Es gibt politische Debatten, bei denen man sich fragt, ob sie in einem Rathaus stattfinden oder im Proberaum einer besonders lustlosen Kabarettgruppe. In Hilden wurde nun ernsthaft darüber beraten, ob Frauen nachts mit drei Taxi-Gutscheinen à zehn Euro sicherer nach Hause kommen könnten – und das Ergebnis war: lieber nicht. Sicherheit ja, aber bitte nur in theoretischer Form, solide abgeheftet und haushaltsneutral. Eine Gruppe Bürgerinnen hatte den geradezu revolutionären Vorschlag gemacht, Frauen zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens per Zuschuss den Heimweg zu erleichtern. Also nicht mit einer vergoldeten Limousine, nicht mit Chauffeur in Livree, sondern mit dem, was man landläufig einen pragmatischen Mini-Baustein gegen das mulmige Gefühl der Nacht nennt. Drei Zehnercoupons! Das ist ungefähr die Größenordnung, in der man in Deutschland sonst über Kantinenessen, Parktickets oder den letzten Weihnachtsstern fürs Bürgerbüro diskutiert.
Die Begründung war dabei unerquicklich plausibel: Viele Frauen fühlen sich nachts unsicher, sexuelle Gewalt trifft ganz überwiegend Frauen, und manche Orte wie Bahnhof oder Gabelung scheinen nun nicht gerade als Wellness-Oasen des Sicherheitsgefühls durchzugehen. Eigentlich ein klassischer Fall von: kleines Mittel, klarer Zweck, vielleicht einfach mal ausprobieren. Selbst die SPD hatte schon den typisch kommunalpolitischen Sicherheitsgurt eingebaut: Deckelung auf 10.000 Euro und Evaluation nach einem Jahr. Mehr deutsche Vernunft bekommt ein Antrag nur noch, wenn er in einen Leitz-Ordner eingeheftet und mit „Pilotprojekt“ beschriftet wird.
Doch der Hauptausschuss entschied anders. CDU, AfD, Grüne und FDP lehnten ab, SPD, Linke und BA/Piraten stimmten dafür. Schon diese Konstellation klingt wie der Spielplan eines sehr verwirrten Lokaltheaters. Besonders charmant ist die Begründung der Verwaltung, man bleibe lieber bei „etablierten“ Präventionskonzepten. Das ist ein wunderbar deutsches Argument, denn „etabliert“ bedeutet in der Praxis häufig: Es existiert bereits, niemand muss sich dafür aus dem Fenster lehnen, und falls es nicht besonders gut funktioniert, kann man wenigstens behaupten, es sei bewährt. Bewährt worin, das bleibt dann oft ein Fall für Historiker.
Aus der Politik meldete sich auf der Gegenseite vor allem die AfD mit dem Hinweis, 70 Prozent der Opfer von Straftaten in der Öffentlichkeit seien Männer. Das ist ungefähr die argumentative Eleganz von: „Warum einen Regenschirm aufspannen? Es gibt schließlich auch Leute, die bei Sonne einen Sonnenbrand kriegen.“ Der Umstand, dass Männer ebenfalls Opfer von Straftaten werden, ist natürlich kein Argument dagegen, Frauen bei einem spezifischen Sicherheitsproblem zu helfen. Sonst könnte man demnächst auch Feuerwehrschläuche abschaffen mit der Begründung, es gäbe ja schließlich auch Wasserschäden ohne Brand.
Besonders tragikomisch ist an der ganzen Sache dieser haushaltspolitische Unterton, als hätte die Stadt kurz davor gestanden, das Projekt „Mondlandung Hilden-Süd“ zu finanzieren. Dabei reden wir nicht über ein milliardenschweres Prestigeobjekt, sondern über Taxigutscheine. Über drei Coupons. Pro Frau. Das ist finanziell ungefähr die Kategorie, in der manche Kommunen sonst prüfen, ob man fürs Stadtfest noch zwei zusätzliche Bierbänke bekommt. Aber sobald Frauen nachts sicherer nach Hause kommen sollen, wird der Rotstift offenbar zum moralphilosophischen Instrument.
Natürlich lösen Taxigutscheine nicht das Grundproblem. Kein Mensch steigt ins Taxi und denkt: Ach wunderbar, das Patriarchat ist beendet, danke Kassenamt. Aber genau das war ja auch nie der Punkt. Der Vorschlag war kein Endgegner der Kriminalprävention, sondern ein kleiner, ziemlich lebensnaher Versuch, ein reales Problem etwas abzufedern. Man muss nicht so tun, als wäre ein 10-Euro-Coupon die feministische Version des Marshallplans. Man hätte auch einfach sagen können: Wir probieren das mal, schauen auf die Nutzung, reden danach weiter. Stattdessen entschied man sich in Hilden für die klassische Spezialdisziplin deutscher Kommunalpolitik: eine praktische Idee erst so lange skeptisch anschauen, bis sie wieder aussieht wie ein Haushaltsrisiko mit Frauenbezug.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass in Hilden nachts zwar nicht jede Frau ein Taxi bekommt, dafür aber jede Debatte zuverlässig den Heimweg ins Absurde findet. Die Bürgerinnen wollten ein bisschen mehr Sicherheit, ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit und vielleicht auch das Gefühl, dass ihre Sorgen nicht erst dann ernst genommen werden, wenn sie in Tabellenform mit drei Unterschriften und Kostenneutralität vorliegen. Bekommen haben sie vorerst vor allem eine Lektion darin, wie schwer es sein kann, in der Politik für eine ziemlich überschaubare Idee überhaupt bis zur Bordsteinkante zu kommen. Hilden spart also. Nur leider am falschen Ende – und nachts läuft bekanntlich niemand besonders gern zu Fuß nach Hause, wenn das Gefühl mitgeht, dass selbst ein Taxigutschein schon als zu mutig gilt.
Samstag, 28. März 2026
28.3.2026: Nachts in Hilden: Sicherheit gibt’s leider nicht im Gutscheinheft
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