Sonntag, 23. August 2026

23.8.2026: Otto’s Büdchen verschwindet – aber die Erinnerungen bleiben

Es gibt Gebäude, die sind architektonisch bedeutsam. Es gibt Gebäude, die stehen unter Denkmalschutz. Und dann gibt es Gebäude, bei denen all das ziemlich egal ist, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. In Hilden gehörte Otto’s Büdchen an der Walder Straße eindeutig zur dritten Kategorie. Man musste nicht erklären, wo es lag. Man sagte einfach „bei Otto“ – und damit war die Sache geklärt. Nun verschwindet auch der letzte sichtbare Rest dieses Stücks Hildener Alltagsgeschichte. Das Haus an der Walder Straße 28 wird abgerissen, von dem Gebäude steht inzwischen nur noch die vordere Fassade.

Otto’s Büdchen war schließlich nicht irgendein Kiosk. Otto Hedrich eröffnete ihn am 1. April 1969. Eigentlich hatte seine Frau Ursula zunächst einen Blumenladen, während Otto als gelernter Schreiner eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass sich mit Zigaretten, Zeitschriften, Süßigkeiten und allem, was ein ordentliches Büdchen sonst noch braucht, offenbar besser wirtschaften ließ als mit Blumen. Also wurde das Ladenlokal vermietet und das Ehepaar konzentrierte sich auf den Kiosk. Das war eine Entscheidung mit Folgen: Aus einem kleinen Geschäft wurde über Jahrzehnte eine Hildener Institution.

Wer heute über Öffnungszeiten im Einzelhandel diskutiert, sollte sich die damalige Betriebsordnung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Otto’s Büdchen war 364 Tage im Jahr geöffnet. Lediglich am ersten Weihnachtstag war Schluss. Heiligabend? Offen. Silvester? Offen. Irgendein verregneter Dienstag im November, an dem jeder vernünftige Mensch am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre? Natürlich offen. Wahrscheinlich hätte man bei Otto eher darüber diskutieren müssen, warum ein Jahr überhaupt einen Tag braucht, an dem der Kiosk geschlossen ist.

Nach dem Tod seiner Frau Ursula im Jahr 2005 machte Otto weiter. Unterstützt wurde er von zwei Mitarbeiterinnen. Und er blieb seinem Büdchen tatsächlich bis zuletzt treu. Am 21. Januar 2020 starb Otto Hedrich im Alter von 77 Jahren. Noch am Tag zuvor hatte er hinter seinem Verkaufstresen gestanden und seine Kunden bedient. Nach mehr als 50 Jahren war Otto für viele Hildener längst nicht mehr einfach der Mann vom Kiosk. Er gehörte zum Inventar der Stadt – und zwar im besten Sinne des Wortes.

Jetzt also der Abriss. Und natürlich stellt sich sofort die wichtigste Hildener Frage: Was kommt dahin? Die Antwort ist derzeit ungefähr so eindeutig wie die Frage, ob man in der Innenstadt an einem Samstagmittag spontan einen Parkplatz findet. Nach Angaben der Stadt soll auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus entstehen, einschließlich Stellplätzen und Garagen im rückwärtigen Bereich. Wer genau baut, wann gebaut wird und welche Fläche am Ende tatsächlich betroffen ist, scheint allerdings noch nicht vollständig geklärt zu sein.

Das Ganze bekommt zusätzliche Würze, weil direkt nebenan ohnehin größere Veränderungen geplant sind. Im Bereich zwischen Walder Straße und Kirchhofstraße möchte die Stadt langfristig ein neues Wohngebiet entwickeln. Der Bebauungsplan mit dem ausgesprochen romantischen Namen „165A“ sieht fünf Mehrfamilienhäuser, vier Doppelhäuser und drei Einzelhäuser vor. Insgesamt könnten dort 70 bis 90 Wohnungen entstehen. Dazu kommen neue Straßen und 97 Stellplätze. Das klingt zunächst nach einer jener Planungen, bei denen Stadtplaner begeistert auf bunte Flächen schauen und Anwohner spontan beginnen, Parkplätze nachzuzählen.

Genau so kam es auch. Bei einer Informationsveranstaltung im Mai war die Begeisterung der Anwohner ausgesprochen überschaubar. Rund 35 Grundstückseigentümer, Mieter und Anwohner waren gekommen, und fast alle standen den Plänen ablehnend gegenüber. Vor allem das Thema Parkplätze sorgte für Diskussionen. Schließlich soll ein bestehender Garagenhof verschwinden, während gleichzeitig zahlreiche neue Bewohner hinzukommen könnten. Das ist ungefähr die kommunalpolitische Variante von Reise nach Jerusalem: mehr Teilnehmer, aber möglicherweise weniger Stühle.

Bis dort tatsächlich die Bagger für das große Wohnprojekt rollen, dürfte allerdings noch reichlich Wasser den Rhein hinunterfließen. Die Stadt besitzt selbst kaum Grundstücke in dem Gebiet und ist deshalb auf die Bereitschaft der Eigentümer angewiesen. Zudem müssen Einwände geprüft, Pläne möglicherweise verändert und erneut öffentlich ausgelegt werden. Für den Beschluss des Bebauungsplans waren zuletzt noch mindestens rund zweieinhalb Jahre eingeplant.

Bei Otto’s Büdchen ist die Sache dagegen schon sehr konkret: Dort arbeitet der Bagger bereits. Damit verschwindet ein Ort, der äußerlich vielleicht nie besonders spektakulär war, für viele Hildener aber zu den selbstverständlichen Konstanten der Stadt gehörte. Genau solche Orte merkt man häufig erst dann richtig, wenn sie nicht mehr da sind.

Natürlich braucht Hilden Wohnungen. Städte verändern sich, Grundstücke werden neu genutzt und irgendwann können selbst die bekanntesten Gebäude nicht einfach stehen bleiben, nur weil Generationen von Hildenern dort ihre Zeitung, Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft haben. Trotzdem darf man ein wenig wehmütig werden. Denn ein neues Mehrfamilienhaus kann vieles bieten: moderne Wohnungen, Garagen, vielleicht Balkone und selbstverständlich irgendeinen hochmodernen Fahrradabstellraum.

Nur eines wird es ziemlich sicher nicht schaffen: 364 Tage im Jahr Otto zu sein.

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