Wenn man an Hilden denkt, denkt man vielleicht an gemütliche Altstadt, solides Handwerk oder an den einen REWE, der sonntags immer geöffnet hat. Was einem eher nicht sofort in den Sinn kommt: fein säuberlich von Hand zerlegtes Rindfleisch in industriellem Maßstab. Doch genau das war jahrzehntelang Realität in einem unscheinbaren Betrieb am Westring – bis jetzt.
Denn Vion, der fleischgewordene Großkonzern mit Sitz in den Niederlanden, hat beschlossen: Hilden ist durch. Nicht mehr zukunftsfähig. Oder wie man im Konzernsprech so schön sagt: "anhaltende strukturelle Veränderungen" haben den Standort zermürbt. Mit anderen Worten: Alles wird automatisiert, digitalisiert, globalisiert – außer vielleicht die Leberwurst im Kühlregal, aber selbst die kommt bald mit Blockchain-Etikett.
160 Mitarbeitende trifft die Nachricht wie ein Nackenkotelett. Noch vor Kurzem sah alles nach Rettung aus, man hatte Hoffnungen auf neue Investoren, sogar das Kartellamt wurde wach – am Ende reichte es aber nur noch für ein klassisches Betriebsversammlung-Desaster: „Danke fürs Kommen, das war’s dann auch schon.“ Natürlich läuft noch ein „Konsultationsverfahren“ – ein schönes deutsches Wort für „Wir reden nochmal drüber, aber ändern wird sich nix“.
Und das Schlimme: Die Leute, die da arbeiten, sind nicht etwa anonymer Schichtfleisch, das man beliebig in andere Werke stopfen kann. Nein, das sind eingewurzelte Hildener (oder immerhin Eingewanderte mit Wurzeln geschlagen), die teilweise seit Jahrzehnten die Steaks für unsere Grills in Form bringen. Handarbeit! Also das, was man sonst in jedem Bewerbungsgespräch als „verlorene Tugend“ lobpreist.
Aber genau diese Handarbeit wird dem Standort nun zum Verhängnis. Während andere Betriebe das Rind vermutlich schon mit KI-gesteuerten Lasern filettieren, wird in Hilden noch gesäbelt wie bei der Fleischer-Olympiade. Kein Zwischenlager, keine Automatisierung, kein Instagram-Account – so kann man heute kein Rind mehr in Szene setzen.
Der Gewerkschafter Thomas Bernhard bringt es auf den Punkt: „Die haben alle irgendwie ein Problem.“ Ein Satz, der sich nicht nur auf die Schlachthöfe beziehen lässt, sondern auch wunderbar auf Wirtschaft, Politik und die Metzgerei von nebenan anwendbar ist. Alles hat ein Problem – nur die Probleme selbst nicht, die wachsen wie von selbst.
Immerhin: Die Stadt will helfen. Bürgermeister Claus Pommer zeigt sich betroffen, Wirtschaftsförderer Schwenger bietet Perspektiven. Das klingt gut, ist aber auch so konkret wie ein Serviervorschlag auf einer Fertiglasagne. Ja, es gibt Arbeitsplätze. Nein, die kommen nicht automatisch mit einem Schnitzelzertifikat.
Was bleibt, ist eine Mischung aus Nostalgie und Betriebsratsfrust, gepaart mit der Hoffnung auf einen „sozial ausgewogenen Sozialplan“. Was das konkret heißt? Vielleicht ein Einkaufsgutschein bei Vion. Vielleicht ein Umzugsangebot nach Bayern. Vielleicht auch einfach nur ein feuchter Händedruck und der Wunsch, man möge sich „beruflich neu orientieren“.
Derweil rollt der Fleischmarkt weiter. Die nächste Eigenmarke steht schon bereit, die nächste Entlassungswelle vielleicht auch. Und irgendwo dazwischen: Hilden. Eine Stadt, in der jetzt nicht mehr zerlegt wird – aber dafür vielleicht bald wieder zusammengesetzt. Hoffentlich nicht nur metaphorisch.
Guten Appetit.
Sonntag, 11. Januar 2026
11.1.2026: Hackfleisch, Handarbeit und harte Wahrheiten – Das Ende von Vion in Hilden
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