Dienstag, 4. August 2026

4.8.2026: Die Bahn plant schon mal die nächste Geduldsprüfung – oder: Wenn Hilden ab 2028 vielleicht wieder umsteigen lernt

Hilden hat in den vergangenen Jahren gelernt, dass Mobilität ein großes Wort ist. Es klingt nach Bewegung, Fortschritt und Verbindung. In der Praxis bedeutet es in Hilden oft: Baustelle, Ersatzverkehr, Umleitung, geänderte Abfahrtszeit, provisorische Ampel oder ein Schild, das plötzlich nicht mehr da ist.

Nun kommt die Bahn dazu. Wieder einmal.

Ab 2028 sollen die Linien S1, S6 und RE47 wegen Gleisbauarbeiten in Düsseldorf aus südlicher Richtung über Jahre unterbrochen werden. Die S1 soll dann aus Richtung Solingen/Hilden kommend nur noch bis Düsseldorf-Eller Mitte fahren. Die S6 dürfte ebenfalls betroffen sein, weil sie ab Düsseldorf-Eller Süd dieselben Gleise nutzt. Und auch die gerade erst wieder in Betrieb genommene RE47 wird nach Angaben der Regiobahn unterbrochen sein.

Das ist eine dieser Nachrichten, bei denen Pendlerinnen und Pendler innerlich nicht schreien, sondern nur noch sehr leise lachen. Denn wer regelmäßig mit der Bahn unterwegs ist, hat inzwischen eine gewisse Widerstandskraft entwickelt. Man kennt Durchsagen, die mit „Aufgrund von Bauarbeiten…“ beginnen. Man kennt Ersatzbusse, die theoretisch fahren. Man kennt Strecken, die „modernisiert“ werden, was im Alltag zunächst bedeutet: Sie funktionieren erst einmal schlechter.

Die geplanten Arbeiten sollen etwa zweieinhalb Jahre dauern. Zweieinhalb Jahre. Das ist länger als manche Ausbildung, viele Handyverträge und ungefähr die Zeit, die man braucht, um sich an eine schlechte Übergangslösung so zu gewöhnen, dass man sie fast für normal hält. Wer 2028 mit der S1 Richtung Düsseldorf fahren möchte, könnte also erleben, dass die vertraute Verbindung plötzlich in Eller Mitte endet – einem Ort, den man als Hildener Pendler bisher vielleicht nicht als persönliches Schicksalsziel eingeplant hatte.

Der Grund für die Arbeiten ist der Ausbau der Schieneninfrastruktur für den Rhein-Ruhr-Express. Perspektivisch soll ein 15-Minuten-Takt möglich werden. Das klingt gut. Mehr Takt, bessere Verbindungen, modernere Infrastruktur. Niemand kann ernsthaft gegen Investitionen in die Bahn sein. Das Problem ist nur: Die Zukunft der Bahn beginnt oft mit der Stilllegung der Gegenwart.

Und diese Gegenwart betrifft viele. Hilden, Solingen, Langenfeld, Leverkusen – entlang der Linien hängen ganze Pendlerbiografien. Menschen fahren zur Arbeit, zur Uni, zum Arzt, zum Einkaufen, zum Flughafen, zu Terminen, zu Freunden. Die S-Bahn ist für viele nicht Freizeitangebot, sondern Alltagsschiene. Wenn diese Verbindung jahrelang unterbrochen wird, ist das keine kleine Unannehmlichkeit. Es ist eine strukturelle Zumutung mit Fahrplan.

Hildens Bürgermeister Claus Pommer weist darauf hin, dass Hilden trotzdem angebunden bleibt. Neben Schienenersatzverkehr gebe es weiterhin die Buslinien 782 und 785 in die Düsseldorfer Innenstadt sowie die Linie 784 zum Benrather Bahnhof mit Anschluss an den RE6. Das ist sachlich richtig und wichtig. Hilden wird nicht vom ÖPNV-Atlas gestrichen. Die Stadt fällt nicht in ein verkehrliches Loch, aus dem nur noch E-Scooter und guter Wille herausführen.

Aber natürlich ersetzen Busse eine S-Bahn nur bedingt. Wer schon einmal im Berufsverkehr mit dem Bus Richtung Düsseldorf unterwegs war, weiß: Das ist keine reine Reise, das ist Charakterbildung. Reisezeit und Komfort leiden. Der Anschluss will erreicht werden. Der Verkehr will mitspielen. Und wer morgens ohnehin knapp ist, möchte nicht zusätzlich eine kleine Nahverkehrs-Odyssee durch mehrere Systeme erleben.

„Hilden bleibt angebunden“ ist also beruhigend.

„Hilden bleibt bequem angebunden“ wäre etwas anderes.

Auch in Solingen sieht man die Bauarbeiten als Zumutung, betont aber die Notwendigkeit. Investitionen in eine zukunftsfähige Schieneninfrastruktur sind willkommen, lange Sperrungen aber hart für Pendler. Das ist die vernünftige Mitte: Ja, bauen. Ja, modernisieren. Aber bitte nicht so, dass ganze Regionen jahrelang das Gefühl haben, der Umbau werde auf ihrem Rücken getestet.

Interessant ist allerdings: Es ist offenbar noch gar nicht ganz sicher, ob die Sperrung wirklich 2028 kommt. Die Generalsanierung der Strecke Hamm-Düsseldorf-Köln wurde bereits auf 2033 verschoben. Weil diese Sanierung eng mit dem RRX-Ausbau verknüpft ist, könnte sich auch die S-Bahn-Teilsperrung deutlich verzögern. Das Land NRW und der VRR fordern deshalb ein integriertes Gesamtkonzept mit klaren Zeitschienen.

Auch das ist typisch Infrastruktur: Erst erschrickt man über 2028, dann hört man, es könnte auch 2033 werden, und plötzlich weiß niemand mehr genau, ob man sich früher ärgern oder später vorbereiten soll. Pendler brauchen aber keine vagen Zeitfenster, sondern Verlässlichkeit. Wenn eine Sperrung kommt, müssen Menschen wissen: wann, wie lange, welche Alternativen, welche Takte, welche Anschlüsse, welche Kapazitäten.

Denn nichts ist schlimmer als eine Baustelle, die nicht nur lang ist, sondern auch unklar.

Langenfelds Bürgermeister Gerold Wenzens wird besonders deutlich. Er hat wenig Verständnis für eine so lange Sperrung dieser wichtigen Infrastruktur. Es entstehe der Eindruck, dass den Verantwortlichen die Folgen für die Betroffenen nicht bewusst seien. Das ist ein Satz, der bei vielen Pendlern sofort nicken lässt. Denn wer jeden Tag betroffen ist, hat oft das Gefühl, Planungen würden irgendwo weit entfernt in Besprechungsräumen entstehen, in denen niemand morgens um 7:18 Uhr mit Tasche, Kaffee und Resthoffnung am Bahnsteig steht.

Wenzens spricht auch die mangelnde Abstimmung verschiedener Baulastträger an. Und das ist ein zentraler Punkt. Wenn gleichzeitig Autobahnen gesperrt, Brücken neu gebaut, Bahnstrecken unterbrochen und Busse als Ersatz angeboten werden, braucht es mehr als gute Absichten. Es braucht Koordination. Sonst entsteht eine Mobilitätslage, in der jede einzelne Maßnahme für sich erklärbar ist, aber zusammen eine Region lahmlegt.

Langenfeld und Leverkusen kennen das nur zu gut. A59-Sperrung, Brückenbaustellen, Rheinbrücke, Bahnprobleme – diese Städte sind verkehrlich bereits leidgeprüft. Wenn dann noch eine jahrelange S-Bahn-Sperrung dazukommt, wirkt das nicht mehr wie Bauplanung, sondern wie ein Stresstest für die Bevölkerung.

Leverkusens Oberbürgermeister Stefan Hebbel formuliert es etwas diplomatischer, aber ebenfalls klar: Investitionen ja, aber verlässliche Planung und hochwertige Ausführung seien entscheidend. Gesperrt werden solle nur so lange, wie zwingend notwendig. Auch das klingt selbstverständlich. Aber gerade bei Bahnprojekten ist das Selbstverständliche manchmal eine mutige Forderung.

Für Hilden stellt sich zusätzlich die Frage: Wird so eine lange Teilsperrung zum Standortnachteil? Der Bürgermeister sieht das nicht, weil Alternativen bestehen. Man kann das nachvollziehen. Hilden bleibt erreichbar. Aber man darf auch nicht unterschätzen, wie sehr verlässliche Bahnverbindungen zur Attraktivität einer Stadt beitragen. Wer in Hilden wohnt und in Düsseldorf arbeitet, denkt bei der Wohnortwahl auch an die S1. Wenn diese Verbindung jahrelang gebrochen ist, spürt man das.

Nicht jeder kann flexibel Homeoffice machen. Nicht jeder hat ein Auto. Nicht jeder möchte oder kann auf Bus und Umstieg ausweichen. Und wer ohnehin schon mit steigenden Kosten, vollen Zügen und langen Wegen kämpft, empfindet jede zusätzliche Sperrung als weiteren kleinen Schlag gegen den Alltag.

Spannend ist auch die finanzielle Seite. Der Kreis Mettmann zahlt rund 24 Millionen Euro Umlage an den VRR, Solingen rund 18 Millionen Euro. Einschränkungen wie jahrelange Teilsperrungen führen laut Auskunft aber nicht zu reduzierten Zahlungen. Auch das ist eine Botschaft, die bei Bürgerinnen und Bürgern nicht unbedingt Jubel auslöst: Die Leistung wird eingeschränkt, die Umlage bleibt. Aus Sicht des Systems mag das erklärbar sein. Aus Sicht des wartenden Fahrgastes fühlt es sich weniger elegant an.

Man stelle sich vor, ein Café sagt: „Wir servieren Ihnen zweieinhalb Jahre lang nur halbe Tassen Kaffee, der Preis bleibt aber gleich, denn perspektivisch wird unsere Maschine modernisiert.“ Die Reaktion wäre überschaubar begeistert.

Natürlich ist Infrastruktur komplizierter als Kaffee. Aber das Grundgefühl ist ähnlich.

Und doch: Man darf nicht nur schimpfen. Das Schienennetz in NRW ist alt, überlastet und an vielen Stellen modernisierungsbedürftig. Wer bessere Züge, dichtere Takte und zuverlässigere Verbindungen will, muss irgendwann bauen. Die entscheidende Frage lautet nicht ob, sondern wie. Mit welcher Dauer? Mit welcher Kommunikation? Mit welchen Alternativen? Mit welcher Abstimmung? Mit welcher Rücksicht auf Menschen, die jeden Tag auf diese Verbindungen angewiesen sind?

Genau hier entscheidet sich, ob eine notwendige Baustelle als Zumutung oder als verständlicher Übergang wahrgenommen wird. Pendler können viel ertragen, wenn sie rechtzeitig, klar und ehrlich informiert werden. Sie können sich einstellen, wenn Alternativen wirklich funktionieren. Sie akzeptieren Einschränkungen eher, wenn erkennbar ist, dass die Sperrung so kurz wie möglich gehalten wird. Was sie nicht akzeptieren, ist das Gefühl, erst spät, unvollständig und mit wechselnden Daten abgespeist zu werden.

Hilden sollte deshalb sehr genau hinschauen, was aus den Planungen wird. 2028? 2033? Zweieinhalb Jahre? Länger? Welche Ersatzverkehre? Welche Buskapazitäten? Welche Anschlüsse? Welche Information an Arbeitgeber, Schulen, Hochschulen und Pendler? Welche Abstimmung mit Autobahn- und Brückenbaustellen? Das sind keine Detailfragen, sondern Alltagsfragen.

Vielleicht braucht Hilden irgendwann eine eigene Rubrik: „Mobilitätslage der Woche“. Darin könnte stehen: Welche Bahn fährt nicht? Welche Straße ist einspurig? Welche Ampel ist provisorisch? Welche Buslinie rettet uns heute? Und wo steht eigentlich die Nebellanze, falls man unterwegs überhitzt?

Man lacht darüber, aber ganz falsch wäre es nicht.

Denn Mobilität ist längst ein Dauerthema geworden. Die Stadt baut Straßen. Die Bahn baut Gleise. Die Autobahn baut Brücken. Der ÖPNV baut Fahrpläne um. Und die Bürger bauen ihre Geduld aus. Manchmal hat man den Eindruck, die Region sei ein einziges Bauprojekt, das nur gelegentlich von Feierabendverkehr unterbrochen wird.

Am Ende bleibt eine gemischte Nachricht. Ja, der RRX-Ausbau kann langfristig bessere Verbindungen bringen. Ja, Investitionen sind notwendig. Ja, Hilden bleibt über Busse und Ersatzangebote angebunden. Aber jahrelange Teilsperrungen der S1, S6 und RE47 wären für Pendlerinnen und Pendler eine erhebliche Belastung. Und solange unklar ist, ob es 2028 oder vielleicht erst später losgeht, bleibt die Unsicherheit gleich mit auf dem Bahnsteig stehen.

Hilden sollte sich darauf vorbereiten, aber nicht schweigend abfinden. Die Stadt, der Kreis, die Nachbarkommunen und die Verkehrsverbünde müssen Druck machen: für klare Zeitpläne, brauchbare Alternativen und eine Sperrdauer, die wirklich nur so lang ist wie nötig.

Denn Pendlerinnen und Pendler sind keine Randnotiz in einem Bauablaufplan.

Sie sind die Menschen, die morgens zur Arbeit müssen.

Und die abends gern wieder nach Hause kämen.

Möglichst nicht erst nach einer kleinen Rundreise über Eller Mitte, Benrath, Ersatzbus und innere Resignation.

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