Dienstag, 25. August 2026

25.8.2026: Hilden schenkt nach – oder: Wenn ein Weinfest einfach nicht genug ist

Es gibt Veranstaltungen, bei denen sagt man nach der Premiere: Schön war’s, machen wir nächstes Jahr wieder. Und dann gibt es Hilden. Dort sagt man nach einem erfolgreichen Weinfest offenbar: Schön war’s, machen wir es einfach noch einmal in diesem Jahr. Nachdem das Weindorf im Mai ausgesprochen gut besucht war, folgt vom 4. bis 6. September die zweite Runde. Und weil ein Weinfest allein inzwischen offensichtlich nicht mehr reicht, gibt es gleichzeitig noch Herbstmarkt, Autoshow und verkaufsoffenen Sonntag. Hilden denkt bei Veranstaltungen inzwischen offenbar in Kombipaketen.

Der Grund für die schnelle Wiederholung ist einfach: Das erste Weinfest war voll. Sehr voll. Am Freitag sollen über den Tag verteilt rund 15.000 Menschen in der Innenstadt gewesen sein, am Samstag noch einmal etwa 10.000. Das sind Zahlen, bei denen man sich kurz fragt, ob Hilden zwischenzeitlich heimlich die Einwohnerzahl verdoppelt hat. Die Stimmung war gut, der Wein offenbar auch, nur wurde es stellenweise ein wenig eng. Einige Besucher machten sich deshalb Gedanken über Rettungswege und Sicherheit. Für die Neuauflage hat man daraus Konsequenzen gezogen. Statt acht Winzern kommen diesmal nur sieben. Das klingt zunächst wie eine eher überschaubare Entlastungsmaßnahme, aber zusätzlich soll es mehr Stehtische und weniger Bierzeltgarnituren geben. Ein Sicherheitsdienst wird darauf achten, dass Durchgänge frei bleiben. Man merkt: Hilden entwickelt sich langsam zum professionellen Weinfeststandort.

Interessant ist, dass diesmal ausschließlich neue Winzer dabei sind. Offenbar gibt es inzwischen sogar eine Warteliste von Betrieben, die gerne nach Hilden kommen würden. Auch das muss man sich einmal vorstellen. Früher musste eine Stadt um attraktive Veranstaltungen kämpfen. Heute warten offenbar Winzer darauf, endlich auf dem Ellen-Wiederhold-Platz ausschenken zu dürfen. Das ist doch mal eine schöne Form kommunaler Standortattraktivität.

Passend zum Spätsommer soll es neben klassischen Weinen auch Spätburgunder und den ersten Federweißen geben. Damit verschiebt sich das Getränkeangebot langsam von „leichter Sommerabend“ in Richtung „der Herbst steht schon hinter der Ecke“. Kulinarisch bleibt es vertraut: Grill, Flammkuchen und Crêpes. Das ist wahrscheinlich vernünftig. Bei Weinveranstaltungen sollte man Experimente schließlich lieber im Glas als auf dem Teller machen.

Parallel dazu verwandelt sich die Mittelstraße in einen Herbstmarkt. Dort gibt es Floristik, Dekoration, Blumen und Kunsthandwerk. Das bietet einen ziemlich gelungenen Ablaufplan für den Samstag: erst einen dekorativen Holzstern kaufen, anschließend einen Flammkuchen essen, dann einen Wein probieren und später feststellen, dass man den Holzstern die ganze Zeit unter dem Arm getragen hat.

Am Sonntag wird das Programm noch erweitert. Dann öffnen von 13 bis 18 Uhr die Geschäfte, und auf dem Nove-Mesto-Platz präsentieren Hildener Autohäuser neue Modelle. Das führt zu einer etwas ungewöhnlichen, aber durchaus charmanten Mischung: Wein, Herbstdeko, Shopping und Autos. Man könnte sagen, für praktisch jedes Familienmitglied ist etwas dabei. Einer schaut nach einem neuen SUV, der andere nach einem herbstlichen Türkranz und der Rest sitzt längst beim Spätburgunder.

Wer jetzt allerdings glaubt, Hilden müsse danach erst einmal durchatmen, unterschätzt den Veranstaltungskalender. Ende Oktober folgt bereits das Itterfest mit Trödelmarkt und erneutem verkaufsoffenen Sonntag. Ende November steht der Weihnachtsmarkt der Vereine an. Und schon ab Mitte November soll sich der Alte Markt wieder in ein Winterdorf verwandeln – inklusive Livemusik, Eisstockschießen und Weihnachtssingen. Wenn das so weitergeht, besteht die Hildener Innenstadt irgendwann eigentlich nur noch aus zwei Zuständen: Veranstaltung wird aufgebaut oder Veranstaltung läuft.

Das kann man natürlich kritisch sehen. Veranstaltungen bedeuten Lärm, Verkehr, volle Parkhäuser und manchmal auch genervte Anwohner. Gleichzeitig bringen genau solche Wochenenden Menschen in die Innenstadt. Sie sorgen dafür, dass Plätze genutzt werden, Geschäfte Besucher bekommen und Gastronomie funktioniert. Eine Fußgängerzone lebt eben nicht ausschließlich davon, dass sie gepflastert ist. Sie braucht Menschen. Und wenn die wegen eines Weinfestes kommen und nebenbei noch einkaufen, essen oder ein Auto anschauen, dürfte das aus Sicht des Stadtmarketings ziemlich nahe am Idealzustand liegen.

Bemerkenswert ist außerdem, wie schnell sich das Weinfest etabliert hat. Die erste Ausgabe dieses Jahres war offenbar so erfolgreich, dass man nicht bis 2027 warten wollte. Das spricht dafür, dass Hilden solche Formate tatsächlich annimmt. Vielleicht liegt es daran, dass ein Weinfest angenehm unkompliziert ist. Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse, keine Mitgliedschaft und kein Programmheft. Man setzt sich hin, sucht sich etwas aus und spätestens nach dem zweiten Glas versteht man sich ohnehin mit dem Nachbartisch.

Natürlich werden auch diesmal wieder Diskussionen dazugehören. Ist es zu voll? Gibt es genug Sitzplätze? Sind die Durchgänge frei? Ist der Wein zu teuer? Warum gibt es keinen bestimmten Winzer? Warum ist irgendwo kein Parkplatz? Ohne diese Fragen wäre es schließlich keine richtige Hildener Veranstaltung.

Trotzdem finde ich die Entwicklung sympathisch. Gerade wenn über Leerstände, Onlinehandel und die Zukunft der Innenstädte diskutiert wird, braucht man Gründe, warum Menschen überhaupt noch ins Zentrum kommen sollen. Ein zweites Weinfest ist da sicherlich keine vollständige Stadtentwicklungsstrategie. Aber es ist immerhin ein ziemlich angenehmer Baustein.

Und wer Anfang September noch keinen Plan hat, bekommt von Hilden gleich vier geliefert: Wein trinken, Herbstmarkt besuchen, einkaufen und Autos anschauen.

Man muss ja nicht alles gleichzeitig machen.

Obwohl – bei uns in Hilden würde mich auch das nicht wundern.

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