Sonntag, 22. Februar 2026

22.2.2026: Wer räumt eigentlich das Granulat wieder weg? (Oder: Die Steinzeit kehrt zurück)

Es gibt Dinge, die kommen im Winter ganz selbstverständlich mit ins Haus: nasse Jacken, klamme Socken, diese eine Mütze, die nach drei Minuten aussieht wie ein zerknülltes Pausenbrot. Und dann gibt es Granulat. Dieses unscheinbare, hartnütige „Ich war nur kurz draußen“-Souvenir, das sich nicht einfach an die Garderobe hängt, sondern direkt den Weg in die Wohnung sucht – bevorzugt in Rudelbildung und mit Vorliebe für Parkett.

Dabei fing alles so vernünftig an. Die Stadt hat in den vergangenen Wochen großzügig gestreut, um uns alle vor dem großen Winterklassiker „Ausrutschen, elegant rudern, würdevoll fallen“ zu bewahren. Haltestellen, Bahnhofsbereich, viel begangene Wege – überall lag dieses kleine Sicherheitsversprechen aus Steinchen, das uns signalisierte: Heute nicht, Knochenbruch, heute nicht.

Jetzt ist die Frostperiode vorbei. Die Eiszeit hat sich verabschiedet, Schnee und Glätte sind nur noch eine ferne Erinnerung, und wir könnten uns eigentlich wieder entspannt dem Frühjahrsprogramm widmen: Fenster auf, Sonne rein, gute Laune an. Wäre da nicht das Granulat. Es ist geblieben. Wie ein Besuch, der nach dem letzten Kaffee sagt: „Ach, ich bleib noch ein bisschen sitzen“, und dann drei Wochen später anfängt, deine Pflanzen zu gießen.

Denn diese kleinen Körner haben Talente. Sie setzen sich in Schuhsohlen fest, als hätten sie dort einen Mietvertrag. Man tritt einmal kurz an der Haltestelle auf und zack – hat man eine mobile Kiesgrube dabei. Und wer nicht aufpasst, verteilt das Zeug über Hausflur, Teppich und Wohnzimmer, bis es klingt, als würde man in der Wohnung eine sehr kleine Baustelle betreiben. Besonders fies: empfindliche Böden wie Parkett reagieren auf die scharfkantigen Steinchen ungefähr so begeistert wie ein Smartphone auf einen Badewannen-Ausflug.

Und jetzt die Frage, die in Hilden offenbar gerade viele beschäftigt: Wer räumt das eigentlich weg?

Die Stadt lässt sinngemäß wissen: Das Granulat könne „noch eine Zeit lang liegen bleiben“. Es verschwinde nicht automatisch, sondern werde durch Regen, Wind und den täglichen Fußgängerverkehr nach und nach… nun ja… „verteilt“. Das ist eine herrlich beruhigende Formulierung, die klingt, als würde sich das Problem irgendwann von selbst lösen – so wie ein Puzzle, das sich nachts heimlich zusammensetzt. In der Praxis bedeutet „verteilt“ allerdings meistens: Es ist überall. Auch da, wo es vorher nicht war. Vor allem da.

Gleichzeitig heißt es, das Entfernen sei grundsätzlich Teil der regulären Reinigungspflicht. Und da wird’s richtig spannend, denn laut Straßenreinigungssatzung sind oft die angrenzenden Grundstückseigentümer zuständig – also die Anlieger. Mit anderen Worten: Sobald keine Glättegefahr mehr besteht, darf man nicht nur innerlich den Frühling begrüßen, sondern auch äußerlich den Besen.

Das Problem: Besonders auffällig liegt das Granulat gerade auf Flächen, die für viele erst mal nach „öffentlich“ aussehen – Bushaltestellen, Bürgersteige an Schulen, Bereiche, bei denen man instinktiv denkt: „Da kommt bestimmt gleich jemand mit so einer großen Kehrmaschine und macht zack-zack.“ Doch auch hier der Hinweis: Häufig seien diese Bereiche Teil der regulären Gehwegreinigung und damit in der Zuständigkeit der jeweiligen Anlieger. Und ob und wann die Stadt selbst tätig wird, hänge vom Standort und den geltenden Zuständigkeiten ab.

Das ist ungefähr so klar wie die Bedienungsanleitung eines neuen Druckers. Für Bürgerinnen und Bürger ist kaum nachvollziehbar, wer konkret handeln muss und wann. Und genau da entsteht diese besondere Mischung aus Ratlosigkeit und leichtem Ärger, die man sonst nur kennt, wenn man versucht, einen Karton zusammenzufalten, der „leicht zu öffnen“ sein soll.

Natürlich: Sicherheit im Winter ist wichtig. Niemand wünscht sich eine Stadt voller unfreiwilliger Eislauf-Kürprogramme. Aber wenn das Eis weg ist, wäre es schon charmant, wenn auch die Hinterlassenschaften der Eiszeit nicht mehr monatelang als städtische Dauerdekoration liegen bleiben. Eine klare, transparente Regelung – am besten in einer Sprache, die nicht nach „Interpretationsspielraum“ klingt – würde helfen. Denn wenn Zuständigkeiten so formuliert sind, dass sich im Zweifel niemand eindeutig verantwortlich fühlt, bleibt am Ende vor allem eines zurück: Granulat. Und das Gefühl, dass Hilden heimlich zum Freilichtmuseum der Kieselsteine wird.

Bis dahin gilt: Schuhe ausklopfen, Fußmatte ernst nehmen, Besen bereithalten – und beim nächsten Spaziergang einfach mal freundlich zurückgrüßen, wenn es unter den Sohlen knirscht. Es könnte sein, dass das Granulat dich längst als Familienmitglied betrachtet.

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