Freitag, 8. Mai 2026

8.5.2026: Kabelsalat mit Kupfergeschmack: Wenn Ladesäulen plötzlich oben ohne dastehen

Es gibt Bilder, die möchte man als moderne Stadt eigentlich nicht sehen: frisch installierte Schnellladesäulen, die stolz in die elektrische Zukunft zeigen sollen, aus denen aber nur noch traurige Kabelstummel hängen. So ähnlich muss sich ein Toaster ohne Kabel fühlen. Oder ein Dackel ohne Leine. In Haan ist genau das passiert: An der Landstraße 64 machten sich Unbekannte an einer Schnellladesäule der Stadtwerke zu schaffen und schnitten beide Ladekabel ab. Die Säule war erst im September 2024 in Betrieb genommen worden, also noch jung, motiviert und vermutlich voller beruflicher Pläne.

Der Schaden: rund 7000 Euro. Und da reden wir nicht nur von ein bisschen Kupfer und „einmal neu bitte“. Nein, im deutschen Alltag hängt an so einem Kabel natürlich noch ein ganzer Verwaltungsschwanz: Montage, Wiederinbetriebnahme, vorgeschriebene Eichungen und vermutlich irgendwo ein Formular, das nur bei Vollmond in dreifacher Ausfertigung gültig ist. Die Stadtwerke Haan hatten jedenfalls wenig Grund zur Freude. Man investiere kontinuierlich in Elektromobilität, sagte Projektleiter Peter Roth sinngemäß, und dann kommt jemand mit der Kneifzange vorbei und macht aus Zukunftstechnologie Altmetall mit Anschlussverlust.

Haan ist damit leider nicht allein. In Düsseldorf wurden innerhalb weniger Wochen 16 Ladesäulen Opfer von Kabeldieben. Gesamtschaden: mehr als 200.000 Euro. Für diesen Betrag bekommt man wahlweise sehr viele Ladekabel, einen ordentlichen Schreck oder eine neue Lebensphilosophie: Vertrauen ist gut, Dyneema ist besser. Denn die Stadtwerke Düsseldorf rüsten bereits auf. Einige Kabel bekommen eine besonders robuste Kunstfaser-Ummantelung, die auch in der Schifffahrt genutzt wird. Dazu kommt eine Sirene mit 117 Dezibel. Das ist ungefähr die Lautstärke, bei der selbst hartgesottene Kupferdiebe kurz überlegen, ob ein ehrlicher Beruf vielleicht doch entspannter wäre.

Auch der ADAC Nordrhein sieht im Klau von Ladekabeln ein wachsendes Problem. Die Diebe haben es auf Kupfer abgesehen, die Betreiber bleiben auf Materialkosten, Reparaturen und Ausfällen sitzen, und E-Auto-Fahrer stehen davor wie früher Menschen an Telefonzellen ohne Kleingeld. Als mögliche Schutzmaßnahmen werden GPS-Tracker, Videoüberwachung, Farbpatronen in der Kabelhülle und bessere Ummantelungen genannt. Farbpatronen klingen besonders schön: Wer das Kabel klaut, sieht danach aus wie ein gescheiterter Bankräuber aus einer Verkehrserziehungsbroschüre.

Und dann ist da noch das Mess- und Eichgesetz, dieses deutsche Naturgesetz neben Schwerkraft und Sonntagsruhe. Nach Reparaturen kann unter Umständen eine neue Eichung nötig werden. Der ADAC möchte hier Erleichterungen, damit der Austausch eines Kabels nicht gleich zur bürokratischen Pilgerreise wird. Denn wenn eine Ladesäule wegen eines Diebstahls ausfällt, ist das schon ärgerlich genug. Wenn sie danach noch auf den Segen der Eich-Bürokratie warten muss, fühlt sich Elektromobilität plötzlich wieder sehr nach Faxgerät an.

Westenergie, auch für Hilden und Haan zuständig, bestätigt ebenfalls Schäden durch Kupferdiebe an eigenen Ladesäulen. Zahlen nennt das Unternehmen nicht, aber jeder Diebstahl werde konsequent angezeigt. Das ist auch richtig so, denn Kabelklau ist kein Lausbubenstreich. Es ist nicht „Ach, der Kevin sammelt wieder Rohstoffe“, sondern Sachbeschädigung, Diebstahl und ein ziemlich direkter Angriff auf Infrastruktur, die eigentlich allen nützen soll.

Besonders spannend wird es am Autobahnkreuz Hilden. Dort steht mit „Seed & Greet“ Europas größter Schnellladepark, betrieben von Bäckerei-Unternehmer und E-Auto-Pionier Roland Schüren. Ein Ort, an dem Strom, Kaffee, Brötchen und Ladepunkte friedlich zusammenleben. Tesla, Fastned, NIO Power Swap, Cafeteria, Bäckerei – es klingt ein bisschen wie das Disneyland der Kilowattstunden, nur mit besseren Croissants und weniger Mausohren.

Und ausgerechnet dieser große Ladepark blieb bislang offenbar verschont. Warum? Nicht wegen Laserfallen, Drohnenstaffeln oder einem dressierten Schäferhund namens Ampère. Sondern weil dort fast immer jemand ist. Menschen laden, essen, trinken Kaffee, holen Brötchen, fahren weiter, kommen an, bleiben kurz stehen. Dazu stehen gelegentlich Wohnmobilfahrer über Nacht auf dem Gelände und halten die Augen offen. Man könnte sagen: Der Park schützt sich selbst. Oder anders: Nichts schreckt Kupferdiebe so sehr ab wie ein wacher Camper mit Thermobecher und dem Blick eines Mannes, der schon um 5.30 Uhr seine Chemietoilette entleert hat.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Lehre dieser ganzen Geschichte. Die Zukunft braucht nicht nur Ladepunkte, Schnellstrom und schlaue Technik. Sie braucht auch Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Menschen, die sagen: „Moment mal, warum trägt der Herr da gerade ein Ladekabel wie eine erlegte Anakonda davon?“ Videoüberwachung, Sirenen und Spezialfasern sind wichtig. Aber manchmal ist der beste Diebstahlschutz tatsächlich eine gut besuchte Bäckerei, ein paar E-Auto-Fahrer mit Restreichweitenangst und ein Wohnmobilist, der sowieso nicht schlafen kann.

Bis dahin bleibt zu hoffen, dass die Kabeldiebe irgendwann merken: Kupfer ist zwar wertvoll, aber ein funktionierender Ladepark ist es auch. Und wer unbedingt etwas abschneiden möchte, der darf sich gerne beim Bäcker ein Stück Streuselkuchen teilen lassen. Das ist legal, macht weniger Lärm und muss hinterher nicht neu geeicht werden.

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