Mittwoch, 5. August 2026

5.8.2026: Hilden teilt den Mantel – oder: Wenn Sankt Martin plötzlich Kulturerbe ist

Hilden kann vieles. Straßen aufreißen, Ampeln provisorisch ersetzen, Parkschilder verschwinden lassen, Glasfaser verlegen, Eis aus Automaten verkaufen und Europaplätze jahrelang im Wartestand halten. Aber Hilden kann auch etwas, das deutlich wärmer klingt: Sankt Martin.

Und das nicht nur irgendwie. Die rheinische Martinstradition ist nun in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Unesco-Kulturerbes aufgenommen worden. Das klingt zunächst groß, feierlich und ein bisschen nach Urkunde mit Goldrand. Aber eigentlich bedeutet es etwas sehr Schönes: Eine Tradition, die viele Menschen seit ihrer Kindheit kennen, wird offiziell als etwas anerkannt, das bewahrt, gelebt und weitergetragen werden soll.

In Hilden freut sich besonders der Sankt Martinsverein Hilden-Süd. Udo Höpfner und Hans-Peter Rauscher, die Vorsitzenden des Vereins, sehen darin Rückenwind für ihre Arbeit. Und Rückenwind kann man im Ehrenamt immer gebrauchen. Besonders dann, wenn man Laternen, Lieder, Umzüge, Ausstellungen, Kindergärten, Schulen, Stadtmarketing, Posaunenchor, Sponsoren und ganze Festwochen gleichzeitig im Blick behalten muss.

Denn Sankt Martin ist nicht nur ein Mann auf einem Pferd mit rotem Mantel. Sankt Martin ist Organisation.

Wer als Kind mit einer Laterne durch dunkle Straßen gelaufen ist, denkt wahrscheinlich zuerst an die Atmosphäre. An Lieder. An Kerzenlicht. An bunte Laternen. An „Ich geh mit meiner Laterne“. An Weckmänner. An kalte Finger. An Eltern, die sagen: „Halt die Laterne gerade.“ An Großeltern, die rührselig werden. An Pferdeäpfel, die plötzlich ein pädagogisches Hindernis darstellen. Und natürlich an die große Szene: Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler.

Für Kinder ist das eindrucksvoll. Für Erwachsene ist es eine Erinnerung daran, dass eine gute Geschichte manchmal sehr einfach ist: Da friert jemand. Ein anderer sieht es. Und hilft.

Mehr braucht es nicht.

Vielleicht ist genau deshalb diese Tradition so stark. Sie kommt ohne komplizierte Theorie aus. Sankt Martin erklärt Nächstenliebe nicht als Konzept, sondern als Handlung. Man sieht jemanden in Not, und man teilt. Nicht irgendwann, nicht nach Ausschussberatung, nicht nach Fördermittelbescheid, sondern sofort. Das ist im Jahr 2026 fast schon revolutionär.

Udo Höpfner und Hans-Peter Rauscher sagen deshalb völlig zu Recht: „Sankt Martin ist für alle da.“ Das ist ein wichtiger Satz. Denn die Martinstradition ist zwar historisch und religiös geprägt, aber ihre Botschaft ist größer als Konfession. Teilen, helfen, hinschauen, gemeinsam singen, Licht in dunkle Straßen tragen – das versteht jeder. Dafür muss man weder besonders fromm noch besonders traditionell sein. Man muss nur akzeptieren, dass eine Stadt mehr braucht als Straßen, WLAN und Müllabfuhr.

Sie braucht Rituale.

Und Sankt Martin ist eines dieser Rituale, die Generationen verbinden. Kinder basteln Laternen, Eltern begleiten, Großeltern erinnern sich, Vereine organisieren, Musiker spielen, Feuerwehr und Ordnungskräfte sichern, Schulen und Kindergärten machen mit. Es ist ein großes Gemeinschaftsbild, das jedes Jahr neu entsteht. Und wenn es gut läuft, merkt man kurz: Hilden ist nicht nur eine Ansammlung von Straßen, Häusern und Zuständigkeiten. Hilden ist eine Stadt, die zusammenkommen kann.

Der Sankt Martinsverein Hilden-Süd steckt bereits mitten in den Vorbereitungen. Im November soll eine ganze Festwoche stattfinden. Ein wichtiger Höhepunkt ist das Singen von Martinsliedern auf dem Alten Markt am Mittwoch, 4. November. Der Stadtmarketingverein unterstützt mit Bühne und einem kleinen Martinsmarkt, auch der Posaunenchor ist dabei. Das klingt nach einer Mischung aus Tradition, Musik, Licht und genau der Art von Innenstadtmoment, die Hilden gut gebrauchen kann.

Denn der Alte Markt kann vieles sein. Treffpunkt, Festplatz, Diskussionsort, Durchgangsstation, Gastronomiefläche. Aber wenn dort Kinder mit Laternen stehen und Martinslieder singen, bekommt er eine besondere Stimmung. Dann zählt nicht, ob irgendwo eine Baustelle nervt oder ob der Europaplatz noch wartet. Dann leuchten Laternen, und Hilden wird kurz weicher.

Das Festprogramm soll über eine Woche laufen. In Kindergärten und Grundschulen sind Aktionen geplant, etwa Laternenausstellungen. Eine Ausstellung, die jeweils eine Woche in der Stadtbibliothek und im Foyer der Sparkasse gezeigt wird, soll die Hintergründe der Tradition beleuchten. Das ist gut, denn Tradition lebt nicht nur davon, dass man sie macht. Sie lebt auch davon, dass man versteht, warum man sie macht.

Viele Kinder wissen vielleicht, dass es Laternen gibt. Dass man singt. Dass am Ende oft ein Weckmann wartet. Aber die Geschichte dahinter, der Gedanke des Teilens, die rheinischen Besonderheiten, die Vereinsarbeit – all das muss erzählt werden. Sonst wird aus lebendigem Brauchtum irgendwann nur noch ein Termin im Kalender.

Bedauerlich ist, dass die Puppenspielerin, die in den vergangenen Jahren ein Theaterstück zum Thema aufgeführt hat, schwer erkrankt ist und wohl nicht mitwirken kann. Das zeigt wieder: Solche Traditionen hängen oft an konkreten Menschen. An Menschen mit Ideen, Zeit, Talent und Herz. Fällt jemand aus, entsteht sofort eine Lücke. Ehrenamt und Kultur sind nicht abstrakt. Sie haben Gesichter.

Der Höhepunkt bleibt der große Festumzug in der Innenstadt am Sonntag, 8. November. Dann soll die Innenstadt mit Unterstützung von Stadt und Marketingverein stimmungsvoll beleuchtet werden. „So wird es richtig was Festliches“, freut sich Rauscher schon jetzt. Und man kann ihn verstehen. Hilden braucht solche Abende. Wenn Laternen durch die Straßen ziehen, Musik erklingt und Kinderaugen leuchten, wirkt selbst die Mittelstraße anders. Nicht als Einkaufsstraße, sondern als Bühne für Erinnerung und Gemeinschaft.

Die Unesco-Anerkennung kommt also zur richtigen Zeit. Sie würdigt nicht nur die Vergangenheit, sondern stärkt die Gegenwart. Und vielleicht hilft sie auch ganz praktisch. Höpfner und Rauscher hoffen, dass mehr Sponsoren aufmerksam werden. Auch das gehört zur Wahrheit: Kulturerbe ist schön, aber es bezahlt sich nicht allein. Bühnen, Organisation, Beleuchtung, Sicherheit, Material, Öffentlichkeitsarbeit – all das kostet. Wer Tradition erhalten will, braucht nicht nur Applaus, sondern Unterstützung.

Im kommenden Jahr feiert der Verein sein 120-jähriges Bestehen. Das ist eine beeindruckende Zahl. 120 Jahre Sankt Martin in organisierter Form – das sind Generationen von Kindern, Laternen, Liedern, Pferden, Weckmännern und Menschen, die sich gekümmert haben. Der Verein soll bis dahin in einen eingetragenen Verein umgewandelt sein. Auch das klingt nach Bürokratie, ist aber wichtig. Es schafft Strukturen, die Nachfolgenden helfen können.

Und genau hier liegt die große Sorge. Höpfner ist 72, Rauscher 68. Beide sind stolz auf das Erreichte, aber sie wissen: Tradition braucht Nachfolge. Sie wünschen sich junge Menschen, die mitmachen und Verantwortung übernehmen. Der schönste Martinszug hilft wenig, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der ihn organisiert.

Das ist ein Thema, das viele Vereine in Hilden kennen. Karneval, Sport, Kultur, Soziales, Brauchtum – überall braucht es Menschen, die nicht nur sagen: „Schön, dass es das gibt“, sondern auch: „Ich helfe mit.“ Das ist der schwierige Teil. Konsumieren ist einfach. Kommentieren auch. Organisieren ist Arbeit.

Aber gerade Sankt Martin zeigt, warum sich diese Arbeit lohnt. Es geht nicht um Nostalgie um der Nostalgie willen. Es geht darum, Kindern eine Erfahrung zu ermöglichen, die sie vielleicht ihr Leben lang behalten. Wer einmal mit Laterne durch dunkle Straßen gelaufen ist, wer Lieder gesungen hat, wer die Martinsgeschichte gehört hat, der trägt davon etwas mit. Vielleicht nicht jeden Tag. Aber irgendwo bleibt es.

Und vielleicht braucht eine Stadt genau solche gemeinsamen Erinnerungen. Hilden verändert sich. Geschäfte wechseln, Straßen werden umgebaut, Schulen wachsen, Verkehr wird komplizierter, Sommer werden heißer, Bahnstrecken werden gesperrt. Umso wichtiger sind feste Punkte, die Orientierung geben. Sankt Martin ist so ein Punkt. Jedes Jahr im November. Wenn es dunkel wird. Wenn die Laternen kommen. Wenn alle wieder dasselbe Lied kennen, auch wenn sie es seit Jahren nicht gesungen haben.

Die Unesco-Ehrung macht daraus kein Museumsstück. Im Gegenteil. Immaterielles Kulturerbe lebt nur, wenn es praktiziert wird. Eine Laterne im Schrank ist kein Brauchtum. Ein Lied im Archiv auch nicht. Sankt Martin braucht Straßen, Kinder, Musik, Helfer, Pferd, Mantel, Geschichte und Menschen am Rand, die schauen und vielleicht leise mitsingen.

Hilden hat jetzt die Chance, diese Tradition nicht nur stolz vorzuzeigen, sondern aktiv weiterzutragen. Der Sankt Martinsverein Hilden-Süd hat viel vorbereitet, eine Festwoche geplant und bittet um Unterstützung. Wer helfen möchte, kann sich melden. Wer Sponsor werden kann, sollte darüber nachdenken. Wer Kinder hat, sollte sie mitnehmen. Wer früher selbst mit Laterne gelaufen ist, darf sich erinnern – und vielleicht wieder ein bisschen mithelfen, dass andere Kinder dasselbe erleben.

Denn am Ende ist Sankt Martin nicht kompliziert. Er ist kein Provisorium, kein Prüfauftrag, keine Zugprüfung, keine Ausschreibung und keine Baustelle. Er ist eine Geschichte darüber, dass jemand teilt, obwohl er nicht muss.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Tradition noch immer wirkt.

Hilden wird im November also wieder Laternen sehen, Lieder hören und hoffentlich viele Menschen zusammenbringen. Die Unesco hat das Brauchtum geadelt, aber lebendig halten müssen es die Hildenerinnen und Hildener selbst.

Sankt Martin ist für alle da.

Aber er kommt nicht von allein.

Er braucht Menschen, die den Zug organisieren, die Bühne aufbauen, Lieder anstimmen, Kinder begleiten, Sponsoren gewinnen und irgendwann den Staffelstab übernehmen.

Oder, um es im Sinne der Geschichte zu sagen:

Man muss nicht immer gleich den Mantel teilen.

Manchmal reicht es schon, ein Stück Verantwortung zu übernehmen.

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