Hilden bekommt einen neuen Ort zum Sitzen, Schauen, Trinken, Staunen und vermutlich auch zum Sagen: „Das hätten wir hier gar nicht erwartet.“ An der Benrather Straße, Ecke Ellerstraße, öffnet der Garten der „Apotheke“ – aber nicht als Ort für Hustensaft, Pflaster und Nasenspray, sondern als Kunst-Garten-Kulturcafé.
Das ist schon einmal eine schöne Wendung. Wo man beim Wort Apotheke normalerweise an Rezept, Zuzahlung und „haben Sie Ihre Gesundheitskarte dabei?“ denkt, soll nun ein Ort entstehen, an dem man Wein trinkt, Kunst betrachtet und unter Bäumen sitzt. Hilden bekommt also gewissermaßen eine Apotheke gegen Alltagstrott. Nicht verschreibungspflichtig, aber vermutlich stimmungsaufhellend.
Hinter dem Projekt stehen zwei Kindergartenfreunde: Ludger Breloh, Sprecher der Erbengemeinschaft des Künstlers Heinz Breloh und Pächter der „Apotheke“, sowie Mani Neumann, vielen bekannt durch Mani’s Ponystall. Zwei Menschen, die sich offenbar nicht damit begnügen, über schöne Ideen zu sprechen, sondern sie auch wirklich umsetzen. Das ist in Hilden nicht selbstverständlich. Hier werden Ideen manchmal erst sehr gründlich geprüft, dann vertagt, dann diskutiert, dann erneut geprüft und irgendwann von einer Baustelle überholt.
Diesmal aber wird gemacht.
Der Garten soll ein Ort werden, an dem Kunst und Genuss zusammenkommen. Ein bisschen Café, ein bisschen Galerie, ein bisschen Sommerabend, ein bisschen Kulturinsel mitten in der Stadt. Breloh und Neumann sitzen dort an einem Tisch aus Bauholzbohlen, wo künftig Gäste sitzen sollen – mit einem Glas Wein, Bier, Prosecco oder Kaffee, umgeben von Bäumen und Skulpturen. Das klingt fast zu schön, um direkt an Hilden zu denken. Aber genau deshalb ist es reizvoll.
Denn Hilden kann mehr als Verkehr. Hilden kann auch Atmosphäre.
Das gastronomische Konzept verantwortet Mani Neumann. Und wer ihn kennt, ahnt: Es wird nicht lieblos. Er spricht von gehobener Gastronomie, feinen Gläsern, Geschirr und ausdrücklich keinen Einwegsachen. Das ist eine wichtige Botschaft in einer Zeit, in der manche Veranstaltungen aussehen, als habe ein Plastikbecherhersteller die kulturelle Leitung übernommen. In der Apotheke soll es Stil geben. Fliederfarbene Dienstkleidung fürs Personal inklusive. Hilden bekommt also nicht nur ein Kulturcafé, sondern offenbar auch ein Farbkonzept.
Auf der Karte stehen Bier, feine Weine, Sekt, Champagner, Prosecco, Kaffee und kleine Speisen. Pinsa, Salat, Brot und Dips sollen angeboten werden, später vielleicht auch Kuchen. Das klingt nach einem Ort, an dem man eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte und dann zwei Stunden später sagt: „Einen Prosecco nehmen wir noch, aber wirklich den letzten.“ In Hilden ist das eine realistische Entwicklung.
Das gastronomische Herz wird ein Holzhaus im Garten. Dort werden Getränke ausgeschenkt und kleine Speisen zubereitet. Es steht bereits groß „Die Apotheke. Kunst, Garten, Kulturcafé“ darauf. Das ist ein Name, der sich gut merken lässt. Und er hat einen schönen Nebeneffekt: Wenn jemand sagt „Ich gehe noch kurz in die Apotheke“, kann das künftig in Hilden ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Die eine Variante endet mit Ibuprofen, die andere mit Wein und Livemusik.
Die Kunst kommt von Heinz Breloh. Skulpturen des Hildener Künstlers stehen im Garten verteilt. Im Erdgeschoss der Apotheke soll ebenfalls Kunst zu sehen sein – auf dem Weg zu den sanitären Anlagen und sogar von außen durch die Fenster an der Benrather Straße. Das ist charmant: Selbst der Gang zur Toilette wird kulturell aufgewertet. In vielen Lokalen ist der Weg dorthin eher ein architektonisches Abenteuer. Hier könnte er zur kleinen Kunsterfahrung werden.
Besonders spannend ist, dass Ludger Breloh frühe Werke seines Bruders zeigen möchte. Werke aus einer Zeit, in der Heinz Breloh noch nicht bekannt war. Darunter auch seine Abiturarbeit vom Gymnasium Helmholtzstraße – eine Arbeit, die für die Familie emotional besonders bedeutsam ist. Die Eltern hätten damals erkannt: Der Junge kann etwas. Und obwohl sie Bauern waren, unterstützten sie ihn dabei, Bildhauerei zu studieren. In den 1960er-Jahren war das alles andere als selbstverständlich.
Das ist vielleicht der schönste Teil dieser Geschichte. Denn hinter dem neuen Garten steht nicht nur ein gastronomisches Konzept, sondern eine Familiengeschichte, eine Künstlerbiografie und ein Stück Hildener Erinnerung. Landschaftsbilder in Öl vom elterlichen Bauernhof Breloh in der Elb, Bleistiftzeichnungen, frühe Arbeiten – all das macht die Apotheke zu mehr als einem netten Ort für ein Getränk. Sie wird zu einem Ort, an dem Hilden auf seine eigene Kunstgeschichte schauen kann.
Geplant sind auch Veranstaltungen. Sonntagsmatinees mit leiser, feiner Livemusik etwa. Das klingt nach Kultur ohne Druck. Keine riesige Bühne, keine donnernden Verstärker, kein „Hilden, seid ihr gut drauf?“ um 11.30 Uhr morgens. Sondern Musik, die begleitet, nicht erschlägt. Dazu Kunstführungen durch Garten und Apotheke für interessierte Gruppen nach Anmeldung. Und vielleicht sogar Open-Air-Filme im Garten. Man sieht die Szene schon vor sich: Hilden sitzt unter Bäumen, schaut Film, trinkt Wein und tut für zwei Stunden so, als wäre es eine kleine Kulturhauptstadt.
Eröffnet wird am Freitag, 17. Juli, ab 15 Uhr. Mani’s Team grillt, es gibt kühle Getränke, eine Bühne mit Livemusik, und wahrscheinlich spielt Neumann selbst auch ein bisschen. Das passt, denn in seinem früheren Leben war er Mitglied von „farfarello“. Die Bühne im Garten hat er selbst aufgebaut. Das ist ein schönes Detail: Wer Musik, Gastronomie und Handwerk zusammenbringt, ist in Hilden vermutlich genau der richtige Mann für so ein Projekt.
Und wer nach der Eröffnung noch weiterfeiern möchte, kann einfach ein paar Häuser weiter in Mani’s Ponystall gehen. Auch das ist praktisch. Die neue Apotheke wird damit nicht isoliert gedacht, sondern fügt sich in ein kleines Hildener Ausgehrevier ein. Garten, Kunst, Musik, Glas in der Hand – und bei Bedarf Verlängerung im Ponystall. Andere Städte nennen so etwas „urbanes Konzept“. Hilden sagt vermutlich: „Kann man machen.“
Die Öffnungszeiten sind zunächst überschaubar: freitags ab 15 Uhr, samstags und sonntags ab 11 Uhr. Vielleicht kommt später noch der Mittwoch dazu. Das klingt nach einem vorsichtigen Start, aber auch nach guter Planung. Erst einmal schauen, wie es läuft. Hilden ist neugierig, aber Hilden muss Orte auch annehmen. Wenn es gut wird, kommen die Menschen. Wenn es sehr gut wird, kommen sie wieder. Und wenn es richtig gut wird, sagen sie irgendwann: „Da musst du mal hin.“
Die Vorgeschichte ist allerdings nicht ganz ohne Wehmut. Ursprünglich sollte auf dem Grundstück ein Museum für zeitgenössische Kunst entstehen. Die Stadt hatte angeboten, das Grundstück in Erbpacht zur Verfügung zu stellen, doch 2023 fand sich im Stadtrat keine Mehrheit. Auch ein weiterer Anlauf mit Investoren scheiterte beziehungsweise wurde zurückgezogen, nachdem sich die Politik erneut nicht zu einer Entscheidung durchringen konnte. Das Museum kam also nicht.
Nun kommt der Garten.
Vielleicht ist das kein Ersatz für ein Museum. Aber es ist eine neue Möglichkeit. Manchmal entstehen aus gescheiterten großen Plänen kleinere, lebendigere Orte. Ein Museum hätte Hilden gutgestanden. Ein Kunst-Garten-Kulturcafé könnte Hilden gut tun. Es ist weniger monumental, aber unmittelbarer. Man kann hingehen, sitzen, trinken, reden, schauen. Kunst wird nicht nur ausgestellt, sondern Teil eines Nachmittags oder Abends. Das ist vielleicht genau die Form von Kultur, die viele Menschen niedrigschwellig erreicht.
Natürlich wird es auch hier hildenerische Fragen geben. Gibt es genug Plätze? Wie laut wird die Musik? Wo parkt man? Was kostet der Wein? Ist das Kunst oder kann das weg? Wird es bei Regen gemütlich? Und warum heißt es eigentlich Apotheke, wenn es dort Prosecco gibt? Aber genau diese Fragen zeigen: Der Ort wird wahrgenommen. Und das ist schon viel.
Hilden bekommt mit der Apotheke einen Ort, der nicht nach Standard aussieht. Kein weiteres austauschbares Café, keine reine Eventfläche, kein Museum hinter verschlossenen Türen. Sondern einen Garten, der Kunst, Gastronomie und Begegnung verbinden will. Mit Skulpturen, Geschichte, Musik, Pinsa, Wein und einem Holzhaus, das vermutlich bald vielen vertraut sein wird.
Vielleicht ist das genau das, was Innenstädte brauchen: Orte, die nicht nur funktionieren, sondern Charakter haben. Orte, an denen man nicht nur konsumiert, sondern verweilt. Orte, über die man spricht, weil sie eine Geschichte haben. Und in diesem Fall sogar eine ziemlich schöne: zwei Kindergartenfreunde, ein Künstlererbe, ein Garten mitten in Hilden und der Wille, etwas daraus zu machen.
Am Ende könnte die Apotheke also tatsächlich heilsam sein. Nicht medizinisch, versteht sich. Aber städtisch. Gegen Langeweile. Gegen Leerstellen. Gegen das Gefühl, dass Kultur immer kompliziert sein muss. Gegen die Vorstellung, Hilden könne nur praktisch, aber nicht poetisch.
Ab Freitag wird ausgeschenkt, gegrillt, musiziert und gezeigt. Hilden darf Platz nehmen.
Und vielleicht sagt irgendwann jemand nach einem Glas Wein zwischen Skulpturen und Bäumen: „Diese Apotheke wirkt.“
Ganz ohne Beipackzettel.
Mittwoch, 15. Juli 2026
15.7.2026: Die Apotheke öffnet den Garten – oder: Wenn Hilden plötzlich Kunst mit Prosecco serviert
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