Freitag, 24. April 2026

24.4.2026: Wenn Autobahn und S-Bahn gleichzeitig Urlaub machen

Es gibt Nachrichten, bei denen man sofort spürt: Das wird nichts mit der entspannten Anreise. Im Kreis Mettmann kündigt sich nämlich ein herbstliches Infrastruktur-Event an, das ungefähr so viel Vorfreude auslöst wie nasse Socken im November. Die A59 Richtung Düsseldorf soll voll gesperrt werden, während gleichzeitig die S6 monatelang ausfällt. Mit anderen Worten: Wer pendelt, darf demnächst wählen, ob er im Auto steht oder im Ersatzverkehr darüber nachdenkt, warum er nicht einfach Förster geworden ist.

Dabei klingt zunächst alles noch halbwegs vernünftig. Die Sanierung der A59 läuft laut Autobahn GmbH im Zeitplan, die erste Teerschicht ist drauf, die maroden Betonplatten aus den 1970er-Jahren verschwinden nach und nach. Man könnte fast meinen, Deutschland habe seine Beziehung zu Großbaustellen inzwischen in den Griff bekommen. Doch dann biegt die Realität wieder geschniegelt um die Ecke und sagt: Schön, dass die eine Fahrtrichtung bald fertig ist – im Herbst wird dann eben die andere gesperrt. Voll. Komplett. Mit Nachdruck.

Besonders charmant wird die Sache dadurch, dass der gefürchtete Verkehrskollaps bislang offenbar ausgeblieben ist. Das ist in etwa so beruhigend wie der Satz eines Zahnarztes: „Bis jetzt sieht es noch ganz ordentlich aus.“ In Langenfeld spricht man von punktuellen Überschreitungen der Leistungsfähigkeitsgrenzen, was nach Ingenieurssprache klingt, aber im Alltag vermutlich bedeutet: Es stockt, hupt und jemand flucht in seinem Kleinwagen auf Höhe der nächsten Ampel. In Hilden wiederum heißt es, viele Pendler hätten inzwischen ihre individuellen Umleitungsrouten gefunden. Ein schöner Ausdruck dafür, dass mittlerweile vermutlich halb NRW geheime Schleichwege kennt, die früher nur Paketboten und sehr ehrgeizige Taxifahrer auf dem Schirm hatten.

Eine Hauptrolle in diesem Drama spielen die Bedarfsampeln. Schon das Wort klingt wie eine höfliche Erfindung für: Wir hoffen, dass diese Dinger uns retten. Mit Videobeobachtung und Fernüberwachung sollen sie den Verkehr lenken. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ampeln selbstständig schlauer werden. Sie beobachten nur brav die Lage, damit irgendwo jemand manuell entscheiden kann, dass Grün vielleicht doch eine gute Idee wäre. Man möchte sich diese Szenerie bildlich vorstellen: Millionen Fahrzeuge, Hunderte genervte Menschen und irgendwo ein Bildschirm, auf dem jemand sagt: „Oh, an der Kreuzung ist ja wieder was los.“

Immerhin wurden in Hilden bereits Anpassungen vorgenommen. An zwei Kreuzungen war die Grünphase zu kurz, was im Straßenverkehr ungefähr die Bedeutung hat wie ein zu kleines Handtuch im Schwimmbad: formal vorhanden, praktisch aber unerquicklich. Also wurde nachjustiert, optimiert, verbessert. Man sieht förmlich den deutschen Verwaltungsapparat in Höchstform: Bürger melden ein Problem, die Stadt nimmt Hinweise auf, die Signalbaufirma aus der Nähe von Hannover verändert die Schaltung. Das ist fast romantisch. Langsam, technisch und mit dem dezenten Duft von Formularen.

Dann aber kommt der eigentliche Höhepunkt dieses Verkehrsromans: Parallel zur Herbstsperrung der A59 fällt von Anfang Juli bis zum 4. Dezember auch noch die S6 beziehungsweise S68 aus. Statt S-Bahn gibt es Schienenersatzverkehr. Und jeder, der dieses Wort kennt, weiß: Es beschreibt kein Verkehrsmittel, sondern einen emotionalen Zustand. Der Bus fährt theoretisch dorthin, wo vorher die Bahn fuhr, braucht aber länger, steht ebenfalls im Stau und vermittelt den Fahrgästen die besondere Erfahrung, gleichzeitig unterwegs und doch irgendwie festzustecken.

So droht also die doppelte Pendlerprüfung: Wer dem Stau auf der Straße entkommen will, landet womöglich im Ersatzbus, der selbst im Stau steht. Das ist die Art von logistischer Eleganz, für die man in anderen Ländern vermutlich Kunstpreise vergeben würde. Die Region bekommt damit ein Mobilitätskonzept, das sich am besten mit „gegenseitiger Behinderung auf hohem Niveau“ beschreiben lässt.

Natürlich gibt es gute Gründe für die Maßnahmen. Die Fahrbahn ist alt, kaputt und den Belastungen nicht mehr gewachsen. Die Bauwerke sind nicht für dauerhaften Zweirichtungsverkehr ausgelegt. Rettungskräfte müssen im Notfall durchkommen. All das ist vernünftig und wichtig. Aber für den normalen Pendler bleibt am Ende vor allem die Erkenntnis: Die Infrastruktur wird zwar fit gemacht, nur leider genau in dem Moment, in dem man sie braucht.

Bis dahin darf man also gespannt beobachten, wie sich Autofahrer durch Hilden, Langenfeld und Monheim tasten, wie Ampeln unter Beobachtung stehen und wie sich der Schienenersatzverkehr bemüht, das Wort „Ersatz“ nicht zu persönlich zu nehmen. Der Herbst 2026 verspricht damit weniger goldene Blätter als rote Bremslichter. Und irgendwo zwischen A59, B8 und Ersatzbus wird wieder einmal deutlich: In Deutschland reist man nicht einfach von A nach B. Man erlebt dabei etwas.

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