zum zweiten Weihnachten wird

Es gab einmal eine Zeit, da war die Sache mit der Einschulung vergleichsweise übersichtlich. Man bekam einen Schulranzen, eine Schultüte, ein paar Buntstifte und ausreichend Süßigkeiten, um den ersten Schultag zumindest ernährungsphysiologisch komplett aus dem Ruder laufen zu lassen. Heute ist das etwas komplizierter. Wer in diesen Tagen durch Hilden läuft und Eltern oder Großeltern beim Einkauf für die Einschulung beobachtet, könnte meinen, Weihnachten sei überraschend auf Anfang September verlegt worden. Ganz falsch ist dieser Eindruck offenbar nicht. Die Einschulung sei heutzutage „wie ein zweites Weihnachten“, sagt Andrea Mettlicki vom Hildener Spielwarengeschäft SpielPlus. 

Und wie es sich für Weihnachten gehört, gibt es natürlich Dinge, die unbedingt unter den Baum – Entschuldigung: in die Schultüte – müssen. 2026 heißen sie unter anderem Squishies und Dumplings. Squishies sind bunte Figuren aus einem schaumstoffartigen Kunststoff, die nach Herzenslust geknautscht werden können. Dumplings funktionieren ähnlich, kommen allerdings in Boxen, bei denen man vorher nicht weiß, welche Variante darin steckt. Überraschung plus Sammeltrieb – aus Sicht der Hersteller vermutlich eine ziemlich geniale Kombination. Besonders begehrt sind glitzernde Varianten. Und offenbar haben die kleinen Knautschfiguren sogar pädagogisches Potenzial: An manchen Schulen sind sie im Unterricht erlaubt, weil das Knautschen beruhigend wirken kann. 

Wer jetzt glaubt, damit sei die Einkaufsliste abgearbeitet, unterschätzt die moderne Einschulung erheblich. Auch Legami-Stifte gehören weiterhin zum Pflichtprogramm auf vielen Wunschlisten. Besonders Sondereditionen sind schnell vergriffen. Dazu kommen Kknekki-Haargummis, die gleichzeitig als Armband getragen werden können. Einmal produzierte Farben werden nicht wieder aufgelegt, weshalb sich offenbar eine richtige Sammlerszene entwickelt hat.  Früher sammelten Kinder Panini-Bilder. Heute stehen Erwachsene möglicherweise vor dem Regal und diskutieren darüber, ob ihnen noch Kknekki „Pastell-Rosa-Sommer-Edition“ fehlt. Fortschritt ist eben nicht immer leicht zu definieren.

Erfreulicherweise besteht eine Schultüte aber nicht ausschließlich aus Dingen, deren Namen Großeltern erst einmal googeln müssen. In Hilden gibt es auch Lesezeichen, Bücher für Erstleser, reflektierende Armbänder, leuchtende Anhänger, Wecker, Portemonnaies, Abakusse und IQ-Lernspiele. Besonders die Lernspiele werden für Grundschüler empfohlen.  Das klingt schon eher nach Schule – wobei sich natürlich die Frage stellt, ob sich ein sechsjähriges Kind beim Öffnen seiner Schultüte tatsächlich über einen Abakus genauso freut wie über einen glitzernden Squishy. Pädagogisch dürfte die Antwort eindeutig sein. Praktisch vermutlich auch.

Und natürlich gibt es weiterhin Lego, Playmobil und Süßigkeiten. Denn irgendwo muss bei aller pädagogischen Vernunft auch noch ein bisschen Einschulung bleiben. Die Zahnärztekammer Nordrhein hat gegen den einzelnen Schokoriegel in der Schultüte auch gar nichts einzuwenden. Entscheidend sei vielmehr, was anschließend im Schulalltag zur Gewohnheit werde. Ein gesundes Pausenbrot sei eine gute Grundlage. 

Beim Getränk fällt die Empfehlung noch eindeutiger aus: Wasser. Saft und Softdrinks sorgen bei regelmäßigem Trinken dafür, dass die Zähne immer wieder mit Zucker und Säure in Kontakt kommen. Deshalb sollte Saft eher die Ausnahme bleiben. Selbst beim grundsätzlich gesunden Apfel lautet der Rat, ihn lieber innerhalb eines überschaubaren Zeitraums zu essen, statt über Stunden daran herumzuknabbern. 

Mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt von Schultüte und Brotbox ist allerdings etwas, das man nicht kaufen kann: ein sicherer Schulweg. Der ADAC empfiehlt, den Weg vorher gemeinsam zu üben – und zwar möglichst zu den Zeiten, zu denen später tatsächlich Schulverkehr herrscht. Kreuzungen, Einfahrten und Straßenüberquerungen verdienen besondere Aufmerksamkeit. In den ersten Schulwochen sollten Eltern ihre Kinder außerdem begleiten; Reflektoren an Kleidung und Schulranzen erhöhen bei Dunkelheit die Sichtbarkeit. 

Vielleicht ist das am Ende die schönste Erkenntnis rund um die Einschulung. Natürlich darf die Schultüte groß sein. Natürlich darf ein Squishy hinein. Ein Dumpling meinetwegen auch, selbst wenn wahrscheinlich die Hälfte der Erwachsenen nicht erklären kann, warum ein Spielzeug genauso heißt wie eine asiatische Teigtasche. Ein bisschen Schokolade schadet ebenfalls nicht. Und wenn Oma und Opa noch ein Buch hineinstecken wollen, ist das vermutlich auch keine schlechte Idee.

Denn bei allem Aufwand bleibt dieser erste Schultag etwas Besonderes. Für die Kinder beginnt ein neuer Lebensabschnitt – und für die Eltern möglicherweise ebenfalls. Ab jetzt gibt es Stundenpläne, Elternabende, Hausaufgaben, verschwundene Radiergummis und morgens die berühmte Frage: „Wo ist eigentlich meine Sporttasche?“

Vielleicht hat Andrea Mettlicki deshalb mit ihrem Vergleich vom zweiten Weihnachten sogar noch mehr recht, als sie dachte.

Nur dass Weihnachten wenigstens jedes Jahr am selben Datum stattfindet.

Sonntag, 30. August 2026

30.8.2026: Zurück in den Beruf – Hilden hilft beim Neustart zwischen Lebenslauf und Lebenswirklichkeit

Es gibt Fragen, die klingen zunächst harmlos und entwickeln sich dann innerhalb weniger Minuten zu einem kompletten Lebensprojekt. „Soll ich wieder arbeiten gehen?“ gehört ziemlich eindeutig dazu. Denn wer nach einer Familienphase oder nach der Pflege von Angehörigen zurück in den Beruf möchte, stellt schnell fest: Es geht nicht nur darum, irgendeine Stellenanzeige anzuklicken. Plötzlich tauchen Kinderbetreuung, Arbeitszeiten, Weiterbildung, Bewerbungsunterlagen, Teilzeitmodelle und die Frage auf, ob der eigene Lebenslauf eigentlich noch in die heutige Zeit passt. Genau dabei soll in Hilden eine offene Sprechstunde helfen. Am Dienstag, 1. September, können Interessierte von 10 bis 12 Uhr ins Stellwerk im Bürgerhaus an der Mittelstraße kommen und sich beraten lassen. Ohne Anmeldung. Das allein ist schon bemerkenswert. In Deutschland etwas mit Arbeitsmarkt, Behörde und Beratung zu tun zu haben, ohne vorher ein Formular auszufüllen, fühlt sich beinahe revolutionär an.

Das Angebot richtet sich an Frauen und Männer, die nach einer Familien- oder Pflegezeit wieder beruflich einsteigen wollen. Und das ist ein Thema, das wesentlich komplizierter ist, als der Satz „Dann geh doch wieder arbeiten“ vermuten lässt. Wer mehrere Jahre nicht im klassischen Berufsleben war, merkt schnell, dass sich da draußen einiges verändert hat. Bewerbungen laufen digital, Vorstellungsgespräche finden per Video statt, Stellenangebote werden über Portale, Netzwerke und Plattformen ausgespielt und irgendwo hat inzwischen vermutlich auch noch eine künstliche Intelligenz die Bewerbung gelesen, bevor überhaupt ein Mensch sie gesehen hat. Wer da nach Jahren wieder einsteigt, darf durchaus einmal fragen, wie das heute eigentlich funktioniert.

Noch schwieriger ist allerdings etwas anderes: die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Denn Familien- und Pflegezeiten haben im klassischen Lebenslauf manchmal den Charme eines weißen Flecks. Dabei müsste man viele dieser Jahre eigentlich genau andersherum lesen. Wer morgens Frühstück organisiert, Kinder zur Schule bringt, Arzttermine koordiniert, gleichzeitig einen Handwerker erwartet, die Pflege eines Angehörigen organisiert, nebenbei die Steuerunterlagen zusammensucht und abends noch weiß, wo der Turnbeutel liegt, hat vermutlich mehr Projektmanagement betrieben als manche Führungskraft in einem ganzen Quartal. Nur steht im Lebenslauf meistens nicht „Leitung eines hochkomplexen Mehrpersonen-Haushalts mit permanent wechselnden Prioritäten“, sondern schlicht „Familienphase“.

Vielleicht sollte man genau das einmal ändern. „Belastbar“ muss man nicht mehr hinschreiben, wenn man mehrere Jahre Kinder großgezogen hat. „Organisationstalent“ dürfte als nachgewiesen gelten, sobald morgens drei Menschen gleichzeitig aus dem Haus müssen. Und wer Angehörige gepflegt hat, weiß sehr viel über Verantwortung, Geduld, Krisenmanagement und die Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn der ursprüngliche Tagesplan längst Geschichte ist. Das Problem ist nur: Viele Menschen nehmen diese Fähigkeiten selbst gar nicht als beruflich relevante Kompetenzen wahr.

Genau deshalb ist es sinnvoll, wenn die Beratung nicht nur bei der klassischen Frage „Wo finde ich eine Stelle?“ beginnt. Es geht auch um Kinderbetreuung, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, Weiterbildung und sogar Teilzeitausbildungen. Denn der Wiedereinstieg muss nicht bedeuten, dass man am Montagmorgen sofort wieder 40 Stunden arbeitet und so tut, als wären die vergangenen Jahre nie passiert. Vielleicht passt Teilzeit besser. Vielleicht ist eine Weiterbildung nötig. Vielleicht lässt sich an eine frühere Tätigkeit anknüpfen. Oder vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, beruflich noch einmal etwas völlig anderes zu machen.

Und dann wäre da noch der Lebenslauf. Dieses seltsame Dokument, das unser komplettes berufliches Leben möglichst lückenlos auf zwei Seiten erklären soll. Wer nach längerer Pause wieder einsteigt, schaut darauf manchmal etwas nervös. Dabei dürfte die größere Herausforderung häufig gar nicht die vermeintliche Lücke sein, sondern die Frage, wie man erklärt, was man eigentlich kann. Dafür kann ein Gespräch mit Menschen, die sich auf beruflichen Wiedereinstieg spezialisiert haben, tatsächlich hilfreich sein.

Vielleicht ist das überhaupt das Wichtigste an dieser Sprechstunde: Niemand muss bereits mit einem fertigen Plan kommen. Man darf auch einfach sagen: Ich möchte wieder etwas machen, weiß aber noch nicht genau was. Das ist schließlich keine schlechte Ausgangslage. Im Gegenteil. Der Arbeitsmarkt sucht in vielen Bereichen Personal, und gleichzeitig gibt es viele Menschen, die gerne wieder einsteigen würden, aber nicht wissen, welcher Weg für sie funktioniert.

Dass die Beratung mitten in Hilden stattfindet und keine Anmeldung nötig ist, macht die Sache angenehm unkompliziert. Man muss also weder ein Bewerbungsschreiben verfassen noch einen Termin beantragen oder vorher seine berufliche Zukunft in einer Excel-Tabelle modellieren. Einfach hingehen, fragen und sich orientieren.

Und vielleicht stellt sich am Ende heraus, dass der Wiedereinstieg gar nicht mit der perfekten Bewerbung beginnt.

Sondern mit einem ziemlich einfachen Satz:

„Ich würde gerne wieder anfangen.“

Samstag, 29. August 2026

29.8.2026: Acht Monate A59-Sperrung – Hilden bekommt wieder das große Umleitungsabenteuer

Es gibt Nachrichten, bei denen man als Autofahrer kurz innehält, tief durchatmet und sich fragt, ob das Navigationsgerät eigentlich auch psychologische Betreuung anbietet. Die nächste dieser Nachrichten ist da: Ab Freitag, 2. Oktober, wird die A59 zwischen Monheim und dem Autobahndreieck Düsseldorf-Süd in Fahrtrichtung Düsseldorf komplett gesperrt. Acht Monate soll die Sanierung dauern. Acht Monate. Das ist ungefähr lang genug, um eine Fremdsprache zu lernen, einen Hundewelpen großzuziehen oder sämtliche Schleichwege zwischen Hilden, Langenfeld und Düsseldorf persönlich kennenzulernen.

Die eigentlichen Arbeiten beginnen am 5. Oktober. Danach wird die Fahrbahn saniert, nachdem zuvor bereits die Gegenrichtung Richtung Leverkusen an der Reihe war. Man könnte also sagen: Die A59 wird Stück für Stück schöner. Für diejenigen, die sie täglich brauchen, fühlt sich dieser Schönheitsschlaf allerdings eher nach Vollnarkose an.

Die offizielle Umleitung führt über A542, A3 und A46. Das klingt auf der Karte erstaunlich übersichtlich. Man fährt einfach ein bisschen außen herum. Wer allerdings regelmäßig auf diesen Autobahnen unterwegs ist, weiß, dass „ein bisschen außen herum“ in der Hauptverkehrszeit schnell eine sehr philosophische Zeitangabe werden kann. Deshalb werden zusätzlich 14 Bedarfsampeln aufgestellt, elf davon von Straßen.NRW und drei von der Autobahn GmbH. Vierzehn Ampeln nur für den Ausnahmezustand – das zeigt schon, dass niemand ernsthaft damit rechnet, dass sich der Verkehr einfach höflich auf die Umleitung verteilt und dort geräuschlos verschwindet.

Für Hilden ist das Ganze besonders interessant, weil wir mit solchen Situationen inzwischen fast schon Erfahrung haben. Bedarfsampeln gehören bei größeren Verkehrseingriffen mittlerweile zum Stadtbild wie die Mittelstraße und die Frage, wo eigentlich gerade Tempo 30 gilt. Die mobilen Signalanlagen sollen den zusätzlichen Verkehr auf den Ausweichstrecken möglichst vernünftig lenken. „Möglichst“ ist dabei vermutlich das entscheidende Wort.

Zusätzlich gibt es Stauwarnanlagen. Autofahrer sollen bereits frühzeitig erfahren, dass es weiter vorne ungemütlich wird. Das ist grundsätzlich eine gute Idee. Man weiß dann immerhin rechtzeitig, dass man zu spät kommen wird. Ob das die Situation verbessert, ist eine andere Frage, aber Vorbereitung ist bekanntlich alles. Wer künftig auf A59, A542, A3 oder A1 unterwegs ist, bekommt also möglicherweise schon weit vor Hilden den freundlichen Hinweis, dass der Verkehr irgendwo in der Region beschlossen hat, sich nicht mehr zu bewegen.

Damit das Ganze nicht zu einfach wird, gibt es parallel noch weitere Baustellen. Die Knipprather Straße in Langenfeld ist wegen eines Brückenneubaus ohnehin gesperrt. Im September soll zudem die A59 Richtung Leverkusen für etwa eine Woche nur einspurig befahrbar sein, weil mobile Schutzwände ausgetauscht werden. Man bekommt langsam den Eindruck, dass derzeit sämtliche Verkehrswege zwischen Köln und Düsseldorf in einer großen gemeinsamen WhatsApp-Gruppe sind und sich abgesprochen haben, gleichzeitig renoviert zu werden.

Der eigentliche Höhepunkt ist allerdings die Kombination mit der Bahn. Auch die S-Bahn-Strecke der Linien S6 und S68 zwischen Düsseldorf und Köln ist zeitweise gesperrt. Wer also angesichts der Autobahnsperrung denkt: „Dann fahre ich eben Bahn“, erhält von der Infrastruktur ein freundliches „Nette Idee“. Bis Anfang Dezember gibt es dort ebenfalls erhebliche Einschränkungen. Autofahrer und Bahnpendler erleben damit eine seltene Form völliger Gleichberechtigung: Niemand soll sich benachteiligt fühlen.

Natürlich gab es deshalb Forderungen, die A59-Sanierung zu verschieben. Die Autobahn GmbH sagt jedoch, dass dies wegen des schlechten Zustands der Betonplatten nicht möglich sei. Das ist verständlich. Wenn eine Autobahn dringend saniert werden muss, kann man sie nicht einfach weitere Jahre kaputtfahren, nur weil der Zeitpunkt gerade ausgesprochen ungünstig ist. Andererseits fragt man sich schon, ob es bei Infrastrukturprojekten irgendeine geheime Regel gibt, nach der möglichst viele Baustellen gleichzeitig stattfinden müssen.

Auch eine andere Idee wurde geprüft: Man hätte auf der bereits sanierten Gegenfahrbahn zwei Spuren Richtung Düsseldorf führen können. Das hätte zumindest eine komplette Sperrung verhindert. Allerdings hätten dafür sämtliche Anschlussstellen zwischen Monheim-Süd und Düsseldorf-Süd geschlossen werden müssen. Außerdem hätte es Probleme für Rettungsdienste gegeben. Also bleibt auch diese Lösung im Ordner „Klang zunächst besser als sie war“.

Was bedeutet das für uns in Hilden? Vor allem: Geduld. Viel Geduld. Die Ausweichverkehre werden sich nicht ausschließlich brav über die Autobahnen bewegen. Ein Teil wird selbstverständlich versuchen, durch die Städte abzukürzen. Navigationssysteme sind schließlich hervorragende Geräte, die Autofahrer zuverlässig auf dieselbe vermeintliche Geheimroute schicken. Wenn Google Maps morgens plötzlich behauptet, die schnellste Verbindung nach Düsseldorf führe über eine Straße, die man seit zwanzig Jahren kennt und noch nie freiwillig benutzt hat, kann man davon ausgehen, dass dort bereits 500 andere dieselbe Idee hatten.

Positiv betrachtet: Irgendwann ist die A59 saniert. Dann haben wir eine erneuerte Autobahn, bessere Fahrbahnen und vermutlich für einige Zeit Ruhe. Der Weg dahin wird nur ein wenig anstrengend.

Oder genauer gesagt: rund acht Monate.

Bis dahin bekommt der Satz „Ich fahre mal eben nach Düsseldorf“ ab Oktober wieder eine ganz neue humoristische Qualität.

Freitag, 28. August 2026

28.8.2026: Wärmebild statt Bauchgefühl – Hilden bekommt den Energie-Check fürs Eigenheim

Wer ein Haus besitzt, kennt diese besondere Form häuslicher Unsicherheit: Irgendwo verschwindet die Wärme, aber niemand weiß so recht, wohin. Durchs Fenster? Durchs Dach? Durch die Wand? Oder vielleicht einfach gemeinsam mit dem Geld vom Konto? Gerade bei steigenden Energiepreisen wird aus dieser Frage schnell ein ziemlich teures Ratespiel. Im Kreis Mettmann soll damit nun Schluss sein. Für Hilden, Haan und Monheim gibt es ab September individuelle Energieberichte auf Basis von Thermografieaufnahmen. Anders gesagt: Das eigene Haus bekommt ein Wärmebild – und damit möglicherweise erstmals schonungslos gezeigt, wo es energetisch zieht.

Die Grundlage dafür wurde bereits im Winter 2024 gelegt. Damals ließ der Kreis professionelle Thermografieaufnahmen erstellen. Nun werden diese Bilder ausgewertet und in verständliche Berichte übersetzt. Das Prinzip ist einfach: Wo auf dem Wärmebild bestimmte Bereiche besonders auffällig leuchten, geht möglicherweise mehr Heizenergie verloren als nötig. Schlecht gedämmte Außenwände, undichte Fenster oder andere Wärmebrücken können auf diese Weise sichtbar werden. Das Haus bekommt damit gewissermaßen eine energetische Untersuchung – nur ohne Wartezimmer, Überweisung und die Frage, ob man nüchtern erscheinen muss.

Für Hauseigentümer ist das durchaus interessant. Schließlich stellt sich bei älteren Gebäuden irgendwann zwangsläufig die Frage, wo eine Sanierung wirklich sinnvoll ist. Neue Fenster? Dach dämmen? Fassade anfassen? Heizung austauschen? Wer sich mit diesen Themen beschäftigt, merkt schnell: Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten, sehr viel Geld auszugeben. Ein Thermografiebericht ersetzt zwar keine ausführliche Energieberatung, kann aber einen ersten Hinweis geben, wo die größten Schwachstellen liegen. Das ist allemal besser, als auf Verdacht die halbe Immobilie einzupacken.

Los geht es am 8. September mit einem Informationsabend im Bürgersaal des Bürgerhauses an der Mittelstraße. Beginn ist um 18 Uhr, teilnehmen kann man kostenlos – entweder vor Ort oder online. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das ist schon fast verdächtig unkompliziert. Normalerweise benötigt man bei kommunalen Angeboten mindestens ein Formular, zwei Passwörter und irgendwo noch die Steuernummer. Hier darf man offenbar einfach erscheinen und zuhören.

Der eigentliche Energiebericht kostet 59,50 Euro pro Gebäude. Wer an der Informationsveranstaltung teilnimmt, erhält 25 Prozent Rabatt. Das ist vermutlich eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen Zuhören bares Geld spart. Im Bericht werden die vorhandenen Thermografieaufnahmen ausgewertet und mögliche Wärmeverluste erläutert. Damit bekommt man zumindest eine erste Orientierung, bevor man sich mit Handwerkern, Förderprogrammen und jener wunderbaren Welt beschäftigt, in der Begriffe wie Wärmedurchgangskoeffizient plötzlich Bestandteil normaler Abendgespräche werden.

Zusätzlich werden weitere Beratungen angeboten. Zwischen Anfang Oktober und Ende November können Eigentümer für 40 Euro eine unabhängige Beratung der Verbraucherzentrale in Anspruch nehmen. Das erscheint sinnvoll, denn ein buntes Wärmebild allein beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Was macht man jetzt damit? Eine rote Außenwand kann schließlich interessant aussehen, wird aber durch bloßes Betrachten nicht besser gedämmt.

Gerade in Hilden dürfte das Thema viele Menschen interessieren. Die Stadt hat zahlreiche ältere Wohnhäuser, bei denen energetische Sanierung längst ein Thema ist oder irgendwann eines werden dürfte. Gleichzeitig sind die Investitionen häufig erheblich. Wer Fenster austauscht, eine Fassade dämmt oder die Heiztechnik verändert, spricht schnell über fünfstellige Beträge. Da ist jede zusätzliche Information willkommen, bevor der erste Handwerker den Satz sagt: „Wenn wir schon einmal dabei sind, könnten wir eigentlich auch noch …“

Spannend finde ich vor allem, dass die Daten bereits vorhanden sind. Die Häuser wurden im Winter 2024 thermografisch erfasst, und jetzt können Eigentümer daraus einen konkreten Bericht bestellen. Damit bekommt Digitalisierung einmal eine ausgesprochen praktische Bedeutung. Nicht irgendeine neue App sagt uns, wann wir die Heizung herunterdrehen sollen, sondern ein tatsächliches Bild zeigt, wo das Haus möglicherweise Energie nach draußen schickt.

Natürlich sollte niemand erwarten, dass ein Energiebericht für 59,50 Euro plötzlich das komplette Sanierungskonzept für die nächsten zwanzig Jahre liefert. Aber als Einstieg ist das Angebot durchaus interessant. Es macht Schwachstellen sichtbar und kann helfen, Fragen gezielter zu stellen. Vielleicht stellt sich heraus, dass das Wohnzimmerfenster gar nicht das Hauptproblem ist. Vielleicht ist es die Außenwand. Vielleicht das Dach. Und vielleicht entdeckt man am Ende auch, dass das eigene Haus energetisch besser dasteht als gedacht.

In jedem Fall ist es vermutlich angenehmer, die Schwachstellen des Hauses auf einem Wärmebild zu entdecken, als auf der nächsten Heizkostenabrechnung.

Denn dort sind die Farben zwar weniger bunt – dafür die Zahlen meistens deutlich unangenehmer.

Donnerstag, 27. August 2026

27.8.2026: Manege frei im Stadtpark – Hildens Sommer bekommt noch eine Zugabe

Manchmal funktionieren Veranstaltungen einfach. Keine komplizierte Dramaturgie, keine riesige Bühne, keine Eintrittskarten mit fünf Preiskategorien – sondern ein paar gute Ideen, ein schöner Ort und Menschen, die Lust haben mitzumachen. Genau das scheint beim Hildener Stadtpark-Sommer passiert zu sein. Seit Beginn der Ferien wurde der Stadtpark an jedem Donnerstag und bei zwei zusätzlichen Terminen zur kleinen Zirkusbühne. Rund 1.500 Kinder und Erwachsene waren bisher dabei. Für ein kostenloses Ferienangebot zwischen Teich und Kiosk ist das eine ziemlich stattliche Zahl.

Am Donnerstag, 27. August, geht der Stadtpark-Sommer nun offiziell in den Endspurt. Ab 14 Uhr ist das Team des Mobilen Mitmachzirkus wieder unterwegs. Und „Mitmachzirkus“ bedeutet genau das: zuschauen ist erlaubt, aber eigentlich soll man selbst ran. Balancieren, ausprobieren, hängen, klettern, spielen – wer immer schon einmal wissen wollte, wie lange er sich an einer Ninja-Line halten kann, bekommt hier die Gelegenheit. Wahrscheinlich gilt dabei dieselbe Regel wie beim Möbelaufbau: Von außen sieht es deutlich einfacher aus, als es anschließend ist.

Das Schöne an der Sache ist, dass der Eintritt weiterhin frei bleibt. Finanziell unterstützt wird das Angebot vom SnackPoint im Stadtpark. Wer möchte und kann, darf zusätzlich etwas in die Spendendose werfen. Der Veranstalter bezeichnet das charmant als freiwilligen Solidaritätszuschuss. Man könnte auch sagen: Eintritt kostet nichts, aber wer anschließend feststellt, dass die Kinder drei Stunden beschäftigt waren und man selbst in Ruhe einen Kaffee trinken konnte, darf seine Dankbarkeit gern in Münzen ausdrücken.

Dass der Stadtpark-Sommer überhaupt so gut funktioniert, ist erfreulich. Über Hildens Grünanlagen wird schließlich häufig diskutiert. Mal geht es um Sauberkeit, mal um Aufenthaltsqualität, mal um die Frage, wie Plätze und Parks besser genutzt werden können. Hier lautet die Antwort offenbar ziemlich einfach: Man stellt Menschen hinein, die etwas anbieten, das Kindern Spaß macht. Schon wird aus einer Rasenfläche ein Treffpunkt.

Besonders schön ist, dass nach dem eigentlichen Ferienprogramm noch nicht ganz Schluss ist. Weil der Zuspruch so groß war, gibt es am Samstag, 19. September, noch eine Zugabe zum Weltkindertag. Dann soll der Stadtpark-Sommer mit einem größeren Finale enden. Aus dem „Endspurt“ wird also gewissermaßen ein Endspurt mit Verlängerung. In Hilden kennt man das inzwischen: Wenn eine Veranstaltung gut läuft, wird sie eben noch einmal drangehängt. Beim Weinfest funktioniert das schließlich auch.

1.500 Besucher bei sieben bisherigen Terminen zeigen jedenfalls, dass für solche niederschwelligen Angebote Bedarf besteht. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Erfolg. Man muss nicht immer mit großem Budget, komplizierter Anmeldung und wochenlanger Planung aufwarten. Manchmal reichen ein Park, ein paar Zirkuskisten und Menschen, die Kinder dazu bringen, ihr Handy für eine Weile zu vergessen.

Wer also am Donnerstag noch nichts vorhat, kann ab 14 Uhr im Stadtpark vorbeischauen. Der Eintritt ist frei, die Bewegung vermutlich garantiert und Muskelkater nicht ausgeschlossen.

Und falls die eigene Zirkuskarriere dabei doch nicht beginnt, bleibt wenigstens die Erkenntnis: Richtig abhängen kann man in Hilden inzwischen ganz offiziell.

Mittwoch, 26. August 2026

26.8.2026: 20 Jahre Büchermarkt – Hilden kann eben doch Papier

Es gibt Veranstaltungen, die tauchen irgendwann auf, verschwinden nach zwei Ausgaben wieder und hinterlassen höchstens ein paar Plakate im Keller. Und dann gibt es den Hildener Büchermarkt. Seit 20 Jahren hält sich „Fas(s)t alles aus Papier!“ inzwischen in der Mittelstraße – und allein der Name ist schon so herrlich aus der Zeit gefallen, dass man ihn eigentlich unter Denkmalschutz stellen müsste. Angefangen hat alles im September 2006, damals mit Unterstützung des Stadtmarketings. Offenbar war die Idee so gut, dass schon im November desselben Jahres die zweite Ausgabe folgte. Seitdem gehört der Markt fest zum Hildener Veranstaltungskalender und hat längst seine Stammgäste gefunden – auf beiden Seiten der Stände.

Am kommenden Wochenende, 29. und 30. August, wird wieder aufgebaut. Und wie immer geht es natürlich nicht nur um Bücher. Das wäre auch viel zu einfach. Es gibt Kinder- und Jugendliteratur, Romane, Klassiker, Fachbücher, Briefmarken, Kupferstiche, Sammelobjekte und sogar Wandschmuck. Wer also morgens mit dem festen Vorsatz in die Mittelstraße geht, nur ein gebrauchtes Buch für fünf Euro zu kaufen, könnte am Nachmittag mit drei Romanen, einem historischen Stadtplan, zwei Briefmarkenalben und einem gerahmten Kupferstich nach Hause kommen. So funktionieren Märkte nun einmal. Man findet nie das, was man gesucht hat – aber erstaunlich viel, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es unbedingt braucht.

Besonders sympathisch finde ich, dass viele Händler seit zwei Jahrzehnten dabei sind. Das ist echte Treue. Andere Branchen wechseln in diesem Zeitraum drei Geschäftsmodelle, fünf Logos und mindestens einmal den Firmennamen. Auf dem Hildener Büchermarkt steht dagegen offenbar immer noch jemand hinter seinem Stand und sagt: „Den Goethe hatte ich letztes Jahr schon dabei.“ Gerade das macht den Reiz aus. Man kennt sich, man kommt ins Gespräch, man stöbert, man diskutiert über Preise und am Ende geht doch wieder ein Buch mit, obwohl zu Hause eigentlich schon kein Regalplatz mehr frei ist.

Überhaupt hat so ein Büchermarkt etwas angenehm Unmodernes. Kein Algorithmus empfiehlt mir, was ich als Nächstes lesen soll. Niemand fragt nach meiner Mailadresse. Es gibt keine personalisierte Werbung und kein „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, interessierten sich auch für …“. Man nimmt einfach ein Buch in die Hand, blättert darin, liest den Klappentext und entscheidet selbst. Revolutionär.

Und dann ist da natürlich noch das Papier. Während uns seit Jahren erzählt wird, alles müsse digital werden, hält sich in Hilden ein Markt seit 20 Jahren mit genau dem Gegenteil. Bücher, Briefmarken, Kupferstiche – alles Dinge, die man tatsächlich anfassen kann. Vielleicht ist gerade das der Grund für den Erfolg. Ein E-Book kann praktisch sein, aber es riecht nach nichts. Eine digitale Briefmarke kann funktionieren, aber niemand legt sie stolz in ein Album. Und ein PDF hängt sich nur sehr schwer dekorativ an die Wohnzimmerwand.

Der Büchermarkt passt deshalb erstaunlich gut nach Hilden. Unsere Innenstadt lebt von Veranstaltungen, die Menschen zum Bummeln bringen. Mal gibt es Wein, mal Streetfood, mal Autos, mal Weihnachtsbuden – und an diesem Wochenende eben Papier. Das wirkt fast schon beruhigend. Zwischen all den Events, bei denen irgendwo Musik läuft, etwas gegrillt wird oder ein Cocktail ausgeschenkt wird, steht der Büchermarkt für die ruhigere Variante. Wobei „ruhig“ relativ ist. Wer schon einmal zwei Sammler erlebt hat, die sich gleichzeitig für dasselbe seltene Stück interessieren, weiß, dass auch zwischen Bücherkisten Wettbewerb entstehen kann.

Samstag ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Genug Zeit also, um einmal durch die Mittelstraße zu schlendern und zu schauen, was sich finden lässt. Wahrscheinlich wird auch diesmal wieder jemand nach Hause gehen und sich fragen, warum er eigentlich noch einen weiteren Bildband, Roman oder alten Stadtplan gekauft hat.

Die Antwort ist einfach: weil er da lag.

Und weil Hilden seit 20 Jahren beweist, dass „fast alles aus Papier“ offenbar ziemlich langlebig sein kann.

Dienstag, 25. August 2026

25.8.2026: Hilden schenkt nach – oder: Wenn ein Weinfest einfach nicht genug ist

Es gibt Veranstaltungen, bei denen sagt man nach der Premiere: Schön war’s, machen wir nächstes Jahr wieder. Und dann gibt es Hilden. Dort sagt man nach einem erfolgreichen Weinfest offenbar: Schön war’s, machen wir es einfach noch einmal in diesem Jahr. Nachdem das Weindorf im Mai ausgesprochen gut besucht war, folgt vom 4. bis 6. September die zweite Runde. Und weil ein Weinfest allein inzwischen offensichtlich nicht mehr reicht, gibt es gleichzeitig noch Herbstmarkt, Autoshow und verkaufsoffenen Sonntag. Hilden denkt bei Veranstaltungen inzwischen offenbar in Kombipaketen.

Der Grund für die schnelle Wiederholung ist einfach: Das erste Weinfest war voll. Sehr voll. Am Freitag sollen über den Tag verteilt rund 15.000 Menschen in der Innenstadt gewesen sein, am Samstag noch einmal etwa 10.000. Das sind Zahlen, bei denen man sich kurz fragt, ob Hilden zwischenzeitlich heimlich die Einwohnerzahl verdoppelt hat. Die Stimmung war gut, der Wein offenbar auch, nur wurde es stellenweise ein wenig eng. Einige Besucher machten sich deshalb Gedanken über Rettungswege und Sicherheit. Für die Neuauflage hat man daraus Konsequenzen gezogen. Statt acht Winzern kommen diesmal nur sieben. Das klingt zunächst wie eine eher überschaubare Entlastungsmaßnahme, aber zusätzlich soll es mehr Stehtische und weniger Bierzeltgarnituren geben. Ein Sicherheitsdienst wird darauf achten, dass Durchgänge frei bleiben. Man merkt: Hilden entwickelt sich langsam zum professionellen Weinfeststandort.

Interessant ist, dass diesmal ausschließlich neue Winzer dabei sind. Offenbar gibt es inzwischen sogar eine Warteliste von Betrieben, die gerne nach Hilden kommen würden. Auch das muss man sich einmal vorstellen. Früher musste eine Stadt um attraktive Veranstaltungen kämpfen. Heute warten offenbar Winzer darauf, endlich auf dem Ellen-Wiederhold-Platz ausschenken zu dürfen. Das ist doch mal eine schöne Form kommunaler Standortattraktivität.

Passend zum Spätsommer soll es neben klassischen Weinen auch Spätburgunder und den ersten Federweißen geben. Damit verschiebt sich das Getränkeangebot langsam von „leichter Sommerabend“ in Richtung „der Herbst steht schon hinter der Ecke“. Kulinarisch bleibt es vertraut: Grill, Flammkuchen und Crêpes. Das ist wahrscheinlich vernünftig. Bei Weinveranstaltungen sollte man Experimente schließlich lieber im Glas als auf dem Teller machen.

Parallel dazu verwandelt sich die Mittelstraße in einen Herbstmarkt. Dort gibt es Floristik, Dekoration, Blumen und Kunsthandwerk. Das bietet einen ziemlich gelungenen Ablaufplan für den Samstag: erst einen dekorativen Holzstern kaufen, anschließend einen Flammkuchen essen, dann einen Wein probieren und später feststellen, dass man den Holzstern die ganze Zeit unter dem Arm getragen hat.

Am Sonntag wird das Programm noch erweitert. Dann öffnen von 13 bis 18 Uhr die Geschäfte, und auf dem Nove-Mesto-Platz präsentieren Hildener Autohäuser neue Modelle. Das führt zu einer etwas ungewöhnlichen, aber durchaus charmanten Mischung: Wein, Herbstdeko, Shopping und Autos. Man könnte sagen, für praktisch jedes Familienmitglied ist etwas dabei. Einer schaut nach einem neuen SUV, der andere nach einem herbstlichen Türkranz und der Rest sitzt längst beim Spätburgunder.

Wer jetzt allerdings glaubt, Hilden müsse danach erst einmal durchatmen, unterschätzt den Veranstaltungskalender. Ende Oktober folgt bereits das Itterfest mit Trödelmarkt und erneutem verkaufsoffenen Sonntag. Ende November steht der Weihnachtsmarkt der Vereine an. Und schon ab Mitte November soll sich der Alte Markt wieder in ein Winterdorf verwandeln – inklusive Livemusik, Eisstockschießen und Weihnachtssingen. Wenn das so weitergeht, besteht die Hildener Innenstadt irgendwann eigentlich nur noch aus zwei Zuständen: Veranstaltung wird aufgebaut oder Veranstaltung läuft.

Das kann man natürlich kritisch sehen. Veranstaltungen bedeuten Lärm, Verkehr, volle Parkhäuser und manchmal auch genervte Anwohner. Gleichzeitig bringen genau solche Wochenenden Menschen in die Innenstadt. Sie sorgen dafür, dass Plätze genutzt werden, Geschäfte Besucher bekommen und Gastronomie funktioniert. Eine Fußgängerzone lebt eben nicht ausschließlich davon, dass sie gepflastert ist. Sie braucht Menschen. Und wenn die wegen eines Weinfestes kommen und nebenbei noch einkaufen, essen oder ein Auto anschauen, dürfte das aus Sicht des Stadtmarketings ziemlich nahe am Idealzustand liegen.

Bemerkenswert ist außerdem, wie schnell sich das Weinfest etabliert hat. Die erste Ausgabe dieses Jahres war offenbar so erfolgreich, dass man nicht bis 2027 warten wollte. Das spricht dafür, dass Hilden solche Formate tatsächlich annimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ein Weinfest angenehm unkompliziert ist. Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse, keine Mitgliedschaft und kein Programmheft. Man setzt sich hin, sucht sich etwas aus und spätestens nach dem zweiten Glas versteht man sich ohnehin mit dem Nachbartisch.

Natürlich werden auch diesmal wieder Diskussionen dazugehören. Ist es zu voll? Gibt es genug Sitzplätze? Sind die Durchgänge frei? Ist der Wein zu teuer? Warum gibt es keinen bestimmten Winzer? Warum ist irgendwo kein Parkplatz? Ohne diese Fragen wäre es schließlich keine richtige Hildener Veranstaltung.

Trotzdem finde ich die Entwicklung sympathisch. Gerade wenn über Leerstände, Onlinehandel und die Zukunft der Innenstädte diskutiert wird, braucht man Gründe, warum Menschen überhaupt noch ins Zentrum kommen sollen. Ein zweites Weinfest ist da sicherlich keine vollständige Stadtentwicklungsstrategie. Aber es ist immerhin ein ziemlich angenehmer Baustein.

Und wer Anfang September noch keinen Plan hat, bekommt von Hilden gleich vier geliefert: Wein trinken, Herbstmarkt besuchen, einkaufen und Autos anschauen.

Man muss ja nicht alles gleichzeitig machen.

Obwohl – bei uns in Hilden würde mich auch das nicht wundern.

Montag, 24. August 2026

24.8.2026: Brandgeruch über Hilden – und plötzlich kommt der Rauch aus Belgien

Es gibt Tage, da öffnet man die Haustür, atmet einmal tief ein und denkt sofort: Irgendwo brennt es. Genau so muss es am Dienstag vielen Menschen im Süden des Kreises Mettmann gegangen sein. Es roch brenzlig, teilweise deutlich nach Rauch, und niemand konnte auf Anhieb sagen, woher das Ganze kam. Die naheliegende Reaktion war für viele: Feuerwehr anrufen. Einige Dutzend Menschen wählten die 112, zeitweise musste die Leitstelle sogar personell verstärkt werden. Das klingt zunächst dramatisch, war aber in diesem Fall eher ein Beweis dafür, wie weit Rauch reisen kann. Denn gebrannt hat es nicht irgendwo um die Ecke in Hilden, Haan oder Langenfeld, sondern in Waldbrandgebieten an der deutsch-belgischen Grenze und im Raum Düren.

Damit hat der Sommer 2026 wieder einmal gezeigt, dass Entfernungen relativ sind. Normalerweise denkt man bei Belgien an Pommes, Pralinen oder einen Wochenendausflug. Diesmal kam stattdessen der Brandgeruch vorbei. Und zwar frei Haus. Verantwortlich war eine Veränderung der Windrichtung. Die Rauch- und Feinstaubpartikel waren bereits seit Tagen in höheren Luftschichten unterwegs. Zunächst wurden sie mit westlichem Wind an unserer Region vorbeigetragen. Dann drehte der Wind in den unteren Schichten auf Südwest – und plötzlich roch es im Kreis Mettmann so, als hätte jemand irgendwo hinter dem nächsten Häuserblock ein Lagerfeuer in beachtlicher Größe angezündet.

Natürlich kann man niemandem vorwerfen, bei einem unerklärlichen Brandgeruch die Feuerwehr zu alarmieren. Im Gegenteil. Wenn es tatsächlich irgendwo brennt, zählt jede Minute. Lieber einmal zu viel melden als einmal zu wenig. Auch die Leitstelle macht klar, dass niemand erst Flammen sehen muss, bevor er die 112 wählen darf. Das ist beruhigend. Etwas erstaunlicher waren offenbar jene Anrufer, die den Notruf nutzten, um sich über den aktuellen Stand der Waldbrände informieren zu lassen. Die 112 ist eben doch keine telefonische Nachrichtensendung mit persönlicher Waldbrandberatung. Wer wissen möchte, wo es gerade brennt und wie der Wind steht, darf dafür durchaus Radio, Internet oder Warn-App bemühen. Die Feuerwehr hat meistens noch ein paar andere Dinge zu tun.

Besonders interessant wurde die Sache, als auch noch Regen einsetzte. Wer dachte, der würde die Luft reinigen und damit sei die Sache erledigt, bekam eine kleine meteorologische Überraschung. Die Regentropfen nahmen die Feinstaubpartikel nämlich mit nach unten. Dadurch wurde der Brandgeruch teilweise sogar noch stärker wahrgenommen. Einige Menschen bemerkten offenbar sogar, dass sich der Regen irgendwie anders anfühlte. Das ist eine dieser Informationen, bei denen man im Nachhinein froh ist, dass man nicht gerade voller Begeisterung mit offenem Mund durch den Sommerregen gelaufen ist.

Und dann kommt natürlich sofort die nächste praktische Frage: Was ist mit den Tomaten im Garten? Den Äpfeln? Den Gurken? Darf man die noch essen, wenn vorher eine belgisch-deutsche Rauchwolke darübergezogen ist? Die beruhigende Antwort lautet: ja. Obst und Gemüse können weiterhin gegessen werden, sollten aber sorgfältig abgewaschen oder geschält werden. Nur bei einer starken Aschebelastung wäre größere Vorsicht angesagt. Davon war in unserer Region aber nicht auszugehen.

Ich finde die ganze Geschichte trotzdem bemerkenswert. Wir leben in einer Zeit, in der ein Waldbrand viele Kilometer entfernt plötzlich in Hilden riechbar wird, Warn-Apps auf dem Handy anschlagen und Meteorologen erklären, wie Feinstaub mit Regen nach unten transportiert wird. Früher hätte vermutlich jemand gesagt: „Da brennt bestimmt irgendwo ein Feld.“ Heute schaut man erst aufs Smartphone und erfährt, dass der Rauch aus Belgien kommt.

Vielleicht zeigt die Sache auch, wie aufmerksam die Menschen inzwischen geworden sind. Nach den Waldbränden der vergangenen Wochen und der anhaltenden Trockenheit reicht ein ungewöhnlicher Geruch, und sofort ist die Sorge da, dass es auch bei uns brennen könnte. Das ist eigentlich gar nicht schlecht. Gerade bei hoher Waldbrandgefahr ist Aufmerksamkeit wichtig. Nur sollte man eben unterscheiden zwischen „Ich rieche Rauch und weiß nicht, woher er kommt“ und „Ich wollte mal hören, wie es aktuell im Hürtgenwald aussieht“. Für Letzteres ist die 112 eher ungeeignet.

Am Ende blieb uns diesmal zum Glück nur der Geruch. Kein Brand in Hilden, keine Evakuierung, keine Löscharbeiten. Nur eine Rauchwolke, die auf ihrer Reise beschlossen hatte, einen kleinen Umweg über den Kreis Mettmann zu machen.

Und damit haben wir wieder etwas gelernt: Wenn es in Hilden nach Feuer riecht, muss es nicht zwingend in Hilden brennen.

Manchmal reicht schon der falsche Wind aus Belgien.

Sonntag, 23. August 2026

23.8.2026: Otto’s Büdchen verschwindet – aber die Erinnerungen bleiben

Es gibt Gebäude, die sind architektonisch bedeutsam. Es gibt Gebäude, die stehen unter Denkmalschutz. Und dann gibt es Gebäude, bei denen all das ziemlich egal ist, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. In Hilden gehörte Otto’s Büdchen an der Walder Straße eindeutig zur dritten Kategorie. Man musste nicht erklären, wo es lag. Man sagte einfach „bei Otto“ – und damit war die Sache geklärt. Nun verschwindet auch der letzte sichtbare Rest dieses Stücks Hildener Alltagsgeschichte. Das Haus an der Walder Straße 28 wird abgerissen, von dem Gebäude steht inzwischen nur noch die vordere Fassade.

Otto’s Büdchen war schließlich nicht irgendein Kiosk. Otto Hedrich eröffnete ihn am 1. April 1969. Eigentlich hatte seine Frau Ursula zunächst einen Blumenladen, während Otto als gelernter Schreiner eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass sich mit Zigaretten, Zeitschriften, Süßigkeiten und allem, was ein ordentliches Büdchen sonst noch braucht, offenbar besser wirtschaften ließ als mit Blumen. Also wurde das Ladenlokal vermietet und das Ehepaar konzentrierte sich auf den Kiosk. Das war eine Entscheidung mit Folgen: Aus einem kleinen Geschäft wurde über Jahrzehnte eine Hildener Institution.

Wer heute über Öffnungszeiten im Einzelhandel diskutiert, sollte sich die damalige Betriebsordnung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Otto’s Büdchen war 364 Tage im Jahr geöffnet. Lediglich am ersten Weihnachtstag war Schluss. Heiligabend? Offen. Silvester? Offen. Irgendein verregneter Dienstag im November, an dem jeder vernünftige Mensch am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre? Natürlich offen. Wahrscheinlich hätte man bei Otto eher darüber diskutieren müssen, warum ein Jahr überhaupt einen Tag braucht, an dem der Kiosk geschlossen ist.

Nach dem Tod seiner Frau Ursula im Jahr 2005 machte Otto weiter. Unterstützt wurde er von zwei Mitarbeiterinnen. Und er blieb seinem Büdchen tatsächlich bis zuletzt treu. Am 21. Januar 2020 starb Otto Hedrich im Alter von 77 Jahren. Noch am Tag zuvor hatte er hinter seinem Verkaufstresen gestanden und seine Kunden bedient. Nach mehr als 50 Jahren war Otto für viele Hildener längst nicht mehr einfach der Mann vom Kiosk. Er gehörte zum Inventar der Stadt – und zwar im besten Sinne des Wortes.

Jetzt also der Abriss. Und natürlich stellt sich sofort die wichtigste Hildener Frage: Was kommt dahin? Die Antwort ist derzeit ungefähr so eindeutig wie die Frage, ob man in der Innenstadt an einem Samstagmittag spontan einen Parkplatz findet. Nach Angaben der Stadt soll auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen, einschließlich Stellplätzen und Garagen im rückwärtigen Bereich. Wer genau baut, wann gebaut wird und welche Fläche am Ende tatsächlich betroffen ist, scheint allerdings noch nicht vollständig geklärt zu sein.

Das Ganze bekommt zusätzliche Würze, weil direkt nebenan ohnehin größere Veränderungen geplant sind. Im Bereich zwischen Walder Straße und Kirchhofstraße möchte die Stadt langfristig ein neues Wohngebiet entwickeln. Der Bebauungsplan mit dem ausgesprochen romantischen Namen „165A“ sieht fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser und drei Einzelhäuser vor. Insgesamt könnten dort 70 bis 90 Wohnungen entstehen. Dazu kommen neue Straßen und 97 Stellplätze. Das klingt zunächst nach einer jener Planungen, bei denen Stadtplaner begeistert auf bunte Flächen schauen und Anwohner spontan beginnen, Parkplätze nachzuzählen.

Genau so kam es auch. Bei einer Informationsveranstaltung im Mai war die Begeisterung der Anwohner ausgesprochen überschaubar. Rund 35 Grundstückseigentümer, Mieter und Anwohner waren gekommen, und fast alle standen den Plänen ablehnend gegenüber. Vor allem das Thema Parkplätze sorgte für Diskussionen. Schließlich soll ein bestehender Garagenhof verschwinden, während gleichzeitig zahlreiche neue Bewohner hinzukommen könnten. Das ist ungefähr die kommunalpolitische Variante von Reise nach Jerusalem: mehr Teilnehmer, aber möglicherweise weniger Stühle.

Bis dort tatsächlich die Bagger für das große Wohnprojekt rollen, dürfte allerdings noch reichlich Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Stadt besitzt selbst kaum Grundstücke in dem Gebiet und ist deshalb auf die Bereitschaft der Eigentümer angewiesen. Zudem müssen Einwände geprüft, Pläne möglicherweise verändert und erneut öffentlich ausgelegt werden. Für den Beschluss des Bebauungsplans waren zuletzt noch mindestens rund zweieinhalb Jahre eingeplant.

Bei Otto’s Büdchen ist die Sache dagegen schon sehr konkret: Dort arbeitet der Bagger bereits. Damit verschwindet ein Ort, der äußerlich vielleicht nie besonders spektakulär war, für viele Hildener aber zu den selbstverständlichen Konstanten der Stadt gehörte. Genau solche Orte merkt man häufig erst dann richtig, wenn sie nicht mehr da sind.

Natürlich braucht Hilden Wohnungen. Städte verändern sich, Grundstücke werden neu genutzt und irgendwann können selbst die bekanntesten Gebäude nicht einfach stehen bleiben, nur weil Generationen von Hildenern dort ihre Zeitung, Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft haben. Trotzdem darf man ein wenig wehmütig werden. Denn ein neues Mehrfamilienhaus kann vieles bieten: moderne Wohnungen, Garagen, vielleicht Balkone und selbstverständlich irgendeinen hochmodernen Fahrradabstellraum.

Nur eines wird es ziemlich sicher nicht schaffen: 364 Tage im Jahr Otto zu sein.

Samstag, 22. August 2026

22.8.2026: Gut Holterhof: Wo der Arbeitstag vier Beine hat und Feierabend eher theoretisch ist

Wer morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und anschließend darüber nachdenkt, ob heute vielleicht ein ruhiger Tag im Büro bevorsteht, dürfte auf Gut Holterhof nur begrenzt anschlussfähig sein. Dort beginnt der Tag eher mit Stall, Kühen und Pferden – und wenn andere langsam den Laptop zuklappen, wollen die Tiere noch einmal wissen, was es zum Abendessen gibt. Mittendrin: die 23-jährige Pia Breloh. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Tom steht sie als vierte Generation bereit, den traditionsreichen Hildener Familienbetrieb irgendwann zu übernehmen.

Und wer jetzt glaubt, Pia müsse erst noch herausfinden, ob Landwirtschaft wirklich das Richtige für sie ist, dürfte lange warten. Sie kennt dieses Leben seit ihrer Kindheit und kann sich nach eigener Aussage kaum vorstellen, ihre Tage stattdessen in einem Büro zu verbringen. Verständlich: Zwischen zehn Galloway-Rindern, 50 Milchkühen, weiteren 50 Kühen in der Nachzucht und rund 30 Pensionspferden dürfte der durchschnittliche Dienstag jedenfalls abwechslungsreicher sein als zwischen Drucker, Kaffeemaschine und Teams-Besprechung. Dazu kommen Hofladen, Automatenverkauf und eine umgebaute Scheune, die als Veranstaltungsort vermietet wird. Gut Holterhof ist längst nicht mehr einfach nur Bauernhof, sondern ein kleiner landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen – nur eben mit deutlich mehr Kühen.

Pias Alltag ist entsprechend durchgetaktet. Vor zwei Jahren hat sie ein Fernstudium im Agrarmanagement begonnen. Das Studium ersetzt allerdings nicht die Arbeit auf dem Hof, sondern kommt praktischerweise einfach noch obendrauf. Morgens und vormittags werden Pferde- und Kuhstall ausgemistet und die Tiere versorgt, mittags und nachmittags wird gelernt, und am Abend sind wieder die Tiere dran. Das klassische Studentenleben mit Ausschlafen, Mensa und der gelegentlichen Erkenntnis um 22 Uhr, dass morgen eine Klausur geschrieben wird, dürfte auf Gut Holterhof eher selten stattfinden. Pias Ziel steht ohnehin fest: Sie möchte den Hof gemeinsam mit ihrem Bruder übernehmen. Tom absolviert eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Landwirtschaft und Landtechnik – das könnte man durchaus als ziemlich sinnvoll geplante Geschwisterkombination bezeichnen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Pia als mögliche Betriebsnachfolgerin in der Landwirtschaft noch immer zu einer Minderheit gehört. Frauen machen zwar einen erheblichen Teil der Beschäftigten aus, an der Spitze landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber deutlich seltener vertreten. Gerade einmal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gut Holterhof könnte also irgendwann nicht nur einen Generationswechsel erleben, sondern gleichzeitig ein kleines Stück landwirtschaftlicher Statistik verändern.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, morgens Kühe zu melken und abends das Scheunentor zu schließen. Die Landwirtschaft verändert sich, viele Betriebe wachsen oder verschwinden ganz. Gut Holterhof versucht deshalb, auf mehreren Beinen zu stehen – was bei einem Hof mit so vielen Tieren ohnehin naheliegt. Neben Landwirtschaft und Direktvermarktung sieht Pia besonders im Veranstaltungsbereich Chancen. Die Scheune wird bereits als Party-Location genutzt, künftig könnte es dort beispielsweise auch Kindergeburtstage geben. Nur eines soll daraus ausdrücklich nicht werden: irgendein Schicki-Micki-Restaurant. Das würde vermutlich auch schlecht zu einem Arbeitstag passen, bei dem Gummistiefel deutlich häufiger benötigt werden als Pumps.

Überhaupt ist Landwirtschaft weniger Beruf als Lebensmodell. Wer Tiere hat, kann schließlich schlecht am Freitag um 17 Uhr den Stift fallen lassen und den Kühen mitteilen, dass man sich Montagmorgen wiedersehe. Auch Pias Partner kommt deshalb aus der Landwirtschaft. Das sei wichtig, weil man jemanden brauche, der verstehe, dass es praktisch nie wirklich frei gebe. Ihre eigene Beschreibung bringt das wunderbar auf den Punkt: Sie laufe den ganzen Tag in Arbeitskleidung herum und rieche nach Pferd – damit müsse ein Mann eben klarkommen. Romantik auf dem Land funktioniert offenbar etwas anders als in einschlägigen Fernsehformaten.

Und ganz ohne Kontrastprogramm geht es dann doch nicht. Pia ist ausgebildete Jägerin und engagiert sich mit ihrem Partner Jan Philippen in der Landjugend. Gleichzeitig bilden die beiden das Jungschützenkönigspaar in Ratingen. Für solche Gelegenheiten hängen tatsächlich ein paar elegante Abendkleider im Schrank. Zwischen Stallkleidung und Abendkleid liegen auf Gut Holterhof also manchmal nur wenige Stunden – vermutlich allerdings inklusive gründlicher Dusche.

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb gar nicht, dass eine junge Frau einen Bauernhof übernehmen möchte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Familientradition weitergeführt und gleichzeitig modernisiert wird. Gut Holterhof wurde bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Nun steht dort eine Generation bereit, die Agrarmanagement studiert, Landmaschinenmechatronik lernt, Direktvermarktung betreibt und über neue Veranstaltungskonzepte nachdenkt. Tradition bedeutet eben nicht, alles genauso zu machen wie vor hundert Jahren. Manchmal bedeutet sie einfach, dafür zu sorgen, dass es den Hof auch in hundert Jahren noch gibt.

Und während anderswo über Work-Life-Balance diskutiert wird, dürfte man auf Gut Holterhof bei diesem Begriff kurz schmunzeln. Denn spätestens wenn morgens der Futtereimer klappert und zehn Galloways angelaufen kommen, ist ziemlich eindeutig geklärt, welcher Teil von „Work-Life-Balance“ gerade Vorrang hat.

Freitag, 21. August 2026

21.8.2026: Sommerferien in Hilden: Wenn die Kinder gehen, kommen die Handwerker

Sommerferien haben für Schüler ja etwas wunderbar Einfaches: Schultasche in die Ecke, Wecker aus, sechs Wochen möglichst wenig darüber nachdenken, dass es so etwas wie Mathematik, Hausaufgaben und Montagmorgen überhaupt gibt. Für Hildens Schulen und Kitas sieht die Sache etwas anders aus. Sobald Kinder, Lehrer und Erzieherinnen verschwunden sind, beginnt dort nämlich eine ganz andere Form des Unterrichts: Maler, Elektriker, Bodenleger und Handwerker übernehmen die Gebäude. Und in diesem Sommer hat die Stadt ihnen eine ziemlich lange Hausaufgabenliste mitgegeben. Gut 200.000 Euro werden investiert, damit nach den Ferien zumindest an einigen Stellen frische Farbe an der Wand hängt, das Licht wieder zuverlässig leuchtet und Feuchtigkeit dort bleibt, wo sie hingehört – nämlich möglichst außerhalb des Gebäudes.

Am Helmholtz-Gymnasium werden rund 30.000 Euro investiert. Sekretariat, Schulleitungsbüro und Vorflur werden umgestaltet, im Keller müssen Brandschotten verbessert, alte Leitungen entfernt und die Netzwerkinfrastruktur erweitert werden. Das klingt nicht unbedingt nach der Art von Ferienprogramm, für die man morgens freiwillig früh aufsteht, ist aber vermutlich nachhaltiger als drei Wochen Mallorca. Immerhin dürfte die Schulleitung nach den Ferien in frisch renovierten Räumen sitzen. Ob dadurch auch unangenehme Zeugnisgespräche angenehmer werden, ist allerdings nicht Bestandteil der Baumaßnahme.

Auch die Wilhelm-Busch-Schule an der Richrather Straße bekommt für rund 20.000 Euro eine kleine Schönheitskur. Malerarbeiten im Alt- und Neubau, Putzarbeiten und punktuell neue Böden stehen auf dem Programm. Die Grundschule am Kalstert erhält für 15.000 Euro ebenfalls Farbe und Lack im Treppenhaus, dazu Elektroarbeiten. Weniger erfreulich ist dort der Grund für einen weiteren Teil der Arbeiten: Einbruchsschäden im Verwaltungsbereich müssen beseitigt werden. Ähnlich sieht es bei der Kita Kunterbunt an der Lortzingstraße aus. Dort hatten sich Unbekannte im April gewaltsam Zutritt verschafft. Rund 2.000 Euro kostet es nun, die Hinterlassenschaften dieser ausgesprochen unerwünschten Besucher wieder zu beseitigen. Man könnte das Geld sicherlich schöner für Kinder ausgeben.

An der Astrid-Lindgren-Schule wird für etwa 10.000 Euro an der Hochspielebene gearbeitet und die Elektrik angefasst, bei der Wilhelm-Busch-Schule Zur Verlach kostet ein ähnlicher Umbau rund 5.000 Euro. Die Marie-Colinet-Schule und die Turnhallen am Holterhöfchen bekommen für etwa 8.000 Euro Arbeiten an Farbe, Boden und Dach spendiert. Es sind viele kleinere Maßnahmen, die einzeln wenig spektakulär klingen, in der Summe aber zeigen, was der Unterhalt öffentlicher Gebäude bedeutet. Ein bisschen Farbe hier, ein neuer Boden dort, eine Sicherheitsbeleuchtung an anderer Stelle – und schon hat der Taschenrechner wieder ordentlich zu tun.

Der unangefochtene Sommerferien-Sanierungsmeister 2026 steht allerdings an der Schulstraße. Die Kita Arche verschlingt mit rund 100.000 Euro gleich die Hälfte des gesamten Budgets. Und „verschlingt“ ist hier beinahe das passende Wort, denn das Problem steckt in den Wänden. Der Gebäudekomplex stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, Teile des Ziegelmauerwerks liegen im Erdreich und genau dort hat sich erhebliche Feuchtigkeit breitgemacht. Betroffen sind unter anderem der große Bewegungsraum samt Sanitärbereich, ein Heizungsraum und sogar das Büro der Kitaleitung. Wer bei „Arche“ bislang automatisch an sehr viel Wasser gedacht hat, bekommt hier leider eine etwas zu passende moderne Interpretation des Namens.

Nun werden die betroffenen Wände fachgerecht abgedichtet und anschließend getrocknet. Bautrockner laufen dafür Tag und Nacht. Danach sollen die Räume, soweit erforderlich, renoviert werden. Das Ziel klingt erfreulich unspektakulär: Die Kita soll ihre Räume anschließend wieder dauerhaft und uneingeschränkt nutzen können. Gerade bei solchen Maßnahmen merkt man allerdings, wie schnell bei älteren öffentlichen Gebäuden erhebliche Summen zusammenkommen. Für 100.000 Euro bekommt die Arche schließlich keinen neuen Anbau, keinen spektakulären Abenteuerspielplatz und auch keine goldenen Wasserhähne. Man bekommt im Wesentlichen trockene Wände. Aber manchmal sind trockene Wände eben ziemlich luxuriös.

Etwas gemütlicher dürfte es künftig in der Kita Mäusenest werden. Dort investiert die Stadt rund 15.000 Euro in neue dimmbare LED-Beleuchtung, Malerarbeiten und Maßnahmen für eine bessere Raumakustik. Dimmbare Beleuchtung in einer Kita klingt übrigens nach einer ausgezeichneten Idee. Wer schon einmal einen Raum voller aufgedrehter Kinder erlebt hat, weiß allerdings, dass man für eine wirklich beruhigende Atmosphäre vermutlich nicht nur das Licht dimmen müsste. Trotzdem: besseres Licht und bessere Akustik sind sicherlich zwei Investitionen, über die sich Kinder und Beschäftigte gleichermaßen freuen können.

Und dann gibt es noch all die Arbeiten, die kaum jemand bemerkt, solange alles funktioniert. Elektroanlagen in mehreren Kitas werden geprüft, Sicherheitsbeleuchtungen erneuert, Brandmeldeanlagen kontrolliert oder neu installiert und elektronische Türbeschläge eingebaut. Auch die fest installierten und beweglichen Sportgeräte in den Hildener Hallen wurden überprüft. Notwendige Reparaturen sollen ebenfalls während der Ferien erledigt werden. Das ist die unsichtbare Seite kommunaler Gebäudewirtschaft: Wenn nach den Ferien das Licht angeht, die Tür aufgeht, der Basketballkorb hängen bleibt und im Ernstfall die Brandmeldeanlage funktioniert, denkt vermutlich niemand daran, dass während der Sommerferien jemand dafür gesorgt hat.

Natürlich kann man bei 200.000 Euro fragen, ob das viel oder wenig ist. Verteilt auf die zahlreichen Schulen, Kitas und Sportstätten der Stadt relativiert sich die Summe allerdings ziemlich schnell. Allein die feuchte Arche beansprucht die Hälfte davon. Und vieles, was jetzt gemacht wird, ist eben keine luxuriöse Verschönerung, sondern notwendiger Gebäudeunterhalt. Schulen und Kitas werden jeden Tag intensiv genutzt. Da werden Türen geöffnet und geschlossen, Böden strapaziert, Wände malträtiert und technische Anlagen beansprucht. Gebäude altern eben auch dann, wenn gerade niemand Geburtstag feiert.

Während also viele Hildener Kinder ihre Ferien genießen, herrscht in ihren Schulen und Kitas Hochbetrieb. Nur eben ohne Mathearbeit, Morgenkreis und Pausenklingel. Stattdessen wird gestrichen, gebohrt, getrocknet, geprüft und verkabelt. Und wenn nach den Sommerferien alle wiederkommen, werden die meisten Veränderungen wahrscheinlich kaum auffallen. Genau das ist vermutlich das größte Kompliment für die Handwerker: Die Kinder kommen zurück, das Licht funktioniert, die Wand ist trocken, der Boden heil – und spätestens nach zwei Tagen sieht alles wieder so aus, als wären niemals Ferien gewesen.

Donnerstag, 20. August 2026

20.8.2026: Hildens Pferdewiese: 21 Reihenhäuser, 411 Quadratmeter Mulde und die große Frage, wohin mit dem Regen?

Es gibt Orte in Hilden, von denen vermutlich selbst viele Hildener lange Zeit nicht wussten, dass sie einen Namen haben. Die Pferdewiese gehört ziemlich sicher dazu. Sie liegt im Hildener Norden hinter den Häusern an der Gerresheimer Straße, ungefähr zwischen Gerresheimer Straße und Heinrich-Lersch-Straße. Rund 7.328 Quadratmeter Grünfläche, also ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Jahrzehntelang konnte man dort vermutlich relativ unbehelligt Wiese sein. Doch damit könnte es irgendwann vorbei sein, denn die DRH Deutsche Reihenhaus AG hat das Grundstück gekauft und möchte dort 21 Reihenhäuser errichten. Und plötzlich ist aus einer Wiese ein städtebauliches Großthema geworden.

Geplant sind 21 Reihenhäuser mit Gärten, Stellplätzen und allem, was zu einer kleinen neuen Siedlung dazugehört. Zur Auswahl stehen sogar zwei ausgesprochen optimistisch benannte Haustypen: „Wohntraum“ mit 120 Quadratmetern und „Familienglück“ mit 145 Quadratmetern. Das muss man sich erst einmal trauen. Andere Bauträger nennen ihre Häuser Typ A und Typ B, in Hilden zieht man möglicherweise demnächst direkt ins Familienglück ein. Fehlt eigentlich nur noch die Doppelhaushälfte „Schwiegermutterfrieden“ und die Garage „Nachbarschaftsharmonie“. Die Häuser entstehen in serieller Bauweise und sehen deshalb deutschlandweit weitgehend gleich aus. Lediglich bei der Fassadenfarbe gibt es Variationsmöglichkeiten. Individualismus hat schließlich Grenzen.

Ganz so romantisch wie die Namen der Häuser ist die Diskussion allerdings nicht. Denn die Pferdewiese ist eben nicht irgendeine freie Fläche, auf der zufällig noch niemand gebaut hat. Kritiker sehen in ihr eine wichtige Frischluftschneise und vor allem eine Versickerungsfläche bei Starkregen. Und Starkregen ist inzwischen auch in Hilden ein Begriff, bei dem man nicht mehr automatisch an einen besonders schlechten Grillabend denkt. Wer erlebt hat, was innerhalb kürzester Zeit vom Himmel kommen kann, entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte emotionale Bindung zu jedem Quadratmeter Boden, der noch in der Lage ist, Wasser aufzunehmen. Genau das argumentieren auch Gegner des Projekts. Die Wiese habe bei vergangenen Starkregenereignissen erhebliche Wassermengen aufgenommen. Außerdem besteht die Sorge, durch die Bebauung könne eine zusätzliche Hitzeinsel entstehen.

Der Investor wiederum sagt: Keine Sorge, wir haben das auf dem Schirm. Geplant ist unter anderem eine 411 Quadratmeter große Versickerungsmulde, die als oberirdisches Regenrückhaltebecken dienen soll. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein externes Planungsbüro hat gerechnet, Stadt und Stadtwerke waren eingebunden und der Wasserverband soll ebenfalls beteiligt werden. Das klingt zunächst einmal ordentlich. Trotzdem bleibt eine interessante Rechnung: Auf der einen Seite haben wir eine Wiese von 7.328 Quadratmetern, auf der anderen Seite künftig 21 Häuser, Straßen, Stellplätze und eine Versickerungsmulde von 411 Quadratmetern. Man muss kein Hydrologe sein, um zu verstehen, warum manche Anwohner trotzdem noch ein paar Fragen haben. Andererseits sollte man auch nicht so tun, als würde das gesamte Grundstück künftig unter einer acht Meter dicken Betonschicht verschwinden. Genau dafür gibt es schließlich das Bebauungsplanverfahren und die entsprechenden Gutachten.

Und dann wäre da noch das zweite Hildener Dauerthema: der Verkehr. Die Zufahrt zur neuen Siedlung soll von der Gerresheimer Straße zwischen den Hausnummern 169a und 171 erfolgen, gegenüber der Beethovenstraße. Dahinter ist eine T-förmige Erschließungsstraße mit Wendeanlage vorgesehen. Stellplätze sollen entlang der Straße entstehen, zusätzlich sind Carports vorgesehen. Laut Investor soll es ausreichend Parkmöglichkeiten für Bewohner und Besucher geben. Das ist eine dieser Aussagen, bei denen erfahrene Anwohner vermutlich milde lächeln. „Ausreichend Parkplätze“ gehört in Deutschland ungefähr zur gleichen Kategorie wie „Der Zug erreicht den nächsten Bahnhof planmäßig“. Es kann stimmen. Man freut sich aber erst, wenn man es tatsächlich erlebt.

Trotz aller Ironie steckt hinter der Diskussion ein echtes Dilemma. Hilden braucht Wohnraum. Junge Familien, für die das Projekt ausdrücklich gedacht ist, suchen Häuser. Gleichzeitig kann eine dicht besiedelte Stadt ihre letzten Freiflächen nicht behandeln, als seien sie lediglich Baulücken, auf deren Bebauung bislang versehentlich niemand gekommen ist. Grünflächen erfüllen Funktionen. Sie speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und schaffen Abstand zwischen bebauten Bereichen. Gerade in heißen Sommern und nach Starkregen merkt man ziemlich schnell, dass Stadtplanung inzwischen mehr bedeutet, als Häuser, Straßen und Parkplätze möglichst geschickt auf einem Plan zu verteilen.

Entschieden ist ohnehin noch nichts. Das Projekt steckt mitten im Bebauungsplanverfahren. Gutachten werden erstellt, anschließend folgt unter anderem die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung, danach beschäftigen sich die politischen Gremien damit. Selbst wenn alles läuft, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis auf der Pferdewiese tatsächlich die ersten Bagger anrollen. Damit bleibt ausreichend Zeit für das, was wir in Hilden besonders gut können: diskutieren. Und das ist in diesem Fall sogar sinnvoll.

Denn wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen „Bloß keinen Grashalm anfassen“ und „Da passen doch locker 21 Häuser hin“. Wohnraum und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen, wäre jedenfalls zu einfach. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob beides auf dieser Fläche vernünftig miteinander vereinbart werden kann. Genau dafür sollte ein Bebauungsplanverfahren schließlich da sein. Bis dahin bleibt die Pferdewiese eine Pferdewiese – allerdings eine mit Bodengutachten, Bürgerinitiative, Investor, Stadtverwaltung und einer geplanten 411-Quadratmeter-Versickerungsmulde. In Hilden schafft es eben selbst eine Wiese irgendwann in die große Politik.

Mittwoch, 19. August 2026

19.8.2026: Wenn die Feuerwehr selbst abgeschleppt werden muss

Es gibt Tage, an denen läuft es einfach nicht. Und offenbar gilt das nicht nur für uns normale Autofahrer, sondern gelegentlich sogar für die Feuerwehr. Ausgerechnet die Hildener Drehleiter, also jenes Fahrzeug, das normalerweise dann ausrückt, wenn andere dringend Hilfe brauchen, benötigte am Dienstagmorgen selbst Unterstützung. Bei der täglichen Routinekontrolle bemerkten die Feuerwehrleute nämlich, dass sich ihr Fahrzeug irgendwie anders anhörte als sonst. Das ist bei einer Feuerwehr wahrscheinlich ähnlich wie beim eigenen Auto: Man kennt jedes Klappern, jedes Brummen und irgendwann auch jene Geräusche, bei denen man lieber nicht einfach das Radio lauter dreht. Die Hildener Feuerwehrleute schauten jedenfalls genauer hin und entdeckten eine Undichtigkeit an der Bremsanlage. Keine besonders erfreuliche Diagnose, zumal Hilden genau eine Drehleiter besitzt.

Zunächst rückten Mitarbeiter der Werkstatt des Zentralen Bauhofs an. Werkzeug und Ersatzteile wurden organisiert, doch der Patient zeigte sich widerspenstig. Die Undichtigkeit wurde größer, Druckluft konnte nicht mehr aufgebaut werden und irgendwann saß die Bremse so fest, dass die Drehleiter weder vor noch zurück wollte. Feuerwehrchef Hans-Peter Kremer beschrieb die Situation treffend: Das Auto stand mit voll angezogenen Bremsen auf dem Hof. Damit hatte Hilden plötzlich vermutlich das bestgesicherte Feuerwehrfahrzeug Nordrhein-Westfalens – nur leider eines, das bei einem Einsatz ungefähr so mobil gewesen wäre wie die Stadthalle.

Eine Fahrt zur Werkstatt schied damit naturgemäß aus. Also musste das passieren, was man bei einer Feuerwehrdrehleiter nicht unbedingt jeden Tag sieht: Ein Abschleppwagen wurde gerufen. Und zwar nicht irgendeiner, sondern natürlich ein Spezialfahrzeug für Lastwagen. Nachdem die festsitzenden Bremsen mechanisch gelöst worden waren, kam die Hildener Drehleiter an den Haken und wurde in eine Fachwerkstatt nach Haan gebracht. Das dazugehörige Foto dürfte jedenfalls zu den ungewöhnlicheren Motiven aus dem Hildener Feuerwehralltag gehören. Normalerweise sieht man die Drehleiter schließlich mit Blaulicht durch die Stadt fahren und nicht hinter einem Abschleppwagen herrollen.

Ganz ohne Drehleiter steht Hilden im Ernstfall trotzdem nicht da. Dafür gibt es ein Notfallkonzept mit den Nachbarstädten. Wird im Hildener Süden eine Drehleiter benötigt, wird automatisch die Feuerwehr aus Langenfeld mit alarmiert, im Norden übernimmt Haan diese Aufgabe. Das ist beruhigend und zeigt gleichzeitig, wie wichtig die Zusammenarbeit der Feuerwehren über Stadtgrenzen hinweg ist. Ein Brand hält sich schließlich nur selten an kommunale Zuständigkeiten.

Feuerwehrchef Kremer ist zudem optimistisch, dass der unfreiwillige Werkstattaufenthalt nur von kurzer Dauer sein wird. Die benötigten Ersatzteile wurden bereits bestellt und möglicherweise kann die Drehleiter schon am Mittwoch wieder zurück nach Hilden kommen. Dann dürfte sie hoffentlich wieder das tun, wofür sie eigentlich angeschafft wurde: anderen helfen.

Und irgendwie hat die Geschichte sogar etwas Beruhigendes. Der Defekt wurde nicht während einer Einsatzfahrt entdeckt, sondern bei der täglichen Kontrolle. Genau dafür gibt es solche Kontrollen schließlich. Lieber steht eine Drehleiter einen Tag mit angezogener Bremse auf dem Feuerwehrhof, als dass die Bremse ausgerechnet dann Probleme macht, wenn jede Sekunde zählt.

Ein bisschen schmunzeln darf man trotzdem. Denn wann kann man schon einmal sagen: Heute musste in Hilden die Feuerwehr gerettet werden?

Dienstag, 18. August 2026

18.8.2026: Vom Fleischwerk zum Unternehmerpark – oder: Wenn Hilden 30 Millionen Euro neu sortiert

Als Ende Februar das Werk von Vion am Westring seine Tore schloss, endete ein weiteres Kapitel Hildener Industriegeschichte. 160 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz, die riesigen Hallen standen plötzlich leer und viele fragten sich, was aus dem Gelände werden würde. In Hilden kennt man solche Momente inzwischen fast schon. Kaum verschwindet ein traditionsreicher Betrieb, beginnt schon die Diskussion über die Zukunft des Grundstücks. Diesmal ging es allerdings erstaunlich schnell.

Schon in den nächsten Tagen sollen die Abrissbagger anrollen. Das ehemalige Fleischwerk wird vollständig verschwinden. Wo jahrzehntelang Fleisch zerlegt wurde, soll bis Ende 2027 ein moderner Unternehmerpark entstehen. Rund 30 Millionen Euro will der neue Eigentümer Rheingrund investieren – eine Summe, bei der man unweigerlich kurz nachrechnet, wie viele Kugeln Eis man dafür am Gut Holterhof kaufen könnte.

Ganz unbekannt ist der Investor in Hilden übrigens nicht. Bereits mit dem „Hildener Tor“ an der Gerresheimer Straße hat das Unternehmen gezeigt, dass es auf moderne Gewerbeparks setzt. Offenbar hat man Gefallen an unserer Stadt gefunden. Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Während wir Hildener gerne über Baustellen, Verkehr und fehlende Parkplätze schimpfen, gibt es offensichtlich Investoren, die sagen: „Hier investieren wir gerne noch einmal 30 Millionen Euro.“

Die alten Gebäude haben allerdings keine Zukunft mehr. Nach Aussage des Investors sind die Hallen komplett auf die Bedürfnisse des früheren Fleischbetriebs zugeschnitten und technisch längst nicht mehr zeitgemäß. Wer einmal versucht hat, aus einer Metzgerei ein modernes Büro zu machen, wird das vermutlich nachvollziehen können. Also kommt alles weg. Immerhin soll das Material recycelt und soweit möglich wiederverwendet werden. Heute wird eben selbst ein Abriss nachhaltig organisiert.

Geplant ist eine große Halle mit mehreren flexibel nutzbaren Einheiten. Der Investor betont ausdrücklich, dass daraus kein reiner Logistikstandort werden soll. Vielmehr spricht er von einem Unternehmerpark, in dem sich unterschiedliche Firmen ansiedeln können – vom produzierenden Gewerbe bis zu anderen gewerblichen Nutzern. Einige Hildener Unternehmen hätten bereits Interesse signalisiert.

Natürlich gibt es trotzdem Kritik. Die Bürgeraktion/Piraten befürchtet, dass auf dem Gelände künftig deutlich weniger Arbeitsplätze entstehen als früher. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Einwand nicht. Moderne Gewerbehallen beeindrucken oft durch ihre Größe, weniger jedoch durch die Zahl der Menschen, die darin arbeiten. Wo früher Hunderte Beschäftigte tätig waren, übernehmen heute häufig Maschinen, Fördertechnik und automatisierte Prozesse einen Teil der Arbeit. Das ist wirtschaftlich sinnvoll, fühlt sich aber für eine Stadt manchmal nach einem merkwürdigen Tauschgeschäft an: mehr Quadratmeter, weniger Menschen.

Die Stadt selbst kann daran wenig ändern. Sie kann weder vorschreiben, wie viele Arbeitsplätze entstehen müssen, noch entscheiden, welche Unternehmen später einziehen. Das ist einer dieser Fälle, in denen Kommunalpolitik zwar viele Wünsche haben darf, aber am Ende nur begrenzte Möglichkeiten besitzt.

Trotzdem überwiegt für mich zunächst der positive Eindruck. Lieber entsteht auf einer bereits vorhandenen Industriefläche etwas Neues, als dass dort jahrelang verlassene Hallen vor sich hin rosten. Hilden hat nun wirklich keinen Überfluss an Gewerbeflächen. Wenn ein Investor bereit ist, viel Geld in einen bestehenden Standort zu stecken, spricht das durchaus für unsere Stadt.

Spannend wird allerdings erst die zweite Halbzeit dieses Projekts. Der Abriss ist vergleichsweise einfach. Interessant wird, welche Unternehmen tatsächlich einziehen, wie viele Arbeitsplätze entstehen und ob der Unternehmerpark dem Namen auch gerecht wird. Denn schöne Visualisierungen können viele. Entscheidend ist, was am Ende hinter den neuen Fassaden passiert.

Bis dahin heißt es Abschied nehmen von einem Stück Hildener Industriegeschichte. Aus Metzgerei wurde einst ein großer Fleischbetrieb, daraus wurde Vion, und nun wird daraus ein moderner Unternehmerpark. Städte verändern sich eben ständig. Manchmal leise, manchmal mit viel Staub – und manchmal mit Abrissbaggern, die schon in den nächsten Tagen anrollen. Hoffen wir, dass am Ende nicht nur neue Hallen entstehen, sondern auch neue Perspektiven für den Wirtschaftsstandort Hilden.

Montag, 17. August 2026

17.8.2026: Drei Spuren reichen – oder: Wenn Hilden der A3 noch eine Chance gibt

Es gibt Themen in Hilden, die verschwinden nie ganz. Sie machen nur zwischendurch Pause, wechseln den Minister und stehen dann wieder auf der Tagesordnung. Tempo 30 gehört dazu. Der Europaplatz vermutlich auch. Und natürlich die A3 zwischen Hilden und Leverkusen. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob sie wirklich auf acht Spuren ausgebaut werden muss oder ob nicht drei Fahrspuren plus temporär freigegebener Seitenstreifen reichen würden. Die Bürgerinitiative „3reicht“ hat ihren Namen also nicht aus dekorativen Gründen gewählt.

Die Position der beteiligten Städte ist bekannt. Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen wollen den achtspurigen Vollausbau möglichst verhindern. Auch die IHK Düsseldorf unterstützt die Seitenstreifen-Lösung. Die Argumentation ist im Grunde einfach: Die A3 muss leistungsfähig bleiben, aber dafür muss man nicht unbedingt noch mehr Fläche versiegeln, wenn sich vorhandener Asphalt flexibler nutzen lässt. Klingt zunächst ziemlich vernünftig. Drei Spuren plus Seitenstreifen in Stoßzeiten – fertig. Man könnte meinen, das wäre genau die Art von pragmatischer Lösung, die in Deutschland überall gefordert wird.

Die Autobahn GmbH sieht das anders.

Und deshalb beginnt nun eine neue Runde.

Der bisherige Bundesverkehrsminister hat die Idee abgelehnt. Also schreiben die Kommunen und die IHK jetzt an seinen Nachfolger Steffen Bilger und hoffen offenbar auf das politische Prinzip „neuer Minister, neues Glück“. Man kennt das aus dem Fußball. Wenn der Trainer wechselt, wird nicht automatisch alles besser, aber zumindest darf man noch einmal dieselbe Taktik erklären.

Der Streit läuft schließlich nicht erst seit gestern. Bereits 2019 hatten die Bürgermeister aus Hilden, Langenfeld, Solingen und Leichlingen gemeinsam appelliert. Im selben Jahr lehnte der Hildener Stadtrat den achtspurigen Ausbau mehrheitlich ab. 2023 wurde das Anliegen erneut vorgetragen. Jetzt schreiben wir 2026 und versuchen es wieder. Wer Ausdauer im politischen Raum kennenlernen möchte, braucht keinen Marathon. Er kann einfach die Geschichte des A3-Ausbaus verfolgen.

Die beteiligten Städte und die IHK werfen dem Bund und der Autobahn GmbH fachliche Unstimmigkeiten vor und verlangen transparentere Antworten. Der neue Minister möge die Entscheidung noch einmal grundlegend überprüfen. Auch technische Entwicklungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, geringere Kosten, eine schnellere Umsetzung und der sparsamere Flächenverbrauch sollten berücksichtigt werden.

Das klingt nach einer durchaus nachvollziehbaren Forderung. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Nur eine Sache offenbar nicht: Die A3 ist immer noch voll.

Wer regelmäßig zwischen Hilden und Leverkusen unterwegs ist, weiß das ohnehin. Man braucht keine Verkehrsstudie, sondern lediglich einen normalen Werktag. Dann erlebt man die Leistungsfähigkeit der Strecke praktisch. Man fährt los, schaut auf die Rücklichter vor sich und hat ausreichend Zeit, über deutsche Infrastrukturpolitik nachzudenken.

Bürgermeister Claus Pommer bringt die Abwägung auf den Punkt. Natürlich ist eine leistungsfähige A3 wichtig. Für die Unternehmen, für Pendler und für alle, die täglich unterwegs sind. Gleichzeitig möchte Hilden seine Freiflächen, Natur und Lebensqualität erhalten. Die temporäre Seitenstreifenfreigabe sei deshalb aus seiner Sicht eine gute Lösung: zusätzliche Kapazität, Nutzung vorhandener Flächen und weniger neue Versiegelung.

Man fragt sich fast, warum das so kompliziert sein muss.

Dann liest man die Argumente der Autobahn GmbH.

Der Seitenstreifen sei nämlich nicht einfach nur ein leerer Streifen Asphalt, den man bei Bedarf aufmachen könne. Er erfüllt eine Schutzfunktion. Wenn er als Fahrspur genutzt wird, müssen deshalb andere Sicherheitsmaßnahmen geschaffen werden. Entlang der Strecke wären insgesamt 27 Nothaltebuchten erforderlich, jeweils mehr als 160 Meter lang. Dafür müssten wiederum rund 19.000 Quadratmeter Fläche neu versiegelt werden.

Damit bekommt die ganze Sache eine gewisse Ironie. Man möchte mit der Seitenstreifen-Lösung Fläche sparen, müsste dafür aber zusätzliche Fläche versiegeln, damit Fahrzeuge im Notfall irgendwo stehen können. Allerdings sind 19.000 Quadratmeter natürlich etwas anderes als der Flächenverbrauch eines vollständigen achtspurigen Ausbaus. Genau deshalb streiten sich alle Beteiligten so leidenschaftlich um Zahlen, Annahmen und Bewertungen.

Zusätzlich wären neue Notrufsäulen, Zuwegungen, Videoüberwachung und ein Tempolimit von 100 km/h auf dem gesamten Abschnitt nötig. Und hier wird es besonders interessant. Denn ich stelle mir gerade vor, wie die Debatte in Hilden weitergeht, wenn sich herumspricht, dass die Alternative zum achtspurigen Ausbau möglicherweise Tempo 100 auf der Autobahn bedeutet.

Wir haben ja schon erlebt, wie entspannt Tempo 30 in Hilden diskutiert wird.

Tempo 100 auf der A3 könnte also durchaus für einen neuen gesellschaftlichen Großversuch sorgen.

Wobei man fairerweise sagen muss: Im morgendlichen Berufsverkehr wäre Tempo 100 für viele Autofahrer ohnehin eine theoretische Höchstgeschwindigkeit. Wer mit 17 km/h zwischen Hilden und Leverkusen rollt, fühlt sich von einem 100er-Schild wahrscheinlich nicht übermäßig eingeschränkt.

Die IHK hält die Seitenstreifenfreigabe trotzdem weiterhin für die sinnvollste und schnellste Lösung. Sie verweist auf den Abschnitt zwischen Hilden und Ratingen Ost, wo sich das Konzept bereits bewährt habe. Auch dort kann der Seitenstreifen bei starkem Verkehr freigegeben werden. Das ist natürlich ein starkes Argument: Wenn es nördlich von Hilden funktioniert, warum sollte es südlich plötzlich grundsätzlich unmöglich sein?

Genau diese Frage dürfte nun wieder beim Verkehrsministerium landen.

Im Kern geht es um einen klassischen Zielkonflikt. Wir wollen mehr Verkehrskapazität, aber weniger Flächenverbrauch. Wir wollen Sicherheit, aber möglichst geringe Kosten. Wir wollen schnell bauen, aber gründlich planen. Wir wollen leistungsfähige Infrastruktur, aber keinen zusätzlichen Lärm. Wir wollen Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig Natur schützen.

Kurz gesagt: Wir wollen alles.

Und möglichst gleichzeitig.

Das ist natürlich schwierig.

Trotzdem ist es richtig, Alternativen ernsthaft zu prüfen. Ein achtspuriger Autobahnausbau ist keine Kleinigkeit. Er kostet viel Geld, braucht viel Zeit und verändert den Raum dauerhaft. Wenn eine technisch saubere Seitenstreifen-Lösung einen großen Teil der zusätzlichen Kapazität schneller und günstiger schaffen kann, sollte man sie nicht mit dem Hinweis abräumen, dass das Regelwerk bisher etwas anderes vorsieht.

Regelwerke sind schließlich kein Naturgesetz.

Sie wurden von Menschen geschrieben.

Und Menschen dürfen gelegentlich feststellen, dass sich die Welt weiterentwickelt hat.

Die interessante Frage ist jetzt, wie der neue Verkehrsminister reagiert. Vielleicht bestätigt er einfach die bisherige Linie. Vielleicht lässt er neu prüfen. Vielleicht bittet er um weitere Gutachten. Vielleicht folgt eine Arbeitsgruppe. Vielleicht kommt ein neues Positionspapier. Bei deutschen Infrastrukturprojekten sollte man grundsätzlich jede Möglichkeit einkalkulieren, außer einer schnellen Entscheidung.

Immerhin sind sich ungewöhnlich viele regionale Akteure einig. Kommunen, IHK und Bürgerinitiative ziehen in dieselbe Richtung. Das kommt auch nicht jeden Tag vor. Normalerweise findet sich bei größeren Verkehrsprojekten zuverlässig jemand, der grundsätzlich das Gegenteil fordert. Hier scheint die regionale Linie recht klar zu sein: A3 leistungsfähig machen, aber möglichst ohne achtspurigen Vollausbau.

Das macht den Appell politisch durchaus interessant.

Hilden selbst hat dabei viel zu verlieren. Mehr Verkehrslärm und zusätzliche Versiegelung wären gerade in einer ohnehin dicht bebauten Stadt kein kleines Thema. Wir haben in den vergangenen Wochen ausführlich darüber gesprochen, wie hoch der Versiegelungsgrad Hildens bereits ist, wie wichtig Hochwasserschutz wird und wie wenig Platz für zusätzliche Rückhalteflächen vorhanden ist. Wenn dann an anderer Stelle weitere Flächen dauerhaft unter Asphalt verschwinden sollen, darf man zumindest sehr genau nachfragen, ob es wirklich keine bessere Lösung gibt.

Gleichzeitig können wir uns aber auch nicht wünschen, dass die A3 einfach so bleibt wie sie ist.

Eine Autobahn, auf der sich der Verkehr regelmäßig staut, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch besonders attraktiv. Stehende Lkw und Autos lösen kein Umweltproblem. Die Frage lautet also nicht Ausbau oder nichts. Sie lautet: Welche Lösung schafft ausreichend Kapazität mit möglichst geringen Nebenwirkungen?

Genau deshalb finde ich den neuen Anlauf richtig.

Vielleicht sagt der neue Minister wieder nein.

Vielleicht auch nicht.

Auf jeden Fall sollte er sich die Argumente noch einmal ansehen. Und zwar ohne das reflexhafte „Das haben wir schon immer so geplant“.

Denn manchmal ist ein Seitenstreifen eben nicht nur ein Seitenstreifen.

Manchmal ist er eine mögliche vierte Spur.

Und manchmal reichen drei Spuren tatsächlich.

Zumindest solange nicht alle gleichzeitig losfahren.

Dass genau das auf der A3 regelmäßig passiert, ist allerdings wiederum das eigentliche Problem.

Sonntag, 16. August 2026

16.8.2026: Von wegen Aperol – oder: Wenn Hilden plötzlich Lavendel trinkt

Es gibt Dinge, von denen ich dachte, sie seien für die Ewigkeit gemacht. Der Hildener Stadtpark. Die Diskussion über Parkplätze. Das Altbier. Und natürlich Aperol Spritz. Doch nun muss ich erfahren: Selbst Aperol ist nicht mehr sicher. In Hildens Gastronomie machen sich neue Konkurrenten breit. Sarti Spritz, Lavie Spritz, Limoncello Spritz, hausgemachte Limonaden, Granatapfel-Mango-Eistee, Iced Matcha Latte mit Erdbeere und sogar Getränke mit Lavendel-Himbeer-Geschmack. Wer heute an einem sonnigen Nachmittag am Alten Markt sitzt und einfach nur „einen Spritz“ bestellt, muss wahrscheinlich erst einmal präzisieren, in welche geschmackliche Richtung sein Leben gehen soll.

Früher war die Welt einfacher. Bier oder Wein. Cola oder Wasser. Vielleicht noch ein Aperol, wenn man sich ein bisschen italienisch fühlen wollte. Heute braucht man fast eine Getränkekarte mit Entscheidungsbaum. Orange? Rosa? Alkoholfrei? Mango? Lavendel? Matcha? Himbeere? Prosecco? Gin? Kokosmilch? Ich wollte doch nur etwas Kaltes.

Der Klassiker Aperol Spritz läuft natürlich weiterhin. So schnell lässt sich eine Institution nicht verdrängen. Aber am Alten Markt bekommt er inzwischen ernsthafte Konkurrenz vom Sarti Spritz. Das Getränk basiert auf Sarti Rosa, einem Aperitif mit Blutorange, Mango und Passionsfrucht, dazu kommen unter anderem Prosecco und Gin. Das klingt nach einem Getränk, bei dem man nach dem zweiten Glas zumindest nicht mehr behaupten sollte, man habe nur wegen der Vitamine bestellt. Im Fino kostet der Sarti Spritz 7,50 Euro, im Pepo’s acht Euro. Dort läuft das Getränk offenbar so gut, dass jede Woche fünf oder sechs Kartons mit jeweils sechs Flaschen bestellt werden. Das sind Dimensionen, bei denen man merkt: Hier handelt es sich nicht mehr um einen kurzfristigen Versuch. Hilden hat Sarti entdeckt.

Besonders schön finde ich, dass Pepo’s-Inhaber Michail Peponis das Getränk vor diesem Sommer selbst noch gar nicht kannte. Wenige Monate später bestellt er es kartonweise. So schnell können Karrieren verlaufen. Manche Produkte brauchen jahrelange Markenarbeit. Andere brauchen einfach Sonne, Eiswürfel und Instagram. Noch interessanter ist aber eine zweite Entwicklung. Spritz-Getränke waren offenbar lange vor allem Frauensache. Männer bestellten Bier, Frauen Spritz. So einfach war die gastronomische Geschlechterordnung. Doch selbst diese Bastion fällt. Immer mehr Männer bestellen inzwischen ebenfalls Spritz-Getränke. Das finde ich beruhigend. Der Hildener Mann des Jahres 2026 sitzt offenbar entspannt am Alten Markt, schaut seinem rosafarbenen Getränk beim Glitzern zu und hat beschlossen, dass seine Männlichkeit auch einen Lavendelzweig aushält.

Wobei die Statistik aus Pepo’s noch gewisse Unterschiede kennt. Die Frauen hätten bei Spritz-Getränken eine „hohe Schlagzahl“, heißt es dort augenzwinkernd. Während die Männer noch an ihrem Bier sitzen, habe die Mädelsgruppe nebenan das nächste Spritz-Getränk schon auf. Das klingt fast nach einer sportlichen Disziplin. Hilden Spritz Open 2026. Kategorie Damen: hohe Schlagzahl. Kategorie Herren: aufstrebende Nachwuchsgruppe.

Besonders spannend finde ich den alkoholfreien Lavie Spritz im Fino. Lavendel und Himbeere, komplett ohne Alkohol. Dass solche Varianten stärker nachgefragt werden, passt in die Zeit. Immer mehr Menschen möchten offenbar entspannt draußen sitzen, ein hübsches Getränk vor sich haben und trotzdem später noch wissen, wo sie ihr Fahrrad abgestellt haben. Das alkoholfreie Angebot wird generell wichtiger. Und das ist erfreulich. Jahrelang bestand die alkoholfreie Alternative in vielen Lokalen gefühlt aus Wasser, Cola und der Frage: „Apfelschorle geht auch?“ Heute bekommt man Getränke, die genauso aufwendig aussehen wie Cocktails und nicht automatisch signalisieren: Der hier muss noch fahren.

Auch das Cafe Extrablatt, frisch renoviert und seit Ende Juli wieder geöffnet, setzt im Sommer stark auf alkoholfreie Getränke. Kiwi-Passionsfrucht-Limonade und Granatapfel-Mango-Eistee stehen auf der Karte. Allein beim Lesen bekommt man das Gefühl, normale Zitronenlimonade sei inzwischen kulinarisch ungefähr dort angekommen, wo früher Toast Hawaii stand. Natürlich ändern sich die Regeln am Abend. Ab 18 Uhr beginnt im Extrablatt die Happy Hour. Jumbo-Cocktails kosten dann acht Euro. Einer davon heißt „Touchdown“ und enthält Vodka, Apricot Brandy, Grenadine, Lime, Ananas und Maracuja. Wer sich fragt, warum das Getränk Touchdown heißt, dürfte nach mehreren Exemplaren möglicherweise selbst eine entsprechende Landung hinlegen. Einen klaren Favoriten gibt es dort allerdings nicht. Die Gäste probieren sich durch die Karte. Auch das ist ein schönes Konzept. Früher hatte man sein Stammgetränk. Heute arbeitet man sich offenbar systematisch durch die Getränkekarte, als gäbe es am Ende ein Zertifikat.

Im Café New York sind derzeit vor allem Eiskaffee und Limonaden beliebt. Granatapfel sowie Himbeer-Limette gehören zu den Favoriten. Dazu gibt es einen Eisfrappé mit Crush-Eis und geheimen Zutaten. Geheime Zutaten finde ich grundsätzlich spannend. Sobald in der Gastronomie etwas „geheim“ ist, denke ich sofort, dass irgendwo im Keller ein jahrhundertealtes Familienrezept bewacht wird. Vermutlich ist es in Wirklichkeit einfach eine Zutat, die der Konkurrenz nichts angeht. Aber „geheim“ klingt natürlich besser. Auch dort wird trotz hoher Temperaturen weiterhin reichlich Alkohol getrunken. Eine Mitarbeiterin fragt sich selbst, wie die Gäste das bei dieser Hitze schaffen. Eine berechtigte Frage. Bei 35 Grad denke ich schon nach einem Spaziergang von der Gabelung zum Alten Markt darüber nach, ob medizinische Betreuung notwendig wird. Andere Menschen bestellen dann offenbar einen Cocktail.

Wieder ganz anders sieht die Welt bei Woyton aus. Dort ist Matcha angesagt. Iced Matcha Latte mit Erdbeere, Blaubeere oder Mango, wahlweise mit Hafer- oder Kokosmilch. Ich gestehe: Bei Matcha fühle ich mich manchmal alt. Matcha sieht für mich immer ein bisschen so aus, als hätte jemand einen Gartenteich püriert und beschlossen, ihn in einem schicken Glas zu servieren. Aber offensichtlich schmeckt es vielen Menschen. Und mit Erdbeere oder Mango bekommt das Ganze farblich und geschmacklich eine Richtung, die sogar mich neugierig macht. Dazu kommt der Mango-Smoothie mit frischer Mango, Mangosaft, gesüßtem Zitronensaft und Slush-Eis. Das klingt tatsächlich nach einer ziemlich guten Idee bei 30 Grad.

Überhaupt ist auffällig, wie bunt das Getränkeangebot inzwischen geworden ist. Gastronomie verkauft nicht mehr nur Durstlöscher. Sie verkauft kleine Erlebnisse. Ein Getränk soll gut schmecken, schön aussehen, möglichst fotografierbar sein und vielleicht noch eine Geschichte erzählen. „Lavie Spritz“ klingt eben interessanter als „Himbeer-Lavendel-Limo“. „Sarti Spritz“ klingt nach Italien. „Iced Matcha Latte Strawberry“ klingt nach internationalem Lifestyle. Und „Cola“ klingt plötzlich fast schon mutig konservativ.

Dabei zeigt die Umfrage unter den Hildener Gastronomen auch, wie lebendig unsere Innenstadt gastronomisch inzwischen ist. Fino, Pepo’s, Extrablatt, Café New York, Woyton – überall gibt es eigene Schwerpunkte. Wer an einem warmen Abend durch die Mittelstraße und über den Alten Markt läuft, hat Auswahl. Und genau das ist gut für Hilden. Außengastronomie bringt Leben in die Innenstadt. Menschen sitzen draußen, unterhalten sich, treffen Bekannte, bestellen noch etwas und bleiben länger. Das ist genau die Art von Aufenthaltsqualität, über die in Stadtentwicklungspapieren gerne viele Seiten geschrieben werden. Man kann es auch einfacher sagen: Wenn draußen Menschen sitzen und etwas trinken, wirkt eine Innenstadt lebendig.

Natürlich kann man über die Preise diskutieren. 7,50 oder acht Euro für einen Spritz, knapp sieben Euro für einen Eistee oder 6,20 Euro für Matcha sind kein Kleingeld. Wer mit mehreren Leuten einen längeren Abend verbringt, merkt das spätestens beim Blick auf die Rechnung. Aber Gastronomie hat ebenfalls mit gestiegenen Kosten zu kämpfen. Personal, Energie, Einkauf, Mieten – nichts davon ist billiger geworden. Und wer einen Cocktail bestellt, zahlt nicht nur für die Flüssigkeit im Glas, sondern auch für Service, Sitzplatz und den kleinen Luxus, nicht selbst spülen zu müssen.

Ich jedenfalls finde die Entwicklung interessant. Aperol verschwindet nicht. Bier auch nicht. Aber das Angebot wird breiter. Männer entdecken Spritz. Frauen halten offenbar weiterhin das Tempo hoch. Alkoholfreie Varianten werden selbstverständlicher. Matcha trifft Mango. Lavendel trifft Himbeere. Und Hilden entdeckt, dass ein Sommergetränk nicht zwangsläufig orange sein muss.

Vielleicht sollte man daraus eine neue Hildener Tradition machen. Statt Weinwanderung eine Spritzwanderung durch die Innenstadt. Start bei Woyton mit einem Matcha, weiter zum Café New York für die Granatapfel-Limo, dann ins Extrablatt zum Eistee, am Alten Markt ein alkoholfreier Lavie Spritz und wer danach noch möchte, darf bei Pepo’s den Sarti testen. Selbstverständlich zu Fuß. Das wäre vielleicht sogar ein neues touristisches Konzept: „Hilden – was liegt näher? Der nächste Spritz.“

Am Ende bleibt jedenfalls eine überraschende Erkenntnis dieses Sommers: Aperol ist nicht tot. Aber er ist nicht mehr allein. Die Getränkekarten sind bunter geworden, die Geschlechtergrenzen lockerer und die alkoholfreien Alternativen deutlich spannender. Und wenn inzwischen sogar Männer freiwillig einen Lavendel-Himbeer-Spritz bestellen, dann kann man wohl sagen: Der Sommer 2026 hat Hilden verändert. Zumindest an der Theke.

Samstag, 15. August 2026

15.8.2026: Die Energiewende macht Pause – oder: Wenn der Strompreis schneller steigt als der Mut zur Investition

Es gibt Statistiken, bei denen man kurz innehält. Nicht, weil sie überraschend kompliziert wären, sondern weil sie erstaunlich klar zeigen, wo gerade der Schuh drückt. Im Kreis Mettmann und im IHK-Bezirk Düsseldorf bewerten nur 4,5 Prozent der befragten Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit positiv oder sehr positiv. 4,5 Prozent. Das ist ungefähr die Quote, die man erreicht, wenn man in einer größeren Runde fragt, wer freiwillig die nächste Steuererklärung für alle übernehmen möchte.

Der Rest ist deutlich weniger begeistert. 37,6 Prozent bewerten die Auswirkungen negativ oder sehr negativ. Besonders problematisch sind hohe Energiekosten und fehlende Planungssicherheit. Beides zusammen ist für Unternehmen ungefähr so angenehm wie eine Baustelle direkt vor dem Werkstor, bei der niemand weiß, wann sie fertig wird und ob die Zufahrt morgen noch existiert.

Die Energiewende an sich sei nicht das Problem, sagt die IHK. Das Problem seien ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das klingt zunächst nach einem klassischen Verbändesatz, ist aber durchaus nachvollziehbar. Viele Unternehmen wollen investieren, ihre Prozesse modernisieren, Energie sparen und klimaneutraler werden. Nur müssen sie vorher wissen, worauf sie sich verlassen können.

Unternehmer mögen Risiken. Sonst wären sie keine Unternehmer. Aber sie mögen Risiken lieber, wenn sie zumindest grob berechenbar sind. Ein schwankender Absatzmarkt gehört dazu. Neue Wettbewerber auch. Technologische Veränderungen ebenfalls. Wenn aber Energiepreise, Förderbedingungen, Netzentgelte, Genehmigungsverfahren und politische Vorgaben gleichzeitig in Bewegung sind, wird aus unternehmerischem Risiko schnell ein Hindernislauf mit verbundenen Augen.

40,9 Prozent der befragten Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten beeinträchtigt. Jedes dritte Unternehmen verschiebt Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen. Fast 29 Prozent stellen Investitionen in ihre Kernprozesse zurück, und 16,6 Prozent bremsen bei Forschung und Innovation.

Das ist die eigentliche schlechte Nachricht.

Denn wenn hohe Energiekosten dazu führen, dass Klimaschutzinvestitionen verschoben werden, entsteht eine bemerkenswerte Situation: Die Energiewende wird so teuer und kompliziert, dass Unternehmen weniger in die Energiewende investieren. Man könnte sagen, das System stolpert über seine eigene Verlängerungsschnur.

Eigentlich sollen Unternehmen effizienter, moderner und klimafreundlicher werden. Gleichzeitig fehlt ihnen aber das Geld oder die Planungssicherheit, um genau diese Schritte zu gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einem Hausbesitzer dringend zu einer Wärmepumpe raten, ihm aber erst nach der Bestellung sagen, ob sie gefördert wird, ob der Strompreis bezahlbar bleibt und wann der Netzanschluss möglich ist.

Dann wartet man eben.

Und Warten ist für Investitionen selten gut.

Dabei mangelt es den Unternehmen offenbar nicht an Bereitschaft. Mehr als zwei Drittel setzen auf Energieeffizienz. 42,6 Prozent schließen langfristige Energielieferverträge ab. Rund ein Drittel investiert in eigene Energieerzeugung. Fast zwei Drittel verfolgen bereits ein Ziel zur Klimaneutralität oder haben es erreicht.

Das klingt nicht nach Verweigerung. Es klingt eher nach Unternehmen, die längst verstanden haben, dass Energieeffizienz, Eigenversorgung und Klimaschutz wirtschaftlich wichtig werden. Sie stehen also nicht mit verschränkten Armen vor der Energiewende und sagen: „Machen wir nicht.“ Sie sagen eher: „Wir würden ja gern, aber könnten Sie uns vorher bitte mitteilen, was nächstes Jahr gilt?“

Planungssicherheit ist in diesem Zusammenhang kein Luxus. Wer eine neue Produktionsanlage, Photovoltaik, Speichertechnik, energieeffiziente Maschinen oder eine Umstellung der Wärmeversorgung plant, denkt nicht bis zum nächsten Quartal. Solche Investitionen laufen über Jahre. Man kann sie nicht jeden Montag neu ausrichten, nur weil am Wochenende eine neue politische Idee durch die Nachrichten ging.

Als größtes Hemmnis nennen die befragten Unternehmen die Bürokratie. 53,4 Prozent sehen sie als Problem. Das überrascht niemanden wirklich. Bürokratie ist inzwischen der Gegner, auf den sich beinahe alle einigen können. Unternehmen, Bürger, Vereine, Kommunen und vermutlich sogar Teile der Verwaltung selbst.

Alle wollen weniger davon.

Nur verschwinden tut sie erstaunlicherweise nicht.

Im Gegenteil: Wer heute investieren will, braucht oft nicht nur Kapital, Technik und Fachkräfte, sondern auch eine bemerkenswerte Fähigkeit, Anträge, Nachweise, Fristen, Zuständigkeiten und digitale Portale zu überleben. „Digital“ bedeutet dabei nicht automatisch „einfach“. Manchmal bedeutet es nur, dass das Formular nicht mehr ausgedruckt werden muss, bevor man daran verzweifelt.

Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren, Defizite bei der Energieinfrastruktur und eine Energiepolitik, die vielen Unternehmen zu wenig planbar erscheint. Das ist eine schwierige Mischung. Man soll schneller transformieren, wartet aber länger auf Genehmigungen. Man soll elektrifizieren, weiß aber nicht, ob das Netz reicht. Man soll investieren, kennt aber die künftigen Kosten nicht.

Das erinnert ein wenig an Hildener Verkehrsplanung: Bitte fahren Sie anders, die Ampeln sind aber noch auf die alte Geschwindigkeit eingestellt.

Natürlich muss man bei den Zahlen vorsichtig sein. Bundesweit wurden rund 3.100 Unternehmen befragt, aus dem IHK-Bezirk Düsseldorf beteiligten sich jedoch nur etwa 50. Die regionalen Ergebnisse sind deshalb ein Stimmungsbild und keine exakte Volkszählung der Wirtschaft. Das sagt die IHK selbst.

50 Unternehmen sind nicht die gesamte Wirtschaft im Kreis Mettmann. Aber wenn in einer kleinen Runde fast alle ähnliche Probleme nennen, sollte man trotzdem zuhören. Gerade weil sich ihre Aussagen mit dem decken, was seit Jahren aus Industrie, Handel und Mittelstand zu hören ist: Energie ist teuer, Verfahren dauern zu lange, Regeln ändern sich zu oft und Investitionsentscheidungen werden dadurch schwieriger.

Das betrifft am Ende nicht nur irgendwelche anonymen Unternehmen. Es betrifft Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Innovationen und Steuereinnahmen. Wenn Firmen Investitionen verschieben, merkt man das zunächst vielleicht nur in einer Bilanz oder einem Vorstandsbeschluss. Später merkt es der Maschinenbauer, der keinen Auftrag bekommt. Der Handwerker, dessen Umbau verschoben wird. Der Bewerber, dessen neue Stelle nicht entsteht. Und irgendwann auch die Stadt, der Gewerbesteuereinnahmen fehlen.

Die Debatte über Energiepolitik klingt häufig sehr abstrakt. Kilowattstunden, Netzentgelte, CO₂-Preise, Lieferverträge, Transformation, Infrastruktur. Doch hinter all diesen Begriffen stehen konkrete Entscheidungen. Baut ein Unternehmen eine neue Anlage in Hilden oder anderswo? Wird ein Standort erweitert oder nur instand gehalten? Wird eine klimafreundliche Technik jetzt angeschafft oder auf später verschoben? Entsteht ein neuer Arbeitsplatz oder nicht?

Gerade im Kreis Mettmann, wo viele mittelständische und industrielle Unternehmen tätig sind, ist das entscheidend. Diese Betriebe können ihre Produktion nicht einfach ins Homeoffice verlagern. Maschinen brauchen Energie. Hallen müssen beheizt oder gekühlt werden. Werkstoffe werden bearbeitet, Anlagen laufen, Waren werden gelagert und transportiert. Ein Industriebetrieb kann nicht sagen: „Heute produzieren wir nur, wenn der Strom günstig ist und der Wind passend weht.“

Wobei manche genau das inzwischen technisch versuchen. Lastmanagement, Speicher, Eigenversorgung und langfristige Lieferverträge zeigen, wie kreativ Unternehmen reagieren. Aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Nicht jeder Betrieb kann sich ein eigenes Kraftwerk in den Hof stellen. Und selbst wer Photovoltaik installiert, braucht nachts, im Winter und bei Produktionsspitzen weiterhin eine verlässliche Versorgung.

Die IHK fordert deshalb wettbewerbsfähige Energiepreise, leistungsfähige Netze, schnellere Genehmigungen und technologieoffene Rahmenbedingungen. Das ist wenig überraschend. Eine IHK wird selten fordern, dass Genehmigungen länger dauern und Energiepreise weiter steigen sollen. Trotzdem sind die Forderungen richtig.

Die schwierige Frage lautet nur: Wie wird das konkret erreicht?

Denn an Forderungen mangelt es nicht. Die Politik fordert von Unternehmen Klimaneutralität. Unternehmen fordern von der Politik Planungssicherheit. Netzbetreiber fordern schnellere Verfahren. Kommunen fordern Geld. Bürger fordern bezahlbare Energie. Umweltverbände fordern mehr Tempo. Finanzminister fordern Haushaltsdisziplin.

Alle fordern.

Nur die Stromrechnung kommt ohne Forderung.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn die Energiewende weniger wie eine ständig überarbeitete Gebrauchsanleitung funktionieren würde. Klare Ziele, verlässliche Regeln, realistische Fristen und Entscheidungen, die länger halten als eine Legislaturperiode. Unternehmen brauchen keinen politischen Stillstand. Sie brauchen einen Rahmen, in dem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

Denn Transformation funktioniert nicht durch Sonntagsreden. Sie funktioniert durch Investitionen. Und Investitionen werden nur getätigt, wenn jemand glaubt, dass sie sich rechnen oder zumindest langfristig sinnvoll sind. Wer den Unternehmen gleichzeitig hohe Kosten, lange Verfahren und wechselnde Vorgaben zumutet, darf sich nicht wundern, wenn manche erst einmal auf die Bremse treten.

Dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig. Investitionen in Effizienz senken den Energieverbrauch. Eigene Erzeugung macht unabhängiger. Innovation schafft neue Produkte und Märkte. Moderne Kernprozesse erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit. Wenn genau diese Investitionen verschoben werden, wird das Problem nicht kleiner, sondern größer.

Hilden und der Kreis Mettmann brauchen starke Unternehmen. Nicht nur große Namen, sondern auch die vielen Mittelständler, Familienbetriebe, Handwerker und Dienstleister, die Arbeitsplätze schaffen und die Region tragen. Man kann nicht auf der einen Seite stolz auf den Wirtschaftsstandort sein und auf der anderen Seite seine Grundlagen immer teurer und komplizierter machen.

Vielleicht sollte man die Energiewende deshalb weniger als moralische Prüfung und mehr als wirtschaftliches Großprojekt betrachten. Großprojekte brauchen einen Plan, funktionierende Infrastruktur, Verantwortlichkeiten und realistische Kosten. Sonst passiert das, was auch bei manchem Bauprojekt passiert: Alle finden das Ziel gut, aber niemand möchte mehr anfangen.

Die Unternehmen im Kreis zeigen offenbar Bereitschaft. Sie investieren in Effizienz, eigene Energie und Klimaziele. Das ist positiv. Aber Bereitschaft allein reicht nicht, wenn die Rahmenbedingungen fehlen.

Die Energiewende braucht also nicht noch mehr erhobene Zeigefinger.

Sie braucht Strom, Netze, Genehmigungen und Verlässlichkeit.

Und idealerweise Preise, bei denen ein Unternehmer nicht erst tief durchatmen muss, bevor er die nächste Rechnung öffnet.

Denn wenn selbst Klimaschutzinvestitionen an den Energiekosten scheitern, ist endgültig etwas aus dem Takt geraten.

Oder, um es in Hildener Alltagssprache zu sagen:

Das Ziel ist richtig.

Die Umleitung dorthin könnte aber besser ausgeschildert sein.