Es gibt Städte, die bauen Seilbahnen, pflanzen Palmen auf den Marktplatz oder leisten sich wenigstens einen Kreisverkehr mit ambitionierter Beleuchtung. Und dann gibt es Hilden. Hilden hat beschlossen, in schwierigen Zeiten dort kreativ zu werden, wo es richtig wehtut: beim Blick auf den Steuerbescheid. Der Stadtrat hat nach einer langen Sitzung nämlich das getan, was Kommunalpolitik am besten kann, wenn das Konto klingt wie eine leere Keksdose: Er hat an Hebesätzen geschraubt, als gäbe es dafür Bonuspunkte im Verwaltungsolymp.
Besonders unterhaltsam war dabei das Drama um die Grundsteuer. Wer dachte, Zahlen seien emotionslos, hat offenbar noch nie einer Ratssitzung zugehört, in der 650, 750, 760, 800 oder 860 Prozentpunkte in den Ring geworfen werden wie Kandidaten bei einer Casting-Show namens „Germany’s Next Top Hebesatz“. Am Ende kehrt Hilden nun zurück zum einheitlichen Satz bei der Grundsteuer B, und zwar mit stattlichen 800. Das klingt nicht wie eine Steuer, das klingt wie der Endgegner in einem sehr trockenen Videospiel: „Sie betreten Level 800 – Angriff des Hebesatzes.“ Davor hatte die Stadt noch differenzierte Sätze für Wohn- und Nichtwohngrundstücke, was zwar kompliziert war, aber immerhin das Gefühl vermittelte, dass Bürokratie noch Ehrgeiz besitzt. Nun also wieder Einheit – wahrscheinlich auch, weil man sich auf irgendetwas einigen musste, bevor die Sitzung in eine mehrteilige Netflix-Doku umbenannt wird.
Die Diskussion selbst hatte alles, was große Unterhaltung braucht: harte Fronten, Sitzungspause, überraschende Wendungen und die Erkenntnis, dass in der Kommunalpolitik schon ein Vorschlag von 750 Punkten als beinahe rebellisch gilt. Die CDU wollte lieber weiter splitten, die SPD sah sich bestätigt, die Bürgeraktion und Piraten wollten es neutraler, die Grünen kamen nach der Pause mit einem neuen Kompromiss zurück, die FDP warnte, und am Ende einigte man sich auf 800. Das ist im Grunde wie ein Familienurlaub mit acht Leuten, bei dem am Ende alle nach Holland fahren, obwohl keiner ursprünglich nach Holland wollte.
Auch bei der Gewerbesteuer zeigte Hilden, dass man Zahlen nicht einfach nur erhöht, sondern sie zuvor gründlich politisch massiert. Die Verwaltung wollte von 400 auf 450. Die CDU sagte 430. Die Grünen nickten, die SPD ebenso, die FDP stemmte sich mit flammender Rede dagegen, und die Linke dachte sich vermutlich: Wenn schon, denn schon, und schlug 480 vor. Durchgesetzt hat sich schließlich die 430. Das hat den Charme eines Kompromisses, bei dem alle sagen können, sie hätten Schlimmeres verhindert, obwohl das Loch im Haushalt trotzdem weiter freundlich zurückwinkt. Denn der Haken ist natürlich: Im Haushaltsentwurf war schon mit 450 gerechnet worden. Jetzt fehlen laut Kämmerer zwei Millionen Euro pro Jahr. Mit anderen Worten: Hilden hat sich für die etwas kleinere Schmerztablette entschieden und stellt nun fest, dass das Fieber leider noch da ist.
Und genau da wird die ganze Sache erst richtig kommunalpoetisch. Der Haushalt für 2026 wurde zwar mehrheitlich beschlossen, weist aber trotzdem ein Defizit von mehr als 26 Millionen Euro aus. Das ist die Art von Zahl, bei der man als normaler Mensch kurz innehält und überlegt, ob man vielleicht doch wieder anfangen sollte, Pfandflaschen nach Farben zu sortieren. Gleichzeitig klingt in den Reden alles sehr entschlossen, verantwortungsvoll und generationengerecht, was ja auch richtig ist – nur hat man bei solchen Formulierungen immer ein bisschen das Gefühl, der Haushalt sei kein Zahlenwerk, sondern ein störrischer Patient, der mit ernster Miene stabilisiert werden muss.
Man muss Hilden aber eines lassen: Die Stadt macht aus finanzieller Not wenigstens ein spannendes Schauspiel. Da wird beraten, pausiert, zurückgezogen, neu vorgeschlagen, wieder verworfen und am Ende doch beschlossen. Es ist ein bisschen wie Improvisationstheater im Bürgerhaus, nur mit mehr Prozentpunkten und weniger Applaus. Und während Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen nun ausrechnen dürfen, was das alles konkret für sie bedeutet, bleibt vor allem die Erkenntnis: Auch ohne Karneval versteht man es im Rheinland, aus ernsten Lagen eine Form von Unterhaltung zu machen. Leider ist es diesmal die Sorte Unterhaltung, bei der am Ende alle zahlen müssen.
Freitag, 17. April 2026
17.4.2026: Hilden hebt ab – leider nur bei den Steuern
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