Es gibt in jeder Stadt diese Orte, von denen man stillschweigend annimmt, dass sie einfach immer da sind. In Hilden gehört das Cafe Extrablatt ziemlich eindeutig dazu. Man läuft vorbei, sieht Menschen frühstücken, Kaffee trinken, Burger essen oder mit der ernsten Miene großer Weltpolitik über einen Aperol diskutieren, und denkt: Ja, alles ist in Ordnung, die Zivilisation funktioniert noch. Umso härter trifft nun die Nachricht, dass das Cafe Extrablatt an der Mittelstraße vom 4. Mai bis voraussichtlich 20. Juli für rund zweieinhalb Monate schließt. Zweieinhalb Monate! Für manche Stammgäste dürfte das emotional ungefähr auf einer Stufe stehen mit einem Stromausfall, einem WLAN-Abbruch und der Erkenntnis, dass der Lieblingsplatz auf der Terrasse künftig von jemand anderem besetzt sein könnte.
Der Grund für die Schließung ist allerdings kein Drama, sondern ein großer Umbau. Und zwar keiner von der Sorte „Wir stellen mal einen neuen Blumentopf auf“, sondern richtig handfest. Küche und Thekenbereich werden modernisiert, entkernt, neu angeordnet und mit neuen Geräten ausgestattet. Das klingt zunächst unromantisch, ist aber in Wahrheit der Maschinenraum jeder gastronomischen Glückseligkeit. Denn während Gäste meist nur wahrnehmen, dass ihr Getränk angenehm kühl und das Essen überraschend warm ankommt, steckt dahinter offenbar bislang eine kleine Schnitzeljagd für die Mitarbeitenden. Vier verschiedene Orte, um ein Getränk zuzubereiten, sind auf Dauer eben eher ein Hindernisparcours als ein Servicekonzept. Künftig sollen Gläser, Eiswürfel, Getränke und Minze an einem Platz sein. Mit anderen Worten: Mojitos werden bald nicht mehr unter den Bedingungen einer kleinen Expedition hergestellt.
Für die Gäste gibt es derweil Entwarnung. Die Grundatmosphäre soll erhalten bleiben, der bekannte Charme ebenfalls. Das ist eine ausgesprochen beruhigende Formulierung, denn bei Umbauten schwingt ja immer die leise Angst mit, dass hinterher alles aussieht wie eine Mischung aus Flughafenlounge, Zahnarztpraxis und skandinavischem Möbelkatalog. Doch nein: Das Extrablatt bleibt offenbar Extrablatt. Nur eben in praktischer. Ein Geländer verschwindet, eine neue Sitzbank kommt dazu, und auch draußen wird investiert. Neue Schirme, Markisen und Heizstrahler sollen die Aufenthaltsqualität verbessern. Man könnte also sagen: Das Café gönnt sich ein Update, ohne gleich seine Persönlichkeit an der Garderobe abzugeben.
Besonders interessant ist aber die logistische Meisterleistung hinter der Schließung. Rund 25 fest angestellte Mitarbeiter brauchen für diese Zeit Übergangslösungen, und die klingen fast wie der Spielplan einer kleinen Gastro-Wandertheatergruppe. Ausgeholfen wird in Düsseldorf, Monheim, Velbert und sogar bei einer Neueröffnung in Bocholt. Bocholt! Allein diese Option zeigt, wie ernst man es mit der Weiterbeschäftigung meint. Für den langen Arbeitsweg gibt es sogar Übernachtungsmöglichkeiten. Das ist der Moment, in dem der einfache Cafébesucher lernt: Hinter einem Latte Macchiato steckt manchmal mehr Reisebereitschaft, als man je vermutet hätte. Immerhin wird darauf geachtet, dass Mitarbeitende mit familiären Verpflichtungen nicht plötzlich zu Wochenpendlern des Franchise-Systems werden. Und manche im Team haben bereits angekündigt, die Umbauzeit für Urlaub zu nutzen. Verständlich. Wenn dein Arbeitsplatz vorübergehend aus Betonstaub, Handwerkern und entkernten Wänden besteht, klingt Erholung plötzlich sehr vernünftig.
Dass der Umbau ausgerechnet in den umsatzstarken Monaten Mai, Juni und Juli stattfindet, wirkt auf den ersten Blick mutig. Oder wahnsinnig. Oder beides. Der Betriebsleiter sieht darin aber Vor- und Nachteile. Im Sommer wären zwar eigentlich viele Gäste zu erwarten, gleichzeitig lassen sich Mitarbeitende in dieser Zeit besser in anderen Filialen unterbringen. Im Winter wäre das schwieriger gewesen. Das ist diese Art betriebswirtschaftlicher Logik, bei der man kurz innehält und anerkennend nickt, obwohl man innerlich nur denkt: Stimmt, klingt kompliziert, aber vermutlich besser, als im Dezember zwei Terrassen und 25 Mitarbeiter gleichzeitig jonglieren zu müssen.
Natürlich bleiben die Kosten des Umbaus geheim, was dem Ganzen eine gewisse Mystik verleiht. Man weiß also nicht genau, wie teuer es ist, eine Küche komplett zu entkernen, eine Theke neu zuzuschneiden und dem Außenbereich wetterfesten Charme zu verpassen. Aber vermutlich bewegt sich die Summe irgendwo zwischen „hui“ und „deshalb reden wir nicht darüber“. Auch das passt irgendwie in die Gastronomie: Der Gast soll am Ende einfach nur merken, dass alles besser läuft, ohne beim Frühstück nebenbei einen Finanzbericht serviert zu bekommen.
Wenn alles nach Plan läuft, eröffnet das Cafe Extrablatt am 20. Juli wieder. Vielleicht auch zehn Tage früher, vielleicht zehn Tage später. Das ist bei Umbauten bekanntlich die elegante Version von: Wir schauen mal, was die Realität daraus macht. Eine große Wiedereröffnungsaktion ist deshalb noch nicht geplant, aber man darf davon ausgehen, dass in Hilden spätestens an diesem Tag viele Menschen mit der Miene zurückkehren werden, mit der man alte Freunde begrüßt. Bis dahin heißt es für Stammgäste: stark bleiben, neue Frühstücksorte testen und sich daran erinnern, dass wahre Liebe auch eine zweieinhalbmonatige Trennung übersteht. Und wer weiß – vielleicht schmeckt der erste Kaffee nach der Wiedereröffnung dann nicht nur gut, sondern auch ein kleines bisschen nach Triumph.
Samstag, 25. April 2026
25.4.2026: Wenn das Extrablatt mal kurz selbst einen Espresso braucht
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