Manche Menschen sammeln Briefmarken, andere wandern auf dem Jakobsweg – und dann gibt es noch die Pendler auf der S1 und S6. Diese haben sich für die deutlich radikalere Form der Selbstfindung entschieden: den täglichen Nahverkehr im Rheinland. Wer das Abenteuer sucht, muss nicht in die Wildnis – ein Ticket nach Hilden reicht völlig.
In diesen Novembertagen gleicht die Fahrt mit der S-Bahn einem russischen Roulette auf Schienen. „Alles aussteigen bitte, der Zug endet hier!“ – diese Ansage gehört inzwischen zu den Klassikern des Bahnverkehrs zwischen Dortmund und Solingen. Man kennt sie. Man fürchtet sie. Und man fragt sich regelmäßig, ob es sich hier nicht doch um eine gut getarnte Reality-Show handelt: *Survivor NRW – Wer schafft es bis zum Zielbahnhof?*
Die S1, dieser Koloss unter den S-Bahnen, spannt sich über 97 Kilometer, 39 Haltestellen, und eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihresgleichen sucht. Pendler haben begonnen, in Facebook-Gruppen über alternative Routen zu philosophieren, als handele es sich um ein Strategiespiel. „Nimm den 783er!“ – „Der 782 dauert aber doppelt so lange!“ – „Lass das, ich war mal über eine Stunde unterwegs, nur um von Wersten nach Solingen zu kommen!“ Was früher die Deutsche Bahn-App war, ist heute ein Schwarm aus entnervten Hobby-Navigationsexperten mit WLAN-Empfang.
Dass die Bahn vor lauter Verspätung Züge in Hilden enden lässt, erklärt man sich in diesen Foren auch gleich selbst: „Hilden ist der Wendepunkt. Danach wird’s nur schlimmer. Also drehen sie lieber hier um, bevor der Zug emotional zusammenbricht.“ Dass es dabei ganz nebenbei die Statistik hübsch macht, ist nur ein kleiner Bonus im großen Drama.
Und während die S1 sich spontan verabschiedet, fühlt sich die S6 dazu berufen, einfach mal Langenfeld zum Endgegner zu machen. Wer eigentlich nach Köln wollte, fand sich plötzlich in Langenfeld wieder – dem Bermuda-Dreieck der Bahn. Eine Studentin fuhr statt zur Uni zurück nach Hause. Mit Laptop. Aus Trotz. Oder Verzweiflung. Wahrscheinlich beidem.
In der Gegenrichtung rauschte die S6 wiederum ohne Halt durch, als wollte sie sagen: „Ich hab keine Zeit für Kleinkram – ich muss nach Düsseldorf!“ Blöd nur, wenn man in Düsseldorf-Süd aussteigen wollte. Da half nur noch die Rückfahrt nach Leverkusen und ein Umstieg in den RE – eine Art intermodaler Hindernislauf durch den Nahverkehr, der einem Triathlon gleicht. Nur ohne Medaille. Dafür mit kaltem Regen und der feuchten Umarmung eines nassen Bahnsteigs.
Dass ein Teil der Schuld nicht einmal bei der Bahn lag – weil sich Unbefugte in Essen auf die Gleise wagten – ist da fast schon ironisch. Offenbar haben auch Chaos-Touristen ihren Weg in dieses Drama gefunden. Vielleicht wollten sie einfach mal live miterleben, was es heißt, in NRW mit der Bahn zu fahren.
Aber hey – ab Montag soll der Kölner Hauptbahnhof wieder voll verfügbar sein. Man darf also hoffen. Oder besser: sich langsam emotional darauf vorbereiten, dass Hoffnung im Rheinland oft eine sehr theoretische Angelegenheit bleibt.
Bis dahin: warme Kleidung, ein gutes Buch und die Telefonnummer vom nächsten Taxiunternehmen – das große Bahn-Game läuft, und es gibt nur eine Regel: *Erwarte das Unerwartete.*
Montag, 24. November 2025
24.11.2025: Alles aussteigen bitte – Der ÖPNV-Survival-Guide für Fortgeschrittene"
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