Es gibt Fußballspiele, die plätschern so dahin wie ein Sonntagnachmittag mit lauwarmem Kaffee. Und dann gibt es Spiele wie das des VfB 03 Hilden in St. Tönis: 90 Minuten Nervenkitzel, Schweißperlen auf der Trainerstirn und ein kollektiver Puls, der vermutlich noch in der Hildener Innenstadt auf dem Seismografen zu sehen war.
Der VfB 03 Hilden ist tatsächlich in die Regionalliga aufgestiegen. Einfach so. Na gut, „einfach“ ist vielleicht das falsche Wort, denn wer dabei war, dürfte zwischendurch mehrfach innerlich den Fußballgott angerufen haben. Mit einem 1:1 beim SC St. Tönis machte die Mannschaft von Trainer Tim Schneider den großen Coup perfekt. Und weil Hilden offenbar nicht nur Fußball, sondern auch Logistik kann, reiste der Anhang stilecht an: Erst sollte ein Bus reichen, dann reichte er natürlich nicht, also wurde kurzerhand ein Doppeldecker organisiert. Wenn schon Aufstiegskrimi, dann bitte mit Oberdeck.
Auf dem Platz begann alles nach dem Motto: Chancen ja, Tore nein. Schon früh hätte der VfB führen können, doch der Ball zeigte sich zunächst ungefähr so kooperativ wie ein Drucker kurz vor Abgabeschluss. Pascal Weber, Nick Sangl, Simon Metz – alle schnupperten an der Führung, aber das Tor blieb hartnäckig verschlossen. Währenddessen hielt Torwart Yannic Lenze hinten den Laden zusammen, und Kapitän Fabian zur Linden warf sich kurz vor der Pause noch beherzt in einen Schuss. Man merkte: Hier wollte keiner später sagen müssen, er habe „nur mal kurz zugeschaut“.
Nebenbei wanderte die Nachricht über den Platz, dass Ratingen in Monheim zurücklag. Das war ungefähr der Moment, in dem einige Hildener Fans kurz überlegten, ob sie jetzt schon jubeln dürfen oder ob das Schicksal noch irgendwo eine fiese Pointe versteckt hat. Spoiler: Es hatte eine.
Denn in der 83. Minute traf St. Tönis plötzlich zum 1:0. Aus Hildener Sicht war das ungefähr so willkommen wie ein Wespenbesuch am Kuchenbuffet. Plötzlich wurde aus dem Aufstiegsnachmittag wieder ein Nervendrama. Aber diese Mannschaft hat offenbar beschlossen, dass normale Siege langweilig sind. Also musste Etienne Feese in der 90. Minute ran und den Ball zum 1:1 versenken. Buchstäblich in letzter Minute. Dramaturgisch hätte das selbst ein Drehbuchautor abgelehnt, weil es „zu kitschig“ wirkt.
Danach begann das große Warten. Nicht auf den Bus, nicht auf die Kabinenpizza, sondern auf den Schlusspfiff in Monheim. Dort lag Ratingen zwar zurück, aber sicher ist im Fußball bekanntlich erst dann etwas, wenn alle pfeifen, keiner mehr rennt und der erste Betreuer schon die Getränkekiste umarmt. Dann endlich war klar: Hilden ist Meister. Hilden steigt auf. Hilden darf jubeln.
Und wie gejubelt wurde. Trainer Tim Schneider beschrieb es herrlich ehrlich: Händeschütteln sei das nicht gewesen, eher „Körper an Körper, Küsschen hier und Küsschen da“. Also im Grunde eine spontane Hildener Ganzkörperkonferenz auf Rasenbasis. Für Schneider war es der perfekte Abschied nach sechs Jahren als Cheftrainer der ersten Mannschaft. 103 Siege, jede Menge Punkte und am Ende eine Schale, von der er vorher offenbar gar nicht wusste, dass es sie gibt. Noch schöner: Er konnte sie sogar stemmen. Auch das muss man im Amateursport erst einmal schaffen.
Besonders passend zu diesem Aufstieg war die Geschichte von Simon Metz. Der rückte für den gesperrten Len Heinson in die Startelf, spielte mit blauem Auge und Platzwunde weiter und lieferte am Ende die präzise Flanke zum Ausgleich. Andere Menschen melden sich mit so einem Gesicht vielleicht arbeitsunfähig. Metz dachte sich offenbar: „Ach, geht noch. Ich flanke eben kurz den Verein in die Regionalliga.“
Nach dem Abpfiff wurde gefeiert, wie man eben feiert, wenn ein Traum Wirklichkeit wird. Einige Spieler buchten noch in der Kabine die Abschlusstour nach Mallorca. Sehr professionell, wie Tim Schneider bemerkte, denn vorher ging das ja nicht – es standen schließlich theoretisch noch Relegationsspiele im Raum. Erst Aufstieg klären, dann Ballermann. Ordnung muss sein.
So bleibt am Ende ein Tag, der in Hilden nicht so schnell vergessen wird. Ein Doppeldecker voller Hoffnung, ein Trainer mit Abschiedsmärchen, ein Angreifer mit Last-Minute-Tor, ein Verteidiger mit Piratenoptik und eine Mannschaft, die bewiesen hat, dass Teamgeist manchmal stärker ist als jede Taktiktafel. Der VfB 03 Hilden steigt in die Regionalliga auf – und ganz Hilden darf sich jetzt offiziell ein kleines bisschen größer fühlen.
Mittwoch, 10. Juni 2026
10.6.2026: VfB 03 Hilden: Aufstieg mit Herzrasen, Doppeldecker und Mallorca-Buchung
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