Hilden hat es wieder getan. Rosenmontag, die City geschniegelt, gebügelt und in Kostüme geworfen – und dann macht das Wetter diesen klassischen Move: erst so tun, als sei es nur ein bisschen „rheinische Frische“, und ab 13.30 Uhr plötzlich auf „Dauerregen Deluxe“ umschalten. Man konnte förmlich hören, wie irgendwo ein Wolkenbeauftragter kichernd den Regler nach rechts schiebt. Und mitten drin zwei Jecken, die die einzig logische Frage stellen: „Hast du das schlechte Wetter bestellt?“ – „Nein, ich nicht, du?“ Am Ende ist klar: In Hilden wird nicht nur Kamelle gesucht, sondern auch der Verantwortliche. Fahndung läuft. Vermutlich versteckt er sich unter der Brücke zwischen Lindenplatz und Hagelkreuz, weil da eh alle standen, die trocken bleiben wollten – wie in einem sehr fröhlichen, sehr bunten Survivalkurs.
Denn wenn man in Hilden etwas kann, dann ist es „trotzdem“. Trotzdem Regen. Trotzdem Wind. Trotzdem Frisuren, die nach fünf Minuten aussehen wie „vorher/nachher“-Fotos aus einer Shampoowerbung, nur in umgekehrt. Trotzdem 10.000, 12.000, gefühlt 11.998 Menschen (plus zwei, die den Wetter-Account sperren wollten), die sich nicht abhalten lassen, den Zoch zu gucken. 50 Startnummern, 18 Festwagen – und ungefähr 18.000 Regenponchos, die plötzlich in allen Farben des Karnevals leuchten, als hätte jemand einen Einhorn-Schirmständer explodieren lassen.
Und dann, pünktlich um 14.11 Uhr – als hätte der Himmel kurz auf die Uhr geguckt und gesagt: „Okay, Tradition ist Tradition“ – setzt sich der Zug vom Lindenplatz aus in Bewegung Richtung Mittelstraße, Ziel Fritz-Gressard-Platz. Und was passiert kurz danach? Der Regen lässt nach. Natürlich. Das ist dieses meteorologische Prinzip: Wenn alle einmal komplett durch sind, darf’s kurz freundlich werden, damit die Kostüme zur Geltung kommen und man nicht nur „nasser Panda mit Hut“ erkennt, sondern wirklich Eisbär, Cowboy, Rentier, Batman-Harlekin und „Michael Jackson, aber mit Zombies vorne und hinten“ – ein Outfit, das man auch erstmal technisch stabil hinbekommen muss, während man im Regen Moonwalkt. „Moonwalk in the Rain“ ist übrigens ein Satz, den man nur in Hilden so selbstverständlich sagen kann, ohne dass jemand fragt, ob das eine neue Sportart ist.
Apropos stabil: Besonders stabil wirkten diesmal die kreativen Schutzmaßnahmen. Regenschirme, Wohneingänge, selbstgebaute Zelte – und Wagen mit Dach galten plötzlich als Luxus wie First Class im Jecken-Express. Doppelt nützlich waren Schirme sowieso: oben Regen, unten Kamelle. Und während die Musikgruppen trommeln, als wollten sie die Wolken wegmassieren, gibt’s Samba im Hildener Regenwetter – brasilianische Klänge, rheinische Nässe, perfekte Fusion: „Copacabana trifft Hagelkreuz“.
Inhaltlich war der Zug auch wieder sehr Hilden: städtische Musikschule dabei, DRK mit 125-jährigem Jubiläum (Respekt – die haben vermutlich schon Rosenmontage erlebt, da war Regen noch mit Kohle befeuert), Stadtwerke mit einem riesigen Sonnenwagen – was eine fantastische Form von passiv-aggressiver Wetter-Kommunikation ist: „Wenn du schon nicht scheinst, dann fahren wir dich halt spazieren.“ Dazu Gruppen aus Unterbach, ein Caterer-Wagen, der Frischgemüse thematisiert (nichts schreit Karneval so wie… Vitamine im Konfettiregen), und als krönender Abschluss: das Prinzenpaar Prinz Hildanus Peter III und Prinzessin Hildania Silvia I, strahlend gegen den Regen, als hätten sie eine eingebaute LED-Laune. Und weil Hilden es ernst meint mit dem „Alle sind jeck“: Kinderprinzenpaar (Lotta und Malte) und Inklusionsprinzenpaar (Anna und Jannik) mit eigenen Wagen. Das ist nicht nur schön – das ist Rosenmontag, wie er sein soll: laut, bunt, herzlich und ein bisschen verrückt.
Die wichtigste wissenschaftliche Erkenntnis des Tages kam allerdings aus der Kamelle-Forschung: Besonders beliebt waren Chips, Süßigkeiten und Popcorn. Popcorn! Das ist genial, weil man beim Fangen automatisch dieses Kino-Feeling hat: „Heute im Programm: Der Zoch – Teil 2026, mit starker Regen-Action und dramatischen Poncho-Momenten.“ Und laut CCH gingen pro Wagen etwa 700 bis 800 Kilo Wurfmasse raus. Das ist keine Menge, das ist ein logistisches Konzept. Da wird nicht geworfen, da wird verteilt – in Form von fliegenden Karamell-Riegeln und Doppel-Keksen, die jeden Diätplan kurz in den Winterschlaf schicken.
Ganz oben am Bürgerhaus stand Bürgermeister Claus Pommer und hatte die beste Aussicht – entmachtet an Altweiber, aber offensichtlich weiterhin balkonberechtigt. Das ist auch so ein rheinisches Ding: Man nimmt dir die Macht, aber nicht den Schlüssel zum besten Platz. Von dort regnete es nicht nur himmlisch, sondern auch amtlich: Kamelle runter, Moderation dazu – und zwischendurch stand der als Gottheit kostümierte Bürgermeister sogar in der Sonne. Ein Bild, das man sich einrahmen möchte: Krone, silberne Lockenpracht, Wetter macht kurz Frieden, und unten denken alle: „Okay, vielleicht hat er doch noch Einfluss.“
Spoiler: es währte nicht ewig. Gegen Ende waren wieder die im Vorteil, die aufs alltagsnahe Kostüm gesetzt hatten – Achim und Bine als regendichte Jungboomer in neongelben E-Bike-Jacken. Das ist nicht nur Kostüm, das ist ein Statement: „Wir sind bereit, wir sind sichtbar, und wir könnten notfalls auch noch schnell zum Baumarkt fahren.“ Achim mit Seppelhut, Bine mit vom Wind zerzaustem Haar und dem Satz, der den Tag perfekt zusammenfasst: „Die Scheibenwischer für die Brille hab ich auch vergessen.“ Da fühlte sich jeder Brillenträger kurz gesehen – und ein bisschen blind.
Und dann diese Szene, die man bitte jedes Jahr genau so wieder aufbauen sollte: die Currywurst-Truppe vor der Goldquelle. Seit 25 Jahren, immer Rosenmontag, immer dieselbe Stelle – früher Kohle, heute Gasgrill, sonst alles gleich. Das ist gelebte Tradition, ein Denkmal aus Senf und Standhaftigkeit. „Möchtest du ’ne Wurst?“ ist in dem Moment keine Frage, sondern ein rheinischer Friedensvertrag. Ein paar Schritte weiter ein selbstgezimmertes Piratenschiff, das Seifenblasen und Nebel ausstößt. Auf die Frage „Ist das seetauglich?“ kommt die einzig richtige Antwort: „Wenn man genug getrunken hat: Ja.“ Nautik nach rheinischer Methode.
Am Ende bleibt: Hilden kann Wetter. Nicht im Sinne von „es ist gut“, sondern im Sinne von „es ist da – und wir feiern trotzdem“. Der Rosenmontagszug 2026 war nass, laut, kreativ und voller Sonne im Herzen, wenn schon nicht am Himmel. Und irgendwo läuft immer noch die Suche nach der Person, die den Regen bestellt hat. Ich tippe ja auf jemanden, der heimlich „Schottland-Wetter“ im Kostümfundus gefunden hat und dachte: „Passt schon.“ Itter Itter Helau!
Dienstag, 17. Februar 2026
17.2.2026: Itter Itter Helau – und wer hat bitte den Himmel auf „Duschgel“ gestellt?
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