Es gibt Feste, bei denen man vorher prüft, ob die Sonne scheint. Und dann gibt es das Angerfest der Kniebachschiffer. Da prüft man höchstens, ob die Gummistiefel noch passen. Denn Regen gehört hier offenbar nicht zur Wetterlage, sondern zum Brauchtum. Wenn beim Angerfest dunkle Wolken aufziehen, zucken echte Stammgäste nicht zusammen, sondern sagen vermutlich: „Ach schön, Jubiläumsatmosphäre.“
Zum 55. Mal wurde auf der Wiese am Kniebach gefeiert, und weil 55 im Karneval eine närrische Zahl ist, passte eigentlich alles zusammen: Musik, gute Laune, volle Wiese und ein Wetter, das kurz überlegte, ob es mitfeiern oder stören möchte. Am Ende entschied es sich offenbar für beides. Aber die Gäste blieben. Natürlich. Wer sich von ein paar Tropfen vertreiben lässt, hat das Prinzip Angerfest nicht verstanden.
Aus den Lautsprechern kam Helene Fischer mit „Atemlos“, und vermutlich war spätestens da klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf der Tanzfläche wurde gedrängt, gesungen, geklatscht und gefeiert, als hätte jemand den Sommer per Lautsprecher bestellt. Dass die Organisatoren vorher wegen des Wetters angespannt waren, kann man verstehen. Wer ein Fest unter freiem Himmel plant, entwickelt automatisch eine sehr persönliche Beziehung zu Regenradar, Wolkenformationen und der Frage, ob „vereinzelte Schauer“ eigentlich eine Drohung ist.
Die Kniebachschiffer wissen allerdings, wie man mit solchen Herausforderungen umgeht. Schließlich feiern sie nicht irgendwo, sondern dort, wo alles begann: auf der Wiese am Kniebach. Der Verein wurde 1955 gegründet, aus der Siedlung heraus, und bis heute hat dieses Fest etwas, das man nicht einfach buchen kann. Es ist familiär, vertraut und ein bisschen so, als würde ganz Hilden kurz seine Gartenstühle zusammenstellen und sagen: „Komm, wir machen’s uns schön.“
Früher gab es Tombola, Glücksrad und Spiele mit Zehn-Pfennig-Einsatz. Heute gibt es immer noch Glücksrad, Spielmobil, Hüpfburg, Schlagerparty und natürlich Menschen, die jedes Jahr wiederkommen. Manche kennen sich seit Jahrzehnten, andere kennen sich nach zehn Minuten, und spätestens beim Reibekuchen ist ohnehin jede Fremdheit aufgehoben. Denn Reibekuchen beim Angerfest sind keine Beilage. Sie sind ein Termin im Kalender.
Überhaupt: die Spezialitäten. Erdbeerkuchen und Reibekuchen gehören hier offenbar so fest dazu wie der Aufbau, der Abbau und die bange Frage, ob der Himmel dicht hält. Es soll sogar Menschen geben, die mit Tupperdose erscheinen. Das ist nicht etwa unverschämt, sondern vorausschauend. In Hilden nennt man das vermutlich kulinarische Krisenprävention.
Neu waren in diesem Jahr die dunkelblauen Zelte mit Kniebachschiffer-Schriftzug, unterstützt von der Sparkasse Hilden beziehungsweise der neuen „Stiftung für Hilden“. Eine sehr sinnvolle Anschaffung, denn wer in dieser Stadt ein Festzelt besitzt, besitzt nicht einfach Stoff und Gestänge, sondern ein Stück wetterfeste Lebensqualität. Gerade beim Angerfest, wo der Satz „Die kommen mit Gummistiefeln und bleiben“ beinahe schon als Vereinsmotto durchgehen könnte.
Auch die Entscheidung, seit dem vergangenen Jahr wieder den Freitagabend dazuzunehmen, wirkt goldrichtig. Nur Samstag war den Leuten offenbar zu wenig. Verständlich. Wenn man schon aufbaut, Zelte stellt, Kuchen backt, Reibekuchen brutzelt und die Nachbarschaft in Festlaune bringt, dann darf es auch ein bisschen länger dauern. Zumal der Brücken-Freitag ideal passt: Erst aufbauen, dann feiern, dann noch einmal feiern, dann abbauen und anschließend wahrscheinlich nie wieder ein Zelt sehen wollen. Bis zum nächsten Jahr natürlich.
Besonders schön ist, dass das Angerfest mitten in der Siedlung stattfindet und trotzdem offenbar funktioniert, ohne dass die Nachbarschaft kollektiv die Rollläden herunterlässt. Im Gegenteil: Viele kommen einfach dazu. Manche wohnen gleich nebenan, andere reisen wegen Kuchen, Reibekuchen oder Stimmung an. Und genau das macht dieses Fest aus. Es ist kein perfekt glattpoliertes Event mit Hochglanzkulisse, sondern ein echtes Stück Hilden: ein bisschen laut, ein bisschen matschgefährdet, sehr herzlich und mit erstaunlich hoher Tupperdosen-Tauglichkeit.
Und dann ist da noch der Nachwuchs. Nach drei Jahren ohne Tanzcorps haben die Kniebachschiffer wieder mit dem Aufbau begonnen. Mehr als 15 junge Leute tanzen bereits mit, bis zur Session soll das Programm stehen. Das klingt nach Zukunft, nach Bewegung und nach der beruhigenden Erkenntnis, dass Tradition nicht nur aus Erinnerungen besteht, sondern auch aus Menschen, die weitermachen.
So bleibt vom 55. Angerfest vor allem dieses Bild: volle Wiese, Musik in der Luft, Kinder an der Hüpfburg, Erwachsene am Kuchenstand, Gummistiefel im Einsatz und Gäste, die bleiben, obwohl der Himmel mal wieder seine eigene Meinung hat. Hilden kann sich glücklich schätzen, so ein Fest zu haben. Denn wo andere bei Regen absagen, holen die Kniebachschiffer vermutlich einfach noch eine Portion Reibekuchen raus. Und plötzlich ist das Wetter gar nicht mehr so wichtig.
Dienstag, 9. Juni 2026
9.6.2026: Angerfest in Hilden: Wo selbst der Regen Eintritt zahlt
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