Donnerstag, 12. März 2026

12.3.2026: Wenn der Bus streikt und die Geduld gleich mitfährt

Es gibt Nachrichten, die treffen einen mitten ins Herz, und dann gibt es Nachrichten, die treffen einen morgens an der Haltestelle, bei Nieselregen, mit leerem Blick und der bitteren Erkenntnis: Der Bus kommt nicht. Schon wieder Streik im ÖPNV, schon wieder Stillstand auf Schiene light, also auf allem, was keine S-Bahn oder Regionalbahn ist. Während diese immerhin weiterhin regulär fahren sollen, stehen viele lokale Busse und Bahnen erneut still, als hätten sie kollektiv beschlossen, dass jetzt wirklich mal Schluss mit lustig ist – wobei gerade das Lustige daran vor allem dem Außenstehenden auffällt. Für Pendlerinnen und Pendler ist das Ganze nämlich ungefähr so unterhaltsam wie ein Regenschirm mit eingebautem Loch.

Der Tarifkonflikt zwischen ver.di und dem Kommunalen Arbeitgeberverband NRW wirkt inzwischen wie eine Beziehung, in der beide Seiten sagen: „Wir müssen reden“, aber dann nur längere Sprachnachrichten schicken, die alles noch schlimmer machen. Zwei Verhandlungsrunden gab es schon, ein Ergebnis nicht. Das dritte Treffen ist für den 24. März 2026 angesetzt, also irgendwann in jener fernen Zukunft, in der man möglicherweise auch mal wieder pünktlich mit der Rheinbahn irgendwo ankommt. Bis dahin wird weiter Druck gemacht, gestreikt, gewarnt und erklärt. Das Ruhrgebiet hatte schon am Samstag seinen Vorgeschmack, Dortmund darf am Montag weitermachen, und am Dienstag trifft es unter anderem Düsseldorf, den Kreis Mettmann, Leverkusen, Wuppertal, Solingen, Remscheid und Bergisch Gladbach. Anders gesagt: Wer mobil sein will, braucht gute Schuhe, starke Nerven und die Bereitschaft, plötzlich wieder Dinge zu sagen wie: „Dann gehe ich eben zu Fuß.“

Inhaltlich klingt der Streit gar nicht mal so exotisch. ver.di fordert bessere Arbeitsbedingungen, also weniger Wochenarbeitszeit, mehr Ruhe zwischen Schichten, höhere Zuschläge für Sonntagsarbeit, Freistellung für Gewerkschaftsarbeit und die Einbeziehung kurzfristig Beschäftigter. Das ist im Kern die Art Forderung, bei der jeder Arbeitnehmer spontan nickt und jeder Kämmerer der Kommune ganz leise gegen einen Aktenschrank sinkt. Auf der anderen Seite steht der KAV NRW und verweist auf die klammen Kassen der Städte und Gemeinden. Dort sieht man die Gefahr, dass weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich am Ende vor allem eines produziert: weniger Angebot. Und ein Nahverkehr, der die Verkehrswende retten soll, macht sich natürlich eher schlecht, wenn er vor allem durch Abwesenheit glänzt.

Das Dilemma ist damit fast schon poetisch. Die Beschäftigten sagen: So geht es nicht weiter, sonst verschärft sich der Personalmangel. Die Arbeitgeber sagen: So geht es erst recht nicht weiter, sonst verschlechtern sich Angebot und Produktivität. Beide Seiten wollen im Grunde einen funktionierenden ÖPNV, nur leider auf sehr unterschiedliche Weise. Die einen möchten mehr Entlastung, die anderen weniger Belastung für die Kassen. Heraus kommt ein Zustand, bei dem man als Fahrgast das Gefühl bekommt, zwischen Fronten zu stehen, ohne überhaupt befördert zu werden. Man ist plötzlich nicht mehr Kunde, sondern Statist in einem Arbeitskampf mit Abo-Funktion.

Besonders charmant ist wie immer der praktische Hinweis, man möge sich doch auf den Internetseiten der Verkehrsunternehmen informieren. Das ist natürlich richtig, setzt aber voraus, dass man morgens um sechs noch die geistige Kapazität besitzt, drei Webseiten, zwei Apps und im Zweifel noch ein Orakel zu befragen, um herauszufinden, ob die eigene Linie ausnahmsweise fährt oder nur symbolisch existiert. Denn einzelne Linien werden ja oft doch unterwegs sein, gewissermaßen als seltene Wildtiere des Nahverkehrs: Man hat gehört, dass es sie gibt, aber gesehen hat sie kaum jemand.

So sitzt nun also halb NRW auf gepackten Taschen, ungefahrenen Tickets und der Hoffnung, dass sich dieser festgefahrene Konflikt irgendwann wieder löst. Bis dahin gilt der alte Grundsatz des modernen öffentlichen Nahverkehrs: Die eigentliche Reise beginnt nicht mit dem Einsteigen, sondern mit der Frage, ob überhaupt etwas einfährt. Und wer an diesen Tagen tatsächlich mit Bus oder Bahn ans Ziel kommt, darf sich nicht einfach Pendler nennen. Das ist dann schon fast Abenteuerurlaub

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