Montag, 6. Juli 2026

6.7.2026: Hilden schenkt nach – oder: Wenn ein Weindorf nicht mehr reicht

Hilden hat offenbar Durst. Kulturell, kulinarisch und möglicherweise auch ganz praktisch. Denn nachdem das Hildener Weindorf im Frühjahr so gut besucht war, dass manche Menschen vermutlich kurz überlegten, ob sie sich für den Weg zum nächsten Riesling eine Platzreservierung hätten besorgen sollen, gibt es nun eine bemerkenswerte Konsequenz: Hilden bekommt ein zweites Weindorf.

Ja, richtig gelesen. Nicht ein Weindorf im Jahr, sondern zwei. Hilden erhöht die Schlagzahl. Andere Städte bauen neue Gewerbegebiete, Hilden baut Weindörfer. Das ist vielleicht nicht im klassischen Sinne Stadtentwicklung, aber für die Lebensqualität sicherlich nicht völlig unerheblich.

Das zweite Weindorf soll vom 4. bis 6. September auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz stattfinden, parallel zum Herbstmarkt mit Autoschau und verkaufsoffenem Sonntag. Das klingt nach einer sehr hildenerischen Kombination: Wein, Autos, Einkaufstaschen und Menschen, die eigentlich nur kurz schauen wollten und drei Stunden später mit einem Glas in der Hand sagen: „Ach, schön hier.“

Der Grund für die Wiederholung ist schlicht: Das erste Weindorf war sehr gut besucht. Sehr, sehr gut. Am Freitag sollen über den Tag verteilt rund 15.000 Menschen in der Innenstadt gewesen sein, am Samstag noch einmal etwa 10.000. Das sind Zahlen, bei denen man in Hilden nicht nur von Erfolg spricht, sondern auch sofort die Frage stellt, ob noch genug Platz zwischen den Stehtischen war. Denn wo Hilden feiert, feiert Hilden gern – aber bitte so, dass man sich noch gefahrlos drehen kann, ohne jemandem einen Grauburgunder in den Ärmel zu kippen.

Deshalb wird beim zweiten Weindorf etwas entzerrt. Die Zahl der Winzer wird von acht auf sieben reduziert. Weniger Winzer, mehr Platz. Das klingt zunächst paradox, ist aber wahrscheinlich klug. In Hilden hat man gelernt: Manchmal entsteht Qualität nicht dadurch, dass man noch mehr hineinstellt, sondern dadurch, dass sich die Menschen wieder bewegen können. Lieber ein Winzer weniger und dafür ein Stehtisch mehr. Das ist rheinische Veranstaltungspolitik mit praktischem Glasrand.

Auch neue Winzer sollen eine Chance bekommen, und neue Live-Musiker sind geplant. Hilden bekommt also nicht einfach eine Wiederholung, sondern eine Art Weindorf 2.0. Vermutlich mit neuen Sorten, neuen Klängen und denselben Sätzen wie immer: „Nur ein Glas“, „Den probiere ich noch“, „Der ist aber gefährlich lecker“ und „Wir nehmen die Flasche für zu Hause mit.“ Wobei „für zu Hause“ bei solchen Veranstaltungen ein dehnbarer Begriff ist.

Doch der Weindorf-Erfolg ist nur ein Teil der Geschichte. Auch der Mittelaltermarkt könnte zurückkehren – möglicherweise sogar größer als bei seiner Premiere. Veranstalter Thomas Höltgen möchte nicht nur den Alten Markt, sondern vielleicht auch einen Teil der Mittelstraße einbeziehen. Die ganze Mittelstraße aber nicht, denn „es muss sich ja auch rechnen“. Das ist ein Satz, der im Mittelalter vermutlich seltener fiel, aber in der Gegenwart jede Veranstaltung begleitet. Selbst Ritterromantik braucht Kalkulation.

Der Mittelaltermarkt hatte bei seiner Premiere Ende Februar und Anfang März offenbar ordentlich Publikum angelockt. Geschätzt 30.000 Besucherinnen und Besucher kamen nach Hilden. 20 Anbieter schlugen ihr Lager auf, und die Reformationskirche bot mit ihrem spätromanischen Gemäuer die perfekte Kulisse. Wenn man ehrlich ist: Viel authentischer bekommt Hilden Mittelalter kaum hin. Zwischen Kirche, Marktständen und historischer Stimmung kann man kurz vergessen, dass ein paar Meter weiter wahrscheinlich jemand mit dem Smartphone nach dem nächsten Parkplatz sucht.

Dass viele Hildener einfach mal gucken wollten, ist besonders glaubwürdig. „Einfach mal gucken“ ist eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten dieser Stadt. Man geht nicht offiziell zu einer Veranstaltung, man guckt nur. Und wenn es schön ist, bleibt man. Und wenn es sehr schön ist, erzählt man später: „War richtig was los.“ Das ist in Hilden ein Ritterschlag.

Der Veranstalter sieht die Märkte im Kreis Mettmann als Heimspiele. Das passt. Mittelaltermarkt in Hilden, Weindorf in Hilden, Streetfood, Bürgerfestival, Herbstmarkt, Weihnachtsdorf – langsam wirkt die Innenstadt wie ein Veranstaltungskalender mit Pflastersteinen. Wer behauptet, in Hilden sei nichts los, muss inzwischen schon sehr konsequent wegsehen.

Neu ist außerdem die Reihe „After Work 5 to 9“ auf dem Vorplatz der Stadthalle. Eine Art Feierabendmarkt mit Live-Musik oder DJ-Sounds, kühlen Getränken und wechselnden Foodtrucks. Also genau das, was der moderne arbeitende Mensch braucht: Nach dem Büro nicht sofort nach Hause, sondern erst einmal kontrolliert entspannen. Von fünf bis neun. Nicht zu früh, nicht zu spät. Gerade lang genug, um den Arbeitstag offiziell für beendet zu erklären, aber noch rechtzeitig, um am nächsten Morgen nicht völlig überrascht vom Wecker zu sein.

Die bisherigen „Markt-Vibes“ auf dem Alten Markt wird es so nicht mehr geben. Dafür zieht die Feierabendstimmung vor die Stadthalle. Am 20. August spielt die Coverband „UnArt“, am 27. August sorgt DJ Rene Frankenfeld für Musik, und am 3. September treten „Die Antje & Der Conny“ auf. Schon diese Namen klingen nach entspannten Sommerabenden, bei denen man sich nicht lange fragt, ob man hingehen soll, sondern eher, welchen Foodtruck man zuerst ansteuert.

Der Eintritt ist frei und offen für alle. Das ist wichtig. Denn Veranstaltungen in Hilden funktionieren besonders gut, wenn die Hemmschwelle niedrig ist. Keine komplizierten Tickets, kein Dresscode, keine Kulturangst. Einfach vorbeikommen, etwas trinken, Musik hören, Leute treffen, den Tag ausklingen lassen. Vielleicht ist das genau die Art Veranstaltung, die eine Innenstadt braucht: nicht zu groß, nicht zu steif, nicht zu erklärungsbedürftig.

Hinzu kommen weitere Termine: das Bürgerfestival am 11. und 12. Juli, ein Streetfood-Festival vom 7. bis 9. August, der Herbstmarkt Anfang September, der Stoffmarkt am 18. September sowie später Weihnachtsmarkt und Weihnachtsdorf. Hilden hat also eine klare Strategie: Wenn schon Alltag, dann bitte mit regelmäßigen Gründen, in die Innenstadt zu gehen.

Das ist für die Stadt wichtig. Veranstaltungen bringen Menschen zusammen, füllen Plätze, beleben Geschäfte, schaffen Gesprächsstoff und sorgen dafür, dass die Innenstadt nicht nur als Durchgangszone funktioniert. Gerade in Zeiten, in denen Einzelhandel schwieriger wird und manche Ladenlokale leer stehen, sind solche Formate mehr als bloße Unterhaltung. Sie sind kleine Belebungsprogramme mit Musik, Essen, Wein und der Hoffnung, dass Menschen wieder sagen: „Komm, wir gehen in die Stadt.“

Natürlich wird es auch hier Diskussionen geben. Zu voll. Zu laut. Zu wenig Parkplätze. Zu viele Menschen. Zu wenig Sitzplätze. Zu viel Musik. Zu wenig Mittelalter. Zu wenig Schatten. Zu viel Autoschau. Irgendetwas findet sich immer. Hilden wäre nicht Hilden, wenn nicht auch die schönste Veranstaltung mindestens einen organisatorischen Kritikpunkt mitbringen würde. Aber vielleicht ist gerade das ein gutes Zeichen: Worüber gesprochen wird, findet statt.

Und im Kern ist die Entwicklung erfreulich. Das Weindorf war so erfolgreich, dass es wiederholt wird. Der Mittelaltermarkt könnte wachsen. Neue Formate werden ausprobiert. Die Stadthalle bekommt Feierabendleben vor die Tür. Die Innenstadt wird nicht einfach verwaltet, sondern bespielt. Das klingt nach einer Stadt, die verstanden hat, dass Aufenthaltsqualität nicht nur aus Pflaster, Bänken und Beleuchtung besteht, sondern aus Erlebnissen.

Am Ende bleibt ein schönes Bild: Hilden im Jahr 2026. Tagsüber wird über Tempo 30 gestritten, Wasser gezählt, Müll früher abgeholt und an Friedhofstoren die thermische Ausdehnung von Metall studiert. Abends aber steht man mit einem Glas Wein auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz, hört Musik, trifft Bekannte und sagt: „So schlecht ist es hier gar nicht.“

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe. Hilden kann sich herrlich aufregen. Aber Hilden kann auch feiern. Und wenn ein Weindorf nicht reicht, dann macht Hilden eben ein zweites.

Das nennt man nicht Überversorgung. Das nennt man Standortvorteil mit Rieslingnote.

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