Manche Hildener Geschichten brauchen ein paar Jahre, mehrere Ausschüsse, Proteste und vermutlich einen ziemlich dicken Aktenordner, bevor tatsächlich eine Entscheidung fällt. Die Bebauung an der Hofstraße 150 gehört eindeutig dazu. Jetzt hat der Stadtrat entschieden: Gebaut wird. Vier Mehrfamilienhäuser, drei Einfamilienhäuser und drei Doppelhäuser sollen entstehen, insgesamt 37 neue Wohneinheiten. CDU und SPD stimmten dafür, Grüne, FDP, BA/Piraten und AfD dagegen. Vor der Sitzung hatte der BUND mit einer Mahnwache für den Erhalt von Frischluftschneisen demonstriert.
Man kann es sich bei dieser Entscheidung leicht machen. Man kann sagen: Hilden braucht dringend Wohnungen, also muss gebaut werden. Oder: Hilden ist bereits dicht genug bebaut, also muss Grün erhalten bleiben. Das Problem ist nur, dass beide Argumente einen ziemlich realen Hintergrund haben.
Auf der einen Seite steht der Wohnungsdruck. Alle Wohnungen in den geplanten Mehrfamilienhäusern sollen öffentlich gefördert vermietet werden. Nach Angaben der CDU haben sich 210 Familien bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gemeldet, die dringend eine Wohnung suchen. Vorgesehen sind Wohnungen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, außerdem sollen Werkswohnungen für Beschäftigte in der Gesundheitsversorgung entstehen. Wer deshalb für das Projekt stimmt, kann darauf verweisen, dass bezahlbarer Wohnraum nicht allein dadurch entsteht, dass man seinen Mangel beklagt. Irgendwo muss er gebaut werden.
Auf der anderen Seite steht eine Stadt, deren Fläche sich ebenfalls nicht vermehren lässt. Wer gegen die Bebauung stimmt, kann darauf verweisen, dass zusätzliche Wohnungen eben nicht auf einem weißen Blatt Papier entstehen. Fläche wird versiegelt, Grün geht verloren, und gerade in einer ohnehin dicht besiedelten Stadt bekommt jeder weitere Eingriff besonderes Gewicht. Auch das ist kein theoretisches Argument.
Besonders deutlich wird dieser Konflikt an der Streuobstwiese zwischen Hofstraße und Bahnstraße. Sie wurde erst 2023 angelegt, finanziert unter anderem durch rund 8.400 Euro an Spenden sowie etwa 1.600 Euro von der Stadt. Nun wird die Fläche über das sogenannte Ökokonto als Kompensation für den Verlust der Grünfläche an der Hofstraße angerechnet.
Das sorgt bei Nabu, BUND und Bürgerverein Hilden-Süd für erheblichen Ärger. Der Nabu weist darauf hin, dass die Menschen für die Streuobstwiese aus Liebe zur Natur gespendet hätten und nicht, um damit später indirekt die Erschließung einer anderen Fläche zu ermöglichen. Auch der Bürgerverein erklärt, für diesen Zweck wäre nicht gespendet worden. Planerisch mag ein Ökokonto ein etabliertes Instrument sein. Aus Sicht eines Spenders kann dieselbe Rechnung trotzdem ganz anders aussehen.
Genau deshalb taugt die Hofstraße schlecht für einfache Sieger-und-Verlierer-Erzählungen. 37 zusätzliche Wohnungen werden den Hildener Wohnungsmarkt nicht lösen. Für die Menschen, die dort einmal wohnen, sind sie trotzdem alles andere als unbedeutend. Umgekehrt entscheidet der Erhalt einer einzelnen Grünfläche nicht über das gesamte Hildener Stadtklima. Eine einmal bebaute Fläche bleibt aber bebaut.
Der Rat musste also zwei nachvollziehbare Interessen gegeneinander abwägen: zusätzlichen und teilweise öffentlich geförderten Wohnraum auf der einen, den Schutz knapper Freiflächen auf der anderen Seite. Die Mehrheit hat sich für das Bauprojekt entschieden. Die Minderheit hat andere Prioritäten gesetzt. Gerade weil beide Seiten auf reale Probleme verweisen können, dürfte die Diskussion mit dem Ratsbeschluss politisch entschieden, aber gesellschaftlich kaum beendet sein.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Hildener Geschichte hinter der Hofstraße. In einer dicht besiedelten Stadt wird die Frage künftig immer häufiger nicht lauten, ob wir Wohnungen oder Grün brauchen. Wir brauchen beides. Die schwierigere Frage lautet, was geschieht, wenn beides denselben Quadratmeter beansprucht.
Hilden fehlt an der Hofstraße nicht das gute Argument. Hilden fehlt der Platz, um allen guten Argumenten gleichzeitig gerecht zu werden.