Es gibt Wochenenden, da merkt man: Hilden ist nicht nur eine Stadt, Hilden ist ein Aggregatzustand. Zwischen Frühlingsmarkt, verkaufsoffenem Sonntag und Weindorf verwandelte sich die Innenstadt in eine Mischung aus mediterraner Piazza, botanischem Fachkongress und Parkplatz-Survival-Training. Wer am Sonntag um 13 Uhr noch einen Stellplatz suchte, konnte ungefähr genauso gut nach einem Einhorn mit Parkscheibe Ausschau halten. Die Autos kreisten durch die Seitenstraßen, während Fußgänger, Radfahrer, Kinderwagen und Hunde längst zielstrebig Richtung Mittelstraße strömten. Hilden hatte gerufen, und offenbar hatte ganz Nordrhein-Westfalen geantwortet: „Sind unterwegs.“
Auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz wurde derweil ausgeschenkt, was deutsche Winzerkunst hergibt: Weißwein, Rotwein, Rosé, Aperol, Erdbeer-Secco und zur Sicherheit auch Bier, falls jemand beim Wort „Weindorf“ nervös wird. Acht Winzerfamilien waren dabei, die Stimmung war friedlich, die Gläser gut gefüllt und die Menschen so zahlreich, dass mancher Besucher vermutlich engeren Körperkontakt zu Fremden hatte als zuletzt beim Schulsport in der siebten Klasse. Der Trend zu alkoholfreiem Wein? Ja, den gibt es offenbar. Aber in Hilden beim Weindorf wurde er eher freundlich zur Kenntnis genommen und dann diskret am nächsten Stand vorbeigetragen.
Parallel dazu bewies der Frühlingsmarkt, dass Hilden nicht nur trinken, sondern auch pflanzen kann. Kräuter, Gemüsepflänzchen und Salatsäcke gingen weg wie warme Reibekuchen, nur eben gesünder. Wer mit einem Basilikumtöpfchen unter dem Arm und einem Glas Rosé in der Hand unterwegs war, durfte sich vermutlich als ganzheitlich lebender Innenstadtmensch fühlen. Besonders gefragt war alles, was nach Selbstversorgung aussah. In Zeiten, in denen man nie weiß, ob morgen die Tomate teurer ist als ein Kleinwagen, beruhigt so ein selbstgezogener Salat natürlich ungemein.
Nicht überall klingelte allerdings die Kasse wie ein gut gelaunter Weinglas-Anstoß. Einige Händler berichteten, die Menschen würden zwar schauen, aber nicht kaufen. Das kennt man aus vielen Fußgängerzonen: geguckt wird mit Hingabe, gekauft wird später online, und beraten lassen hat man sich natürlich vorher beim echten Menschen vor Ort. Auch fleischfressende Pflanzen waren im Angebot, was in Hilden eigentlich ein sehr ehrliches Produkt ist: hübsch anzusehen, aber wehe, man kommt zu nah. Ein bisschen wie das Weindorf am Samstagabend.
Denn während Winzer und viele Besucher zufrieden waren, meldete sich online die Fraktion „Das war aber kuschelig bis kritisch“. Auf Facebook wurde diskutiert, dass der Platz zu klein, das Gedränge zu groß und der Fluchtweg im Ernstfall eher theoretischer Natur sei. Manche fanden es schlicht zu voll, andere zu gefährlich, wieder andere gingen gar nicht erst hin, weil sie sich nicht zwischen Weinglas, Bierzeltgarnitur und fremdem Ellenbogen einfädeln wollten. Man kann es ihnen nicht verdenken: Ein Weindorf soll schließlich ein Ort sein, an dem man genüsslich nippt, nicht einer, an dem man sich wie eine Rosine in der Studentenfutterpackung fühlt.
Organisator Jens Wiechmann kennt das Problem. Die Innenstadt hat nun einmal nicht heimlich über Nacht einen zweiten Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz im Keller gefunden. Der Nove-Mesto-Platz fällt wegen Lärm und Anwohnern eher aus, denn auch Hilden weiß: Wo Wein ist, ist Stimmung, und wo Stimmung ist, ist spätestens um 22 Uhr jemand am Fenster, der „Muss das sein?“ denkt. Eine Einzäunung mit begrenzter Besucherzahl wäre theoretisch möglich, würde aber den Charakter des Festes verändern und einen Rattenschwanz aus Genehmigungen, Auflagen und Kosten mit sich bringen. Aus dem charmanten Weindorf würde dann schnell ein logistisches Hochsicherheits-Riesling-Areal.
Dazu kommt ein weiteres Problem: Manche Besucher bringen eigene Speisen und Getränke mit. Das ist ungefähr so, als würde man ins Restaurant gehen, sich an den schönsten Tisch setzen und dann die Tupperdose auspacken. Am Ende bleibt der Müll liegen, und der Veranstalter darf aufräumen. Hilden, wir müssen reden: Wer zum Weindorf geht, sollte dort auch wenigstens so tun, als hätte der Weinstand nicht nur dekorative Funktion.
Die gute Nachricht: Weil der Andrang so groß ist, soll es in diesem Jahr erstmals ein zweites Weinfest geben, geplant für das erste Septemberwochenende parallel zu Herbstmarkt und Autoschau. Das klingt nach einer typisch Hildener Kombi: erst den neuen Wagen anschauen, dann ein Glas Wein trinken und anschließend sehr verantwortungsbewusst zu Fuß nach Hause gehen. Für neue Winzer ist ebenfalls Platz in der Planung, denn rund 50 stehen noch auf der Warteliste. Man muss sich das einmal vorstellen: Während anderswo Leute auf Kitaplätze warten, warten in Hilden Winzer darauf, endlich ausschenken zu dürfen.
Natürlich wird auch die Enge auf dem Platz noch einmal Thema zwischen Veranstalter und Ordnungsamt. Vielleicht findet sich eine Lösung, die zwischen „gemütlich belebt“ und „ich wurde gerade von einer Rieslingwelle Richtung Bühne getragen“ liegt. Denn eines ist klar: Hilden mag sein Weindorf. Es mag seine Märkte, seine volle Innenstadt, seine verkaufsoffenen Sonntage und offenbar auch die Herausforderung, mit einem Kräutertopf, zwei Einkaufstüten und einem Glas Rosé elegant durch Menschenmengen zu navigieren.
Am Ende bleibt ein Wochenende, das gezeigt hat: Hilden lebt. Manchmal sogar so sehr, dass man kurz Luft holen möchte. Aber lieber eine Innenstadt, die an ihre Grenzen stößt, als eine, in der nur der Wind durch die Mittelstraße rollt und ein einsamer Salatsack auf Kundschaft wartet. Beim nächsten Weinfest braucht es vielleicht ein bisschen mehr Platz, ein bisschen mehr Steuerung und ein bisschen weniger mitgebrachte Picknickmentalität. Aber eines darf bleiben: diese wunderbare Hildener Fähigkeit, aus einem Wochenende ein Stadtgespräch zu machen. Und aus einem Weindorf beinahe eine Mutprobe mit Bouquet.
Montag, 4. Mai 2026
4.5.2026: Hilden hebt das Glas – und sucht gleichzeitig den Ausgang
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