Samstag, 21. Februar 2026

21.2.2026: Hilden hebt ab: Wenn zwei Sportvereine „Ja“ sagen (und 5000 Mitglieder schon mal das Konfetti zählen)

In Hilden passiert gerade das, was sonst nur in romantischen Komödien oder bei besonders ambitionierten Vereinsfesten vorkommt: Zwei Schwergewichte der Itterstadt – der TuS Hilden und die Hildener AT (HAT) – schauen sich tief in die Augen, räuspern sich kurz und sagen sinngemäß: „Du… wollen wir das wirklich zusammen durchziehen?“ Zehn Monate Projektarbeit später ist die Antwort überraschend oft: „Ja, wir haben mehr gemeinsam, als wir dachten.“ Und jetzt wird’s ernst: finale Fusionsphase. Das klingt ein bisschen nach „Endgegner“, ist aber vermutlich eher „Level 10: Satzungsrecht und Gefühle“.

Die Ausgangslage ist schon filmreif: Im April letzten Jahres haben die Mitglieder beider Vereine ihren Vorständen offiziell den Auftrag gegeben, über eine mögliche Fusion zu sprechen. Nicht so ein unverbindliches „Wir müssen mal einen Kaffee trinken“, sondern richtig mit Mandat, Protokoll und dem unausgesprochenen Vereinsmotto: „Wenn wir das machen, dann ordentlich.“ Das Ziel: ein Großverein mit rund 5000 Mitgliedern. Der TuS bringt 1450 Sportbegeisterte mit, die HAT 3700 – zusammen also eine Größenordnung, bei der man in Hilden vermutlich schon beim Bäcker einen eigenen Warteschlangenmanager braucht.

Und weil Tradition im Sportverein ungefähr so wichtig ist wie Tape im Erste-Hilfe-Kasten, werden auch die Lebensläufe der beiden Kandidaten nicht versteckt, sondern stolz auf den Tisch gelegt: Der TuS, gegründet 1896, wird gerade 130 Jahre alt – praktisch ein Verein im besten Alter, der immer noch locker aus dem Stand den Spagat zwischen „damals“ und „jetzt“ hinbekommt. Die HAT ist sogar noch ein bisschen älter und bringt 162 Jahre Sportgeschichte mit – da hat man schon so manchen Modetrend und vermutlich auch einige Frisurenkrisen im Turnen überlebt. Beide haben also genug Vergangenheit, um beim Vereinsabend Anekdoten bis nach Mitternacht zu liefern.

Der Grund für das Ganze ist dabei erstaunlich unromantisch und genau deshalb so nachvollziehbar: Größe ist attraktiv. Für Übungsleiter, für Sponsoren, fürs Standing in der Stadt. Frei nach dem Prinzip „Je größer der Verein, desto eher ruft jemand zurück.“ TuS-Chef Michael Wegmann bringt es auf die Formel „Je größer, desto interessanter“, und HAT-Vorsitzender Sven Reuter sieht vor allem das Potenzial, Hilden sportlich wieder ein Stückchen mehr auf die Landkarte zu setzen. Eine Fusion wäre also nicht nur eine neue Satzung, sondern auch eine Art sportpolitischer Verstärker: mehr Gewicht, mehr Sichtbarkeit, mehr „Hallo, wir sind auch noch da!“.

Jetzt kommt der Teil, den man von außen gerne unterschätzt: Fusion ist nicht nur Excel, sondern auch Emotion. Zehn Monate lang haben Projektgruppen Vereinsstrukturen, Sportangebote, Finanzen, Ehrenamt und wahrscheinlich auch die große Frage „Wie nennen wir das Kind eigentlich?“ durchgekaut. Das Ergebnis: gemeinsame Werte, ähnliche Ziele, viel Wille, den Sport in Hilden „zukunftssicher, vielfältig und attraktiv“ zu machen. Wenn zwei Vereine nach zehn Monaten Workshops nicht komplett entnervt auseinanderlaufen, ist das im Grunde schon ein olympisches Zeichen.

Inzwischen haben beim TuS Vorstand und Abteilungsleiter grünes Licht gegeben, bei der HAT hat das Präsidium einstimmig zugestimmt. Das ist der Moment, in dem man merkt: Das ist kein loses Gedankenspiel mehr, das ist die Sorte Plan, bei der irgendwann jemand wirklich einen Vertrag ausdruckt. Genau da sind sie jetzt: Satzungsrechtliche Fragen werden geprüft, der Landessportbund berät, und irgendwann wird ein Fusionsvertrag geschrieben. Wer bei „satzungsrechtliche Fragen“ schon gähnt, hat noch nie erlebt, wie leidenschaftlich Menschen über Formulierungen wie „Der Vorstand besteht aus…“ diskutieren können. Vereinsrecht ist die Bundesliga des Detailstreits, nur mit mehr Kaffee und weniger Pyrotechnik.

Auch organisatorisch ist das Ganze spannend: Die HAT hat ein ehrenamtliches Präsidium und dazu drei hauptamtliche Vorstandsmitglieder – klingt ein bisschen nach „Wir haben einen Maschinenraum und eine Brücke“. Beim TuS arbeitet der Vorstand ehrenamtlich – klassisch, bodenständig, viel Herzblut. Wenn diese Systeme zusammenfinden, entsteht entweder ein wunderbar effizientes Hybridmodell oder der erste Verein, der gleichzeitig „Bitte füllt das Formular aus“ und „Ach, komm, wir regeln das schnell so“ in seine DNA schreibt. Wobei: In Wahrheit werden sie das natürlich sauber zusammenführen. Hoffentlich. Also… vermutlich. Also: mit Projektgruppe.

Damit niemand später sagt „Davon hab ich ja gar nichts gewusst!“, gibt’s am 20. März eine gemeinsame Informationsveranstaltung. Der Termin ist praktisch das große Vereins-Äquivalent zum Familienrat, bei dem alle Fragen auf den Tisch dürfen: Sorgen, Nöte, Befürchtungen – und natürlich Ideen. Denn am Ende entscheiden nicht Vorstände, sondern Mitglieder, und zwar in einer separaten Mitgliederversammlung, die noch geplant wird. Man spürt förmlich, wie im Hintergrund bereits Stühle gezählt, Mikrofone getestet und die klassische Frage vorbereitet wird: „Kann man das vielleicht auch so machen, dass…?“ (Spoiler: Man kann. Irgendwie. Mit Arbeitskreis.)

Parallel läuft schon die leise, aber entscheidende Arbeit: Vorstandsmitglieder und Abteilungsleiter bringen Volleyballer, Schwimmer, Leichtathleten und Turner zusammen – eine Art sportliche Kennenlernparty, nur ohne peinliche Namensschilder, dafür mit sehr ernsten Gesprächen über Ziele, Ambitionen und die Frage, ob man künftig beim Sommerfest dieselbe Wurstbude teilt. Und weil Transparenz heutzutage das Zauberwort ist, betonen beide Vereine den „transparenten Dialog“ als Kernbestandteil des Prozesses. Übersetzt heißt das: Bitte sprecht mit uns, bevor ihr euch im Flurfunk eine eigene Netflix-Serie daraus macht.

Wenn alles gut läuft, beginnt am 1. Juli 2026 eine neue sportliche Ära in Hilden. Das ist ein Satz, der nach Feuerwerk klingt – aber in Vereinen bedeutet er vor allem: neue Logos, neue Abläufe, neue Zuständigkeiten, neue E-Mail-Verteiler und mindestens drei Menschen, die nachts um halb zwei denken: „Wo war nochmal diese Datei mit der Beitragsordnung?“ Gleichzeitig ist es aber auch eine echte Chance: mehr Schlagkraft, breiteres Angebot, bessere Möglichkeiten für Ehrenamt und Hauptamt, und vielleicht sogar ein Verein, der groß genug ist, um gleichzeitig Tradition zu leben und modern zu wirken, ohne dass jemand „Früher war alles besser“ ruft – na gut, das wird trotzdem jemand rufen. Aber dann eben in einem Verein mit 5000 Leuten, und das Echo ist entsprechend beeindruckend.

Und irgendwo zwischen all dem steht als Symbolbild die Tanzformation IndepenDance – passend, denn genau darum geht’s: unabhängig bleiben, aber gemeinsam stärker werden. Zwei Vereine, zwei Geschichten, ein möglicher neuer Name, der vermutlich noch nicht verraten wird, weil sonst sofort 47 Vorschläge und 48 Gegenargumente eintreffen. Doch egal, wie das Kind am Ende heißt: Wenn TuS und HAT wirklich fusionieren, wird das nicht nur ein Zusammenschluss – das wird ein Hildener Heimspiel mit Ansage.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen