Hilden darf aufatmen. Nicht wegen Tempo 30, nicht wegen der A59, nicht wegen der Gerresheimer Straße und auch nicht, weil plötzlich alle Baustellen verschwunden wären. Diesmal geht es um etwas, das in dieser Stadt gerade mindestens so viel Vorfreude auslöst wie ein zweites Weindorf: Der VfB 03 Hilden darf tatsächlich Regionalliga spielen – und zwar am Bandsbusch.
Das Stadion ist abgenommen. Die 4. Liga kann kommen.
Das klingt zunächst nach einem nüchternen Verwaltungssatz. Stadion-Abnahme gelungen. Ein paar Kleinigkeiten müssen noch nachgebessert werden. Sicherheitsbesprechung durchgeführt. Kategorien verteilt. In Wahrheit aber ist das für den VfB 03 ein riesiger Schritt. Denn wer in den vergangenen Wochen gesehen hat, was dort alles gebaut, geplant, sortiert, geprüft und improvisiert wurde, weiß: Dieser Aufstieg war längst nicht nur ein sportlicher Erfolg. Er war auch eine organisatorische Mammutaufgabe mit Bauzaun, Sicherheitskonzept und sehr viel Ehrenamt.
Vorsitzender Daniel Wittke wirkte entsprechend erleichtert. Der Montag, 20. Juli, war ein aufregender Tag. Die Abnahme stand an. Polizei, Feuerwehr, Verband, Sicherheitsfragen – alles musste passen. Und es hat funktioniert. „Wunderbar“, sagt Wittke. Das ist ein Wort, das in solchen Situationen vermutlich mehr bedeutet als ein ganzer Jubelgesang. Wunderbar heißt: Die Mühe war nicht umsonst. Der Bandsbusch ist regionalligatauglich. Hilden darf Gastgeber in der 4. Liga sein.
Und das ist schon bemerkenswert. Vor wenigen Wochen klang vieles noch nach: Hoffentlich schaffen wir das alles rechtzeitig. Löwengang, Löwenkäfig, Ordner, Medienbereich, mobile Wände, Kameraplätze, Sicherheitskonzept, Gästeführung, Pressekonferenzraum – plötzlich musste ein Verein, der stark vom Ehrenamt lebt, Dinge stemmen, die sonst eher nach professionellem Fußballbetrieb klingen. Die Regionalliga hat dem VfB nicht freundlich auf die Schulter geklopft und gesagt: „Schön, dass ihr da seid.“ Sie hat eher einen dicken Ordner auf den Tisch gelegt und gesagt: „Bitte bis Saisonstart erledigen.“
Jetzt ist vieles erledigt.
17 Heimspiele stehen in der kommenden Saison an. Nur eines davon fällt aktuell in die höchste Sicherheitskategorie Rot: das Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen. Rot klingt natürlich erst einmal dramatisch. Man denkt sofort an Polizeiketten, Fantrennung, ernste Gesichter und sehr viele Menschen mit Funkgeräten. Daniel Wittke beruhigt aber ausdrücklich: Es werde keine kriegsähnlichen Zustände geben. Das ist gut zu wissen. Hilden hat schon genug Ausnahmezustände im Verkehr, da muss der Fußball nicht auch noch apokalyptisch werden.
Rot bedeutet in diesem Fall: In der Fanszene des Gastvereins gibt es einige auffällige Personen, also braucht es mehr Sicherheitspersonal und mehr Polizei rundherum. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Elf Heimspiele sind dagegen Grün, also quasi die Kategorie „Fußball, Bratwurst, gute Laune“. Fünf Spiele sind Gelb, die mittlere Schublade. Dazu zählen unter anderem der FC Gütersloh, die Sportfreunde Siegen, der Bonner SC, die SG Wattenscheid und Auftaktgegner 1. FC Bocholt.
Dass es für jeden Klub in der Regionalliga einen szenekundigen Beamten gibt, ist ebenfalls interessant. Fußball hat also nicht nur Trainer, Co-Trainer, Athletiktrainer und Torwarttrainer, sondern auch jemanden, der die jeweilige Fanszene fachkundig einschätzt. Man könnte sagen: Während andere Leute Aufstellungen analysieren, analysieren diese Beamten, ob bestimmte Fangruppen eher nach „alles ruhig“ oder nach „bitte Absperrung verstärken“ aussehen.
Zum Auftakt am 1. August kommt der 1. FC Bocholt nach Hilden. Anpfiff ist nun um 16 Uhr, nicht wie ursprünglich um 14 Uhr. Das ist wichtig, denn in Hilden kann eine falsche Uhrzeit schon reichen, um Menschen mit Sitzkissen, Schal und leichtem Vorwurf im Blick vor verschlossenen Erwartungen stehen zu lassen. Bocholt bringt diesmal offenbar deutlich mehr Fans mit als früher. 2022 waren etwa 30 Anhänger in Hilden, nun werden rund 300 bis 350 erwartet. Das ist für den Bandsbusch eine andere Größenordnung. Nicht Champions League, aber definitiv: Jetzt merkt man, dass eine neue Liga begonnen hat.
Die ersten drei Heimspiele haben es ohnehin in sich: 1. FC Bocholt am 1. August, SG Wattenscheid 09 am 15. August und Borussia Dortmund U23 am 29. August. Allein diese Namen klingen für Hildener Fußballfreunde nach einem neuen Kapitel. Nicht mehr Oberliga-Alltag, sondern Regionalliga-West-Bühne. Bocholt, Wattenscheid, Dortmund U23 – das sind Gegner, bei denen auch Gelegenheitszuschauer kurz aufhorchen und sagen: „Da könnte man ja mal hingehen.“
Genau darauf hofft der VfB. Rund 200 Dauerkarten für die überdachte Tribüne sind inzwischen verkauft. Das ist ordentlich, aber natürlich braucht der Verein weitere Einnahmen. Die Regionalliga kostet. Mehr Infrastruktur, mehr Sicherheit, mehr Organisation, mehr Personal. Fußballromantik allein bezahlt keinen professionellen Sicherheitsdienst. Auch Ordner und Wachdienst fallen nicht vom Himmel. Der VfB musste einen professionellen Sicherheitsdienst verpflichten, zusätzlich braucht es Wachdienst für sensible Bereiche.
Interessant ist dabei ein kleiner Nebeneffekt aus Düsseldorf. Durch den Abstieg der Fortuna aus der 2. Bundesliga und die dortige Personalreduzierung im Umfeld kommen nun offenbar Kräfte zum VfB. Auch das ist Fußballökonomie im Rheinland: Wenn es in Düsseldorf eine Liga runtergeht, kann Hilden organisatorisch profitieren. Man nimmt, was hilft. Regionalliga muss professionell gestaltet werden, sagt Wittke. Ehrenamtlich geht das nicht mehr.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Wochen. Der VfB 03 bleibt ein Hildener Traditionsverein, aber die Anforderungen verändern ihn. 2500 Zuschauer passen auf die Anlage am Bandsbusch. Bei Rot- und Gelb-Spielen werden allerdings nicht alle Blöcke geöffnet. Blöcke G und D etwa bleiben beim Auftakt nicht freigeschaltet. Auch das zeigt: Der Bandsbusch ist jetzt nicht mehr nur ein gemütlicher Sportplatz mit viel Vereinsgefühl. Er ist ein Spielort mit Sicherheitslogik, Blockkonzept und professionellen Abläufen.
Und trotzdem soll der Charme bleiben. Das ist die Kunst. Der VfB muss größer werden, ohne sich selbst zu verlieren. Professioneller, ohne steril zu wirken. Sicherer, ohne die Atmosphäre kaputtzumachen. Regionalligatauglich, ohne plötzlich so zu tun, als sei man ein Bundesligist mit drei Ebenen Hospitality und einem Maskottchen auf Gehaltsliste.
Hilden will Fußball am Bandsbusch. Mit Nähe, mit Emotion, mit Bratwurst, mit Menschen, die man kennt, mit einem Verein, der nicht abhebt. Aber eben auch mit geordneten Abläufen, Sicherheitskonzept und Infrastruktur, die den Anforderungen standhält. Genau diese Balance wird die Saison prägen.
Daniel Wittke hofft nun auf ruhigere Zeiten. Verständlich. Nach Wochen voller Termine, Bauarbeiten, Abstimmungen, Auflagen und ehrenamtlichem Dauerlauf möchte er „in seinen Alltag zurück“. Das ist ein Satz, den vermutlich jeder Vereinsverantwortliche versteht. Irgendwann möchte man nicht mehr nur Probleme lösen, sondern wieder Fußball schauen. Nicht mehr dauernd nachbessern, abstimmen und organisieren, sondern einfach erleben, dass der Ball rollt.
Gleichzeitig zieht Wittke schon jetzt ein positives Fazit. Der Verein erfährt Unterstützung durch die Stadt. Die Baumaßnahmen haben der Anlage gutgetan. Und der VfB wird durch die erzwungene Professionalisierung künftig anders auftreten können. Das ist ein spannender Gedanke: Die Regionalliga zwingt den Verein zu Veränderungen, die ihm langfristig helfen können. Was jetzt anstrengend ist, kann später Grundlage für mehr Stabilität sein.
Man kennt das aus vielen Bereichen: Erst schimpft man über Auflagen, dann merkt man, dass manche Dinge dadurch tatsächlich besser werden. Der Bandsbusch wurde aufgewertet. Abläufe wurden geschärft. Infrastruktur entstand. Der Verein musste sich sortieren. Das tut weh, macht aber stärker. So ähnlich wie Vorbereitungstraining, nur mit mehr Lageplänen.
Sportlich beginnt nun das Abenteuer. Neuzugänge wie Harumi Goto schlagen mit dem VfB ein neues Kapitel auf. Die Mannschaft muss zeigen, dass sie nicht nur aufgestiegen ist, sondern in der Regionalliga bestehen kann. Doch das Drumherum ist nun wenigstens bereit. Und das ist viel wert. Ein Verein kann auf dem Platz nur dann frei auftreten, wenn außerhalb des Platzes nicht alles wackelt.
Für Hilden ist diese Saison ein Geschenk. Regionalligafußball am Bandsbusch bedeutet mehr Aufmerksamkeit, stärkere Gegner, größere Kulissen und neue Geschichten. Die Stadt bekommt ein sportliches Aushängeschild, das nicht in einer anonymen Arena spielt, sondern mitten in einer gewachsenen Vereinsanlage. Das ist schön. Und es ist etwas, das man unterstützen sollte.
Also: Karten kaufen, Termine merken, Anpfiff beachten, nicht erst fünf Minuten vorher ankommen und sich dann wundern, dass Regionalliga auch Einlass, Blöcke und Sicherheitsvorgaben kennt. Wer will, dass der VfB diese Liga stemmen kann, hilft am einfachsten mit Anwesenheit. Fußball lebt von Zuschauern. Und ein Aufsteiger braucht jede Stimme, jeden Applaus und jede Eintrittskarte.
Am 1. August beginnt gegen Bocholt das neue Kapitel. Der Bandsbusch ist abgenommen. Das Sicherheitskonzept steht. Die Polizei weiß Bescheid. Der Verein hat nachgebessert, gebaut, geplant und organisiert. Nur der Ball muss noch rollen.
Und vielleicht ist genau das der schönste Moment: Nach all den Auflagen, Besprechungen und Bauarbeiten darf endlich wieder das passieren, worum es eigentlich geht.
Fußball.
Hilden ist bereit.
Der Bandsbusch auch.
Jetzt muss nur noch die Mannschaft zeigen, dass Regionalliga nicht nur organisatorisch, sondern auch sportlich eine gute Idee war.
Donnerstag, 23. Juli 2026
23.7.2026: Der Bandsbusch ist abgenommen – oder: Wenn Hilden jetzt offiziell Regionalliga kann
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