Donnerstag, 20. August 2026

20.8.2026: Hildens Pferdewiese: 21 Reihenhäuser, 411 Quadratmeter Mulde und die große Frage, wohin mit dem Regen?

Es gibt Orte in Hilden, von denen vermutlich selbst viele Hildener lange Zeit nicht wussten, dass sie einen Namen haben. Die Pferdewiese gehört ziemlich sicher dazu. Sie liegt im Hildener Norden hinter den Häusern an der Gerresheimer Straße, ungefähr zwischen Gerresheimer Straße und Heinrich-Lersch-Straße. Rund 7.328 Quadratmeter Grünfläche, also ungefähr die Größe eines Fußballfeldes. Jahrzehntelang konnte man dort vermutlich relativ unbehelligt Wiese sein. Doch damit könnte es irgendwann vorbei sein, denn die DRH Deutsche Reihenhaus AG hat das Grundstück gekauft und möchte dort 21 Reihenhäuser errichten. Und plötzlich ist aus einer Wiese ein städtebauliches Großthema geworden.

Geplant sind 21 Reihenhäuser mit Gärten, Stellplätzen und allem, was zu einer kleinen neuen Siedlung dazugehört. Zur Auswahl stehen sogar zwei ausgesprochen optimistisch benannte Haustypen: „Wohntraum“ mit 120 Quadratmetern und „Familienglück“ mit 145 Quadratmetern. Das muss man sich erst einmal trauen. Andere Bauträger nennen ihre Häuser Typ A und Typ B, in Hilden zieht man möglicherweise demnächst direkt ins Familienglück ein. Fehlt eigentlich nur noch die Doppelhaushälfte „Schwiegermutterfrieden“ und die Garage „Nachbarschaftsharmonie“. Die Häuser entstehen in serieller Bauweise und sehen deshalb deutschlandweit weitgehend gleich aus. Lediglich bei der Fassadenfarbe gibt es Variationsmöglichkeiten. Individualismus hat schließlich Grenzen.

Ganz so romantisch wie die Namen der Häuser ist die Diskussion allerdings nicht. Denn die Pferdewiese ist eben nicht irgendeine freie Fläche, auf der zufällig noch niemand gebaut hat. Kritiker sehen in ihr eine wichtige Frischluftschneise und vor allem eine Versickerungsfläche bei Starkregen. Und Starkregen ist inzwischen auch in Hilden ein Begriff, bei dem man nicht mehr automatisch an einen besonders schlechten Grillabend denkt. Wer erlebt hat, was innerhalb kürzester Zeit vom Himmel kommen kann, entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte emotionale Bindung zu jedem Quadratmeter Boden, der noch in der Lage ist, Wasser aufzunehmen. Genau das argumentieren auch Gegner des Projekts. Die Wiese habe bei vergangenen Starkregenereignissen erhebliche Wassermengen aufgenommen. Außerdem besteht die Sorge, durch die Bebauung könne eine zusätzliche Hitzeinsel entstehen.

Der Investor wiederum sagt: Keine Sorge, wir haben das auf dem Schirm. Geplant ist unter anderem eine 411 Quadratmeter große Versickerungsmulde, die als oberirdisches Regenrückhaltebecken dienen soll. Ein Bodengutachten wurde erstellt, ein externes Planungsbüro hat gerechnet, Stadt und Stadtwerke waren eingebunden und der Wasserverband soll ebenfalls beteiligt werden. Das klingt zunächst einmal ordentlich. Trotzdem bleibt eine interessante Rechnung: Auf der einen Seite haben wir eine Wiese von 7.328 Quadratmetern, auf der anderen Seite künftig 21 Häuser, Straßen, Stellplätze und eine Versickerungsmulde von 411 Quadratmetern. Man muss kein Hydrologe sein, um zu verstehen, warum manche Anwohner trotzdem noch ein paar Fragen haben. Andererseits sollte man auch nicht so tun, als würde das gesamte Grundstück künftig unter einer acht Meter dicken Betonschicht verschwinden. Genau dafür gibt es schließlich das Bebauungsplanverfahren und die entsprechenden Gutachten.

Und dann wäre da noch das zweite Hildener Dauerthema: der Verkehr. Die Zufahrt zur neuen Siedlung soll von der Gerresheimer Straße zwischen den Hausnummern 169a und 171 erfolgen, gegenüber der Beethovenstraße. Dahinter ist eine T-förmige Erschließungsstraße mit Wendeanlage vorgesehen. Stellplätze sollen entlang der Straße entstehen, zusätzlich sind Carports vorgesehen. Laut Investor soll es ausreichend Parkmöglichkeiten für Bewohner und Besucher geben. Das ist eine dieser Aussagen, bei denen erfahrene Anwohner vermutlich milde lächeln. „Ausreichend Parkplätze“ gehört in Deutschland ungefähr zur gleichen Kategorie wie „Der Zug erreicht den nächsten Bahnhof planmäßig“. Es kann stimmen. Man freut sich aber erst, wenn man es tatsächlich erlebt.

Trotz aller Ironie steckt hinter der Diskussion ein echtes Dilemma. Hilden braucht Wohnraum. Junge Familien, für die das Projekt ausdrücklich gedacht ist, suchen Häuser. Gleichzeitig kann eine dicht besiedelte Stadt ihre letzten Freiflächen nicht behandeln, als seien sie lediglich Baulücken, auf deren Bebauung bislang versehentlich niemand gekommen ist. Grünflächen erfüllen Funktionen. Sie speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und schaffen Abstand zwischen bebauten Bereichen. Gerade in heißen Sommern und nach Starkregen merkt man ziemlich schnell, dass Stadtplanung inzwischen mehr bedeutet, als Häuser, Straßen und Parkplätze möglichst geschickt auf einem Plan zu verteilen.

Entschieden ist ohnehin noch nichts. Das Projekt steckt mitten im Bebauungsplanverfahren. Gutachten werden erstellt, anschließend folgt unter anderem die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung, danach beschäftigen sich die politischen Gremien damit. Selbst wenn alles läuft, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis auf der Pferdewiese tatsächlich die ersten Bagger anrollen. Damit bleibt ausreichend Zeit für das, was wir in Hilden besonders gut können: diskutieren. Und das ist in diesem Fall sogar sinnvoll.

Denn wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen „Bloß keinen Grashalm anfassen“ und „Da passen doch locker 21 Häuser hin“. Wohnraum und Klimaanpassung gegeneinander auszuspielen, wäre jedenfalls zu einfach. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob beides auf dieser Fläche vernünftig miteinander vereinbart werden kann. Genau dafür sollte ein Bebauungsplanverfahren schließlich da sein. Bis dahin bleibt die Pferdewiese eine Pferdewiese – allerdings eine mit Bodengutachten, Bürgerinitiative, Investor, Stadtverwaltung und einer geplanten 411-Quadratmeter-Versickerungsmulde. In Hilden schafft es eben selbst eine Wiese irgendwann in die große Politik.

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