Montag, 7. September 2026

7.9.2026: Hilden bekommt Nachwuchs fürs Finanzamt – oder: 14 junge Menschen, die vor dem Steuerrecht nicht weglaufen

Es gibt Entscheidungen im Leben, die versteht man sofort. Man macht nach der Schule eine Weltreise, studiert irgendetwas mit Medien oder nimmt sich erst einmal ein Jahr Zeit, um herauszufinden, was man eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte. Und dann gibt es 14 junge Menschen in Hilden, die offenbar schon ziemlich genau wissen, wohin die Reise gehen soll: ins Finanzamt. Zum 1. September haben dort 14 Nachwuchskräfte ihre Ausbildung beziehungsweise ihr duales Studium begonnen. Sieben wollen Finanzwirtin oder Finanzwirt werden, sieben weitere haben sich für das dreijährige duale Studium zum Diplom-Finanzwirt beziehungsweise zur Diplom-Finanzwirtin entschieden. Das verdient Respekt. Während ein erheblicher Teil der Bevölkerung bereits beim Wort „Einkommensteuererklärung“ plötzlich dringend Kaffee braucht, den Steuerberater anruft oder sich vorsichtshalber tot stellt, sagen diese 14 jungen Menschen: Genau das möchte ich beruflich machen. Sie werden sich künftig mit Steuerrecht, Buchführung und Verwaltungsrecht beschäftigen und zwischen Theorie und Praxis wechseln. Die angehenden Finanzwirte besuchen die Landesfinanzschule Nordrhein-Westfalen, die Studierenden die Hochschule für Finanzen NRW in Nordkirchen, dazwischen geht es immer wieder zurück ins Hildener Finanzamt. Man könnte sagen: Andere junge Menschen lernen Spanisch, Französisch oder Italienisch. Diese 14 lernen Finanzamtsdeutsch. Eine Sprache, in der man einen Satz dreimal lesen kann und anschließend weniger weiß als vorher. Wo normale Menschen schreiben würden „Sie müssen noch 327 Euro bezahlen“, beginnt ein behördlicher Text schließlich gerne mit Formulierungen, bei denen man nach der Hälfte vergessen hat, warum man den Brief überhaupt geöffnet hat. Irgendjemand muss das verstehen. Und Hilden hat jetzt 14 Menschen gefunden, die es freiwillig versuchen.

Natürlich besteht die Ausbildung nicht darin, den ganzen Tag Steuerbescheide zu verschicken und Bürgern mitzuteilen, dass der neue Bürostuhl leider doch nicht vollständig als Werbungskosten anerkannt werden kann. Die Finanzverwaltung bietet erstaunlich viele berufliche Möglichkeiten: Steuerveranlagung, Betriebsprüfung, Außendienst, IT, Lehrtätigkeit und sogar Steuerfahndung. Gerade Letzteres wertet die Antwort auf die klassische Partyfrage „Und, was machst du beruflich?“ erheblich auf. „Ich bin beim Finanzamt“ klingt zunächst nach Aktenordner, Taschenrechner und pünktlichem Feierabend. „Ich bin bei der Steuerfahndung“ klingt dagegen sofort nach abgedunkelten Dienstwagen, observierten Briefkästen und dem dramatischen Zugriff auf einen verdächtigen Schuhkarton voller Quittungen. Vermutlich sieht die Realität etwas anders aus. Wahrscheinlich besteht die Verfolgungsjagd eher darin, herauszufinden, warum jemand einen Swimmingpool, drei Espressomaschinen und einen Mallorca-Flug unter „betriebliche Aufwendungen“ verbucht hat. Aber auch das hat seinen Reiz. Und spätestens wenn jemand behauptet, der Porsche werde ausschließlich für Kundentermine benötigt, beginnt vermutlich der spannende Teil des Berufslebens.

Für Hilden sind die 14 Nachwuchskräfte jedenfalls eine gute Nachricht. Während überall über Fachkräftemangel gesprochen wird, bekommt das Finanzamt gleich eine komplette neue Mannschaft. Und Nachwuchs kann die Behörde gebrauchen, denn eines dürfte ziemlich sicher sein: Steuern werden nicht abgeschafft, nur weil irgendwann niemand mehr da ist, der sie bearbeitet. Das wäre zwar vermutlich die populärste Verwaltungsreform in der Geschichte der Bundesrepublik, dürfte aber im Bundesfinanzministerium auf gewisse Vorbehalte stoßen. Finanzamtsleiter Martin Janke spricht von einem Beruf mit Verantwortung und sicheren Perspektiven, und bei der Arbeitsplatzsicherheit dürfte kaum eine Branche mithalten können. Solange Deutschland Steuergesetze hat, wird es Menschen brauchen, die sie verstehen. Und sollte das deutsche Steuerrecht eines Tages plötzlich einfach und übersichtlich werden, haben wir vermutlich ohnehin größere Probleme, weil dann offensichtlich etwas mit dem Raum-Zeit-Kontinuum nicht stimmt. Eher ist die A3 dauerhaft baustellenfrei, die Deutsche Bahn meldet hundert Prozent Pünktlichkeit und in Hilden wird eine neue Tempo-30-Regelung eingeführt, ohne dass anschließend mindestens drei Ausschüsse, zwei Gutachten und sämtliche Kommentarspalten darüber diskutieren.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Finanzverwaltung bereits Nachwuchs für September 2027 sucht. Man kann sich also schon heute für eine berufliche Zukunft entscheiden, in der man irgendwann anderen Menschen erklären darf, warum etwas, das für sie vollkommen eindeutig beruflich veranlasst war, steuerrechtlich leider eine bemerkenswert andere Biografie besitzt. Und vielleicht begegnen uns einige der 14 irgendwann wieder. Nicht unbedingt persönlich. Vielleicht nur oben rechts auf einem Schreiben. Dann liegt dieser Brief auf dem Küchentisch, daneben die Steuerunterlagen, und man liest einen Satz zum vierten Mal. In diesem Moment sollte man sich daran erinnern, dass irgendwann im September 2026 vierzehn junge Menschen im Finanzamt Hilden ihren ersten Arbeitstag hatten und wahrscheinlich noch nicht ahnten, dass sie Jahre später darüber entscheiden würden, ob ein Hildener Bürger seinen ergonomischen Bürostuhl, sein Arbeitszimmer oder die Fahrt nach Grevenmacher steuerlich so behandeln darf, wie er sich das vorgestellt hat.

Deshalb wünschen wir den sieben angehenden Finanzwirten und den sieben zukünftigen Diplom-Finanzwirten einen guten Start, interessante Ausbildungsjahre und vor allem möglichst viele freundliche Steuerzahler. Denn bei aller Satire braucht eine funktionierende Verwaltung Menschen, die bereit sind, sich durch komplizierte Gesetze zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und am Ende Entscheidungen zu treffen, die für andere durchaus finanzielle Bedeutung haben. Wer sich freiwillig durch deutsches Steuerrecht kämpft, hat deshalb Anerkennung verdient. Andere lösen am Wochenende Sudoku. Diese 14 haben sich offenbar für die schwierigere Variante entschieden.

Und falls in ein paar Jahren einmal ein Brief vom Finanzamt Hilden im Briefkasten liegt, bei dem wir mit dem Ergebnis überhaupt nicht einverstanden sind, sollten wir fair bleiben.

Die 14 können nichts dafür. Wir haben ihnen 2026 noch ausdrücklich einen guten Start gewünscht.

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