Hilden hat ein neues Lieblingswort: Bebauungsplan. Das klingt trocken, nach Aktenordnern, Lageplänen, Paragrafen und Menschen, die mit sehr ernster Miene auf farbige Flächen zeigen. In Wahrheit aber steckt darin alles, was Hilden zuverlässig in Bewegung bringt: Wohnraummangel, Grundstückseigentümer, Parkplatzsorgen, Innenstadtlage, Verkehrsfragen und die beruhigende Erkenntnis, dass vorerst wahrscheinlich gar nichts passiert. Willkommen beim Bebauungsplan 165A – einem Plan, der im Grunde sagt: „Hier könnte irgendwann einmal etwas entstehen, falls alle Beteiligten irgendwann einmal vielleicht möglicherweise doch wollen.“
Es geht um ein Gebiet rund um die Walder Straße, die Kirchhofstraße, das Krankenhaus und die Polizei-Hauptwache. Also ziemlich zentral, ziemlich interessant und ziemlich empfindlich. Dort, wo heute unter anderem ein Garagenhof und eine Autowerkstatt liegen, könnten eines Tages bis zu 90 Wohnungen entstehen. Fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser, drei Einzelhäuser – ein kleines neues Wohnquartier mitten in Hilden. Stadtplaner nennen das Nachverdichtung im Innenbereich. Hildenerinnen und Hildener nennen es vermutlich erst einmal: „Und wo sollen die alle parken?“
Diese Frage ist in Hilden nicht einfach eine Nachfrage. Sie ist ein Reflex. Man könnte einen neuen Brunnen planen, eine Sitzbank aufstellen oder drei Bäume pflanzen – spätestens nach fünf Minuten fragt jemand, ob dadurch Parkplätze wegfallen. Beim Bebauungsplan 165A ist diese Sorge besonders naheliegend, denn der bestehende Garagenhof wird von vielen Menschen genutzt. Wenn dort neue Wohnungen entstehen, verschwinden alte Stellplätze, neue Bewohnerinnen und Bewohner kommen hinzu, und schon sieht man innerlich Autos kreisen wie hungrige Möwen über einem Fischbrötchen.
Die Stadt versucht zu beruhigen. Der Plan weist 97 Pkw-Stellplätze aus, teils oberirdisch, teils in einer Tiefgarage. Das klingt zunächst nach einer ordentlichen Zahl. Aber wer in Hilden über Parkplätze spricht, weiß: Zahlen beruhigen nur kurz. Danach beginnt die höhere Mathematik des Alltags. Wie viele Wohnungen? Wie viele Autos pro Haushalt? Wie viele Besucher? Was ist mit Handwerkern? Was ist mit Lieferdiensten? Was ist mit Menschen, die eigentlich zwei Straßen weiter wohnen, aber trotzdem dort parken, weil sie „nur kurz“ etwas erledigen? Aus 97 Stellplätzen wird so sehr schnell eine philosophische Grundsatzdebatte über Raum, Besitz und den Hildener Wunsch, möglichst direkt vor dem Ziel anzukommen.
Das eigentlich Kuriose an diesem Bebauungsplan ist aber: Es gibt gar keinen Investor. Die Stadt besitzt in dem Plangebiet keine eigenen Grundstücke. Nur der Wohnungsbaugesellschaft Hilden gehören einige wenige Flächen. Die entscheidenden Grundstücke liegen bei privaten Eigentümern – und die haben bislang offenbar nicht gerade signalisiert, dass sie vor Begeisterung sofort den Notartermin suchen. Bei der Bürgerinformation im Mai sah es jedenfalls nicht so aus, als würde dort jemand sagen: „Endlich, bitte entwickeln Sie unser Grundstück.“ Eher dürfte die Stimmung gewesen sein: „Interessanter Plan, aber nicht mit meinem Garagenhof.“
Damit wird der Bebauungsplan 165A zu einer Art Angebot an die Zukunft. Die Stadt schafft schon einmal den Rahmen, falls Eigentümer, Kinder oder Enkel in zehn oder zwanzig Jahren anders entscheiden. Das ist einerseits vorausschauend. Andererseits klingt es auch ein bisschen so, als würde man heute schon den Tisch decken für Gäste, die vielleicht im Jahr 2041 überlegen, ob sie Hunger haben. Hilden plant also nicht unbedingt ein Bauprojekt, sondern eine Möglichkeit. Eine städtebauliche Einladungskarte mit sehr langer Antwortfrist.
Man muss dieser Logik allerdings etwas abgewinnen. Hilden hat wenig freie Bauflächen. Wohnraum ist knapp. Wer innenstadtnah bauen kann, ohne neue Flächen am Stadtrand zu versiegeln, hat aus planerischer Sicht einen Punkt. Fußläufig zur Innenstadt, in der Nähe vorhandener Infrastruktur, zwischen bestehenden Nutzungen – das klingt vernünftig. Man könnte sagen: Wenn Hilden irgendwo wachsen soll, dann eher dort, wo die Fußgängerzone tatsächlich erreichbar ist, ohne dass man erst Proviant einpacken muss. Die Stadt möchte vorbereitet sein, falls sich irgendwann ein Fenster öffnet. Oder in diesem Fall eher: ein Garagentor.
Doch Planung ist in Hilden nie nur Planung. Sie ist immer auch Erinnerung, Befürchtung und Nachbarschaftsgespräch. Viele Menschen sehen nicht zuerst die künftigen Wohnungen, sondern den heutigen Alltag. Die Garage, den Parkplatz, die vertraute Zufahrt, die Werkstatt, den Weg, den man kennt. Stadtentwicklung bedeutet für Planer oft Potenzial. Für Anwohner bedeutet sie häufig Veränderung. Und Veränderung hat in Hilden ungefähr denselben Beliebtheitsgrad wie eine überraschend gesperrte A46-Auffahrt.
Besonders schön ist die Zeitachse. Bis der Stadtrat den Plan möglicherweise beschließt, sollen mindestens noch etwa zweieinhalb Jahre vergehen. Zweieinhalb Jahre – das ist in der Stadtplanung fast schon hektisch. Danach wäre der Bebauungsplan beschlossen, aber noch immer kein Haus gebaut, kein Investor gefunden und kein Eigentümer überzeugt. Dann könnte ein Umlageverfahren folgen, Verkaufsangebote würden gemacht, Verhandlungen geführt. Kurz gesagt: Der Bebauungsplan wäre dann fertig, aber die eigentliche Geschichte würde erst beginnen. Hilden baut also zunächst ein Luftschloss mit ordentlicher Erschließung.
Apropos Erschließung: Geplant sind eine Planstraße von der Walder Straße aus sowie eine neue Stichstraße an der Kirchhofstraße. Auch das klingt harmlos, bis man sich vorstellt, wie Hilden auf neue Straßen reagiert. Sofort stehen Fragen im Raum: Wer fährt da lang? Wie breit wird das? Kommt da Durchgangsverkehr? Können Müllfahrzeuge wenden? Wird es lauter? Ist das sicher? Und natürlich: Fallen Parkplätze weg? In Hilden ist jede Erschließung auch eine emotionale Erschließung.
Der Beigeordnete Peter Stuhlträger sieht immerhin eine beruhigende Erkenntnis: Nach der Bürgerveranstaltung sind offenbar keine neuen Kritikpunkte hinzugekommen, die inhaltlich über das bereits Gesagte hinausgehen. Das ist in Hilden durchaus eine Nachricht. Denn wenn bei einem Thema wie Wohnungsbau, Parkplätzen und Nachverdichtung nach einer Bürgerveranstaltung keine völlig neue Empörung auftaucht, kann man das fast schon als Etappensieg werten. Die vorhandenen Sorgen sind groß genug, aber immerhin bekannt. Stadtplanung liebt bekannte Sorgen. Sie lassen sich sortieren, abwägen und in Tabellen eintragen.
Und so steht Hilden nun vor einem Bebauungsplan, der zugleich konkret und völlig offen ist. Konkret genug, um 70 bis 90 Wohneinheiten, Stellplätze, Planstraßen und Gebäudetypen zu benennen. Offen genug, um nicht zu wissen, ob jemals gebaut wird. Das ist ein bisschen wie ein Urlaubsprospekt für eine Reise, die nur stattfindet, wenn alle Grundstückseigentümer gleichzeitig ihre Meinung ändern. Schön anzusehen, aber noch kein gebuchter Flug.
Trotzdem zeigt dieser Plan etwas Wichtiges: Hilden ringt mit der Frage, wie die Stadt sich weiterentwickeln kann, ohne sich selbst zu überfordern. Mehr Wohnraum wird gebraucht. Freie Flächen sind rar. Innenentwicklung ist sinnvoll. Aber Nachverdichtung trifft immer auf bestehende Gewohnheiten. Wo Stadtplaner Bauland sehen, sehen andere Garagen, Stellplätze, Ruhe, Eigentum und Alltag. Beides ist real. Genau deshalb sind solche Bebauungspläne keine reinen Fachverfahren, sondern kleine kommunale Charaktertests.
Am Ende bleibt der Bebauungsplan 165A ein sehr hildenerisches Dokument. Er ist ambitioniert, aber vorsichtig. Zukunftsorientiert, aber abhängig von Menschen, die noch nicht wollen. Zentral gelegen, aber umgeben von Parkplatzsorgen. Er ist ein Plan, der sagt: „Wir könnten hier etwas machen.“ Und die Eigentümer antworten bislang offenbar: „Könntet ihr. Aber nicht jetzt.“
Vielleicht wird dort in zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich ein neues Wohnquartier entstehen. Vielleicht werden dann Familien einziehen, Kinder auf neuen Wegen laufen, Fahrräder vor Häusern stehen und jemand sagen: „Eigentlich ist das ganz schön geworden.“ Vielleicht wird aber auch alles noch lange bleiben, wie es ist, während der Bebauungsplan geduldig in irgendeinem städtischen Ordner wartet und davon träumt, eines Tages mehr zu sein als eine Möglichkeit.
Bis dahin hat Hilden immerhin ein neues Gesprächsthema. Und das ist ja auch eine Form von Stadtentwicklung.
Denn gebaut wird in Hilden manchmal zuerst nicht mit Steinen, sondern mit Bedenken.
Sonntag, 21. Juni 2026
21.6.2026: Der Bebauungsplan, der höflich anklopft – oder: Hilden baut schon mal auf dem Papier
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