Dienstag, 21. April 2026

21.4.2026: Das große Abitur-Mysterium von Hilden: Warum die einen 90 Prüflinge haben und die anderen nur betreten gucken

Es gibt Jahre, in denen an Schulen alles seinen gewohnten Gang geht: Prüfungsstress, nervöse Blicke, literweise Kaffee auf Lehrerseite und bei Schülerinnen und Schülern die plötzliche Erkenntnis, dass man vielleicht doch früher hätte anfangen sollen zu lernen. Und dann gibt es 2026. Das Jahr, in dem das Abitur in NRW ein bisschen aussieht wie eine Veranstaltung, zu der deutlich weniger Gäste gekommen sind als erwartet. Nicht, weil niemand Lust hatte, sondern weil das Schulsystem beschlossen hat, einmal die Zeitlinie umzubauen. Das Ergebnis: der sogenannte „weiße Jahrgang“. Ein Begriff, der klingt, als handele es sich um eine seltene Weinsorte oder eine besonders ruhige Karnevalssession, tatsächlich aber einfach meint, dass wegen der Rückumstellung von G8 auf G9 viele potenzielle Abiturienten noch ein Jahr länger in der Schule bleiben dürfen – oder müssen, je nach persönlicher Begeisterung für Oberstufenmathematik.

NRW-weit wird der Effekt ziemlich deutlich. Während 2025 noch rund 70.000 Schülerinnen und Schüler ihr Abitur abgelegt haben, sind es 2026 nur rund 30.000. Das ist nicht einfach ein kleiner Rückgang, das ist eine Zahlendifferenz, bei der selbst Statistikmuffel kurz die Stirn runzeln. Im gesamten Kreis Mettmann sind es laut Bezirksregierung Düsseldorf 935 Prüflinge. Man kann also sagen: Das Abitur findet statt, aber eher in einer Art exklusiver Sonderedition.

Auch in Hilden zeigt sich dieser merkwürdige Ausnahmezustand sehr anschaulich. Denn dort gibt es Schulen mit Abiturienten – und Schulen mit exakt null. Null! Das ist die Art von Zahl, die in einem Schulkontext sonst höchstens dann auftaucht, wenn jemand seine Hausaufgaben besonders konsequent ignoriert hat. Am Helmholtz-Gymnasium Hilden gibt es in diesem Jahr tatsächlich gar keine Prüflinge. Kein Prüfungsfieber, kein hektisches Rascheln mit Karteikarten, kein kollektives „Hätten wir doch bloß mehr gemacht“. Einfach nichts. Vermutlich eine sehr seltsame Ruhe für eine Schule, die sonst um diese Jahreszeit mit besonders konzentriertem Zukunftsflattern rechnen darf.

An anderen Schulen in Hilden sieht das dagegen ganz anders aus. Dort wird durchaus geprüft, geschrieben, gezittert und vermutlich auch darüber diskutiert, warum ausgerechnet jetzt Spanisch, Griechisch und Portugiesisch den Auftakt machen. Während also ein Gymnasium 2026 quasi ein abiturfreies Wellnessjahr erlebt, laufen andernorts die Prüfungen ganz regulär. Das ist ungefähr so, als würde in einer Straße die Hälfte der Häuser Weihnachten feiern und die andere Hälfte feststellen, dass der Kalender dieses Jahr einfach ausgesetzt wurde.

Der Grund dafür ist natürlich kein lokales Rätsel und auch kein besonders experimentierfreudiger Stundenplan, sondern die landesweite Umstellung zurück zu G9. Nach Jahren des Turbo-Abiturs mit acht Gymnasialjahren hat NRW beschlossen, Schülerinnen und Schülern wieder ein Jahr mehr Zeit bis zum Abschluss zu geben. Pädagogisch sicher sinnvoll, organisatorisch aber in diesem Übergang ein kleines Kuriositätenkabinett. Denn irgendwo zwischen alter und neuer Regelung entsteht eben dieser „weiße Jahrgang“, der nicht komplett leer ist, aber doch so ausgedünnt, dass ganze Schulen plötzlich ohne Abiturientinnen und Abiturienten dastehen.

Für die Betroffenen hat das vermutlich zwei sehr unterschiedliche Seiten. Auf der einen Seite weniger Gewusel, weniger Chaos, weniger Prüfungspanik in den Fluren. Auf der anderen Seite fehlt natürlich auch ein bisschen von diesem besonderen Endspurtgefühl, wenn ein Jahrgang sich kollektiv durch die letzten Wochen kämpft und dabei zwischen Zukunftsplänen, Lernzetteln und leichtem Schlafmangel pendelt. Ein Gymnasium ohne Abiturjahrgang ist schließlich ein bisschen wie ein Freibad ohne Pommesgeruch: funktioniert irgendwie, fühlt sich aber seltsam an.

So wird 2026 in Hilden zu einem Schuljahr, das in Erinnerung bleiben dürfte – nicht wegen besonders vieler Prüflinge, sondern gerade wegen der auffälligen Lücken. Während am einen Ort die Abiturphase ganz normal anrollt, herrscht am anderen eine fast gespenstische Abschlussstille. Der „weiße Jahrgang“ ist damit weniger ein pädagogischer Fachbegriff als vielmehr ein Beweis dafür, dass Bildungspolitik manchmal sehr praktische, sehr sichtbare und manchmal auch ziemlich skurrile Folgen hat. Und irgendwo in Hilden sitzt nun vermutlich ein Lehrer in einem ungewöhnlich ruhigen Lehrerzimmer und denkt: Schön, dass heute keine Abiklausur ansteht. Fast schon unheimlich schön.

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