Hilden hat beim Bürgerfestival 2026 wieder einmal bewiesen: Diese Stadt kann feiern, improvisieren und sich am Ende auf einen Kompromiss einigen, der so rheinisch ist, dass man ihn eigentlich mit einem Stempel versehen müsste. Die Stadtwette auf dem Nové-Mesto-Platz wurde nämlich überraschend entschieden – und zwar so, dass irgendwie beide Seiten gewonnen haben.
Bürgermeister Claus Pommer hatte gewettet, dass es den Hildenerinnen und Hildenern nicht gelingen werde, mit einer Menschengruppe und farbigen Pappen zunächst das Logo des neu gegründeten Vereins Hilden Sport e.V. und anschließend das Hildener Stadtwappen darzustellen. Und zwar erkennbar, in den richtigen Farben und möglichst so, dass man von oben nicht denkt: „Interessant, aber was soll das sein?“
Für diese Aufgabe wären offenbar etwa 500 Teilnehmende nötig gewesen. Gekommen sind geschätzt rund 250. Das ist einerseits nur die Hälfte. Andererseits sind 250 Menschen, die sich freiwillig mit farbigen Pappen auf einen Platz stellen, auch keine Kleinigkeit. In Hilden bekommt man manchmal für eine Bürgerbeteiligung weniger Menschen zusammen – es sei denn, es geht um Tempo 30, Parkplätze oder die Frage, ob beim Weindorf genug Stehtische vorhanden sind.
Die Ausgangslage war also schwierig. Halb so viele Menschen wie gebraucht, aber trotzdem viel Wille. Und Wille ist in Hilden bekanntlich ein ernst zu nehmender Standortfaktor. In letzter Sekunde wurden noch weitere Beteiligte mobilisiert. Tanzlehrer Sven Reichelt versüßte die Wartezeit mit einer Open-Air-Mitmachaktion. Das war klug. Denn wenn Menschen schon nicht sofort ein Stadtwappen bilden, können sie wenigstens warmtanzen. Wobei „warm“ an diesem Tag vermutlich ohnehin nicht das größte Problem war.
Am Ende waren Vereinslogo und Stadtwappen von oben so einigermaßen zu erkennen. Nicht perfekt, aber sichtbar. Und damit begann der schönste Teil: die Auslegung.
Denn was bedeutet „gewonnen“ bei einer Stadtwette? Muss das Stadtwappen aussehen wie aus dem Grafikbüro? Oder reicht es, wenn man mit gutem Willen, leichter Unschärfe und Hildener Lokalpatriotismus erkennt, was gemeint war? Wer entscheidet, ob eine Menschenformation gelungen ist? Der Bürgermeister? Der Sportverein? Eine Drohne? Der gesunde Menschenverstand? Oder die älteste Person auf dem Platz, die sagt: „Doch, ich kann es erkennen“?
Hilden entschied sich für die eleganteste Lösung: Beide Seiten haben irgendwie gewonnen. Das ist nicht nur diplomatisch, sondern auch sehr praktisch. Denn so musste niemand beleidigt sein, und trotzdem konnte der Wetteinsatz eingelöst werden. Man einigte sich darauf, dass beide Wettpaten ran müssen: ein Vertreter der Stadt und ein Vertreter des Vereins. Der Preis für diesen salomonischen Kompromiss: der Sprung in eine Eistonne – inklusive Abtauchen.
Man muss sich das vorstellen. Bürgerfestival, Sommer, Menschenmenge, gute Laune – und dann steht da eine Eistonne. Das ist nicht einfach ein kleiner Planschmoment. Das ist die kalte Wahrheit in Bottichform. Selbst bei hohen Temperaturen kostet es Überwindung, freiwillig in Eiswasser zu steigen. Der Körper sagt sofort: „Das war nicht Teil meiner Lebensplanung.“
Per Münze wurde entschieden, wer tatsächlich ins kühle Nass muss. Für den Sportverein traf es Sven Reuter, für die Stadt den zweiten stellvertretenden Bürgermeister Kevin Buchner. Beide begaben sich in die Eistonne und tauchten ab. Das ist kommunale Verantwortung in ihrer frischesten Form. Andere Städte schneiden rote Bänder durch. Hilden taucht ab.
Und genau darin liegt der Charme dieser Stadtwette. Sie war nicht perfekt, aber sie war lebendig. Nicht genug Teilnehmende, aber genug Engagement. Kein makelloses Stadtwappen, aber ein erkennbarer Versuch. Keine klare Niederlage, aber ein klarer Eistonnenmoment. Hilden hat nicht mathematisch gewonnen, sondern atmosphärisch.
Natürlich könnte man streng sein und sagen: Ziel verfehlt. 500 Menschen gebraucht, 250 gekommen, Darstellung nicht perfekt. Aber so funktioniert Bürgerfestival nicht. Ein Bürgerfestival ist keine DIN-Abnahme. Es lebt davon, dass Menschen kommen, mitmachen, lachen, improvisieren und am Ende etwas entsteht, das man nicht exakt planen kann. Wenn dabei ein Stadtwappen ein bisschen wackelig aussieht, ist das vielleicht sogar ehrlicher als eine perfekte Inszenierung.
Denn Hilden ist ja selbst nicht immer ganz symmetrisch. Die Stadt hat ihre Ecken, ihre Debatten, ihre Verkehrszeichen, ihre Baustellen, ihre Weindörfer, ihre Vereinsmenschen, ihre spontanen Kritiker und ihre erstaunliche Fähigkeit, aus fast allem ein Gesprächsthema zu machen. Warum sollte ausgerechnet das Stadtwappen aus Menschen und Pappen perfekt sein?
Vielleicht war das Ergebnis sogar ziemlich passend. Erkennbar, aber nicht perfekt. Organisiert, aber improvisiert. Zu wenige, aber trotzdem genug. Genau so sehen viele Dinge in einer Stadt aus, wenn Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind. Es läuft selten exakt nach Plan, aber manchmal kommt trotzdem etwas Schönes dabei heraus.
Dass der neu gegründete Verein Hilden Sport e.V. bei dieser Aktion im Mittelpunkt stand, passt ebenfalls. Sport bedeutet Bewegung, Teamgeist, Einsatz und manchmal auch die Bereitschaft, sich für eine gute Sache ein bisschen zum Affen zu machen. Oder eben in eine Eistonne zu steigen. Der Verein bekam Sichtbarkeit, die Stadt bekam eine Aktion, das Bürgerfestival bekam einen Höhepunkt und das Publikum bekam etwas, worüber es später erzählen konnte.
„Warst du dabei, als sie ins Eiswasser mussten?“ – das ist ein Satz mit Zukunft.
Man darf auch Bürgermeister Claus Pommer zugutehalten: Die Wette war clever. Sie brachte Menschen zusammen, machte das neue Vereinslogo sichtbar, holte das Stadtwappen auf den Platz und gab dem Bürgerfestival einen spielerischen Mittelpunkt. Dass am Ende nicht alles perfekt aufging, ist fast nebensächlich. Wichtig ist, dass überhaupt etwas versucht wurde. Gerade in Zeiten, in denen viele lieber kommentieren als mitmachen, sind 250 Menschen mit farbigen Pappen durchaus ein Erfolg.
Und Tanzlehrer Sven Reichelt als Wartezeitretter verdient ebenfalls einen Ehrenpunkt. Wer Menschen auf einem Platz in Bewegung bringt, während noch Teilnehmende gesucht werden, erfüllt eine wichtige städtische Funktion. Er hält die Stimmung oben und verhindert, dass aus Erwartung Ungeduld wird. Das ist bei öffentlichen Veranstaltungen fast so wichtig wie Stromanschlüsse und Toilettenwagen.
Am Ende bleibt eine dieser kleinen Hildener Geschichten, die man genau deshalb mag, weil sie nicht nach großer Weltpolitik klingt. Keine Grundsatzdebatte über Autobahnausbau, keine Prüfung durch den Kreis, kein Streit über Tempo 30, keine Millionenrechnung. Nur ein Platz, ein Bürgerfestival, ein Stadtwappen aus Menschen, zu wenige Teilnehmende, eine faire Einigung und zwei Männer in einer Eistonne.
Mehr braucht es manchmal gar nicht.
Hilden hat bei der Stadtwette also nicht perfekt abgeliefert, aber sichtbar. Und sichtbar ist in diesem Fall schon viel. Man sah das Vereinslogo, man erkannte das Stadtwappen, man sah den guten Willen, und man sah zwei Wettpaten, die den kühlen Teil der Vereinbarung ernst nahmen.
Das Bürgerfestival bekam damit genau das, was ein Bürgerfestival braucht: Beteiligung, ein bisschen Chaos, ein bisschen Mut, eine Portion Humor und einen Moment, über den man noch spricht, wenn die Bühne längst abgebaut ist.
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Hilden wollte ein Stadtwappen bilden – und hat am Ende vor allem Gemeinschaft gezeigt. Nicht perfekt. Aber erkennbar. Und danach schön kalt abgetaucht.
Montag, 13. Juli 2026
13.7.2026: Hilden wettet, friert und gewinnt irgendwie – oder: Wenn 250 Menschen fast ein Stadtwappen werden
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