Hilden hat viele Talente. Die Stadt kann über Parkplätze diskutieren, Baustellen geduldig beobachten, beim Wochenmarkt sehr genau wissen, welcher Stand wo hingehört, und innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob eine Veranstaltung „ganz nett“ oder „früher irgendwie voller“ war. Aber am 20. Juni zeigt Hilden eine seiner besonders sympathischen Seiten: Dann lädt das Wilhelm-Fabry-Museum zum Sommerfest ein. Und zwar nicht irgendwo, sondern stilecht auf dem Gelände an der Benrather Straße, wo Geschichte, Kultur, Jazz, Wein, Zirkus und Hildener Vereinslogistik zu einer jener Mischungen zusammenkommen, die man nur im Rheinland wirklich versteht.
Der Anlass ist durchaus würdig. Wilhelm Fabry, der berühmte Namensgeber des Museums, würde am 25. Juni seinen 466. Geburtstag feiern. 466 Jahre – das ist ein Alter, bei dem selbst die ältesten Hildener Vereinsprotokolle noch ehrfürchtig schweigen. Während andere Menschen zum Geburtstag vielleicht Kuchen, Kerzen oder einen Gutschein bekommen, erhält Fabry in Hilden ein ganzes Sommerfest. Das ist angemessen. Wer nach fast fünf Jahrhunderten noch ein Museum, einen festen Platz im Stadtgedächtnis und ein eigenes Fest bekommt, hat im Leben offenbar einiges richtig gemacht.
Los geht es am Samstag ab 15 Uhr. Eine Uhrzeit, die klug gewählt ist. Nicht zu früh, damit niemand das Gefühl hat, kulturelle Bildung müsse direkt nach dem Frühstück beginnen. Nicht zu spät, damit man noch rechtzeitig zwischen Jazz, Jonglage, Wein und Würstchen entscheiden kann. Denn das Programm ist breit genug, um in Hilden mehrere Zielgruppen gleichzeitig zu beschäftigen: Kinder, Eltern, Kulturinteressierte, Weinfreunde, Jazzfans, Menschen mit Bewegungsdrang und jene Besucher, die eigentlich nur kurz vorbeischauen wollten und dann doch drei Stunden im historischen Innenhof stehen bleiben.
Ein besonderes Highlight ist der Hildener Mitmachzirkus. Schon der Begriff „Mitmachzirkus“ klingt nach einem Ort, an dem Erwachsene plötzlich wieder sehr beschäftigt wirken, wenn ihnen jemand ein Diabolo in die Hand drückt. Unter dem Motto „Wir bewegen uns wie im Zirkus“ dürfen Groß und Klein ausprobieren, was im echten Leben meistens leichter aussieht, als es ist. Jonglage, Regenbogenbänder, chinesische Teller – das klingt nach Spaß, Farbe und der realistischen Möglichkeit, dass irgendwo ein Vater nach zwei Minuten sagt: „Das konnte ich früher besser.“ Natürlich konnte er es früher nicht besser. Aber das gehört zum Sommerfestgefühl dazu.
Kinder werden vermutlich begeistert sein. Jugendliche werden erst skeptisch schauen und dann doch mitmachen, wenn niemand zu genau hinsieht. Erwachsene werden versuchen, die chinesischen Teller möglichst elegant rotieren zu lassen, während sie innerlich hoffen, dass gerade niemand filmt. Und irgendwo wird garantiert jemand sagen: „Das ist ja gar nicht so einfach.“ Das ist der eigentliche pädagogische Wert solcher Angebote: Man lernt Demut gegenüber Zirkusartisten und gegenüber Kindern, die nach drei Versuchen besser jonglieren als man selbst nach 40 Lebensjahren.
Für die musikalische Begleitung sorgt ab 15 Uhr das Jazztrio „Last Minute“. Schon der Name passt wunderbar zu Hilden. „Last Minute“ klingt nach Proben kurz vor knapp, nach rheinischer Gelassenheit und nach Musikern, die trotzdem souverän Sinatra, Nat King Cole und Louis Armstrong im Gepäck haben. Jazz auf dem Museumsgelände ist ohnehin eine schöne Vorstellung. Zwischen historischen Mauern und sommerlichem Innenhof bekommt selbst ein Klassiker sofort etwas Mondänes. Hilden wird dann für ein paar Stunden zur kleinen Kulturmetropole mit Swing, Wein und der angenehmen Illusion, man befinde sich in einem Innenhof irgendwo zwischen New Orleans, Paris und Benrather Straße.
Natürlich darf auch die Verpflegung nicht fehlen. In Hilden weiß man: Eine Veranstaltung ohne Essen ist keine Veranstaltung, sondern eine Informationsveranstaltung. Für das leibliche Wohl sorgen das Team der Hildener AT sowie Schülerinnen und Schüler des Helmholtz-Gymnasiums und der Theresienschule. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch pädagogisch wertvoll. Junge Menschen lernen dabei, dass Kulturarbeit nicht nur aus schönen Bildern, Musik und klugen Reden besteht, sondern auch aus Servietten, Getränken, Warteschlangen und der Frage, wo eigentlich der Müllbeutel geblieben ist.
Dazu kommt Jacques Weindepot mit sommerlichen Weinen. Das klingt nach genau jener zivilisierten Form von Hildener Geselligkeit, bei der aus „nur ein kleines Glas“ sehr schnell „ach, wenn wir schon mal hier sind“ wird. Im historischen Innenhof darf dann angestoßen werden – auf Fabry, auf den Sommer, auf die Kultur und vielleicht auch darauf, dass niemand beim Mitmachzirkus versehentlich ein Regenbogenband in ein Weinglas zieht.
Künstlerisch wird es ebenfalls. In der Historischen Kornbrennerei wird die Ausstellung „Das bin ICH – Q1 des HGH präsentiert sich in Anlehnung an Frida Kahlo“ eröffnet. Schon der Titel verspricht Selbstporträts, Persönlichkeit, Farbe und vermutlich deutlich mehr Ausdruck, als man morgens vor dem Badezimmerspiegel normalerweise zustande bringt. Begleitet wird das Projekt von der Lehrerin und Künstlerin Alessa Nitsch. Dass Schülerinnen und Schüler sich künstlerisch mit Frida Kahlo auseinandersetzen, passt gut zu einem Ort, der Geschichte nicht nur konserviert, sondern immer wieder neu mit Gegenwart füllt.
Auch die aktuelle Ausstellung „Die Augen der Frida Kahlo – eine fotografische Hommage von Bert Loewenherz“ kann an diesem Tag besucht werden. Damit bekommt das Sommerfest eine zusätzliche kulturelle Tiefe. Zwischen Zirkusbewegung, Jazzmusik und sommerlichem Weinblick gibt es also auch Kunst, die genaueres Hinsehen verlangt. Das ist schön, denn Hilden kann beides: geselliges Beisammensein und ernsthafte Betrachtung. Manchmal sogar in derselben Viertelstunde.
Am Ende ist dieses Sommerfest genau so eine Veranstaltung, wie Hilden sie braucht. Nicht laut, nicht überdreht, nicht künstlich aufgeblasen. Sondern vielfältig, lokal, offen und mit einer angenehm rheinischen Mischung aus Kultur, Ehrenamt, Musik, Jugendprojekt, Wein und Kinderprogramm. Ein Fest, bei dem der berühmte Wilhelm Fabry vermutlich anerkennend nicken würde – zumindest, wenn er nicht gerade irritiert fragen würde, was ein Mitmachzirkus ist und warum Menschen Teller auf Stäben drehen.
Hilden stößt also auf einen Mann an, der vor 466 Jahren geboren wurde, und macht daraus einen Nachmittag für alle Generationen. Das ist eigentlich ziemlich charmant. Denn während anderswo Geburtstage nach Kaffee und Kuchen enden, feiert Hilden mit Jazz, Frida Kahlo, Jonglage und Wein im Museumshof.
So bleibt nur eine Erkenntnis: Wenn Fabry Geburtstag hat, wird in Hilden nicht einfach gratuliert. Es wird musiziert, jongliert, ausgestellt, ausgeschenkt und gemeinsam festgestellt, dass Kultur manchmal am schönsten ist, wenn sie unter freiem Himmel stattfindet – und wenn irgendwo ein chinesischer Teller gefährlich wackelt.
Sonntag, 14. Juni 2026
14.6.2026: Wenn Fabry Geburtstag hat und Hilden jongliert
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