Hilden hat in diesem Sommer schon viel über Wasser gesprochen. Über steigenden Verbrauch, Trinkwassersäulen, Nebellanzen, Gießrunden und die Frage, ob man bei Hitze eigentlich genug trinkt. Doch Wasser hat in Hilden auch eine andere Seite. Keine freundliche, kühlende, erfrischende. Sondern eine, die 2021 plötzlich mit Wucht durch Straßen, Keller und Köpfe rauschte.
Fünf Jahre nach der Flut ist Hilden besser vorbereitet. Aber sicher ist Hilden nicht.
Das ist kein besonders gemütlicher Satz. Er passt nicht gut zu Sommer, Bürgerfestival, Weindorf und Kulturcafé. Aber er ist wichtig. Denn das Hochwasser im Juli 2021 war das höchste Ereignis seit Beginn der Aufzeichnungen beim Bergisch-Rheinischen Wasserverband. Im gesamten Verbandsgebiet waren 970 Kilometer Gewässerläufe und 42 Hochwasserrückhaltebecken innerhalb weniger Stunden voll. Voll heißt in diesem Zusammenhang nicht: „ordentlich ausgelastet“. Voll heißt: Es geht nichts mehr rein. Und wenn nichts mehr rein geht, sucht sich Wasser andere Wege.
In Hilden konnte man damals sehen, was das bedeutet. Unterspültes Pflaster, vollgelaufene Bereiche, Schäden, Angst und dieses unangenehme Gefühl, dass die eigene Stadt plötzlich nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Wasser, das sonst in Bachläufen, Kanälen, Rückhaltebecken und Plänen vorkommt, stand auf einmal dort, wo es nicht hingehört. In Straßen. In Kellern. In Erinnerungen.
Seitdem ist einiges passiert. Die Stadt hat Hochwasserschutz trotz großer Haushaltsprobleme zur Priorität erklärt. Entwässerungsanlagen wurden auf Notstromfähigkeit aufgerüstet, das Sirenennetz auf 14 Standorte ausgebaut, die Feuerwehr bekam neue Ausrüstung, darunter Modulrollwagen für Wasserschäden und Tablets mit Starkregengefahrenkarten. 5000 ungefüllte Sandsäcke stehen bereit. Schäden an städtischen Gebäuden wurden repariert. Das klingt nach viel – und ist auch viel.
Aber Hochwasserschutz ist leider kein Schalter, den man einmal umlegt und dann ist Ruhe. Er ist eher eine dauerhafte Auseinandersetzung mit einer unbequemen Wahrheit: Extreme Wetterereignisse halten sich nicht an Zuständigkeitsgrenzen, Haushaltslagen oder menschliche Wunschvorstellungen.
Das eigentliche Problem in Hilden lässt sich ziemlich schlicht zusammenfassen: Wasser braucht Platz. Und Hilden hat davon wenig.
Fast 60.000 Menschen leben auf 26 Quadratkilometern. Das ist eng. Sehr eng. 54,2 Prozent der Fläche sind bebaut – so viel wie sonst in keiner Stadt in Nordrhein-Westfalen. Dazu kam zwischen 2018 und 2025 ein Versiegelungszuwachs von 1,06 Prozent. Das klingt klein, ist aber im regionalen Vergleich hoch. Und wer einmal verstanden hat, wie Wasser funktioniert, weiß: Jeder zusätzliche Quadratmeter Asphalt, Pflaster, Dach oder Beton ist ein Quadratmeter weniger, auf dem Regen einfach versickern kann.
Hilden ist also dicht. Nicht im Sinne von „hält Wasser ab“, sondern im Sinne von: viel gebaut, viel versiegelt, wenig Spielraum. Das ist im Alltag praktisch, weil Wege kurz sind und die Stadt kompakt wirkt. Bei Starkregen ist es weniger praktisch. Dann wird aus Urbanität plötzlich ein Ablaufproblem.
Der Bergisch-Rheinische Wasserverband sagt es im Kern klar: Rückhalteräume brauchen Raum. Das klingt fast banal. Aber in Hilden ist genau das der Konflikt. Wo soll Wasser hin, wenn jeder freie Fleck bereits eine Funktion hat? Wohnen, Parken, Gewerbe, Straße, Schule, Kita, Grünfläche, Bauprojekt, Innenverdichtung – alles hat gute Gründe. Nur der Regen fragt nicht, ob im Bebauungsplan noch Platz für ihn vorgesehen war.
Neue Bauvorhaben zeigen dieses Spannungsfeld. Innenverdichtung kann städtebaulich sinnvoll sein, weil nicht immer neue Flächen am Rand verbraucht werden sollen. Aber wenn Hilden immer dichter wird, müssen Regen, Hitze und Hochwasser konsequent mitgedacht werden. Ein Rückhaltebecken ist dann nicht irgendein technisches Anhängsel, das man noch irgendwo danebenplant. Es ist Teil der Überlebenslogik einer Stadt, die bei Starkregen nicht baden gehen möchte.
Die Stadt verweist zu Recht auch auf Eigenvorsorge. Das klingt zunächst wie ein typischer Verwaltungssatz: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, macht bitte auch selbst etwas.“ Aber beim Hochwasserschutz stimmt es. Die Stadt allein kann keinen vollständigen Schutz garantieren. Private Eigentümer sind gesetzlich zur eigenen Schutzvorsorge verpflichtet. Rückstauklappen, Kellerfenster, Lichtschächte, Versicherungen, Abdichtungen, Entwässerung – das alles ist nicht besonders sexy, aber im Ernstfall wichtiger als die Frage, ob der Vorgarten ordentlich aussieht.
Besonders wichtig ist der Hinweis auf Rückstauklappen. Viele wissen offenbar nicht, dass deren regelmäßige Wartung auch für den Versicherungsschutz entscheidend sein kann. Das ist eine dieser Informationen, die man lieber vor dem Schaden kennen sollte. Rückstauklappen sind die unscheinbaren Helden im Keller. Man denkt selten an sie – bis man es sehr bereut.
Auch das GeoPortal der Stadt ist hilfreich. Dort kann man prüfen, ob das eigene Wohngebiet bei Starkregen oder Hochwasser betroffen sein könnte. Natürlich gibt es Kritik, dass die zugrunde gelegten Regenmengen zu niedrig sein könnten. Auch das ist Teil der Debatte. Aber besser ein Blick in Karten und Gefahrenhinweise als die alte rheinische Strategie: „Wird schon gutgehen.“ 2021 hat gezeigt, dass „wird schon gutgehen“ kein belastbares Schutzkonzept ist.
Der BRW hat ebenfalls nachgelegt. Schäden an Gewässerufern, Pegeln, Klärwerken, Rückhaltebecken und Regenbeckenanlagen wurden beseitigt. Ein Handlungskonzept Hochwasser wurde erarbeitet. Natürliche und künstliche Rückhalteräume sollen erweitert werden. Das Rückhaltebecken Ittertal wird umgebaut und erweitert. Pegelstände können inzwischen online nahezu in Echtzeit verfolgt werden. Auch das ist Fortschritt. Früher schaute man sorgenvoll aus dem Fenster. Heute kann man zusätzlich Daten anschauen und dann sorgenvoll aus dem Fenster schauen.
Trotzdem bleibt die entscheidende Einschränkung: Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Das sagt der BRW, und das ist ehrlich. Kein Rückhaltebecken, keine Pumpe, kein Sirenennetz und keine Starkregenkarte kann garantieren, dass Hilden bei einem Extremereignis trocken bleibt. Schutz heißt nicht: Es passiert nichts. Schutz heißt: Schäden verringern, Zeit gewinnen, Warnung verbessern, vorbereitet sein.
Das ist vielleicht schwer auszuhalten, aber notwendig. Wir leben gern in einer Welt, in der Technik alles löst. Wenn es zu warm ist, stellen wir eine Nebellanze auf. Wenn eine Straße kaputt ist, asphaltieren wir neu. Wenn der Bus zu spät kommt, bauen wir Fahrzeitpuffer ein. Aber bei Hochwasser stößt diese Logik an Grenzen. Wasser ist nicht beeindruckt von politischen Beschlüssen. Es nimmt Gefälle, Engstellen, versiegelte Flächen und überlastete Systeme sehr persönlich.
Hilden muss deshalb doppelt denken. Einerseits: besser schützen. Andererseits: klüger bauen. Mehr Versickerung. Mehr Grün. Mehr Rückhalt. Weniger unnötige Versiegelung. Mehr Bewusstsein bei Eigentümern. Mehr Vorsorge in Kellern. Mehr Ehrlichkeit darüber, dass Verdichtung, Hitze und Starkregen zusammenhängen. Eine Stadt kann nicht immer dichter werden und gleichzeitig so tun, als hätte Regen unendlich viele Ausweichmöglichkeiten.
Das bedeutet nicht, dass Hilden nicht mehr bauen darf. Aber es bedeutet, dass jedes Bauprojekt auch eine Wasserfrage ist. Wohin läuft Regen? Wo versickert er? Wo wird er zurückgehalten? Was passiert bei Extremereignissen? Wie schützt man Nachbarn? Wie vermeidet man, dass neue Bebauung alte Probleme verschärft? Das sind keine grünen Luxusfragen, sondern sehr praktische Überlebensfragen einer dicht bebauten Stadt.
Die Erinnerung an 2021 sollte dabei nicht verblassen. Natürlich möchte niemand dauerhaft in Angst leben. Aber Vergessen ist auch keine Lösung. Die Flut war kein einmaliger Betriebsunfall der Natur, nach dem man wieder zur Tagesordnung übergeht. Sie war ein Warnsignal. Und Hilden hat reagiert. Aber die Stadt bleibt verletzlich.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft fünf Jahre danach: Hilden ist besser gerüstet, aber nicht unangreifbar. Die Feuerwehr hat mehr Ausrüstung. Die Sirenen sind ausgebaut. Notstromfähigkeit wurde verbessert. Sandsäcke stehen bereit. Informationen sind verfügbar. Der BRW arbeitet an Rückhalteräumen. Das alles zählt. Aber wenn sehr viel Regen in sehr kurzer Zeit auf eine sehr dicht bebaute Stadt fällt, wird es schwierig.
Und deshalb geht Hochwasserschutz alle an. Nicht als Panikprogramm, sondern als nüchterne Vorsorge. Hausbesitzer sollten ihre Keller, Rückstauklappen und Versicherungen prüfen. Politik sollte Versiegelung ernst nehmen. Verwaltung sollte weiter informieren und planen. Bauherren sollten Wasser nicht als Nebensatz behandeln. Und Bürgerinnen und Bürger sollten die Gefahrenkarten nicht erst dann anschauen, wenn der Regen schon waagerecht gegen die Scheibe schlägt.
Hilden kann vieles. Feiern, diskutieren, bauen, streiten, singen, asphaltieren, Wein ausschenken und Nebel versprühen. Aber beim Wasser muss die Stadt demütig bleiben. Denn Wasser diskutiert nicht. Es kommt.
Die Frage ist nur, ob Hilden dann vorbereitet ist.
Besser als 2021? Ja.
Sicher? Nein.
Und genau zwischen diesen beiden Sätzen liegt die Aufgabe der nächsten Jahre.
Freitag, 17. Juli 2026
17.7.2025: Hilden hält das Wasser im Blick – oder: Wenn 42 Rückhaltebecken trotzdem nicht reichen
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