Es gibt Momente, da merkt man: Jetzt wird es historisch. In Hilden war so ein Moment am 2. Juni 2026 in der Aula des Helmholtz-Gymnasiums. Rund 300 Mitglieder von TuS 96 Hilden und Hildener AT 64 kamen zusammen, um über etwas abzustimmen, das größer war als jede Jahreshauptversammlung, emotionaler als jede Trikotdiskussion und vermutlich länger als so manche Kreisliga-Nachspielzeit: die Fusion der beiden Traditionsvereine zu Hilden Sport e.V.
Drei Stunden dauerte die Sitzung. Drei Stunden! Das ist kein Vereinsabend, das ist Ausdauertraining mit Stimmkarten. Je nach Vereinszugehörigkeit wurden hellblaue oder rosafarbene Karten gehoben, und irgendwo zwischen Verschmelzungsvertrag, neuer Satzung und Präsidiumsbesetzung dürfte manch einer gedacht haben: „Hätte ich doch vorher noch eine Banane gegessen.“ Aber die Mitglieder hielten durch. Schließlich ging es nicht um Kleinigkeiten wie neue Ballpumpen oder die Frage, wer nach dem Training die Leibchen wäscht. Es ging um die Zukunft des Hildener Sports.
Ab dem 1. Juli 2026 verschmelzen TuS 96 und HAT 64 offiziell zu einem Großverein mit rund 5000 Mitgliedern. Das klingt nicht nur beeindruckend, das klingt fast so, als müsste Hilden demnächst eigene Olympische Spiele anmelden. Zwei Vereine mit mächtig Tradition unter einem Dach: Die HAT mit Wurzeln aus dem Jahr 1864, als turnbegeisterte junge Hildener vermutlich noch ohne Funktionsshirt, Fitnessuhr und isotonisches Getränk unterwegs waren. Und der TuS, gegründet 1896, also ebenfalls zu einer Zeit, in der Sport noch nicht mit einer App begann, sondern mit echtem Vereinsgeist.
Natürlich war dieser Schritt kein spontaner Einfall nach dem Motto: „Ach komm, wir fusionieren mal eben vor dem Wochenende.“ Über ein Jahr wurde geprüft, gesprochen, abgewogen, erklärt und vermutlich auch innerlich tief durchgeatmet. Die Vorstände hatten den Auftrag bekommen, die Sache ernsthaft anzugehen, und genau das taten sie. Am Ende stand eine überwiegend harmonische Versammlung, was bei Vereinsfragen allein schon als sportliche Spitzenleistung gelten darf. Geleitet wurde das Ganze fachkundig von Karin Schulze-Kersting vom Landessportbund, unterstützt von Notar Niklas Mairose. Denn wenn zwei Traditionsvereine heiraten, braucht es eben nicht nur Blumen, sondern auch Paragrafen.
Damit auch wirklich alle spürten, dass hier nicht einfach nur zwei Vereinsregistereinträge zusammenrücken, gab es ein Einleitungsvideo mit bekannten Hildener Persönlichkeiten. Bürgermeister Claus Pommer freute sich über neue Chancen für den Hildener Sport, Ex-Sportdezernent Reinhard Gatzke sah die Möglichkeit, die Sportstadt Hilden weiter nach vorne zu bringen. Auch erfolgreiche Sportlerinnen wie Lena Schmidt und Sanaa Koubaa-Schretzmair unterstützten den Zusammenschluss. Und Sven Lorig, seit Kindesbeinen im TuS, brachte es sinngemäß auf den Punkt: Rivalität ist schön, gemeinsam stärker sein aber auch nicht verkehrt.
Das ist vermutlich die eigentliche Kunst dieser Fusion: aus zwei Vereinsseelen ein neues Wir zu machen, ohne dass dabei jemand sein altes Wir in der Umkleide vergisst. Denn natürlich hängen Herzen an Wappen, Farben, Namen und Erinnerungen. Wer jahrzehntelang blau-gelb gedacht oder mit der HAT gefiebert hat, der legt diese Gefühle nicht einfach ab wie verschwitzte Sportsocken. Deshalb war auch die Wahl des neuen Logos ein emotionaler Endspurt. Aus den Ursprungsfarben entstand ein Beerenton. Ja, Beere. Hilden Sport trägt künftig also eine Farbe, die irgendwo zwischen Tradition, Moderne und sehr selbstbewusstem Smoothie liegt.
Doch genau das passt vielleicht ganz gut. Denn dieser neue Verein soll nicht einfach größer sein, sondern moderner, stabiler und stärker. Alexander Kiel vom Freiburger Kreis erklärte, dass Größe allein zwar nicht alles sei, aber Chancen eröffne. Finanzielle Schwankungen lassen sich besser auffangen, personelle Ausfälle bringen nicht gleich das ganze Vereinsleben ins Wanken, und ein Großverein bleibt trotzdem eine Solidargemeinschaft. Übersetzt in Vereinssprache: Wenn mal jemand den Schlüssel zur Halle vergisst, bricht nicht sofort das Abendland zusammen.
Hilden Sport startet nun mit einem zehnköpfigen Präsidium, in dem zunächst jeweils fünf Vertreter aus beiden Vereinen sitzen. Das klingt nach Ausgleich, Fairness und vermutlich nach Sitzungen, in denen sehr genau darauf geachtet wird, dass niemand zu früh „früher bei uns“ sagt. Aber genau darin liegt auch die Chance. Zwei Geschichten, zwei Kulturen, zwei Vereinsfamilien wachsen zusammen. Und ja, vielleicht wird es am Anfang noch den einen oder anderen Moment geben, in dem jemand aus alter Gewohnheit „TuS“ oder „HAT“ ruft. Das ist erlaubt. Tradition verschwindet nicht, sie bekommt nur ein neues Trikot.
Am Ende ist diese Fusion mehr als ein Verwaltungsakt. Sie ist ein sportlicher Handschlag über Vereinsgrenzen hinweg. Ein ziemlich großer sogar. Hilden bekommt mit Hilden Sport einen Verein, der viel vorhat und dabei auf einem Fundament steht, das über Generationen gewachsen ist. Man könnte sagen: Der TuS und die HAT haben sich getraut. Nicht heimlich, nicht leise, sondern mit Stimmkarten, Notar, Video, Logoauswahl und allem, was zu einer ordentlichen Hildener Sporthochzeit dazugehört.
Und wenn am 1. Juli 2026 aus zwei großen Namen offiziell einer wird, darf Hilden ruhig ein bisschen stolz sein. Denn wo sonst wird aus hellblau und rosa nicht Streit, sondern Beere?
Samstag, 6. Juni 2026
6.6.2026. Hilden Sport: Wenn Hellblau und Rosa plötzlich Beere werden
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