Hilden ist vieles: Einkaufsstadt, Baustellenbeobachtungszentrum, Tempo-30-Diskussionsraum, Schützenfest-Experimentierfläche und gelegentlich sogar ein Ort, an dem man sich fragt, ob die Ampeln eigentlich nach geheimen astrologischen Regeln geschaltet sind. Aber am 28. Juni wird Hilden noch etwas anderes: Tanzfläche. Dann verwandelt sich der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz von 15 bis 19 Uhr in eine große Open-Air-Bühne für alle, die Rhythmus im Blut haben – oder zumindest bereit sind, so zu tun.
„Hilden tanzt“ geht in die zweite Runde. Das klingt zunächst harmlos, ist aber in Wahrheit ein mutiger Angriff auf die rheinische Grundhaltung: erst einmal am Rand stehen, Arme verschränken, skeptisch gucken und sagen: „Mal sehen, ob da überhaupt jemand mitmacht.“ Im vergangenen Jahr war der Platz voll, es wurde getanzt, gelacht und gemeinsam gefeiert. Das ist für Hilden schon fast revolutionär. Denn normalerweise braucht es hier mehrere Sitzungen, zwei Vorbesprechungen und mindestens einen kritischen Facebook-Kommentar, bevor sich etwas bewegt.
Diesmal soll also wieder getanzt werden. Für alle Generationen. Ohne Vorkenntnisse. Das ist wichtig. Denn „ohne Vorkenntnisse“ ist die freundlichste Formulierung für: Niemand muss vorher erklären, warum Disco Fox zuletzt auf einer Hochzeit 1998 versucht wurde und seitdem nur noch als Erinnerung mit leichtem Knieziehen existiert. Es muss auch niemand Bachata buchstabieren können, um mitzumachen. Und Line Dance darf man ruhig erst einmal für eine neue Form geordneter Warteschlange halten.
Durch das Programm führt Sven Reichelt von der Tanzschule Reichelt. Das ist beruhigend, denn bei offenen Tanzveranstaltungen braucht es jemanden, der den Überblick behält, während 40 Menschen gleichzeitig versuchen, links und rechts nicht öffentlich zu verwechseln. Ein guter Tanzlehrer erkennt sofort, ob eine Gruppe bereit für den nächsten Schritt ist oder ob sie noch einmal kollektiv daran erinnert werden muss, dass „nach vorne“ nicht dasselbe ist wie „zum Getränkestand“.
Disco Fox steht auf dem Programm. Der Klassiker. Der Tanz, bei dem jeder glaubt, ihn irgendwie zu können, bis Musik läuft. Dann zeigt sich, dass Disco Fox weniger ein Tanz als ein soziales Verhandlungssystem ist. Einer führt, einer folgt, beide zählen innerlich mit, und spätestens nach der zweiten Drehung steht jemand dort, wo er nicht geplant war. Trotzdem funktioniert es erstaunlich oft. Vielleicht, weil Disco Fox im Rheinland tief im Unterbewusstsein liegt, irgendwo zwischen Karneval, Familienfeier und „Komm, ein Lied noch“.
Bachata bringt dann ein wenig internationales Flair auf den Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz. Das klingt nach Sommer, Rhythmus und Hüftbewegungen, bei denen viele Hildener vermutlich zunächst sehr konzentriert auf ihre Schuhe schauen werden. Bachata verlangt Gefühl, Lockerheit und Beweglichkeit. Also genau jene drei Dinge, die im Alltag oft verloren gehen, wenn man gerade versucht, an der Mittelstraße einen Parkplatz zu finden. Aber vielleicht ist gerade das der Reiz: Für ein paar Minuten zählt nicht, ob der Einkauf erledigt ist, ob der Bus pünktlich kommt oder ob Tempo 30 jetzt richtig oder falsch ist. Es zählt nur der nächste Schritt.
Und dann: Line Dance. Der demokratischste aller Tänze. Niemand muss einen Partner suchen, niemand wird plötzlich gedreht, niemand muss flüstern: „Du führst aber komisch.“ Beim Line Dance stehen alle nebeneinander und versuchen gemeinsam, dieselbe Richtung zu finden. In Hilden könnte das sogar kommunalpolitisch inspirierend wirken. Wenn es gelingt, dass 100 Menschen gleichzeitig nach rechts, nach links und wieder zurück gehen, sollte doch vielleicht auch irgendwann eine Ampelschaltung funktionieren.
Besonders schön ist die Ankündigung, dass zu jeder vollen Stunde ein Überraschungs-Act auf der Bühne für Unterhaltung sorgt. Überraschungs-Acts sind im Stadtleben immer eine kleine Wundertüte. Es kann alles sein: Musik, Tanz, Akrobatik, vielleicht ein besonders mutiger Auftritt mit Glitzerhut. Wichtig ist nur, dass niemand vorher genau weiß, was passiert. In Hilden ist das eine seltene Erfahrung, denn normalerweise wird alles angekündigt, beraten, beworben und anschließend nachbesprochen. Ein echter Überraschungs-Act bringt also genau jene spontane Unruhe, die ein Sommernachmittag verträgt.
Für Essen und Getränke ist ebenfalls gesorgt. Das ist klug, denn Tanzen macht hungrig. Oder durstig. Oder beides. Außerdem gibt es immer Besucher, die zunächst nur „wegen der Verpflegung“ kommen, dann aber beim dritten Lied mit dem Fuß wippen und beim fünften Lied so tun, als hätten sie nur zufällig den Takt erwischt. Viele Tänzerkarrieren beginnen nicht mit Begeisterung, sondern mit einem Getränk in der Hand und dem Satz: „Nein, ich tanze nicht.“ Zehn Minuten später steht man in der dritten Reihe und macht Line Dance.
„Hilden tanzt“ ist deshalb mehr als eine Veranstaltung. Es ist ein freundlicher Test, wie viel Lockerheit eine Stadt verträgt. Denn Tanzen im öffentlichen Raum ist eine besondere Sache. Da gibt es keine Wohnzimmerwand, hinter der man sich verstecken kann. Keine Hochzeitstafel, an die man sich notfalls zurückzieht. Kein dunkles Vereinsheim, in dem Fehltritte gnädig verschwimmen. Auf dem Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz tanzt man mitten in Hilden. Sichtbar. Offen. Zwischen Alltag und Sommerfestgefühl. Das ist mutig – und genau deshalb schön.
Man darf sich die Szene vorstellen: Kinder springen sofort hinein, weil Kinder selten überlegen, ob eine Bewegung peinlich ist. Jugendliche tun erst so, als sei alles maximal unangenehm, schauen aber doch hin. Erwachsene warten, bis genug andere mitmachen, damit es nicht auffällt. Senioren beweisen, dass Rhythmus keine Altersfrage ist. Und irgendwo steht garantiert jemand am Rand, nickt kritisch zur Musik und sagt: „Eigentlich ganz nett.“ In Hilden ist das bereits ein überschwängliches Lob.
Vielleicht ist genau das der Zauber dieser Veranstaltung. Sie holt Menschen zusammen, ohne dass man viel erklären muss. Niemand braucht Vereinsmitgliedschaft, Abendgarderobe oder Tanzerfahrung. Man muss nur kommen, stehen bleiben, zuhören – und irgendwann vielleicht einen Schritt wagen. Und selbst wer nicht mittanzt, gehört dazu. Denn auch Zuschauen ist in Hilden eine ernste Kulturtechnik.
Am Ende wird der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz für vier Stunden zu etwas, das man im Alltag viel zu selten sieht: ein gemeinsamer Raum, in dem sich Menschen nicht über Verkehr, Preise, Baustellen oder Politik unterhalten müssen, sondern einfach Musik hören und sich bewegen. Das klingt simpel. Ist aber eigentlich ziemlich groß.
Wenn Hilden also am 28. Juni wieder tanzt, dann tanzt nicht nur eine Stadt. Dann tanzen auch ein paar alte Gewohnheiten kurz zur Seite. Die Skepsis macht Platz für Musik. Der Alltag weicht ein paar Schritten Disco Fox. Und irgendwo zwischen Bachata, Line Dance und Überraschungs-Act entsteht dieser schöne Gedanke: Vielleicht braucht eine Stadt nicht immer neue Konzepte. Manchmal reicht ein Platz, Musik, ein Tanzlehrer und die Einladung, einfach mitzumachen.
Und falls jemand den falschen Schritt macht: Kein Problem. In Hilden wird darüber höchstens kurz gesprochen. Also zwei bis drei Wochen.
Dienstag, 16. Juni 2026
16.6.2026: Hilden tanzt – oder: Wenn der Dr.-Ellen-Wiederhold-Platz plötzlich Hüfte hat
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