Samstag, 13. Juni 2026

13.6.2026: Das Schützenfest ohne Zelt – oder: Hilden probt den Brauchtumsfreiluftversuch


Hilden ist eine Stadt, die mit Veränderungen grundsätzlich umgehen kann. Man schaut sie sich erst einmal genau an, diskutiert sie auf dem Alten Markt, wägt sie im Familienkreis ab, bringt sie beim Friseur zur Sprache und entscheidet dann, dass früher zwar nicht alles besser war, aber zumindest das Festzelt noch stand. Genau deshalb ist das Schützenfest 2026 ein Ereignis von historischer Tragweite: Zum ersten Mal wird ohne Festzelt gefeiert. Unter freiem Himmel. Mit Bühne. Mit Mut. Mit Risiko. Und vermutlich mit mindestens drei Menschen, die am ersten Abend sagen: „Also mit Zelt war das aber gemütlicher.“

Dabei ist das Festzelt im Rheinland nicht einfach ein Stück Stoff mit Gestänge. Es ist eine Institution. Ein mobiles Wohnzimmer mit Biergeruch, Blasmusik, klebrigem Boden und jener ganz besonderen Akustik, bei der jedes Gespräch ab dem dritten Satz automatisch zum Anschreien wird. Im Festzelt wird nicht nur gefeiert. Dort werden Generationen verbunden, Könige bejubelt, Schnäpse bereut und Sätze gesagt wie: „Nur noch eins, dann gehen wir.“ Das Festzelt ist im Brauchtum ungefähr das, was die Kaffeemaschine im Büro ist: technisch ersetzbar, emotional aber systemrelevant.

Doch in Hilden ist das Zelt inzwischen offenbar so teuer geworden, dass man vermuten könnte, es bestehe aus handgewebtem Goldbrokat mit WLAN-Anschluss und Fußbodenheizung. 10.000 bis 14.000 Euro für ein Festzelt, dazu Sicherheitskräfte, Musikzüge und die drohende Frage, ob genug Bier getrunken wird. Man stelle sich das einmal vor: Das Überleben des Schützenfestes hängt nicht nur am Brauchtum, sondern auch an der Literleistung der Hildener Bevölkerung. Früher hieß es: „Trinkt aus, wir müssen los.“ Heute heißt es: „Trinkt aus, sonst wird es betriebswirtschaftlich schwierig.“

Besonders schön ist die Erkenntnis: „In Hilden ist der Umsatz mit Bier einfach nicht so da, wie er sein sollte.“ Das ist ein Satz, der in Köln vermutlich als kultureller Notstand eingestuft würde. In Hilden klingt er nach Haushaltsausschuss mit Zapfhahn. Offenbar gibt es eine heimliche Bier-Soll-Menge, die erreicht werden muss, damit das Brauchtum nicht in die Verlustzone rutscht. Wer bislang dachte, ein Bier auf dem Schützenfest sei nur ein Getränk, weiß jetzt: Es ist ein Beitrag zur Traditionssicherung.

Die Schützen stehen ohnehin vor einer Herausforderung, die viele Vereine kennen: Die Mitglieder werden älter, neue kommen nicht in ausreichender Zahl nach, und das Ehrenamt trägt immer schwerere Lasten. Das Durchschnittsalter liegt bei 65 bis 70 Jahren. Das ist einerseits respektabel, andererseits auch eine Zahl, bei der man versteht, warum ein Open-Air-Konzept mit Sitzgelegenheiten kein Luxus, sondern Infrastrukturpolitik ist. Gleichzeitig leisten die Ehrenamtlichen weiter eine enorme Arbeit. Sie organisieren, planen, schleppen, verhandeln, erklären, werben, lächeln und versuchen, ein Brauchtum lebendig zu halten, das in einer Stadt wie Hilden eben nicht nur aus Uniformen und Orden besteht, sondern aus Gemeinschaft, Verlässlichkeit und dem festen Glauben, dass ein Fassanstich noch immer mehr sagt als jede PowerPoint-Präsentation.

Natürlich haftet dem Schützenwesen ein Image an, das nicht immer hilfreich ist. Manche denken bei Schützen sofort an wilde Westernfilme, amerikanische Waffendebatten oder Männer, die seit 1978 denselben Hut tragen. Dabei geht es in Hilden sehr viel weniger um Revolverromantik als um Vereinsleben, Verantwortung und Luftgewehr in gesicherten Räumen. Aber gegen Vorurteile hilft selten ein erklärender Satz. Vielleicht hilft eher ein offenes Fest, ein Tag der offenen Tür, digitale Präsenz, eine Bühne auf dem Alten Markt und die Botschaft: Kommt vorbei, schaut es euch an, es ist weniger altbacken, als ihr denkt. Und falls doch jemand altbacken sagt, gibt es hoffentlich wenigstens etwas Frisches vom Grill.

Auch die Sache mit dem Platz ist typisch Hilden. Es gibt keinen „anständigen Schützenplatz“, heißt es. Der Alte Markt ist schön, zentral und traditionsreich, aber eben nicht gerade so groß, dass man dort problemlos Festzelt, Kirmes, Bühne, Bierwagen, Musikzug, Sicherheitskonzept und die gesamte emotionale Geschichte des Schützenwesens unterbringen könnte. Der Nove-Mesto-Platz wiederum ist ein Thema für sich. Mal geht es um Anwohner, mal um den Wochenmarkt, mal um Schausteller, mal um angebliche Tragfähigkeit, mal um Erfahrungen aus der Vergangenheit. In Hilden reicht manchmal schon ein Fahrgeschäft auf dem falschen Pflaster, und plötzlich hat man eine Debatte, die länger dauert als der Autoscooter fahren würde.

Die Schausteller meiden Hilden, heißt es. Das klingt fast dramatisch. Als würden sie nachts mit ihren Wohnwagen an der Stadtgrenze stehen, einmal Richtung Mittelstraße blicken und dann flüstern: „Nein, nicht Hilden. Nicht noch einmal.“ Gründe gibt es offenbar genug: ungünstige Platzierung, schlechte Erfahrungen, Jugendliche am Eingang, Alkohol, Einbruch in ein Fahrgeschäft. Da merkt man: Auch eine Kirmes hat ein Gedächtnis. Und wahrscheinlich ein sehr gutes.

Nun also das neue Konzept: Schützenfest ohne Festzelt, dafür unter freiem Himmel, mit Bühne, freiem Eintritt und einem Krönungsball in der Stadthalle. Das klingt zunächst nach Einsparung, könnte aber auch eine Chance sein. Vielleicht wird das Fest dadurch sichtbarer, offener, leichter zugänglich. Vielleicht bleiben Menschen eher stehen, wenn sie nicht erst durch einen Zelteingang müssen. Vielleicht entdeckt Hilden das Schützenfest neu, weil es plötzlich mitten im Stadtleben stattfindet und nicht hinter Zeltplanen verschwindet. Und vielleicht ist gerade der Verzicht auf das alte Herzstück der Versuch, dem Brauchtum ein neues Herzklopfen zu geben.

Der Höhepunkt der rheinischen Programmplanung ist natürlich das Public Viewing zur Fußball-Weltmeisterschaft. Schützenfest und Nationalmannschaft unter freiem Himmel – das ist entweder genial oder meteorologisch mutig. Wenn Deutschland gewinnt, war es ein visionäres Konzept. Wenn es regnet, war es Brauchtum mit Bewässerung. Und falls beides gleichzeitig passiert, wird Hilden vermutlich sagen: „So schlimm war es gar nicht, immerhin war der Eintritt frei.“

Am Ende geht es um mehr als um ein Zelt. Es geht um die Frage, wie Tradition in einer Stadt weiterleben kann, wenn sich Gewohnheiten ändern, Kosten steigen und Vereine um Nachwuchs kämpfen. Ein Schützenfest ohne Festzelt ist auf den ersten Blick ein Verlust. Auf den zweiten Blick ist es vielleicht ein Experiment. Und auf den dritten Blick ist es sehr hildenerisch: Man macht weiter, aber anders. Man spart, aber nicht am Willen. Man verzichtet auf das Zelt, aber nicht auf das Fest.

Das Brauchtum soll nicht untergehen. Dieser Satz klingt groß, fast pathetisch. In Hilden bedeutet er ganz praktisch: Bühne aufbauen, Fass anstechen, Musik organisieren, Majestäten proklamieren, Menschen einladen, Verluste vermeiden und hoffen, dass das Wetter mitspielt. Es ist kein einfacher Neustart. Aber vielleicht ein ehrlicher.

Und wer weiß: Vielleicht wird das Schützenfest ohne Zelt am Ende genau das, was Hilden manchmal braucht. Ein bisschen weniger „Das war immer so“ und ein bisschen mehr „Wir probieren das jetzt einfach mal“. Das Zelt fehlt. Aber das Fest bleibt. Und wenn genügend Menschen kommen, mitfeiern und vielleicht auch das eine oder andere traditionssichernde Getränk bestellen, könnte aus dem Freiluftversuch sogar eine neue Hildener Geschichte werden.

Nur eines ist sicher: Sollte es regnen, wird irgendjemand sagen: „Mit Zelt wäre das nicht passiert.“ Und genau deshalb bleibt das Brauchtum lebendig.

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