Dienstag, 21. Juli 2026

21.7.2026: Der Karneval ist gerettet – oder: Wenn Hilden kurz vor knapp doch noch „Helau“ sagen kann

Hilden kann aufatmen. Nicht wegen Tempo 30, nicht wegen der A59, nicht wegen einer zurückkehrenden Bahnlinie und auch nicht, weil plötzlich alle Baustellen verschwunden wären. Nein, diesmal geht es um etwas, das im Rheinland mindestens genauso wichtig ist wie Verkehrsplanung, nur mit mehr Musik, Schminke und Kamelle: Der Hildener Karneval ist gerettet.

Genauer gesagt: Der neue Vorstand des Carnevals Comitee Hilden, kurz CCH, steht. Und das war offenbar nicht selbstverständlich. Erst nach drei Mitgliederversammlungen fand sich ein Team, das bereit war, die Verantwortung zu übernehmen. Drei Mitgliederversammlungen – das klingt bereits nach einem karnevalistischen Prüfverfahren mit Verlängerung. Man stelle sich vor: ein Saal voller Jecken, aber niemand will auf die Kommandobrücke. Der Karneval ruft, alle hören es, aber zunächst sagt keiner: „Ich mach’s.“

Doch nun ist das Quartett komplett: Miriam Ksionzek als Präsidentin, Gerd Weidmann als Vize-Präsident, Sonja Lange-Sangiorgi als Geschäftsführerin und Rita Folkers als Schatzmeisterin. Vier Menschen, die in letzter Minute eingesprungen sind, damit der Hildener Karneval nicht ins organisatorische Schlingern gerät. Oder rheinischer gesagt: Damit der Rosenmontagszug nicht plötzlich als trauriger Gedanke am Straßenrand endet.

Denn genau das stand im Raum. Ohne CCH als Dachverband der sieben Hildener Karnevalsvereine wären zentrale Dinge kaum möglich: Prinzenführung, Rosenmontagszug, große Organisation. Karneval wirkt von außen manchmal wie spontanes Feiern mit Kostüm. In Wahrheit ist er aber ein komplexes System aus Genehmigungen, Verträgen, Terminen, Hallen, Kassen, Vereinen, Musik, Sicherheit, Wagen, Zugweg, Versicherungen und Menschen, die irgendwann entscheiden müssen, ob der Hoppeditz drinnen oder draußen erwacht.

Dass sich zunächst niemand fand, zeigt ein Problem, das weit über den Karneval hinausgeht. Vereine leben vom Ehrenamt. Aber Ehrenamt wird nicht leichter. Viele Menschen haben genug mit Beruf, Familie, Alltag und eigener Erschöpfung zu tun. Verantwortung in einem Dachverband zu übernehmen, ist kein Hobby für nebenbei. Es bedeutet Sitzungen, Planung, Konflikte, Finanzen, Kommunikation und im Zweifel auch den Satz: „Wer kümmert sich denn jetzt darum?“ Sehr oft lautet die Antwort dann leider: dieselben wie immer.

Umso bemerkenswerter ist, dass die vier Neuen nicht einzeln, sondern als Team angetreten sind. Wenn schon, dann gemeinsam. Das ist klug. Karneval kann man nicht allein retten. Jedenfalls nicht dauerhaft. Man braucht Menschen, die sich kennen, einander vertrauen und auch dann noch miteinander sprechen, wenn der Terminkalender aussieht wie ein Konfettikanonen-Unfall.

Die Rückendeckung war deutlich: 23 Ja-Stimmen von 24 Wahlberechtigten, eine ungültige Stimme. Das ist fast schon ein karnevalistisches Mandat mit Orden am Revers. Hilden wollte dieses Team. Hilden brauchte dieses Team. Und wahrscheinlich war in diesem Moment allen klar: Jetzt ist der Karneval erst einmal wieder handlungsfähig.

Der alte Vorsitzende Stefan Schlebusch hatte sich nach sechs Jahren aus Zeitgründen nicht mehr zur Wiederwahl gestellt. Als Unternehmer mit Verantwortung für 20 Beschäftigte wollte er sich stärker um seine Firma kümmern. Das ist nachvollziehbar. Karneval ist zwar Herzenssache, aber Rechnungen, Mitarbeitende und wirtschaftliche Realität tragen selten Narrenkappen. Immerhin bleibt Schlebusch dem Hildener Karneval weiter verbunden, ebenso seine Frau Mareike. Die beiden verschwinden also nicht, sie wechseln nur aus der ersten Reihe heraus.

Für den neuen Vorstand ist es trotzdem ein Sprung ins kalte Wasser. Und zwar nicht in eine freundliche Eistonne wie bei der Stadtwette, sondern in ein Becken voller Termine. Normalerweise wird der Staffelstab im Frühjahr übergeben. Diesmal kommt der neue Vorstand deutlich später ins laufende Geschäft. Viele Dinge sind schon beschlossen, beantragt oder vertraglich geregelt. Große eigene Akzente? Schwierig. Erst einmal lautet das Ziel: Es soll weiterlaufen wie bisher.

Das klingt bescheiden, ist aber in dieser Lage vermutlich die wichtigste Botschaft. Nicht alles muss sofort neu erfunden werden. Manchmal ist Stabilität bereits ein Erfolg. Gerade wenn Rosenmontag am 8. Februar 2027 besonders früh kommt. Kaum ist Silvester verdaut, steht der närrische Höhepunkt schon vor der Tür. Die kommende Session ist kurz, die Termine drängen, und der neue Vorstand muss sich schneller einarbeiten, als man „Hilden Helau“ rufen kann.

Ein erster wichtiger Auftritt war bereits die Vorstellung des Kinderprinzenpaares. Auch das zeigt: Der Karnevalskalender wartet nicht, bis neue Vorstände gemütlich angekommen sind. Er läuft. Und wer Vorstand ist, muss mitlaufen. Am besten mit bequemen Schuhen, guter Laune und einer gewissen Resistenz gegen späte Änderungen.

Einige Veränderungen zeichnen sich dennoch ab. Das Hoppeditz-Erwachen am 11.11. könnte künftig wieder auf dem Alten Markt unter freiem Himmel stattfinden statt in der Stadthalle. Das hat gleich zwei Gründe. Zum einen kostet die Stadthalle Geld – und Geld ist im Karneval bekanntlich ähnlich knapp wie freie Wochenenden in der Session. Zum anderen soll die Veranstaltung für alle Hildenerinnen und Hildener öffentlich zugänglich sein. Das ist ein schöner Gedanke. Der Hoppeditz gehört schließlich nicht in die Verwaltung des Frohsinns eingeschlossen. Er soll raus. Auf den Markt. Unter die Leute. Dorthin, wo Karneval im besten Fall sichtbar wird.

Andere Veranstaltungen bleiben mangels Alternativen in der Stadthalle, darunter die Altweiberparty. Sie ist besonders wichtig, weil sie die größte Einnahmequelle des CCH ist. Das ist eine interessante Erkenntnis: Wer an Altweiber feiert, unterstützt nicht nur die eigene Laune, sondern indirekt auch Kinder, Familien und den Rosenmontagszug. Feiern als Finanzierungsmodell. Man könnte fast sagen: Jede gekaufte Eintrittskarte ist ein kleiner Beitrag zur Brauchtumssicherung.

Deshalb bittet der Vorstand um Unterstützung. Alle sind angesprochen, alle können mitfeiern. Und vor allem: Tickets bitte früher kaufen. In Hilden werden Eintrittskarten offenbar gern sehr kurzfristig erworben. Das passt zur allgemeinen Lebenshaltung: erst einmal offenhalten, vielleicht passiert noch etwas, vielleicht kommt noch ein anderer Termin, vielleicht wird das Wetter anders, vielleicht entscheidet man sich am Ende spontan. Für Veranstalter ist diese Hildener Spontankultur allerdings ungefähr so entspannend wie ein Rosenmontagswagen ohne TÜV.

Frühere Ticketkäufe würden Planungssicherheit geben und das finanzielle Risiko senken. Das ist keine Kleinigkeit. Vereine müssen Räume buchen, Künstler, Technik, Sicherheit und Abläufe planen. Wer erst kurz vorher weiß, ob Menschen kommen, plant im Nebel. Und Nebel hat Hilden schon auf der Mittelstraße genug.

Bedauerlich ist, dass es in der kommenden Session kein Inklusionsprinzenpaar geben wird. Das ist ein Verlust, denn dieses Format hatte in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle gespielt – nicht nur symbolisch, sondern auch organisatorisch, etwa für die Inklusions-Karnevalsparty. Nun muss geklärt werden, ob diese Party trotzdem stattfinden kann. Das zeigt erneut: Karneval ist nicht nur Glitzer und Gardetanz. Er ist auch Teilhabe, Struktur und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Wenn eine Schlüsselrolle fehlt, wackelt gleich mehr als nur ein Programmpunkt.

Trotzdem überwiegt die gute Nachricht: Der Hildener Karneval macht weiter. Der Rosenmontagszug ist nicht abgesagt, der Dachverband wieder besetzt, die sieben Vereine haben eine zentrale Ansprechstruktur, und die neue Spitze wirkt entschlossen. Nicht mit großen Sprüchen, sondern mit der realistischen Haltung: Wir übernehmen jetzt, wir sorgen dafür, dass es läuft.

Das ist vielleicht weniger glamourös als ein Prinzenornat, aber mindestens genauso wichtig.

Hilden kann aus dieser Geschichte einiges lernen. Erstens: Brauchtum fällt nicht vom Himmel. Zweitens: Ohne Ehrenamt geht nichts. Drittens: Wer Karneval liebt, sollte ihn nicht nur beklatschen, sondern auch unterstützen. Mit Mitarbeit, mit früherem Ticketkauf, mit Anwesenheit, mit Wohlwollen. Und viertens: Manchmal retten vier Menschen eine ganze Session, indem sie einfach sagen: „Dann machen wir das jetzt zusammen.“

Der Karneval in Hilden ist damit nicht automatisch sorgenfrei. Die kurze Session bleibt eng, das Geld bleibt knapp, das Ehrenamt bleibt herausfordernd, und neue Akzente müssen warten. Aber die wichtigste Voraussetzung ist erfüllt: Es gibt Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Und das ist in Zeiten, in denen viele lieber kommentieren als anpacken, schon fast ein närrisches Wunder.

Am Ende bleibt ein schönes Bild: Kaum ist der Sommer vorbei, richtet Hilden den Blick schon auf den 11.11., Altweiber und Rosenmontag. Der neue Vorstand sortiert Termine, Verträge, Kassen und Hoffnungen. Der Hoppeditz überlegt vielleicht schon, ob er diesmal wieder auf dem Alten Markt erwachen darf. Und die Jecken dürfen sich merken: Wer früh Tickets kauft, hilft dem Karneval mehr als jeder gut gemeinte Kommentar.

Hilden kann also weiter „Helau“ rufen.

Nicht, weil alles einfach ist.

Sondern weil vier Menschen rechtzeitig gesagt haben: Wir steigen ein.

Und manchmal reicht genau das, damit der Rosenmontagszug nicht stehen bleibt.

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