Samstag, 22. August 2026

22.8.2026: Gut Holterhof: Wo der Arbeitstag vier Beine hat und Feierabend eher theoretisch ist

Wer morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und anschließend darüber nachdenkt, ob heute vielleicht ein ruhiger Tag im Büro bevorsteht, dürfte auf Gut Holterhof nur begrenzt anschlussfähig sein. Dort beginnt der Tag eher mit Stall, Kühen und Pferden – und wenn andere langsam den Laptop zuklappen, wollen die Tiere noch einmal wissen, was es zum Abendessen gibt. Mittendrin: die 23-jährige Pia Breloh. Gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Bruder Tom steht sie als vierte Generation bereit, den traditionsreichen Hildener Familienbetrieb irgendwann zu übernehmen.

Und wer jetzt glaubt, Pia müsse erst noch herausfinden, ob Landwirtschaft wirklich das Richtige für sie ist, dürfte lange warten. Sie kennt dieses Leben seit ihrer Kindheit und kann sich nach eigener Aussage kaum vorstellen, ihre Tage stattdessen in einem Büro zu verbringen. Verständlich: Zwischen zehn Galloway-Rindern, 50 Milchkühen, weiteren 50 Kühen in der Nachzucht und rund 30 Pensionspferden dürfte der durchschnittliche Dienstag jedenfalls abwechslungsreicher sein als zwischen Drucker, Kaffeemaschine und Teams-Besprechung. Dazu kommen Hofladen, Automatenverkauf und eine umgebaute Scheune, die als Veranstaltungsort vermietet wird. Gut Holterhof ist längst nicht mehr einfach nur Bauernhof, sondern ein kleiner landwirtschaftlicher Gemischtwarenladen – nur eben mit deutlich mehr Kühen.

Pias Alltag ist entsprechend durchgetaktet. Vor zwei Jahren hat sie ein Fernstudium im Agrarmanagement begonnen. Das Studium ersetzt allerdings nicht die Arbeit auf dem Hof, sondern kommt praktischerweise einfach noch obendrauf. Morgens und vormittags werden Pferde- und Kuhstall ausgemistet und die Tiere versorgt, mittags und nachmittags wird gelernt, und am Abend sind wieder die Tiere dran. Das klassische Studentenleben mit Ausschlafen, Mensa und der gelegentlichen Erkenntnis um 22 Uhr, dass morgen eine Klausur geschrieben wird, dürfte auf Gut Holterhof eher selten stattfinden. Pias Ziel steht ohnehin fest: Sie möchte den Hof gemeinsam mit ihrem Bruder übernehmen. Tom absolviert eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker. Landwirtschaft und Landtechnik – das könnte man durchaus als ziemlich sinnvoll geplante Geschwisterkombination bezeichnen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Pia als mögliche Betriebsnachfolgerin in der Landwirtschaft noch immer zu einer Minderheit gehört. Frauen machen zwar einen erheblichen Teil der Beschäftigten aus, an der Spitze landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber deutlich seltener vertreten. Gerade einmal elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gut Holterhof könnte also irgendwann nicht nur einen Generationswechsel erleben, sondern gleichzeitig ein kleines Stück landwirtschaftlicher Statistik verändern.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, morgens Kühe zu melken und abends das Scheunentor zu schließen. Die Landwirtschaft verändert sich, viele Betriebe wachsen oder verschwinden ganz. Gut Holterhof versucht deshalb, auf mehreren Beinen zu stehen – was bei einem Hof mit so vielen Tieren ohnehin naheliegt. Neben Landwirtschaft und Direktvermarktung sieht Pia besonders im Veranstaltungsbereich Chancen. Die Scheune wird bereits als Party-Location genutzt, künftig könnte es dort beispielsweise auch Kindergeburtstage geben. Nur eines soll daraus ausdrücklich nicht werden: irgendein Schicki-Micki-Restaurant. Das würde vermutlich auch schlecht zu einem Arbeitstag passen, bei dem Gummistiefel deutlich häufiger benötigt werden als Pumps.

Überhaupt ist Landwirtschaft weniger Beruf als Lebensmodell. Wer Tiere hat, kann schließlich schlecht am Freitag um 17 Uhr den Stift fallen lassen und den Kühen mitteilen, dass man sich Montagmorgen wiedersehe. Auch Pias Partner kommt deshalb aus der Landwirtschaft. Das sei wichtig, weil man jemanden brauche, der verstehe, dass es praktisch nie wirklich frei gebe. Ihre eigene Beschreibung bringt das wunderbar auf den Punkt: Sie laufe den ganzen Tag in Arbeitskleidung herum und rieche nach Pferd – damit müsse ein Mann eben klarkommen. Romantik auf dem Land funktioniert offenbar etwas anders als in einschlägigen Fernsehformaten.

Und ganz ohne Kontrastprogramm geht es dann doch nicht. Pia ist ausgebildete Jägerin und engagiert sich mit ihrem Partner Jan Philippen in der Landjugend. Gleichzeitig bilden die beiden das Jungschützenkönigspaar in Ratingen. Für solche Gelegenheiten hängen tatsächlich ein paar elegante Abendkleider im Schrank. Zwischen Stallkleidung und Abendkleid liegen auf Gut Holterhof also manchmal nur wenige Stunden – vermutlich allerdings inklusive gründlicher Dusche.

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist deshalb gar nicht, dass eine junge Frau einen Bauernhof übernehmen möchte. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Familientradition weitergeführt und gleichzeitig modernisiert wird. Gut Holterhof wurde bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Nun steht dort eine Generation bereit, die Agrarmanagement studiert, Landmaschinenmechatronik lernt, Direktvermarktung betreibt und über neue Veranstaltungskonzepte nachdenkt. Tradition bedeutet eben nicht, alles genauso zu machen wie vor hundert Jahren. Manchmal bedeutet sie einfach, dafür zu sorgen, dass es den Hof auch in hundert Jahren noch gibt.

Und während anderswo über Work-Life-Balance diskutiert wird, dürfte man auf Gut Holterhof bei diesem Begriff kurz schmunzeln. Denn spätestens wenn morgens der Futtereimer klappert und zehn Galloways angelaufen kommen, ist ziemlich eindeutig geklärt, welcher Teil von „Work-Life-Balance“ gerade Vorrang hat.

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