In Hilden passiert gerade etwas, das man sonst eher aus Familienkellern kennt: Dinge, die lange irgendwo schlummerten, werden endlich wieder ans Licht geholt. Nur geht es diesmal nicht um alte Campingstühle, Weihnachtsdeko von 1998 oder das mysteriöse Kabel, von dem niemand mehr weiß, wozu es gehört. Nein, die Stadt Hilden zeigt verborgene Schätze aus ihrer eigenen Kunstsammlung – und die können sich deutlich besser sehen lassen als ein Karton mit der Aufschrift „Vielleicht noch wichtig“.
Unter dem Titel „Kunst für alle – rausgeholt“ präsentiert die Städtische Galerie im Bürgerhaus eine Auswahl aus dem städtischen Kunstbesitz. Und gleich vorweg: Es handelt sich nicht um vergessene Staubfänger, die man beim Aufräumen hinter dem Kopierer gefunden hat. Vielmehr möchte die Ausstellung zeigen, wie vielfältig das künstlerische Schaffen in Hilden und darüber hinaus ist. Die Stadt besitzt nämlich mehrere Hundert Werke: Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Fotografien und sogar einige Skulpturen. Kurz gesagt: Hilden hat mehr Kunst im Haus, als manche Menschen Tassen im Küchenschrank – und das will etwas heißen.
Kuratorin Sandra Abend, im Hildener Kulturamt für Bildende Kunst zuständig, hat für die Ausstellung Werke ausgewählt, die sie besonders inspirierend fand. Dabei geht es nicht nur darum, Bilder an die Wand zu hängen und dann ehrfürchtig davor zu stehen, während man versucht, klug zu gucken. Die Arbeiten werden in einen spannenden Zusammenhang gesetzt und erzählen etwas über die Kunstgeschichte der Stadt, über Künstlerinnen und Künstler, die Hilden geprägt haben, und über die Frage, was eigentlich alles in einer kommunalen Sammlung stecken kann.
Und da steckt einiges drin. Zur Ausstellung lädt symbolisch ein freundlicher grüner Buddha des japanischen Künstlers Tetsuya Ishida ein, der 1998 in Hilden ausgestellt hat. Wer also bislang dachte, Buddha sei vor allem für innere Ruhe zuständig, lernt hier: Er kann auch sehr höflich zur Kunstbetrachtung bitten. Ebenfalls mit von der Partie ist ein Hirsch von Günter Kuschmann, der sonst im Büro von Bürgermeister Claus Pommer seine Magie verbreitet. Ein erleuchteter Hirsch im Bürgermeisterbüro – das klingt fast so, als würde er still darüber wachen, dass in Sitzungen niemand den Überblick verliert.
Die Sammlung ist über viele Jahre gewachsen, früher auch durch Ankäufe, später durch Schenkungen und Nachlässe. Angesichts der aktuellen Finanzlage der Stadt ist für neue Kunstkäufe allerdings kaum noch Spielraum. Umso erfreulicher ist es, dass der Düsseldorfer Fotokünstler Stephan Kaluza der Hildener Sammlung in diesem Jahr drei Fotografien aus seinem Rheinprojekt „Von der Quelle bis zur Mündung“ zur Verfügung gestellt hat. Das ist nicht nur großzügig, sondern passt auch gut ins Rheinland: Wenn schon kein Geldfluss, dann wenigstens Rheinfluss.
In der Ausstellung begegnet man bekannten Namen wie Otto Piene, K.O. Götz, Hans-Joachim Uthke oder Albert Engstfeld. Aber auch Künstlerinnen und Künstler mit enger Verbindung zur Hildener Kunstszene sind vertreten, darunter Karin Dörre, Dominik Hebestreit, Mehrdad Rashidi, Werner Reuber oder Christiane Strzyzewski-Stals. Hildens Kunstgeschichte wurde dabei nicht nur von Einzelpersonen geprägt, sondern auch von Künstlervereinen wie Art-Ig und H6 sowie vom Austausch mit Prager Künstlern. Man merkt: In Hilden wurde nicht nur gesammelt, sondern offenbar auch fleißig vernetzt, geschaffen und ausgestellt.
Besonders charmant klingt auch der goldene Hase von Ottmar Hörl, der zugleich an Albrecht Dürer und Joseph Beuys erinnert. Ein goldener Hase mit kunsthistorischem Doppelauftrag – das muss man erst einmal hinbekommen. Und dann wäre da noch Charles Wilp, dessen „Werbebild“ von Mel Ramos inspiriert ist. Im Treppenaufgang des alten Rathauses wartet außerdem „Spacy Lucy“ auf neugierige Blicke. Schon der Name klingt so, als könne man beim Vorbeigehen kurz vergessen, dass man eigentlich nur einen Verwaltungsflur entlangläuft.
Neben den ausgestellten Werken gibt es auch einen interaktiven Teil, der auf Kunst im öffentlichen Raum in Hilden aufmerksam macht. Denn Kunst steht nicht nur in Galerien, hängt nicht nur in Büros und schlummert nicht nur in Depots. Manchmal begegnet sie einem draußen, mitten in der Stadt, ganz ohne Eintrittskarte und ohne dass jemand flüstert: „Bitte nicht anfassen.“
Die Idee zu „Kunst für alle“ geht auf eine Anregung der Bürgeraktion zurück, die bereits vor einigen Jahren im Kulturausschuss aufgegriffen wurde. Ziel war es, Werke aus der stadteigenen Sammlung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nun ist es so weit: Die häufig in Depots aufbewahrten Arbeiten dürfen raus, und die Hildenerinnen und Hildener dürfen sehen, was ihre Stadt da eigentlich alles besitzt.
Die Ausstellung wurde am Donnerstag, 7. Mai, in der Städtischen Galerie im Bürgerhaus eröffnet. Zu sehen ist sie bis zum 13. Juni, und zwar dienstags, mittwochs und freitags von 16 bis 18 Uhr, donnerstags von 16 bis 19 Uhr sowie samstags von 11 bis 15 Uhr. Montags, sonntags und an Feiertagen bleibt die Galerie geschlossen – auch Kunst braucht schließlich mal Pause.
„Kunst für alle – rausgeholt“ ist damit eine schöne Gelegenheit, Hilden einmal von seiner künstlerischen Seite kennenzulernen. Und wer weiß: Vielleicht schaut man danach auch auf städtische Flure, Wandbilder und Skulpturen mit anderen Augen. Denn manchmal liegen die Schätze gar nicht weit weg. Man muss sie nur aus dem Depot holen. Oder im Fall des Hirsches: kurz aus dem Bürgermeisterbüro entlassen.
Montag, 11. Mai 2026
11.5.2026: Hilden holt die Kunst aus dem Versteck: Wenn Buddha, Hirsch und goldener Hase Ausgang bekommen
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen