Samstag, 10. Oktober 2026

10.10.2026: Englisch von YouTube, Schuhe noch von Mama – oder: Hilden übt den Schulstart

In Hilden wird bekanntlich gerne geprüft. Straßenmarkierungen, Baustellenfortschritte, Ampelschaltungen und gelegentlich auch die Geduld der Autofahrer. Jetzt sind wieder die jüngsten Hildener an der Reihe: Die Schuleingangsuntersuchungen für die künftigen Erstklässler haben begonnen. Allerdings gibt es dabei eine Besonderheit, die manchen ehrgeizigen Eltern vermutlich schwerfällt: Ausgerechnet auf diese Untersuchung soll man seine Kinder nicht vorbereiten. Jedenfalls nicht mit gezieltem Üben.

Mehr als 5.000 Vorschulkinder wurden im vergangenen Schuljahr im Kreis Mettmann untersucht. Das Team des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes schaut sich dabei an, wie weit die Kinder in ihrer Entwicklung sind. Sprache, Zahlenverständnis, Aufmerksamkeit, Zeichnen, Motorik und logisches Denken gehören dazu. Das Ganze dauert einschließlich einer Spielpause rund 90 Minuten. Und damit die Aufregung nicht zu groß wird, gibt es eine wichtige Information gleich vorweg: Spritzen kommen bei dieser Untersuchung nicht zum Einsatz.

Die zuständige Ärztin Birgit Hunstig betont ausdrücklich, dass es nicht um eine Prüfung geht, die man bestehen oder nicht bestehen kann. Die Kinder sollen zeigen, was sie tatsächlich können. Wer vorher fleißig Aufgaben trainiert, erreicht möglicherweise genau das Gegenteil des eigentlichen Ziels: Das Gesundheitsamt bekommt ein geschöntes Bild und erkennt womöglich nicht, wo Unterstützung sinnvoll wäre. Für Eltern, die sonst gerne alles optimal vorbereiten, ist das eine durchaus ungewohnte Botschaft. Einfach mal nichts einstudieren und das eigene Kind machen lassen.

Interessant finde ich vor allem, worauf inzwischen besonders geachtet wird. Neben Sprache und Zahlen geht es auch um ziemlich alltägliche Fähigkeiten. Kann ein Kind einfache Anweisungen verstehen? Drei Teller aus dem Schrank holen? Einen Löffel über einen Teller legen? Sich selbst an- und ausziehen? Das klingt zunächst wenig spektakulär. Wer allerdings schon einmal morgens mit einem Kind unter Zeitdruck das Haus verlassen wollte, weiß, dass selbstständiges Anziehen durchaus eine anspruchsvolle Disziplin sein kann.

Und dann ist da noch das Thema Medienkonsum. Hunstig beobachtet, dass manche Vorschulkinder inzwischen besser Englisch als Deutsch sprechen. Das klingt zunächst nach beeindruckender Frühförderung, hat nach ihren Erfahrungen aber teilweise einen weniger erfreulichen Hintergrund: stundenlanges, unbegleitetes Anschauen englischsprachiger YouTube-Videos. Englischkenntnisse sind natürlich nichts Schlechtes. Problematisch wird es, wenn Bildschirmzeit das gemeinsame Sprechen, Spielen und Erleben verdrängt. Die Ärztin empfiehlt deshalb für Kinder dieses Alters höchstens 30 Minuten Medienkonsum täglich und auch das nur in Begleitung.

Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Kind kennt möglicherweise schon die englischen Bezeichnungen für sämtliche Dinosaurier, Fahrzeuge und Superhelden, hat aber Schwierigkeiten, eine einfache Anweisung auf Deutsch umzusetzen. Das ist kein Vorwurf an das Kind. Es zeigt vielmehr, dass ein Bildschirm zwar erstaunlich viele Wörter liefern kann, aber kein Gespräch ersetzt. YouTube erklärt vielleicht, wie ein Tyrannosaurus heißt. Ob der eigene Turnbeutel gepackt ist, interessiert den Algorithmus dagegen herzlich wenig.

Dabei sind die Empfehlungen der Fachleute erfreulich unkompliziert. Vorlesen, miteinander sprechen, kleine Aufgaben im Haushalt übernehmen lassen und Kindern etwas zutrauen. Dafür braucht es weder eine Lern-App noch einen pädagogisch wertvollen Wochenplan. Auch eine festgestellte Schwierigkeit bedeutet übrigens nicht automatisch, dass ein Kind später eingeschult werden muss. Die Untersuchung soll vielmehr helfen, rechtzeitig passende Förderung zu finden. Das gilt ausdrücklich auch für Kinder, die ihren Altersgenossen in bestimmten Bereichen bereits weit voraus sind.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für die Hildener Eltern künftiger Erstklässler: Die Schuleingangsuntersuchung ist keine Generalprobe für eine möglichst perfekte Einschulung. Sie soll zeigen, wo ein Kind tatsächlich steht. Und während wir Erwachsenen gerne jede Entwicklung messen, vergleichen und optimieren, dürfen die Kinder ruhig noch etwas tun, das in solchen Diskussionen gelegentlich zu kurz kommt: einfach Kinder sein.

Vielleicht beginnt gute Schulvorbereitung deshalb nicht mit der nächsten Lern-App, sondern damit, das Tablet wegzulegen, gemeinsam ein Buch aufzuschlagen – und die Schuhe anschließend selbst anziehen zu lassen.

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