Samstag, 15. August 2026

15.8.2026: Die Energiewende macht Pause – oder: Wenn der Strompreis schneller steigt als der Mut zur Investition

Es gibt Statistiken, bei denen man kurz innehält. Nicht, weil sie überraschend kompliziert wären, sondern weil sie erstaunlich klar zeigen, wo gerade der Schuh drückt. Im Kreis Mettmann und im IHK-Bezirk Düsseldorf bewerten nur 4,5 Prozent der befragten Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit positiv oder sehr positiv. 4,5 Prozent. Das ist ungefähr die Quote, die man erreicht, wenn man in einer größeren Runde fragt, wer freiwillig die nächste Steuererklärung für alle übernehmen möchte.

Der Rest ist deutlich weniger begeistert. 37,6 Prozent bewerten die Auswirkungen negativ oder sehr negativ. Besonders problematisch sind hohe Energiekosten und fehlende Planungssicherheit. Beides zusammen ist für Unternehmen ungefähr so angenehm wie eine Baustelle direkt vor dem Werkstor, bei der niemand weiß, wann sie fertig wird und ob die Zufahrt morgen noch existiert.

Die Energiewende an sich sei nicht das Problem, sagt die IHK. Das Problem seien ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das klingt zunächst nach einem klassischen Verbändesatz, ist aber durchaus nachvollziehbar. Viele Unternehmen wollen investieren, ihre Prozesse modernisieren, Energie sparen und klimaneutraler werden. Nur müssen sie vorher wissen, worauf sie sich verlassen können.

Unternehmer mögen Risiken. Sonst wären sie keine Unternehmer. Aber sie mögen Risiken lieber, wenn sie zumindest grob berechenbar sind. Ein schwankender Absatzmarkt gehört dazu. Neue Wettbewerber auch. Technologische Veränderungen ebenfalls. Wenn aber Energiepreise, Förderbedingungen, Netzentgelte, Genehmigungsverfahren und politische Vorgaben gleichzeitig in Bewegung sind, wird aus unternehmerischem Risiko schnell ein Hindernislauf mit verbundenen Augen.

40,9 Prozent der befragten Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiekosten beeinträchtigt. Jedes dritte Unternehmen verschiebt Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen. Fast 29 Prozent stellen Investitionen in ihre Kernprozesse zurück, und 16,6 Prozent bremsen bei Forschung und Innovation.

Das ist die eigentliche schlechte Nachricht.

Denn wenn hohe Energiekosten dazu führen, dass Klimaschutzinvestitionen verschoben werden, entsteht eine bemerkenswerte Situation: Die Energiewende wird so teuer und kompliziert, dass Unternehmen weniger in die Energiewende investieren. Man könnte sagen, das System stolpert über seine eigene Verlängerungsschnur.

Eigentlich sollen Unternehmen effizienter, moderner und klimafreundlicher werden. Gleichzeitig fehlt ihnen aber das Geld oder die Planungssicherheit, um genau diese Schritte zu gehen. Das ist ungefähr so, als würde man einem Hausbesitzer dringend zu einer Wärmepumpe raten, ihm aber erst nach der Bestellung sagen, ob sie gefördert wird, ob der Strompreis bezahlbar bleibt und wann der Netzanschluss möglich ist.

Dann wartet man eben.

Und Warten ist für Investitionen selten gut.

Dabei mangelt es den Unternehmen offenbar nicht an Bereitschaft. Mehr als zwei Drittel setzen auf Energieeffizienz. 42,6 Prozent schließen langfristige Energielieferverträge ab. Rund ein Drittel investiert in eigene Energieerzeugung. Fast zwei Drittel verfolgen bereits ein Ziel zur Klimaneutralität oder haben es erreicht.

Das klingt nicht nach Verweigerung. Es klingt eher nach Unternehmen, die längst verstanden haben, dass Energieeffizienz, Eigenversorgung und Klimaschutz wirtschaftlich wichtig werden. Sie stehen also nicht mit verschränkten Armen vor der Energiewende und sagen: „Machen wir nicht.“ Sie sagen eher: „Wir würden ja gern, aber könnten Sie uns vorher bitte mitteilen, was nächstes Jahr gilt?“

Planungssicherheit ist in diesem Zusammenhang kein Luxus. Wer eine neue Produktionsanlage, Photovoltaik, Speichertechnik, energieeffiziente Maschinen oder eine Umstellung der Wärmeversorgung plant, denkt nicht bis zum nächsten Quartal. Solche Investitionen laufen über Jahre. Man kann sie nicht jeden Montag neu ausrichten, nur weil am Wochenende eine neue politische Idee durch die Nachrichten ging.

Als größtes Hemmnis nennen die befragten Unternehmen die Bürokratie. 53,4 Prozent sehen sie als Problem. Das überrascht niemanden wirklich. Bürokratie ist inzwischen der Gegner, auf den sich beinahe alle einigen können. Unternehmen, Bürger, Vereine, Kommunen und vermutlich sogar Teile der Verwaltung selbst.

Alle wollen weniger davon.

Nur verschwinden tut sie erstaunlicherweise nicht.

Im Gegenteil: Wer heute investieren will, braucht oft nicht nur Kapital, Technik und Fachkräfte, sondern auch eine bemerkenswerte Fähigkeit, Anträge, Nachweise, Fristen, Zuständigkeiten und digitale Portale zu überleben. „Digital“ bedeutet dabei nicht automatisch „einfach“. Manchmal bedeutet es nur, dass das Formular nicht mehr ausgedruckt werden muss, bevor man daran verzweifelt.

Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren, Defizite bei der Energieinfrastruktur und eine Energiepolitik, die vielen Unternehmen zu wenig planbar erscheint. Das ist eine schwierige Mischung. Man soll schneller transformieren, wartet aber länger auf Genehmigungen. Man soll elektrifizieren, weiß aber nicht, ob das Netz reicht. Man soll investieren, kennt aber die künftigen Kosten nicht.

Das erinnert ein wenig an Hildener Verkehrsplanung: Bitte fahren Sie anders, die Ampeln sind aber noch auf die alte Geschwindigkeit eingestellt.

Natürlich muss man bei den Zahlen vorsichtig sein. Bundesweit wurden rund 3.100 Unternehmen befragt, aus dem IHK-Bezirk Düsseldorf beteiligten sich jedoch nur etwa 50. Die regionalen Ergebnisse sind deshalb ein Stimmungsbild und keine exakte Volkszählung der Wirtschaft. Das sagt die IHK selbst.

50 Unternehmen sind nicht die gesamte Wirtschaft im Kreis Mettmann. Aber wenn in einer kleinen Runde fast alle ähnliche Probleme nennen, sollte man trotzdem zuhören. Gerade weil sich ihre Aussagen mit dem decken, was seit Jahren aus Industrie, Handel und Mittelstand zu hören ist: Energie ist teuer, Verfahren dauern zu lange, Regeln ändern sich zu oft und Investitionsentscheidungen werden dadurch schwieriger.

Das betrifft am Ende nicht nur irgendwelche anonymen Unternehmen. Es betrifft Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Innovationen und Steuereinnahmen. Wenn Firmen Investitionen verschieben, merkt man das zunächst vielleicht nur in einer Bilanz oder einem Vorstandsbeschluss. Später merkt es der Maschinenbauer, der keinen Auftrag bekommt. Der Handwerker, dessen Umbau verschoben wird. Der Bewerber, dessen neue Stelle nicht entsteht. Und irgendwann auch die Stadt, der Gewerbesteuereinnahmen fehlen.

Die Debatte über Energiepolitik klingt häufig sehr abstrakt. Kilowattstunden, Netzentgelte, CO₂-Preise, Lieferverträge, Transformation, Infrastruktur. Doch hinter all diesen Begriffen stehen konkrete Entscheidungen. Baut ein Unternehmen eine neue Anlage in Hilden oder anderswo? Wird ein Standort erweitert oder nur instand gehalten? Wird eine klimafreundliche Technik jetzt angeschafft oder auf später verschoben? Entsteht ein neuer Arbeitsplatz oder nicht?

Gerade im Kreis Mettmann, wo viele mittelständische und industrielle Unternehmen tätig sind, ist das entscheidend. Diese Betriebe können ihre Produktion nicht einfach ins Homeoffice verlagern. Maschinen brauchen Energie. Hallen müssen beheizt oder gekühlt werden. Werkstoffe werden bearbeitet, Anlagen laufen, Waren werden gelagert und transportiert. Ein Industriebetrieb kann nicht sagen: „Heute produzieren wir nur, wenn der Strom günstig ist und der Wind passend weht.“

Wobei manche genau das inzwischen technisch versuchen. Lastmanagement, Speicher, Eigenversorgung und langfristige Lieferverträge zeigen, wie kreativ Unternehmen reagieren. Aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Nicht jeder Betrieb kann sich ein eigenes Kraftwerk in den Hof stellen. Und selbst wer Photovoltaik installiert, braucht nachts, im Winter und bei Produktionsspitzen weiterhin eine verlässliche Versorgung.

Die IHK fordert deshalb wettbewerbsfähige Energiepreise, leistungsfähige Netze, schnellere Genehmigungen und technologieoffene Rahmenbedingungen. Das ist wenig überraschend. Eine IHK wird selten fordern, dass Genehmigungen länger dauern und Energiepreise weiter steigen sollen. Trotzdem sind die Forderungen richtig.

Die schwierige Frage lautet nur: Wie wird das konkret erreicht?

Denn an Forderungen mangelt es nicht. Die Politik fordert von Unternehmen Klimaneutralität. Unternehmen fordern von der Politik Planungssicherheit. Netzbetreiber fordern schnellere Verfahren. Kommunen fordern Geld. Bürger fordern bezahlbare Energie. Umweltverbände fordern mehr Tempo. Finanzminister fordern Haushaltsdisziplin.

Alle fordern.

Nur die Stromrechnung kommt ohne Forderung.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn die Energiewende weniger wie eine ständig überarbeitete Gebrauchsanleitung funktionieren würde. Klare Ziele, verlässliche Regeln, realistische Fristen und Entscheidungen, die länger halten als eine Legislaturperiode. Unternehmen brauchen keinen politischen Stillstand. Sie brauchen einen Rahmen, in dem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.

Denn Transformation funktioniert nicht durch Sonntagsreden. Sie funktioniert durch Investitionen. Und Investitionen werden nur getätigt, wenn jemand glaubt, dass sie sich rechnen oder zumindest langfristig sinnvoll sind. Wer den Unternehmen gleichzeitig hohe Kosten, lange Verfahren und wechselnde Vorgaben zumutet, darf sich nicht wundern, wenn manche erst einmal auf die Bremse treten.

Dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig. Investitionen in Effizienz senken den Energieverbrauch. Eigene Erzeugung macht unabhängiger. Innovation schafft neue Produkte und Märkte. Moderne Kernprozesse erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit. Wenn genau diese Investitionen verschoben werden, wird das Problem nicht kleiner, sondern größer.

Hilden und der Kreis Mettmann brauchen starke Unternehmen. Nicht nur große Namen, sondern auch die vielen Mittelständler, Familienbetriebe, Handwerker und Dienstleister, die Arbeitsplätze schaffen und die Region tragen. Man kann nicht auf der einen Seite stolz auf den Wirtschaftsstandort sein und auf der anderen Seite seine Grundlagen immer teurer und komplizierter machen.

Vielleicht sollte man die Energiewende deshalb weniger als moralische Prüfung und mehr als wirtschaftliches Großprojekt betrachten. Großprojekte brauchen einen Plan, funktionierende Infrastruktur, Verantwortlichkeiten und realistische Kosten. Sonst passiert das, was auch bei manchem Bauprojekt passiert: Alle finden das Ziel gut, aber niemand möchte mehr anfangen.

Die Unternehmen im Kreis zeigen offenbar Bereitschaft. Sie investieren in Effizienz, eigene Energie und Klimaziele. Das ist positiv. Aber Bereitschaft allein reicht nicht, wenn die Rahmenbedingungen fehlen.

Die Energiewende braucht also nicht noch mehr erhobene Zeigefinger.

Sie braucht Strom, Netze, Genehmigungen und Verlässlichkeit.

Und idealerweise Preise, bei denen ein Unternehmer nicht erst tief durchatmen muss, bevor er die nächste Rechnung öffnet.

Denn wenn selbst Klimaschutzinvestitionen an den Energiekosten scheitern, ist endgültig etwas aus dem Takt geraten.

Oder, um es in Hildener Alltagssprache zu sagen:

Das Ziel ist richtig.

Die Umleitung dorthin könnte aber besser ausgeschildert sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen