Sonntag, 16. August 2026

16.8.2026: Von wegen Aperol – oder: Wenn Hilden plötzlich Lavendel trinkt

Es gibt Dinge, von denen ich dachte, sie seien für die Ewigkeit gemacht. Der Hildener Stadtpark. Die Diskussion über Parkplätze. Das Altbier. Und natürlich Aperol Spritz. Doch nun muss ich erfahren: Selbst Aperol ist nicht mehr sicher. In Hildens Gastronomie machen sich neue Konkurrenten breit. Sarti Spritz, Lavie Spritz, Limoncello Spritz, hausgemachte Limonaden, Granatapfel-Mango-Eistee, Iced Matcha Latte mit Erdbeere und sogar Getränke mit Lavendel-Himbeer-Geschmack. Wer heute an einem sonnigen Nachmittag am Alten Markt sitzt und einfach nur „einen Spritz“ bestellt, muss wahrscheinlich erst einmal präzisieren, in welche geschmackliche Richtung sein Leben gehen soll.

Früher war die Welt einfacher. Bier oder Wein. Cola oder Wasser. Vielleicht noch ein Aperol, wenn man sich ein bisschen italienisch fühlen wollte. Heute braucht man fast eine Getränkekarte mit Entscheidungsbaum. Orange? Rosa? Alkoholfrei? Mango? Lavendel? Matcha? Himbeere? Prosecco? Gin? Kokosmilch? Ich wollte doch nur etwas Kaltes.

Der Klassiker Aperol Spritz läuft natürlich weiterhin. So schnell lässt sich eine Institution nicht verdrängen. Aber am Alten Markt bekommt er inzwischen ernsthafte Konkurrenz vom Sarti Spritz. Das Getränk basiert auf Sarti Rosa, einem Aperitif mit Blutorange, Mango und Passionsfrucht, dazu kommen unter anderem Prosecco und Gin. Das klingt nach einem Getränk, bei dem man nach dem zweiten Glas zumindest nicht mehr behaupten sollte, man habe nur wegen der Vitamine bestellt. Im Fino kostet der Sarti Spritz 7,50 Euro, im Pepo’s acht Euro. Dort läuft das Getränk offenbar so gut, dass jede Woche fünf oder sechs Kartons mit jeweils sechs Flaschen bestellt werden. Das sind Dimensionen, bei denen man merkt: Hier handelt es sich nicht mehr um einen kurzfristigen Versuch. Hilden hat Sarti entdeckt.

Besonders schön finde ich, dass Pepo’s-Inhaber Michail Peponis das Getränk vor diesem Sommer selbst noch gar nicht kannte. Wenige Monate später bestellt er es kartonweise. So schnell können Karrieren verlaufen. Manche Produkte brauchen jahrelange Markenarbeit. Andere brauchen einfach Sonne, Eiswürfel und Instagram. Noch interessanter ist aber eine zweite Entwicklung. Spritz-Getränke waren offenbar lange vor allem Frauensache. Männer bestellten Bier, Frauen Spritz. So einfach war die gastronomische Geschlechterordnung. Doch selbst diese Bastion fällt. Immer mehr Männer bestellen inzwischen ebenfalls Spritz-Getränke. Das finde ich beruhigend. Der Hildener Mann des Jahres 2026 sitzt offenbar entspannt am Alten Markt, schaut seinem rosafarbenen Getränk beim Glitzern zu und hat beschlossen, dass seine Männlichkeit auch einen Lavendelzweig aushält.

Wobei die Statistik aus Pepo’s noch gewisse Unterschiede kennt. Die Frauen hätten bei Spritz-Getränken eine „hohe Schlagzahl“, heißt es dort augenzwinkernd. Während die Männer noch an ihrem Bier sitzen, habe die Mädelsgruppe nebenan das nächste Spritz-Getränk schon auf. Das klingt fast nach einer sportlichen Disziplin. Hilden Spritz Open 2026. Kategorie Damen: hohe Schlagzahl. Kategorie Herren: aufstrebende Nachwuchsgruppe.

Besonders spannend finde ich den alkoholfreien Lavie Spritz im Fino. Lavendel und Himbeere, komplett ohne Alkohol. Dass solche Varianten stärker nachgefragt werden, passt in die Zeit. Immer mehr Menschen möchten offenbar entspannt draußen sitzen, ein hübsches Getränk vor sich haben und trotzdem später noch wissen, wo sie ihr Fahrrad abgestellt haben. Das alkoholfreie Angebot wird generell wichtiger. Und das ist erfreulich. Jahrelang bestand die alkoholfreie Alternative in vielen Lokalen gefühlt aus Wasser, Cola und der Frage: „Apfelschorle geht auch?“ Heute bekommt man Getränke, die genauso aufwendig aussehen wie Cocktails und nicht automatisch signalisieren: Der hier muss noch fahren.

Auch das Cafe Extrablatt, frisch renoviert und seit Ende Juli wieder geöffnet, setzt im Sommer stark auf alkoholfreie Getränke. Kiwi-Passionsfrucht-Limonade und Granatapfel-Mango-Eistee stehen auf der Karte. Allein beim Lesen bekommt man das Gefühl, normale Zitronenlimonade sei inzwischen kulinarisch ungefähr dort angekommen, wo früher Toast Hawaii stand. Natürlich ändern sich die Regeln am Abend. Ab 18 Uhr beginnt im Extrablatt die Happy Hour. Jumbo-Cocktails kosten dann acht Euro. Einer davon heißt „Touchdown“ und enthält Vodka, Apricot Brandy, Grenadine, Lime, Ananas und Maracuja. Wer sich fragt, warum das Getränk Touchdown heißt, dürfte nach mehreren Exemplaren möglicherweise selbst eine entsprechende Landung hinlegen. Einen klaren Favoriten gibt es dort allerdings nicht. Die Gäste probieren sich durch die Karte. Auch das ist ein schönes Konzept. Früher hatte man sein Stammgetränk. Heute arbeitet man sich offenbar systematisch durch die Getränkekarte, als gäbe es am Ende ein Zertifikat.

Im Café New York sind derzeit vor allem Eiskaffee und Limonaden beliebt. Granatapfel sowie Himbeer-Limette gehören zu den Favoriten. Dazu gibt es einen Eisfrappé mit Crush-Eis und geheimen Zutaten. Geheime Zutaten finde ich grundsätzlich spannend. Sobald in der Gastronomie etwas „geheim“ ist, denke ich sofort, dass irgendwo im Keller ein jahrhundertealtes Familienrezept bewacht wird. Vermutlich ist es in Wirklichkeit einfach eine Zutat, die der Konkurrenz nichts angeht. Aber „geheim“ klingt natürlich besser. Auch dort wird trotz hoher Temperaturen weiterhin reichlich Alkohol getrunken. Eine Mitarbeiterin fragt sich selbst, wie die Gäste das bei dieser Hitze schaffen. Eine berechtigte Frage. Bei 35 Grad denke ich schon nach einem Spaziergang von der Gabelung zum Alten Markt darüber nach, ob medizinische Betreuung notwendig wird. Andere Menschen bestellen dann offenbar einen Cocktail.

Wieder ganz anders sieht die Welt bei Woyton aus. Dort ist Matcha angesagt. Iced Matcha Latte mit Erdbeere, Blaubeere oder Mango, wahlweise mit Hafer- oder Kokosmilch. Ich gestehe: Bei Matcha fühle ich mich manchmal alt. Matcha sieht für mich immer ein bisschen so aus, als hätte jemand einen Gartenteich püriert und beschlossen, ihn in einem schicken Glas zu servieren. Aber offensichtlich schmeckt es vielen Menschen. Und mit Erdbeere oder Mango bekommt das Ganze farblich und geschmacklich eine Richtung, die sogar mich neugierig macht. Dazu kommt der Mango-Smoothie mit frischer Mango, Mangosaft, gesüßtem Zitronensaft und Slush-Eis. Das klingt tatsächlich nach einer ziemlich guten Idee bei 30 Grad.

Überhaupt ist auffällig, wie bunt das Getränkeangebot inzwischen geworden ist. Gastronomie verkauft nicht mehr nur Durstlöscher. Sie verkauft kleine Erlebnisse. Ein Getränk soll gut schmecken, schön aussehen, möglichst fotografierbar sein und vielleicht noch eine Geschichte erzählen. „Lavie Spritz“ klingt eben interessanter als „Himbeer-Lavendel-Limo“. „Sarti Spritz“ klingt nach Italien. „Iced Matcha Latte Strawberry“ klingt nach internationalem Lifestyle. Und „Cola“ klingt plötzlich fast schon mutig konservativ.

Dabei zeigt die Umfrage unter den Hildener Gastronomen auch, wie lebendig unsere Innenstadt gastronomisch inzwischen ist. Fino, Pepo’s, Extrablatt, Café New York, Woyton – überall gibt es eigene Schwerpunkte. Wer an einem warmen Abend durch die Mittelstraße und über den Alten Markt läuft, hat Auswahl. Und genau das ist gut für Hilden. Außengastronomie bringt Leben in die Innenstadt. Menschen sitzen draußen, unterhalten sich, treffen Bekannte, bestellen noch etwas und bleiben länger. Das ist genau die Art von Aufenthaltsqualität, über die in Stadtentwicklungspapieren gerne viele Seiten geschrieben werden. Man kann es auch einfacher sagen: Wenn draußen Menschen sitzen und etwas trinken, wirkt eine Innenstadt lebendig.

Natürlich kann man über die Preise diskutieren. 7,50 oder acht Euro für einen Spritz, knapp sieben Euro für einen Eistee oder 6,20 Euro für Matcha sind kein Kleingeld. Wer mit mehreren Leuten einen längeren Abend verbringt, merkt das spätestens beim Blick auf die Rechnung. Aber Gastronomie hat ebenfalls mit gestiegenen Kosten zu kämpfen. Personal, Energie, Einkauf, Mieten – nichts davon ist billiger geworden. Und wer einen Cocktail bestellt, zahlt nicht nur für die Flüssigkeit im Glas, sondern auch für Service, Sitzplatz und den kleinen Luxus, nicht selbst spülen zu müssen.

Ich jedenfalls finde die Entwicklung interessant. Aperol verschwindet nicht. Bier auch nicht. Aber das Angebot wird breiter. Männer entdecken Spritz. Frauen halten offenbar weiterhin das Tempo hoch. Alkoholfreie Varianten werden selbstverständlicher. Matcha trifft Mango. Lavendel trifft Himbeere. Und Hilden entdeckt, dass ein Sommergetränk nicht zwangsläufig orange sein muss.

Vielleicht sollte man daraus eine neue Hildener Tradition machen. Statt Weinwanderung eine Spritzwanderung durch die Innenstadt. Start bei Woyton mit einem Matcha, weiter zum Café New York für die Granatapfel-Limo, dann ins Extrablatt zum Eistee, am Alten Markt ein alkoholfreier Lavie Spritz und wer danach noch möchte, darf bei Pepo’s den Sarti testen. Selbstverständlich zu Fuß. Das wäre vielleicht sogar ein neues touristisches Konzept: „Hilden – was liegt näher? Der nächste Spritz.“

Am Ende bleibt jedenfalls eine überraschende Erkenntnis dieses Sommers: Aperol ist nicht tot. Aber er ist nicht mehr allein. Die Getränkekarten sind bunter geworden, die Geschlechtergrenzen lockerer und die alkoholfreien Alternativen deutlich spannender. Und wenn inzwischen sogar Männer freiwillig einen Lavendel-Himbeer-Spritz bestellen, dann kann man wohl sagen: Der Sommer 2026 hat Hilden verändert. Zumindest an der Theke.

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