Es gibt Tage, da möchte man eigentlich nur kurz zum Friseur. Ein bisschen Spitzen schneiden, vielleicht einmal fragen, ob „nur die Seiten“ wirklich noch als Frisur durchgeht, und dann wieder nach Hause. Und dann steht man plötzlich mitten in Hilden auf einem Aktionstag des Ehrenamts, das Kind baut beim Imkerstand ein Holzhäuschen, schießt beim Schützenverein, spielt zwanzig Minuten hochkonzentriert Schach und kommt mit einem Aktionspass voller Stempel zurück. So schnell kann aus „Wir gehen mal eben Haare schneiden“ ein kommunalpolitisch wertvoller Familienausflug werden.
Adrian, zehn Jahre alt, war eines dieser Kinder, die an solchen Tagen beweisen, dass Neugier in Hilden offenbar nicht ausgestorben ist. Beim Schachverein 1922 Hilden setzte er sich ans Brett und spielte gegen Christine Woodford, die seit drei Jahren als Trainerin dabei ist. Nach der Partie bekam er nicht etwa ein trockenes „Gut gemacht“, sondern ein Lob mit pädagogischer Eleganz: Er habe richtig toll gespielt und hätte sicher gewonnen, wenn er alle Grundregeln gekannt hätte. Das ist ungefähr die charmanteste Art, jemandem zu sagen: „Du warst super, aber der Turm zieht leider nicht wie ein besonders entschlossener Staubsauger.“
Adrian nahm es sportlich. Schach gefiel ihm, besonders die Strategie. Dass er bereits Schlagzeug spielt und Fußball macht, zeigt allerdings: Sein Terminkalender ist vermutlich voller als der mancher Erwachsener, die schon überfordert sind, wenn Müllabfuhr und Zahnarzt in dieselbe Woche fallen. Vater Michael zeigte sich offen dafür, die neue Freizeitaktivität irgendwie unterzubringen. Man kennt das: Montag Fußball, Mittwoch Schlagzeug, Freitag Schach, Samstag Turnier, Sonntag Eltern in stabiler Seitenlage.
Beim Hildener Schachverein gibt es rund 100 Mitglieder, allerdings noch immer zu wenige Mädchen. Das bedauerten Peter Krause, der seit 1969 als Trainer und Pressewart aktiv ist, und Cordula Hinrichs, Mannschaftsführerin im Verein. Dabei ist Schach eigentlich ideal: Alter und Geschlecht sind egal, Hauptsache, man kann sich konzentrieren und verwechselt den König nicht mit einer besonders eitlen Dame. Ab sechs Jahren könne man anfangen, vorher seien Kinder oft noch zu verspielt. Wobei man fairerweise sagen muss: Auch Erwachsene sind gelegentlich verspielt, nur nennen sie es dann „Taktikbesprechung“ oder „Ich habe den Zug genau so geplant“.
Gleich nebenan wurde nicht nur geistige Nahrung geboten, sondern auch echte. Beim Foodsharing-Stand durfte sich jeder bedienen: Obst, Gemüse, Backwaren, Süßigkeiten. Also im Grunde das Paradies, nur ohne Schlange an der Supermarktkasse und ohne die eine Person, die beim Bezahlen erst nach der Kundenkarte sucht, als hätte sie sie zuletzt 2007 in einer Berghütte gesehen. Die Initiative macht deutlich, dass Lebensmittel nicht automatisch Müll sind, nur weil ein Mindesthaltbarkeitsdatum beleidigt abgelaufen ist. Vieles ist noch genießbar, landet aber trotzdem in der Tonne. Foodsharing Hilden will genau das verhindern.
Hinter dem Rathaus steht normalerweise ein Fahrrad mit Boxen, in die noch gute Lebensmittel gelegt und aus denen handelsübliche Mengen mitgenommen werden können. Und wichtig: Das Angebot richtet sich nicht nur an Bedürftige, sondern an alle, die Essen retten möchten. Miriam Wildermann erklärte, dass Foodsharing eng mit der Tafel zusammenarbeitet und nur Lebensmittel rettet, für die dort kein Bedarf besteht. Niemandem wird etwas weggenommen. Das ist eine wichtige Botschaft, gerade in Zeiten, in denen manche schon beim letzten Laugenbrötchen im Bäckerkorb gesellschaftliche Verteilungskämpfe wittern.
Rund 22 Betriebe in Hilden und weitere in der Region machen bereits mit, darunter Bäckereien und Supermärkte. Sie geben Waren ab, die zu viel bestellt wurden, kurz vor oder schon nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen oder aus dem Sortiment verschwinden, weil die nächste Angebotswelle anrollt. Man könnte sagen: Foodsharing ist die zweite Chance für Brote, Bananen und Müsliriegel. Und manchmal auch für Menschen, die beim Anblick kostenloser Backwaren plötzlich sehr demütig werden.
Doch der Aktionstag hatte nicht nur Schachzüge und gerettete Teilchen zu bieten, sondern auch klare Haltung. Die „Omas gegen Rechts“ waren ebenfalls vertreten. Seit acht Jahren setzen sie sich für Demokratie und Menschenrechte ein. Susanne Leupold-Zekorn berichtete von einer überparteilichen Gruppe mit etwa 25 Aktiven, darunter auch einige Männer. Jeden zweiten Montag im Monat wird beraten, geplant und vermutlich auch gelegentlich sehr entschieden festgestellt, dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern eher wie ein Schrebergarten: Wenn man sich nicht kümmert, wächst irgendwann etwas, das man ganz sicher nicht gepflanzt hat.
Die „Omas gegen Rechts“ demonstrieren regelmäßig, unter anderem vor dem Landtag in Düsseldorf. Sie zeigen, dass politisches Engagement keine Altersgrenze kennt und dass man mit Erfahrung, Ausdauer und klarer Kante ziemlich viel bewegen kann. Wer beim Wort „Oma“ nur an Häkeldeckchen denkt, hat offensichtlich noch nie erlebt, wie entschlossen Menschen sein können, die schon mehrere Jahrzehnte Familienfeiern, Behördenformulare und Diskussionen über Kartoffelsalat überstanden haben.
Am Ende zeigte der Aktionstag vor allem eines: Ehrenamt in Hilden ist kein verstaubtes Vereinsheim mit lauwarmem Filterkaffee, sondern bunt, lebendig und erstaunlich vielseitig. Da wird gedacht, gebaut, gerettet, diskutiert, gestempelt und gelobt. Kinder entdecken neue Hobbys, Erwachsene neue Initiativen und Lebensmittel neue Hoffnung. Und irgendwo zwischen Schachbrett, Foodsharing-Kiste und Demokratieschild merkt man: Eine Stadt funktioniert nicht nur durch Verwaltung, Straßenlaternen und pünktliche Müllabfuhr. Sie funktioniert durch Menschen, die sagen: „Ich mach da mit.“
Das Problem bleibt natürlich: Ehrenamt braucht Leute. Nicht nur die, die schon immer da sind und vermutlich selbst dann noch den Stand aufbauen würden, wenn ihnen ein Orkan quer über den Ellenbogen pustet. Es braucht neue Gesichter, neue Hände, neue Ideen. Mädchen im Schachverein, Foodsaver mit Fahrradtaschen, Demokratiefreunde mit wetterfester Jacke und Menschen, die beim Satz „Da müsste mal jemand…“ nicht sofort verschwinden, sondern vielleicht fragen: „Wann geht’s los?“
Hilden hat an diesem Tag gezeigt, dass Engagement nicht trocken sein muss. Es kann strategisch sein wie Schach, nachhaltig wie Foodsharing und unbequem wichtig wie eine Demo gegen Rechts. Und manchmal beginnt es eben ganz harmlos mit einem Friseurbesuch. Man geht los, um die Haare schneiden zu lassen, und kommt zurück mit einem gebastelten Häuschen, zwei Stempeln, neuen Ideen und der Erkenntnis: Diese Stadt hat mehr Ehrenamt, als man zwischen Pony und Dauerwelle erwartet hätte.
Mittwoch, 13. Mai 2026
13.5.2026: Hilden spielt Schach, rettet Brötchen und nebenbei die Demokratie
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